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Aufwachsen unter neuen Vorzeichen[1]



Der DJI-Survey „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“(AID:A) macht sichtbar, wie sich die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen verändert haben. Über die Rahmenbedingungen von Forschung und Politik und die Herausforderung, allen Kindern eine soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Von Thomas Rauschenbach

 

Der Prozess des Aufwachsens wird in der deutschen Diskussion tendenziell aus zwei getrennten Perspektiven betrachtet. Da ist zum einen der Blick auf die Institutionen, auf das Kindes- und Jugendalter in der Abfolge von Kindergarten, Schule und beruflicher Bildung. Zum anderen gilt das Interesse der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, also ihren individuellen Entwicklungen. Der Ansatz, den gesamten Prozess des Aufwachsens als ein ineinander verschränktes Geschehen zu betrachten, unabhängig vom Alter und den Orten des Aufwachsens, ist dagegen immer noch nicht sehr verbreitet. Der neue DJI-Survey AID:A »Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten« versteht sich als ein Beitrag zu dieser erweiterten Sichtweise; er versucht hier neue Maßstäbe zu setzen. Auch das Deutsche Jugendinstitut hat

Die Schere zwischen den Gewinnern und Verlierern öffnet sich

zunächst den Weg altersspezifisch getrennter, eigenständiger Survey und Panel Erhebungen beschritten: mit dem Familiensurvey als einem Prototyp ab Ende der 1980er-Jahre, dem Jugendsurvey ab 1992, dem Kinderpanel mit Blick auf das Lebensalter zwischen fünf und zwölf Jahren sowie – zuletzt – der Kinderbetreuungsstudie als einer ersten Erhebung über die frühe Kindheit. Nach einer nunmehr bald 25-jährigen Surveygeschichte und -erfahrung läutet das Institut mit AID:A ein neues Zeitalter ein. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen nicht mehr einzelne Alterskohorten oder -jahrgänge. Die Aufmerksamkeit wird vielmehr folgerichtig auf alle Altersjahrgänge und damit alle Lebensabschnitte ausgeweitet, und zwar ab der Geburt bis zum Alter von 55 Jahren. Auf diese Weise wird die getrennte und verbindungslose Aufmerksamkeit auf einzelne Ereignisse und Stationen des Lebenslaufs zugunsten einer verknüpften Betrachtung der biografischen Zusammenhänge des Aufwachsens aufgegeben. In den vergangenen Jahren hat die Sensibilität dafür zugenommen, dass es Beziehungen zwischen den verschiedenen Stationen des Lebenslaufs gibt ebenso wie zwischen den sozialstrukturellen Lebensumständen und den individuellen Befindlichkeiten sowie Präferenzen. Der Lebensalltag im Kleinkindalter, die Möglichkeiten einer frühen Sprachförderung und die Potenziale eines guten Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebots können viel zu tun haben mit den anschließenden Schulbiografien, den individuellen Gewinn- und Verlustbilanzen formaler Bildung sowie den anschließenden Übergängen in die berufliche Bildung und in den Arbeitsmarkt. Von derartigen Zusammenhängen lassen sich nicht nur Großprojekte wie das auf den Weg gebrachte Nationale Bildungspanel oder der inzwischen fest etablierte Nationale Bildungsbericht leiten. Dieser Akzent schlägt sich auch vermehrt in den Analysen der Daten der amtlichen Statistik nieder, allen voran dem Mikrozensus. Die Vorzüge einer aufwändig standardisierten und international anschlussfähigen, repräsentativen Erhebung durch das Statistische Bundesamt zur Lage der bundesweiten Haushalte sind unübersehbar, jedoch sind damit auch Nachteile verbunden. Die DJI-Surveyforschung kann hier die amtliche Statistik ergänzen: Während beim Mikrozensus der Haushalt im Mittelpunkt steht, werden bei AID:A mehr als 25.000 Zielpersonen in einem Haushalts- und Familienkontext befragt. Während sich die amtliche Erhebung auf die Erhebung von Fakten und Tatbeständen beschränkt, versucht der DJI-Survey darüber hinaus auch die Sichtweisen, Bewertungen und Befindlichkeiten der Befragten zu erfassen. Und während der Mikrozensus auf einer langfristigen, gesetzlich geregelten Basis agiert, kann und muss AID:A weitaus kurzfristiger und flexibler auf neue Entwicklungen reagieren, nicht zuletzt auch in Form von Zusatzerhebungen. Die heutige empirische Sozialforschung kann weit mehr Hinweise auf einzelne Etappen des Aufwachsens, auf ausgewählte Facetten der Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen oder auf institutionell geprägte Statuspassagen liefern, als dies noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Das kommt ganz zweifelsohne dem fachlich wie politisch notwendigen Wissen über das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen zugute. Es erweitert sukzessive die Möglichkeiten der heutigen Bildungsberichterstattung ebenso wie der regelmäßig erscheinenden Kinder- und Jugendberichte, aber auch der Familienberichte. Mehr noch: Sozialberichterstattung ist heute auf eine breitere und belastbarere Datenbasis zu den heterogeneren Bedingungen des Aufwachsens angewiesen. Hierzu kann und will AID:A einen Beitrag leisten.

