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Lange Wartezeiten für psychisch Kranke

Viele Milliarden Mehrkosten für die Volkswirtschaft


Eine vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und von der Allianz Versicherung veröffentlichte Studie beziffert den volkswirtschaftlichen Schaden, der durch Depression im Jahr 2008 verursacht wurde, auf 22 Mrd. Euro. Eine beeindruckende Zahl, sollte man meinen. Für das Bundesgesundheitsministerium war dies jedenfalls kein Grund, beim Entwurf für das Versorgungsstrukturgesetz die von unserem Berufsstand so dringend geforderten Nachbesserungen für die psychotherapeutische Bedarfsplanung vorzunehmen. Die bereits jetzt unzumutbaren Wartezeiten für psychisch Kranke auf einen Psychotherapieplatz könnten sich zu-künftig durch Regelungen im Gesetz gar noch verlängern, weil das Gesetz explizit den Abbau von Praxissitzen von Psychotherapeuten vorsieht. Blickt man auf die statistischen Analysen in der RWI-Studie, dürfte das Versorgungsstrukturgesetz schon vor seiner Einführung das Verfallsdatum erreicht haben.

Die RWI-Studie berechnet zum einen die direkten Kosten durch die ambulante und stationäre Behandlung, zum anderen die indirekten Kosten durch den Produktions-ausfall, den die Krankheit verursacht. Bei der Beurteilung der direkten Kosten stützt sich das RWI auf Daten des Statistischen Bundesamts, das in einer sog. Krankheits-kostenrechnung seit 2002 alle zwei Jahre die ökonomischen Folgen von Krankheiten für die deutsche Volkswirtschaft schätzt.

Die Krankheitskosten für Depressionen beziffert das Statistische Bundesamt im Jahr 2008 mit 5,2 Mrd. Euro (1,8 Mrd. Euro für den ambulanten und 2,9 Mrd. Euro für den stationären Bereich). Die durch Depressionen verursachten Krankheitskosten sind seit dem Jahr 2002 um 1,3 Mrd. Euro angestiegen. Das ist ein Anstieg um ein Drittel in sechs Jahren. Die Krankheitskosten insgesamt sind seit 2002 nur um 16 % auf 254,3 Mrd. Euro angestiegen.

Die durch Depressionen verursachte Gesamtsumme der erwerbsunfähigkeitsbeding-ten indirekten Kosten liegt nach dieser Studie für das Jahr 2008 bei 4,6 Mrd. Euro. Für das Jahr 2002 lieferte das Rechenmodell der RWI-Studie Kosten von 2,6 Mrd. Euro. Das ist ein Plus von 77 %.

Volkskrankheit Depression verursacht 22 Mrd. Schaden

Zur Berechnung der gesamten depressionsbedingten Arbeitsunfähigkeitstage 2008 orientiert sich die Studie am AOK-Fehlzeitenreport 2008. Für 2008 ergibt sich eine Zahl von 10,60 Mio. depressionsbedingter Arbeitsunfähigkeitstage. Das Bundesministerium für Gesundheit schätzt die pro Jahr durch depressive Erkrankungsfälle anfallenden Arbeitsunfähigkeitstage auf elf Millionen. Kosten von depressiven Arbeitnehmern, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme nur eingeschränkte Leistungen erbringen können (sog. Präsentismus) wurden auf insgesamt 9,28 Mio. Euro geschätzt.

In der Summe macht das 22 Mrd. Euro an Schaden, den die Volkskrankheit Depres-sion jährlich verursacht - ein Großteil der Kosten könnte nach unserer Auffassung eingespart werden durch rechtzeitige und ausreichende ambulante Behandlungsangebote. Die Notwendigkeit der Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung sollte der Berufsstand - trotz des vorliegenden Entwurfs für ein Versorgungsstrukturgesetz des BMG - nicht aufhören anzumahnen.

Kerstin Burgdorf

Quelle: Depression – Wie die Krankheit unsere Seele belastet, RWI / Allianz Deutschland AG, Februar 2011


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