< vorheriger Artikel

© Europaïsche Union, 2011 - Älter, aber gesünder [1]

Der dritte Demografiebericht stellt die wichtigsten Entwicklungen für die Bevölkerung der Europäischen Union heraus


Die Bevölkerung Europas ist von allmählichen Veränderungen betroffen, die jedoch beträchtliche Ausmaße erreichen. Die jüngsten demografischen Trends, d. h., eine alternde Bevölkerung in Verbindung mit einer Verringerung der Erwerbsbevölkerung, halten weiter an, jedoch zeigt ein neuer Bericht der Europäischen Kommission einige interessante neue Entwicklungen auf: leichter Anstieg der Geburtenrate und Zunahme der Diversität auf dem alten Kontinent. Immer mehr Bürger (vor allem junge) sind ausländischer Abstammung und/oder überqueren unter Nutzung der Freizügigkeit die Staatsgrenzen, um im Ausland zu arbeiten, zu lernen oder zu leben.

Der dritte am 1. April vorgestellte Demografiebericht bestätigt die Entwicklung hin zu einer älter werdenden Bevölkerung. Die in den Nachkriegsjahren geborenen sogenannten „Baby-Boomer“ erreichen inzwischen die 60 und ziehen sich aus dem Arbeitsmarkt zurück. Das Altern ist kein Ereignis mehr, das die ferne Zukunft betrifft, sondern beginnt jetzt. 2010 hatten Deutschland und Italien die älteste Bevölkerung. Das Durchschnittsalter ihrer Bürger betrug jeweils 44 und 43 Jahre. Die bei Weitem Jüngsten sind die Iren mit „nur“ 34 Jahren.

Europa altert…

Positiv ist, dass die Lebenserwartung nahezu kontinuierlich und einheitlich pro Jahr um 2 - 3 Monate gestiegen ist: Europäische Männer haben inzwischen eine Lebenserwartung von stolzen 76 Jahren, werden aber immer noch von den Frauen übertroffen, die eine beeindruckende ‎Lebenserwartung von etwas über 82 Jahren haben. Natürlich gibt es hier unter den Ländern auch Abweichungen: Frauen in Frankreich dürfen davon ausgehen, ein Lebensalter von 85 Jahren zu erreichen, während ihre rumänischen und bulgarischen Geschlechtsgenossinnen „nur“ 77 werden. Noch entscheidender ist, dass die hohe Lebenserwartung mit einer Zunahme der „gesunden“ Jahre einhergeht: Bis zu einem bestimmten Grad bedeutet hohes Alter nicht mehr automatisch schlechte Gesundheit und Verlust von Autonomie und Selbstständigkeit. Dies ist selbstredend eine Voraussetzung für aktives Altern. Vor dem Hintergrund der steigenden Lebenserwartung wird ein Anstieg der Zeit der „gesunden“ Lebenserwartung dazu beitragen, die Zunahme der mit dem Altern verbundenen Krankheitskosten einzudämmen. Gleichzeitig steigt der Anteil der Altersgruppe ab 80 rasant. Er beträgt derzeit rund 4 %, wird bis 2060 aber auf 12 % steigen. Der wachsende Anteil der Über-80-Jährigen wird eine Belastungsprobe für die Versorgung älterer Menschen sein, vor allem was die Kranken- und Langzeitpflege anbelangt. Dieser Anteil wird in Italien am höchsten sein und in Luxemburg und dem Vereinigten Königreich am niedrigsten.

„Die Lebenserwartung steigt, während die europäischen Arbeitnehmerzahlen zurückgehen und in einigen Mitgliedstaaten geschieht dies in rasantem Tempo. Wir müssen unsere Politik anpassen, um die Work-Life-Balance zu verbessern, damit Paare Kinder haben können und gleichzeitig weiter am Arbeitsleben teilhaben können, und wir müssen eine Politik entwickeln, die Europäer dazu motiviert, länger aktiv zu bleiben“, so der Europäische Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration, László Andor. Er ergänzt: „Die EU-Strategie Europa 2020 ist ein Rahmenwerk für Maßnahmen zur Förderung der Beschäftigung und Verringerung der Armut, doch um die demografischen Veränderungen zu bewältigen, müssen wir auch unsere Prioritäten in Bereichen wie Gesundheit, Migration und Regionalpolitik fest verankern“.