 

Einigen jungen Menschen droht, abgehängt zu werden

 

Ein derart ambitioniertes und umfangreich angelegtes Projekt wie AID:A muss sich der Koordinaten vergewissern, in denen es agiert. Man kann das heutige Aufwachsen in Deutschland wenigstens ansatzweise auf zwei zentrale Annahmen zuspitzen. Die erste lautet: »Noch nie ging es Kindern und Jugendlichen in Deutschland so gut wie heute.« Und die zweite: »Die Bedingungen des Aufwachsens haben sich deutlich verändert.« Zu diesen beiden generalisierenden Aussagen kann AID:A im Detail eine ganze Reihe von Anhaltspunkten beisteuern. Auch wenn man der Annahme, dass es Kindern und Jugendlichen in Deutschland noch nie so gut ging wie heute, im Kern zustimmt, so kann dieser Befund lediglich im Durchschnitt oder für eine zahlenmäßige Mehrheit, keineswegs aber für alle Kinder und Jugendlichen Gültigkeit beanspruchen. Zahlreiche Studien und Erhebungen haben wiederholt gezeigt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Kinder und Jugendlichen zeitweilig oder dauerhaft in der Gefahr steht, von der sozialen Teilhabe und der Perspektive eines durchschnittlichen Lebensentwurfs ausgeschlossen zu werden. Mehr noch: Vieles spricht dafür, dass sich die Schere zwischen den Gewinnern und Verlierern im Prozess des heutigen Aufwachsens weiter öffnet. Immerhin fast 30 Prozent der unter 18-Jährigen, so etwa der Bildungsbericht 2010, entstammen im Bundesdurchschnitt einem Elternhaus, in dem weder Vater noch Mutter über einen Berufs- oder einen höheren Schulabschluss verfügen, in dem zumindest vorübergehend beide Elternteile nicht erwerbstätig sind oder aber in dem das Einkommen des Familienhaushalts weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens beträgt und damit unter der Grenze zur Armutsgefährdung liegt. Während 70 Prozent der Kinder von derartigen Risiken verschont bleiben, ist immerhin fast jeder dritte Heranwachsende in seinem eigenen Elternhaus mit mindestens einer dieser Risikodimensionen konfrontiert. Ein Anteil von 3,5 Prozent der unter 18-Jährigen ist sogar von allen drei Risikolagen zugleich betroffen. Diese Gruppe stellt eine ganz besondere Herausforderung für die Bildungspolitik, die Sozial- und Familienpolitik und nicht zuletzt auch für die Kinder- und Jugendpolitik dar. Für eine demokratische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts kann es jedenfalls nur schwer akzeptabel sein, dass für Kinder und Jugendliche bereits von Anfang an derart weitreichende Weichen ins Abseits gestellt werden, ohne dass ihnen – unabhängig von ihren Familien – zumindest eine reelle Chance auf einen erfolgversprechenden Weg in die Mitte der Gesellschaft eröffnet wird.

