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Gegen die Herabwürdigung von Psychotherapie-Patienten

GK II protestiert gegen Äußerungen von Psychiaterverbänden


Das ZDF hat in seiner Sendung „Frontal 21“ am 2. August über die Versorgungsengpässe im Bereich Psychotherapie berichtet, die sich noch verschärfen werden, falls das Versorgungsstrukturgesetz so wie geplant in Kraft tritt. Der Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN), der Berufsverband Deutscher Psychiater (BDP) und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) äußerten sich dazu in der Zeitschrift „Neurotransmitter“. Der Tenor: Nicht im Bereich Psychotherapie gebe es Versorgungsengpässe, sondern bei der Behandlung von Psychiatrie-Patienten, weil zu viel Geld für „leichte Fälle“ ausgegeben werde.

Der GK II (Gesprächskreis der Psychotherapeutenverbände) protestiert gegen diese Sichtweise und hat ebenfalls einen Leserbrief an den „Neurotransmitter“ geschickt, den wir im Folgenden veröffentlichen:

BVDN vergleicht Äpfel mit Birnen!

Leserbrief der im GK II zusammengeschlossenen Psychotherapeutenverbände zur Stellungnahme von BVDN, BDP und DGPPN im „Neurotransmitter“ 9/2011

Die Stellungnahme des BVDN, BVDP und der DGPPN, veröffentlicht in der Ausgabe 9/2011 des Verbandsorgans des BVDN „Neurotransmitter“ zum ZDF-Beitrag Frontal 21 „Zu wenig Hilfe für psychisch Kranke“ stellt einen Affront gegen die in der realen Versorgung gute Zusammenarbeit der Fach- und Berufsgruppen zur Versorgung psychisch Erkrankter, eine Herabsetzung der Not leidenden Psychotherapiepatienten und eine Verleugnung derer Behandlungsbedürftigkeit dar.

Im Einzelnen:

Die Stellungnahme behauptet: Die Versorgungssituation von Menschen mit psychischen Störungen sei einerseits durch eine Unterversorgung, andererseits durch eine Fehlallokation von Ressourcen gekennzeichnet. Von Psychologischen Psychotherapeuten würden hauptsächlich jüngere und leichter erkrankte Patienten behandelt.

Tatsache ist: Erst jüngst hat die TK-Modell-Studie erneut bestätigt, dass Psychotherapiepatienten im deutschen Versorgungssystem eine hohe Krankheitslast, sowohl psychisch als auch somatisch, aufweisen. Von leicht Erkrankten kann in keiner Weise die Rede sein.

Die Stellungnahme behauptet: Das zentrale Problem in der Versorgung psychisch Kranker sei die Fehlallokation von Ressourcen. Je kränker die Patienten sind, desto weniger Hilfe stehe zur Verfügung.

Tatsache ist: Die Vergütung der Psychotherapie, insbesondere der hier aufgeführten Psychologischen Psychotherapeuten erfolgt aus der Gesamtvergütung aller Ärzte und hat soviel unmittelbaren Einfluss auf die Vergütung der Psychiater wie die Leistungsvergütung von Orthopäden oder Augenärzten, d.h. keinen. Wenn dennoch der falsche Eindruck erweckt wird, Einsparungen bei der Psychotherapie käme anderen psychisch Kranken zu gute, so ist das versorgungspolitisch unsinnig und ethisch unverantwortlich: Es wird einer Rationierung ausgerechnet im Bereich der Versorgung psychisch Kranker das Wort geredet und damit deren Ansprüche auf adäquate Behandlung öffentlich in Frage gestellt. Damit befördern die Autoren  vorhandene gesellschaftliche Tendenzen, psychische Leiden gegenüber somatischen zu vernachlässigen und deren medizinische Behandlungsbedürftigkeit in Abrede zu stellen. Viel sinnvoller wäre es, sich gemeinsam für Verbesserungen der Versorgung psychisch Kranker und für eine bessere Vergütung der psychiatrischen und psychotherapeutischen Leistungen einzusetzen.

Die Stellungnahme behauptet: „Unter gegenwärtigen Vergütungsregelungen stehen niedergelassenen Psychiatern für die Behandlung von diesen schwer erkrankten Patienten im Quartal etwa 30 Minuten finanzierte Sprechzeit zur Verfügung. Dagegen stehe für die psychotherapeutische Behandlung von Patienten mit leichteren Störungen ein Behandlungsrahmen von 25 bis 300 Therapiestunden zur Verfügung. Eine Richtlinien-Psychotherapie von 50 Stunden schlägt mit zirka 4.500 Euro im Jahr zu Buche. Dieser Betrag entspräche in etwa den Ressourcen, mit denen 25 schwerkranke Patienten über ein ganzes Jahr auskommen müssten.

Tatsache ist: Die Ressourcen für schwer psychiatrisch Erkrankte sind deutlich höher als angegeben, sowohl die Betreuungs- als auch die Medikamentenkosten wurden nicht einbezogen. Bei einer realistischen Ressourcenbeurteilung müsste auch berücksichtigt werden, dass chronisch Kranke, ob psychisch oder somatisch,  medizinische Leistungen in stark variierender Dichte benötigen und der Ressourcenverbrauch nicht punktuell, sondern i.d.R. lebensbegleitend anfällt. Auch wird bei den 30 Minuten nicht erläutert, dass es sich um einen Durchschnittswert handelt. Hier soll in keiner Weise bezweifelt werden, dass Psychiater für die Behandlung ihrer Patienten längere und angemessener bezahlte Sprechzeiten bräuchten. Nur wird unterschlagen, dass Psychiater ihren Patienten Psychotherapie in jeder ihnen adäquat erscheinenden Länge zukommen lassen könnten. Somit müssen sich die Autoren nach ihren Motiven fragen lassen.

Die Stellungnahme behauptet: „Das wesentliche Problem bestehe aber in einem Honorarsystem mit völlig irrationalen Anreizen…Die gegenwärtige Form der Honorierung belohne die Betreuung vieler vergleichsweise leicht kranker Patienten und führe zu wirtschaftlichen Nachteilen für denjenigen, der mit hohem zeitlichem Aufwand schwer, chronisch oder komplex erkrankte Patienten ambulant versorge.“

Tatsache ist: Das Honorarsystem benachteiligt sowohl die Psychiater als auch die Fachärzte für Psychosomatik und Psychotherapie und alle Psychotherapeuten. Hier von irrationalen Anreizen zu sprechen, zeugt von völliger Unkenntnis: Psychotherapeuten haben mit Abstand die durchschnittlich geringsten Umsätze und Gewinne. In keinem anderen medizinischen Gebiet wäre eine so gegen die Bedürfnisse der eigenen Patienten und der kooperierend die Patienten mitbehandelnden anderen Fachgruppen gerichtete öffentliche Meinungsäußerung denkbar.

Zusammenfassend wird festgestellt: Die Stellungnahme des BVDN, BVDP und der DGPPN beschädigt das Ansehen aller für psychisch Kranke tätigen Ärzte, Psychologischen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und ihrer Patienten und schadet den gemeinsamen Interessen. Es ist unverständlich, dass die Autoren dieser Stellungnahme dabei auch die Psychiaterinnen und Psychiater in den eigenen Reihen desavouieren, die sich der medizinisch notwendigen Versorgung von Psychotherapiepatienten widmen.


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