… doch die Geburtenraten steigen

Schaut man sich die Generationen an, zeigt der Bericht, dass die Geburtenraten in der EU weiterhin langsam steigen. Sie stiegen von weniger als 1,45 Kindern pro Frau auf 1,6. Damit sich eine Bevölkerung selbst erhält, müssen jedoch auf eine Frau 2,1 Kinder kommen. Die Geburtenraten sind einer der Hauptgründe für Bevölkerungsveränderungen. Niedrige Geburtenraten tragen zu einer Bevölkerungsalterung bei und die derzeitigen Werte in der EU weisen im Grunde darauf hin, dass unsere Bevölkerung ab 2050 oder 2060 abnehmen wird. Die Bevölkerung einiger Mitgliedstaaten geht bereits infolge der in der Vergangenheit verzeichneten niedrigen Geburtenraten zurück. Interessanterweise zeigt der Bericht auf, dass der mäßige Anstieg der Geburtenzahlen auf recht ungewöhnlichen Mustern der Familienzusammensetzung beruht: In Ländern, in denen weniger geheiratet wird, mehr eheähnliche Gemeinschaften bestehen, es mehr Scheidungen gibt und Frauen, die Kinder gebären, ein höheres Durchschnittsalter haben, liegt die Geburtenrate tendenziell höher. Der Anstieg als solcher macht sich vor allem in den mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten bemerkbar, wo die Geburtenzahlen in den letzten Jahren deutlich gesunken waren. Die höchste Geburtenrate verzeichnet Irland (etwas über 2 Kinder pro Frau), gefolgt von Frankreich (etwas unter 2). Die niedrigsten Raten haben Lettland, Ungarn und Portugal mit knapp über 1,3.

Auch bei den Familien zeigen sich drastische Veränderungen. Die Anzahl der Eheschließungen geht zurück, während die Zahl der Scheidungen und unehelichen Kinder steigt. Inzwischen kommen auf zehn Hochzeiten ca. vier Scheidungen und mehr als ein Drittel der Neugeborenen sind uneheliche Kinder. Unter den Mitgliedstaaten bestehen große Unterschiede, was das Alter anbelangt, in dem junge Erwachsene ihr Elternhaus verlassen und sich eine eigene Wohnung nehmen oder selbst eine Familie gründen. Der Mangel an sicheren Arbeitsplätzen und/oder drohende Arbeitslosigkeit kann hier eine Hemmschwelle sein und die Familiengründung verzögern. Die größten Unterschiede unter den Mitgliedstaaten zeigen sich in den Familienzusammensetzungen. In Rumänien und Litauen z. B. kommen auf 1.000 Einwohner sechs Hochzeiten pro Jahr, in Slowenien dagegen nur drei. In Belgien kommen auf 1.000 Einwohner jährlich drei Scheidungen, in Irland und Italien weniger als eine. In Estland werden nahezu 60 % der Babys außerehelich geboren (alleinstehende Frauen oder unverheiratete Paare), in Griechenland nur 7 %.

Immigranten die Teilhabe an allen gesellschaftlichen Bereichen ermöglichen

Das Bevölkerungswachstum der letzten Jahre war vor allem durch die Migration bedingt. Eine Studie über die Auswirkungen der Migration seit 1960 hat gezeigt, dass diese einen großen Einfluss auf die Größe und Zusammensetzung der Europäischen Bevölkerung hatte. Die Bevölkerung Frankreichs und Deutschlands wäre jeweils um mehr als zehn Millionen Menschen kleiner, hätte es keine Migration gegeben. Dagegen wäre Portugals Bevölkerung um mehr als zwei Millionen größer gewesen.