 

Neue Lebens- und Kommunikationsformen

 

Die zweite Annahme, dass sich die Bedingungen des Aufwachsens erheblich verändert haben, mag vielleicht weniger Einsprüche hervorrufen, verlangt aber dennoch nach Plausibilisierung. Zu den Indizien gesellschaftlicher Veränderungen gehören etwa der stark gestiegene Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die im Schnitt insgesamt höhere Schulbildung, der einschneidend gewachsene Einfluss der modernen Medien oder die völlig veränderten Möglichkeiten von Mobilität und Reisen, von Konsum und Unterhaltung, aber auch die alten und neuen Fragilitäten des alltäglichen Familienlebens. Sie lassen sich auch in ihren Auswirkungen auf das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen umschreiben. Inzwischen hat bundesweit mehr als jedes dritte Kind unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund. In einigen westdeutschen Bundesländern liegt der Anteil längst bei über 40 Prozent, in einigen Großstädten und erst recht in manchen Stadtteilen bei deutlich über 50 Prozent. Für alle Kinder, mit und ohne Migrationshintergrund, sind die damit verbundenen Formen des Aufwachsens in soziokultureller Heterogenität eine ebenso neue Erfahrung wie die immer stärkere Ausbreitung einer globalisierten Welt. Eine deutliche Mehrheit der Heranwachsenden strebt inzwischen einen höheren Schulabschluss an. Während bei der Generation der inzwischen über 65-Jährigen noch 73 Prozent höchstens einen Hauptschulabschluss vorzuweisen hatten, verfügen

 

Die DJI-Surveyforschung AID:A

Ziel von AID:A ist es, eine breite Datenbasis zur Beantwortung von sozialen und sozialpolitischen Fragestellungen in den Themengebieten Kindheit, Jugend und Familie bereitzustellen. Dazu wurden mehr als 25.000 Personen aus 25.000 verschiedenen Haushalten auf der Basis einer bundesweit repräsentativen Einwohnermeldeamtsstichprobe aus 300 Gemeinden mit standardisierten Instrumenten befragt, verteilt auf sämtliche Altersjahrgänge ab der Geburt bis zum Alter von 55 Jahren. Ende Mai 2009 ging die erste Welle des AID:ASurveys ins Feld; eine zweite Welle der Gesamtstichprobe von AID:A ist für 2013 geplant. Mittels telefonischer Interviews wurden die Zielpersonen oder – bei Kindern unter neun Jahren – ein auskunftsfähiger Elternteil befragt. Durchgeführt wurde die umfangreiche Erhebung im Auftrag des Deutschen Jugend Instituts von den beiden profilierten sozialwissenschaftlichen Befragungsinstituten INFAS und INFRATEST.

 

rund 43 Prozent der heute 25-Jährigen bereits über das Abitur. Noch deutlicher sind diese Veränderungen bei den Frauen ausgeprägt: Während früher fast 77 Prozent allenfalls einen Hauptschulabschluss hatten, verfügen hingegen heute 79

 

Das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen steht vor ernormen Veränderungen

Prozent über einen Realschulabschluss oder das Abitur. Radikal verändert hat sich auch die Bedeutung der Medien  für das Aufwachsen. Während in der Generation der heute 50-Jährigen noch keineswegs alle von Kindesbeinen an mit einem Fernsehapparat groß geworden sind – und dies schon gar nicht mit einer breiten, von jeglicher Pädagogik befreiten Programmvielfalt und mit eigenen Geräten in den Kinderzimmern –, ist die heutige junge Generation nicht nur von neuen und neuesten Medien aller Art umgeben und selbstredend mit eigenen Handys, Smartphones und Internetanschlüssen ausgestattet, sondern wächst mit SMS, Skype, Twitter, Facebook, You Tube und vielem mehr, auch in einer nie gekannten Vielfalt ortlos gewordener Kommunikationsformen auf. Dadurch leben junge Menschen immer selbstverständlicher in durch und durch vernetzten Welten, die zunehmend mit den ortsgebundenen Sozialräumen und ihren alltäglichen Lebenswelten verschmelzen.

