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„Vollwertige“ Therapeuten oder Praktikanten?

PiAs skizzieren prekäre Situation während der Praktischen Tätigkeit


Zweimal haben PsychotherapeutInnen in Ausbildung (PiA) dieses Jahr in Berlin bereits gegen die Ausbildungsbedingungen im Rahmen ihrer Praktischen Tätigkeit protestiert. Vom 5. bis zum 9. Dezember werden die Proteste fortgesetzt: Das Auguste-Viktoria-Klinikum und die Charité Mitte werden bestreikt. 1600 Berliner PiA sind aufgerufen, sich an dem Streik zu beteiligen. Ihr Hauptkritikpunkt: Sie erhalten kein oder nur wenig Geld für ihre Arbeit. Im Psychotherapeutengesetz ist zwar festgeschrieben, wie viele Stunden die PiA in einer psychiatrischen Klinik ableisten müssen, nicht aber die Vergütung. Wir befragten dazu die SprecherInnen der DGVT-PiA.

Frage: Die PsychotherapeutInnen in Ausbildung (PiA) in Berlin haben dieses Jahr bereits zweimal zu öffentlichen Protestkundgebungen aufgerufen. Mit dem Slogan „PsychotherapeutInnen in Ausbeutung“ machen sie vor allem auf die schlechte Bezahlung im Ausbildungsabschnitt „Praktische Tätigkeit“ aufmerksam. Wie stellt sich diese Situation aus Eurer Sicht dar?

Antwort: Die PiA-Sprecher unterstützen den Protest in vollem Umfang. Die Situation der PiAs während der Praktischen Tätigkeit (PT) ist häufig prekär. In der Regel gibt es keine Bezahlung und selten Urlaubsregelungen. In zahlreichen Kliniken und Praxen arbeiten wir therapeutisch, übernehmen Arztaufgaben und Aufgaben angestellter Therapeuten. Vielerorts gibt es keine Stellen für PsychotherapeutInnen in Ausbildung (PiA) im herkömmlichen Sinne, sondern nur Therapeutenstellen. Dabei fehlt es jedoch i.d.R. an Supervision.

Daraus ergibt sich ein immenser Interessenskonflikt: Wir möchten in der PT lernen, fachlich begleitet und gleichzeitg eigenverantwortlich tätig werden. In der Realität ist es jedoch so, dass wir als „vollwertige“ Therapeuten arbeiten, was wir jedoch – offiziell – nicht dürfen. Wir sind keine PiPs (PsychologInnen im Praktikum), sondern wir sind PiAs, was eher einer facharzt-äquivalenten Ausbildung entspricht. Wir sind Hochschulabsolventen und fordern daher eine angemessene Bezahlung.

Um diesbezüglich eine Verbesserung zu bewirken halten wir – neben den Diskussionen um eine adäquate Besoldung der PiAs in der PT – die Einführung von Arbeits-/Musterverträgen durch die DGVT bzw. vom jeweiligen Ausbildungsinstitut sinnvoll, die an alle betreffenden kooperierenden Einrichtungen versandt werden und von PiAs eingefordert werden können. A priori sollten nur noch Kooperationsverträge mit Kliniken etc. geschlossen werden, die die geforderten Kriterien berücksichtigen. Eine Vernetzung der Institute kann darüber hinaus dazu beitragen, eine entsprechende Qualität der PT zu sichern/zu gewährleisten.

Frage: Wie könnten die Probleme angegangen werden?

Antwort: Wie bereits benannt, braucht es eine klare Entscheidung, welche Aufgaben PiAs zukünftig übernehmen, welche Verantwortungen daran geknüpft sind und welche Entlohnung damit einhergeht. Zudem könnte beispielsweise mit der Aufwertung der Zwischenprüfung ein äquivalenter Status zum Staatsexamen erlangt werden.

Es muss aus unserer Sicht eine Entscheidung darüber geben, welcher Status uns während der PP-Ausbildung, besonders in den ersten eineinhalb Jahren, zukommt. Der eines Praktikanten (dann mit Praktikantengehalt und den dazugehörigen Aufgaben, in erster Linie dem „Mitlaufen“) oder der Status eine diplomierten/M.Sc.- Psychologen – der dann auch in den Kliniken als solcher eingesetzt wird. Letzteres entspricht derzeit der Realität.

Frage: Welche Vergütung wäre angemessen?

