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IRR-SINN [1] - Zehn Jahre Sächsisches Psychiatriemuseum


Im Mai 2001 wurde das Sächsische Psychiatriemuseum in Leipzig eröffnet. Das Ungewöhnliche und wohl Einmalige daran: seine Trägerschaft. Das Museum ist das Projekt eines Vereins für Psychiatriebetroffene und befindet sich im ersten Stock einer Stadtvilla, in der der Verein eine Kontakt- und Beratungsstelle betreibt. Geschichte und lebendige Psychiatrie verbinden sich in dem Museum seit zehn Jahren auf reizvolle und produktive Weise.

Die Zugehörigkeit des Museums zu einem Selbsthilfeverein beeinflusst auch das Konzept: Im Mittelpunkt der Ausstellungs- und Veranstaltungstätigkeit steht die Darstellung der Psychiatriegeschichte aus der Perspektive der Betroffenen; ihre Lebensgeschichten sollen erzählt werden. Das bedeutet, dass es um den einzelnen Menschen und sein Schicksal geht und nicht um den psychiatrischen Fall, um Diagnosen, Krankheitsverläufe oder Therapieansätze.

Viele Einzelschicksale

Die Dauerausstellung widmet sich unter anderem ausführlich den Biografien bekannter sächsischer Psychiatriepatienten wie Daniel Paul Schreber (1842–1911). Der Sohn des Namensgebers der Schrebergartenbewegung, Moritz Schreber, war Gerichtspräsident, bevor er erkrankte, und gilt heute durch die Veröffentlichung seines Buches „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ (1903) als meist zitierter und weltweit berühmtester Psychiatriepatient. In Sachsen sehr populär ist auch die Schriftstellerin und Mundartdichterin Lene Voigt (1891–1962), die ihre letzten Lebensjahre in der Psychiatrie verbrachte.

Die Erfahrungen bestätigen, dass man auf dieser individuellen Ebene auch Menschen für die Psychiatrie interessieren kann, die sich mit dem Thema bis dahin wenig beschäftigt haben. Und diese breite Öffentlichkeit möchte das Museum auch erreichen.

Um Einzelschicksale verstehen zu können, bedarf es jedoch auch des Blicks auf die institutionelle Seite der Psychiatrie, auf das Krankheitsverständnis und die Therapiekonzepte in ihrer historischen Entwicklung und dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext. Hier ist der Anspruch, den Betroffenen eine Stimme zu geben, weitaus schwieriger einzulösen. Denn die Mehrzahl der überlieferten historischen Zeugnisse geben die Perspektive der Psychiatrie wieder.

Psychiater haben die Krankheitsmodelle entwickelt, Ministerialbeamte und Anstaltsärzte die Berichte der Heil- und Pflegeanstalten geschrieben und die Chroniken verfasst. Lange hat sich die Psychiatriegeschichtsschreibung fast ausschließlich auf diese Quellen gestützt. Doch auch in diesen institutionellen Dokumenten finden sich Ansätze für eine patienten-orientierte Sichtweise auf die Psychiatriegeschichte. Beispielsweise enthalten die Krankenakten nicht selten Selbstzeugnisse des jeweiligen Patienten: Briefe an Angehörige oder Beschwerdebriefe beispielsweise, die makabrerweise niemals ihren Empfänger erreichten, sondern ungeöffnet in den Akten abgeheftet wurden.

Der patienten-orientierte Blick

Wie solche Akten gelesen werden können, hat die Historikerin Karen Nolte in ihrer 2003 erschienenen Dissertation „Gelebte Hysterie. Erfahrung, Eigensinn und psychiatrische Diskurse im Anstaltsalltag um 1900“ deutlich gemacht. Nolte hat rund 250 Krankenakten der Landesheilanstalt Marburg ausgewertet und sich auf dieser Basis mit den Diskursen über Hysterie und Nervenkrankheiten zwischen den Anstaltsärzten, dem Personal, den Patientinnen und ihren Angehörigen beschäftigt. Sie schreibt von dem Perspektivwechsel, den sie selbst bei ihrer Untersuchung vollzogen hat, indem sie die subjektive Krankheitswahrnehmung der Patientinnen in ihre Analyse mit einbezog.

Eine andere Quelle für den patienten-orientierten Blick auf die Psychiatriegeschichte ist die „Broschürenliteratur“, Schriften, in denen die Autoren gegen die aus ihrer Sicht unrechtmäßige Internierung in der Irrenanstalt kämpften. Der Psychiater Bernhard Beyer hat diese Selbstzeugnisse 1912 als „antipsychiatrische Broschüren“ unter Generalverdacht gestellt. Beyer wollte in seiner Darstellung „Die Bestrebungen zur Reform des Irrenwesens“ die Autoren als Geisteskranke und Querulanten überführen und damit die Psychiatrie gegen die um die Wende zum 20. Jahrhundert auch in der Öffentlichkeit wachsende Kritik verteidigen.

