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Steigt die Anzahl psychischer Erkrankungen wirklich an?

Eine provokante Zwischenfrage der Zeitschrift Test


Der Untertitel des Beitrags in der Zeitschrift der Stiftung Warentest (Juli 2011, S. 83) ist noch etwas reißerischer: „Angeblich wächst die Zahl der psychischen Krankheiten in Deutschland. Vielleicht werden aber bloß mehr entdeckt“. Wer die regelmäßigen Statistiken und Gesundheitsberichte der verschiedenen Krankenkassen aus den vergangenen Jahren kritisch im Blick hat, muss tatsächlich zunehmend verwundert sein.
Übereinstimmend wird konstatiert, dass es einen dramatischen Anstieg der psychischen Erkrankungen im Vergleich zu anderen Krankheiten gibt und dass dies mit erheblichen Folgekosten für das System verbunden ist, etwa bei den Kosten für Arbeitsunfähigkeitszeiten oder stationäre Behandlungen. Auch die Rentenversicherungsträger zeigen in ihren Statistiken, dass die „Psycho-Diagnosen“ (ICD 10, Kap. F) inzwischen die wichtigste Diagnosegruppe bei der Verursachung von Erwerbsminderungsrente darstellt, und der Anteil steigt weiter. Die Zeitschrift „Test“ berichtet – mit Verweis auf die Statistiken von DAK, TK und BKK –, dass inzwischen zwölf Prozent der Fehltage auf das Konto psychischer Erkrankungen geht, und dass dieser Anteil vor zehn Jahren halb so hoch war.

Wie kann man nun den Anstieg der Bedeutung psychischer Erkrankungen erklären?

Sicheres weiß man nicht. Die Krankenkassenberichte führen ihn u.a. auf die gestiegenen psychosozialen Belastungen in der modernen Arbeitswelt zurück. Allerdings muss klar sein, dass dies keine derart deutlichen Veränderungen innerhalb weniger Jahre nach sich ziehen wird, zumal es keinen Hinweis gibt, dass die Zunahme der „Psycho-Diagnosen“ bevorzugt bei erwerbstätigen Personen festzustellen ist. Die Stiftung Warentest erwähnt auch, dass die DAK zu dieser Frage schon Wissenschaftler interviewt hat und diese darauf hinweisen, dass der Anstieg auch daraus resultieren könne, dass Ärzte inzwischen die Psycho-Erkrankungen besser diagnostizieren könnten und dementsprechend auch mehr entdecken, oder dass psychische Störungen weniger Tabu-behaftet sind und Patienten daher auch häufiger von ihren seelischen Belastungen erzählen und die entsprechende Diagnose auch leichter akzeptieren.

Entscheidend ist: Was folgt daraus?

Das Verbrauchermagazin Test macht es sich einfach: Man brauche mehr und bessere epidemiologische Forschung und verweist auf den Bundesgesundheitssurvey von 1998, der fortgeschrieben und im Sinne einer Längsschnittstudie auch etwas erweitert werden sollte. Sicher wünschenswert. Allerdings ist dies die akademische Schlussfolgerung bzw. zunächst nur der Weg, um Genaueres über die Gründe der Veränderung zu erfahren.

Merkwürdig bleibt, dass die Verbraucherzeitschrift sich nicht, oder nur am Rande, mit der wachsenden Bedeutung psychischer Erkrankungen für die Versorgung der Bürger beschäftigt. Denn die Zahlen zeigen doch zunächst mal, dass der bei den Krankenkassen gemeldete Behandlungsbedarf (und nichts anderes dokumentieren die Krankenkassenstatistiken) erheblich gestiegen ist. Und da man weiß, dass die Behandlungskapazitäten im Psycho-Bereich schon immer defizitär waren, geht die Schere zwischen beidem immer weiter auf und es gibt hier zunehmend größere Versorgungsdefizite und Fehlbehandlungen. Genau darauf weisen zahlreiche Indikatoren in aktuellen Studien auch hin (z.B. die Wartezeiten bei Psychotherapeuten, die deutlich länger sind als bei allen anderen Facharztgruppen; vgl. u.a. Beitrag „Psychotherapeuten haben die längsten Wartezeiten“ in dieser Rosa Beilage).

Und gleichzeitig – welch eklatanter Widerspruch – plant das Bundesgesundheitsministerium ein Versorgungsstrukturgesetz, mit dem die angebliche Überversorgung bei Psychotherapeuten, d.h. die Zahl der Kassenzulassungen bundesweit, deutlich abgebaut werden soll. Schön wäre es gewesen, wenn das Verbrauchermagazin auf diesen Widerspruch hinweist und deutlich (im Interesse seiner Leser und Leserinnen) „veto“ ruft.

Heiner Vogel


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