Antwort: Wenn es bei einem Praktikumsstatus der PiAs bleibt, sollte zumindest eine Existenzsicherung – d.h. mind. ALG II zzgl. Ausbildungskosten – gewährleistet werden. Eine entsprechende tarifliche Einigung und vertragliche Regelungen sind hier dringend notwendig, damit PiAs nicht unter das Existenzminimum fallen. Dies käme sonst einer Nichtachtung des bisherigen Hochschulabschlusses und einer Entwertung der Tätigkeit der PiAs gleich. Die Mehrzahl der PiAs übernimmt eine verantwortungsvolle Arbeit in den Kliniken etc., eine angemessene Vergütung (z.B. nach TVöD) entsprechend eines Hochschulabsolventen ist daher unumgänglich.

Frage: Die DGVT hat den PiA-Protest in Berlin mit einem offenen Brief an das Organisationsteam, mit einer Stellungnahme an Gesundheitsminister Daniel Bahr und einer Pressemitteilung unterstützt. Was kann die DGVT noch tun?

Antwort: Wir freuen uns über die Unterstützung aus den Reihen der DGVT und das offene Ohr für die Belange der PiAs. Eine derartige emotionale Unterstützung ist auch in Zukunft sehr wichtig.

Des Weiteren wünschen wir uns eine tatkräftige Unterstützung hinsichtlich der Verbesserung der Bedingungen in der PT, wie oben bereits angesprochen. Empfehlungen der DGVT an Ausbildungsinstitute/ Ausbildungszentren bzgl. der Kooperationskliniken oder die Kündigung von Kooperationsverträgen mit „schwarzen Schafen“ und damit der Boykott von Kliniken ohne adäquate Standards wären denkbar.

Auch die Werbe- und PR-Trommel zur aktuellen Situation von PiAs zu rühren, macht aus unserer Sicht Sinn: Flyer, Artikel in Fach- oder öffentlicher Presse, Info-Veranstaltungen für Neueinsteiger zur Lage der PiAs, Teilnahme an Protestveranstaltungen, all das unterstützt uns. Treten wir, d.h.  die AusbildungsAkademie, die DGVT und die PiAs, in der Öffentlichkeit als Einheit auf, ist der Wirkungsgrad deutlich höher. Andernfalls kann nach außen schnell das Bild entstehen, wir PiAs seien Bittsteller mit unberechtigten und realitätsfernen Forderungen. Gerade die Präsenz des DGVT-Vorstands bei Protestaktionen ist hier wichtig. Nicht zuletzt ist die finanzielle Unterstützung der PiAs hilfreich, z.B. ganz konkret bei Protestveranstaltungen oder auch indem Räume zur Planung und Durchführung von PiA-Treffen zur Verfügung gestellt werden.

Darüber hinaus sehen wir Handlungsbedarf auf politischer Ebene. Die DGVT und die AusbildungsAkademie können uns PiAs dabei unterstützen, in dem sie insbesondere in den Bundes- und Landespsychotherapeutenkammern für eine Verbesserung der o.g. Punkte stimmen und unsere Interessen mit vertreten.

Als letzten Punkt zu dieser Frage möchten wir auf die Vernetzung mit den Ausbildungsinstituten anderer Träger hinweisen. Wenn es um „PsychotherapeutInnen zum Billigtarif“ geht, so betreffen die Fragen nicht allein die DGVT. Eine weitere Vernetzung, wie sie auch schon im Rahmen von PiA-Foren besteht, muss aus unserer Sicht zwingend gepflegt werden, um eine Lobby aufbauen zu können

Frage: Die DGVT setzt sich dafür ein, dass die PP- und die KJP-Ausbildung nur nach abgeschlossenem Master absolviert werden kann. Der Bachelor wird als nicht ausreichend angesehen. Wie stehen die PiAs dazu?

Antwort: D’accord. Auch aus unserer Sicht sollte der Master verpflichtend sein. Um während des Studiums bereits zielführend auf die Ausbildung als Psychotherapeut hinzuarbeiten, ist denkbar, bestimmte Ausbildungsanteile (Praktika, Theorie) bereits in das Master-Studium zu integrieren.

Frage: Gibt es weitere Themen, bei denen Ihr Handlungsbedarf seht?

Antwort: Ein immer wieder brandaktuelles Thema ist aus unserer Sicht die Qualitätssicherung der Ausbildung in Instituten, Ambulanzen, Kliniken und Lehrpraxen. Die schließt ebenso die Diskussion um Supervisionen oder die adäquate Vorbereitung auf die Approbationsprüfung sowie die Praxis ein. Aber dazu gern in einer neuen Ausgabe der Rosa Beilage.

InterviewpartnerInnen waren Kristin Pfeiffer, Kristin Ackermann, Carla Kästner, Daniel Bergmann, Marijke Huven und Sonja Hermeling.

Die Fragen stellten Waltraud Deubert und Angela Baer.


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