Unter Fall 25 kommentiert Beyer das Buch Daniel Paul Schrebers, bei dem „die Leser ... ohne Zweifel schon nach den ersten Seiten den Eindruck bekommen, dass es sich um einen schwer geis­teskranken Mann handelt“. Immerhin billigt Beyer Schreber zu, ein intelligenter Mensch von durchaus anständigem Charakter zu sein.  Der vermeintlich geisteskranke Patient Schreber schreibt anschaulich und mit Sensibilität und Verständnis über die Schwierigkeit, eine gemeinsame Wahrnehmungs- und Kommunikationsebene zu finden: „Dass mein ... Verhalten von meiner Umgebung namentlich von den Ärzten und Pflegern ... nicht richtig beurteilt werden konnte, versteht sich eigentlich von selbst. Da ich für nichts Interesse zeigte und keinerlei geistige Bedürfnisse an den Tag legte, so konnten sie in mir kaum etwas Anderes, als einen in ... Stumpfsinn verfallenen Menschen erblicken. Und doch, wie himmelweit war die Wirklichkeit von diesem Anschein entfernt.“ All dies ignoriert Beyer.

Zeitzeugen-Befragung

Neben der Bewahrung und Erschließung von historischen Zeugnissen und Dokumenten, die den Psychiatriepatienten eine Stimme geben, hat das Sächsische Psychiatriemuseum im Jahr 2005 begonnen, durch Zeitzeugen-Interviews subjektive Erinnerungen an die Psychiatrie in der DDR zu sammeln. Das im Osten Deutschlands beheimatete Museum fühlt sich diesem Kapitel der Psychiatriegeschichte besonders verpflichtet.

Dass die Zeitzeugen-Iinterviews von Psychiatriebetroffenen geführt wurden, ist Teil des Museumskonzeptes. Und ihre Beteiligung hatte einen großen Vorteil: Wer die Erfahrung eines Psychiatrieaufenthalts selbst gemacht hat, kommt mit anderen Patienten anders ins Gespräch, versetzt sich in die Situation seines Gegenübers leichter hinein.  Einen besonderen Reiz hatten zudem jene Interview-Situationen, in denen ehemalige Patienten Psychiater und Mitarbeiter befragten und damit die „normalen“ Verhältnisse umkehrten.

Unter dem Titel „Psychiatrie in der DDR. Erzählungen von Zeitzeugen“ wurden die Ergebnisse des Projektes im Mabuse-Verlag publiziert. Die in dem Band enthaltenen 28 Berichte sind im streng wissenschaftlichen Sinne nicht repräsentativ, beinhalten jedoch sehr vielschichtige, aussagekräftige und plastische Erinnerungen an die Psychiatrie in der DDR. Die Zeitzeugen berichten über die Atmosphäre in der Psychiatrie, über die materielle und personelle Ausstattung der Stationen, über Behandlungsmethoden, aber auch darüber, wie die Psychiatrieerfahrung den eigenen Lebensweg geprägt hat.

Experten in eigener Sache

Die Schaffung von Zuverdienstmöglichkeiten gehört zum wesentlichen Selbstverständnis der Arbeit des Sächsischen Psychiatriemuseums. Im Rahmen der Musemsarbeit können sich Betroffene etwas zu ihren zumeist bescheidenen Renten oder Einkommen hinzuverdienen und sich in einem relativ geschützten Rahmen ausprobieren. Als „Experten in eigener Sache“ verfügen sie über ein besonderes Erfahrungswissen, das von den Museumsbesuchern geschätzt wird. Häufig verbinden Besuchergruppen den Museumsbesuch mit einer Gesprächsrunde mit psychiatrieerfahrenen Mitgliedern des Durchblick-Vereins: Wie sieht es heute in der Psychiatrie aus und welche Alternativen gibt es zu einem Klinikaufenthalt oder der Behandlung mit Psychopharmaka?

Seit seiner Eröffnung am 12. Mai 2001 haben mehr als 16.000 Gäste aus dem In- und Ausland das Psychiatriemuseum besucht, darunter zahlreiche Gruppen von SchülerInnen, StudentInnen, Auszubildenden, MitarbeiterInnen von Psychiatrie-Einrichtungen sowie Selbsthilfegruppen. Neben der Dauerausstellung „IRR-SINN. Einblicke in die Sächsische Psychiatriegeschichte“ hat das Museum mehr als zehn Sonderausstellungen gezeigt. Zu den weiteren Angeboten gehören Veranstaltungen und psychiatriegeschichtliche Stadtrundgänge durch die Leipziger City. Gefördert wird das Museum durch das Land Sachsen, die Stadt Leipzig, Stiftungen (u.a. Robert-Bosch-Stiftung) und zahlreiche private Spender. Die Arbeit des Museums wird durch den Förderverein Sächsisches Psychiatriemuseum unterstützt.

Thomas R. Müller,

geboren 1963, ist Projektleiter im Durchblick e.V. und Leiter des Sächsischen Psychiatriemuseums in Leipzig.
E-Mail: museum@durchblick-ev.de, www.psychiatriemuseum.de


[1]Quelle: Dr. med. Mabuse, Ausgabe 193 – September/Oktober 2011, 36. Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.

 


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