 

Vielfalt an Möglichkeiten und Angeboten

 

Spürbar erweitert haben sich daneben die Möglichkeiten der Mobilität und des Reisens, aber auch des eigenständigen Konsumierens und der kommerziell angebotenen Unterhaltung. Waren vor einem halben Jahrhundert Jugendorganisationen und Vereine für so manchen Jugendlichen buchstäblich noch das »Tor zur Welt«, mit denen diese zum ersten Mal »auf große Fahrt« gehen, das erste Mal die Last der elterlichen Abhängigkeit abstreifen oder auch an »Events« fernab des elterlichen Einflusses teilnehmen konnten, so erleben große Teile der heutigen Generation in diesem Land von klein auf nicht nur eine große Reisefreudigkeit ihrer Eltern und ihrer Freunde, sondern finden sich zugleich umzingelt von einem nahezu unerschöpflichen Sortiment eigens für sie geschaffener kommerzieller Angebote, denen sie sich – in den Gleichaltrigenszenen um Anerkennung ringend – kaum entziehen können. Schließlich, um ein letztes Beispiel anzuführen, waren früher die Herkunftsmilieus noch einigermaßen homogen und überschaubar – Arbeitermilieus, bürgerliche Milieus, kirchliche Milieus. Sie hatte sich mit der beginnenden Industrialisierung nach und nach herausgebildet – unterbrochen durch wirtschaftlich bedingte Wanderungsbewegungen oder durch kriegsbedingte Flüchtlingsströme. Geprägt waren diese Milieus durchgängig durch persönliche Face-to-face-Kontakte und für Kinder durch sogenannte »Straßenkindheiten«. Demgegenüber findet das heutige Aufwachsen in einer zunehmend ent-territorialisierten Umgebung und in entbetteten Sozialräumen statt. Es wird zu einem eigenen familiären Projekt mit steigenden Eigenanteilen der Kinder und Jugendlichen selbst im Zuge des Erwachsenwerdens. In dieser deutlich veränderten Umgebung muss das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen neu ausbuchstabiert werden, zwischen dem Prozess des individuellen Erwachsenwerdens auf der einen und dem generellen sozialen Wandel des Kindes- und Jugendalters auf der anderen Seite. AID:A kann gewiss nicht alle Antworten auf aktuelle Entwicklungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen in Deutschland liefern. Dazu sind die Themengebiete zu vielfältig und die zumutbare Befragungszeit zu gering. Dennoch versteht sich der neue DJI-Survey als ein wichtiger und integrierender Baustein einer allgemeinen sozialwissenschaftlichen Kindheits-, Jugend- und Familienforschung sowie einer Sozialberichterstattung über die Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Dies gilt umso mehr, als das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen vor enormen Veränderungen steht, die es politisch zu bewältigen gilt, sei es der Ausbau der Kindertagesbetreuung für die unter Dreijährigen oder der Ganztagesschule. Beides sind mit Blick auf das Kindes- und Jugendalter nicht nur politische Großprojekte von nationaler Tragweite, sondern sie sind auch Ausdruck eines veränderten Verhältnisses und verbesserten Zusammenspiels von privater und öffentlicher Verantwortung insgesamt. Der Änderungsbedarf ist in dieser Hinsicht unübersehbar. Zwar sind Familien nach wie vor der wichtigste Ort des Aufwachsens – dies wird vor lauter Aufregung über die öffentliche Kindertagesbetreuung manchmal etwas aus dem Auge verloren. Aber – und das ist die andere Seite der Medaille – Familien sind zugleich weitaus anfälliger für Krisen. Sie sind, was Bildung, Förderung und Unterstützung der Kinder angeht, deutlich fragiler als öffentliche Angebote. Daher werden beide Seiten des Aufwachsens, in Familien sowie in öffentlichen Einrichtungen, auch weiterhin Referenzpunkt einer sozialwissenschaftlich aufgeklärten Sozialberichterstattung und der ihr zugrunde liegenden Surveyforschung sein müssen.

 

DER AUTOR

Prof. Dr. Thomas Rauschenbach ist Direktor und Vorstandsvorsitzender

des Deutschen Jugendinstituts (DJI), Professor fur

Sozialpadagogik an der Technischen Universitat Dortmund

(TU Dortmund) sowie Leiter des Forschungsverbundes DJI/TU

Dortmund und der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik.

Kontakt: rauschenbach@dji.de



[1]Quelle: DJI „impulse“, Ausgabe 1/2011; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.

 


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