Generationenübergreifend erfolgt die Integration von Einwanderern in recht kurzer Zeit. In den meisten Ländern, in denen ein beträchtlicher Anteil an Einwanderern der zweiten Generation lebt, schneiden diese in der Schule und im Berufsleben deutlich besser ab als Neuankömmlinge und fast so gut wie Einwohner ohne ausländische Wurzeln. Dies gilt sowohl für Nachkömmlinge von Migranten aus anderen Mitgliedstaaten als auch für diejenigen aus Drittländern. Trotzdem sind die Nachkommen von Migranten auch noch in der dritten Generation – der üblichen Dauer bis zu vollständigen Integration – in gewisser Weise mit dem Herkunftsland ihrer Vorfahren verbunden, beispielsweise durch die Kenntnis der Sprache des Herkunftslandes. Die wesentliche Schwierigkeit wird darin bestehen, so der Bericht, die Bedingungen für ihre Integration weiter zu verbessern, es ihnen zu ermöglichen, sich zu verwirklichen und ihnen die Chance zu geben, in allen Bereichen Beiträge für ihre Aufnahmegesellschaften zu leisten. Durch eine bessere Ausbildung und Beschäftigung werden Migranten und ihre Nachkommen die Auswirkungen des künftigen Rückgangs der europäischen Erwerbsbevölkerung mildern können. Ein Beispiel: In Frankreich haben 43 % der aus Drittländern stammenden Frauen und 36 % der Männer im Alter von 25 bis 49 Jahren einen geringen Bildungsstand (ISCED 0-2 oder maximal untere Sekundarbildung). Unter denjenigen, die in der EU geboren wurden und Eltern aus Drittländern haben, beträgt der Anteil jeweils nur noch 25 und 29 %; bei denjenigen mit einem in der EU geborenen Elternteil jeweils 21 und 18 % - der gleiche Wert wie bei Personen, die keine Migranten der zweiten Generation sind. In Belgien verläuft diese Konvergenz in der zweiten Generation viel langsamer und die Kinder von Einwanderern haben immer noch Schwierigkeiten. Ähnliche Ergebnisse zeigen sich auf dem Arbeitsmarkt. Aber in der Migration kommt es auch zu Veränderungen. Dass Bürger in großer Anzahl in andere Länder abwandern und es zu einer Vermischung der Kulturen kommt, ist für die EU definitiv kein neues Phänomen. Frühere Migrationsströme haben sich unterschiedlich auf die Größe und Struktur der Bevölkerung in den meisten EU-27-Mitgliedstaaten ausgewirkt und bei den Bürgern zu einer europäischeren Perspektive geführt. Einwanderer möchten häufig eine enge Bindung zu ihrem Herkunftsland aufrechterhalten, diese Bande nehmen jedoch mit der Zeit tendenziell ab.

Grenzenlose Europäer

Neben der traditionellen langfristigen Migration zeichnen sich auch neue Formen der Mobilität ab. Die Europäer ziehen häufiger als früher um und auch für kürzere Zeiträume. Diese Form der Mobilität basiert zunehmend auf persönlichen Präferenzen und der Wahl eines bestimmten Lebensstils, und nicht ausschließlich auf wirtschaftlichen Gründen. Dies gilt vor allem für junge Menschen mit guter Ausbildung, die am oberen Ende der Berufsskala stehen. Es versteht sich von selbst, dass die zunehmende Neigung der Europäer, über die Grenzen hinweg mobil zu sein, einen großen Vorteil für die EU darstellen kann, da auf diese Weise Befähigungen und Sprachkenntnisse besser an die bestehenden Arbeitsmöglichkeiten angepasst werden können. Die Ergebnisse einer vor Kurzem durchgeführten Eurobarometer-Studie deuten auf eine wachsende Anzahl mobiler junger Menschen hin, die sich insgesamt dadurch auszeichnen, dass sie gerne einen Blick über die eigenen Landesgrenzen hinweg werfen möchten. Durch den Umzug ins Ausland und die Rückkehr ins Heimatland entstehen Verbindungen, wodurch eine Verbreitung von Wissen und Erfahrung erfolgt. Diese Mobilität ist hauptsächlich kurzfristiger Art und hat wenig nachteilige Auswirkungen auf die Bevölkerung. Genau diese Mobilität wurde von der EU bei der Gestaltung ihrer Freizügigkeitspolitik beabsichtigt. Der Studie ist zu entnehmen, dass ein Fünftel der Befragten aus den 27 EU-Ländern entweder im Ausland gearbeitet oder studiert hat, einen Partner aus einem anderen Land hatte oder Immobilien im Ausland besitzt. Jeder zehnte Teilnehmer plant, in den kommenden zehn Jahren in einen anderen Mitgliedstaat umzuziehen. 


[1]Quelle: Sozial Agenda – Juli 2011; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

 


Zurück