< vorheriger Artikel

Sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung werden immer noch tabuisiert

Fachleute fordern Anlaufstellen für betroffene Patientinnen und einen professionellen Umgang mit dem Thema in der eigenen Zunft.


Sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen in Therapie und Beratung sind – allen Aufklärungsbemühungen in den vergangenen Jahrzehnten zum Trotz – immer noch ein Tabu-Thema. Dies stellten die Teilnehmer/innen einer entsprechenden Fachtagung in Hannover übereinstimmend fest. Sie fordern zum einen niedrigschwellige, kostenlose Beratungsmöglichkeiten für betroffene Patientinnen und zum anderen einen professionellen Umgang mit dem Thema in der eigenen Zunft.

„Sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung – Kunstfehler! Und was folgt daraus?“ Unter diesem Motto hatte die Fachgruppe Frauen in der psychosozialen Versorgung der „Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie“ (DGVT e.V.) und die „Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V.“ zu einer Fachtagung geladen. Rund 50 Teilnehmer/innen (Psychotherapeut/innen und Berater/innen sowie Vertreter/innen von Therapieverbänden, Ausbildungsinstituten und Psychotherapeutenkammern) aus ganz Deutschland waren nach Hannover gekommen.

Monika Bormann (DGVT-Fachgruppe Frauen in der psychosozialen Versorgung) skizzierte einleitend, was sich in den vergangenen 20 Jahren – seit dem ersten öffentlichen Hearing zum Thema „Sexuelle Übergriffe“, das von den DGVT-Frauen initiiert worden war – getan hat: Der sexuelle Missbrauch in Therapie und Beratung wurde im Strafgesetzbuch verankert (§ 174c). Es gibt Patienteninformationen und es gibt Weiterbildungsangebote für Psychotherapeut/innen; das Thema wird auch in der Ausbildung behandelt. Die meisten Verbände haben Ethik-Richtlinien, und die Psychotherapeutenkammern haben Beschwerdestellen eingerichtet.

Bormann benannte aber auch die Knackpunkte, die im Verlauf der Tagung von verschiedenen Referentinnen aufgegriffen und vertieft wurden. So würden einmal die strafrechtlichen Konsequenzen in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen, wirken also nicht abschreckend. Zweitens sei die Schwelle, sich bei einer Kammer zu beschweren, für die betroffenen Patientinnen viel zu hoch. Und drittens sei das Thema „Sexuelle Übergriffe“ in der Ausbildung trotz vielfacher Initiativen nach wie vor nicht einheitlich festgeschrieben.

Welche Folgen Grenzverletzungen haben können, beschrieb Monika Holzbecher (Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie e.V.): Es kann zu ernsthaften Krisen kommen, zu Depressionen, sogar zum Suizid. Dr. Guilietta Tibone (Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie) forderte die Kammern auf, ein niedrigschwelliges Beratungsangebot einzurichten und die Verjährungsfristen heraufzusetzen, da sich Betroffene oftmals erst viele Jahre nach der Tat trauen, gegen den Therapeuten vorzugehen.

Vom Kunstfehler im Speziellen zu Kunstfehlern im Allgemeinen leitete Prof. Dr. Irmgard Vogt (DGVT-Fachgruppe Frauen) über: Psychotherapien sind hochwirksam, aber wo Wirkungen sind, sind auch Nebenwirkungen, so ihre zentrale These. Die Referentin mahnte zum einen mehr Selbstkritik in den eigenen Reihen ein, und zum anderen stellte sie Methoden und Mittel vor, wie die Therapien evaluiert und infolgedessen verbessert werden können. „Psychotherapie ist nicht nur eine Kunst, sondern auch ein Handwerk.“

Für eine „neue Fehlerkultur“ unter ?Psychotherapeut/innen plädierte auch Dr. Andrea Schleu (Fachverband Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Um die Profession für das Thema zu sensibilisieren, müssten die Ausbildungskataloge entsprechend erweitert werden.

Wie angehende Psychotherapeut/innen auf die Problematik eingestimmt werden können, erläuterte Dr. Steffen Fliegel, Leiter des DGVT-Ausbildungszentrums Münster, der ein entsprechendes Modul entwickelt hat.

Vom Plenum wurde einstimmig eine Resolution in 11 Punkten verabschiedet. Die wichtigsten Aspekte:

  • Das Thema „Sexuelle Übergriffe“ soll als verbindlicher Baustein im Ausbildungskatalog festgeschrieben werden.
  • Niederschwellige und kostenlose Beratungsmöglichkeiten für Betroffene sollen eingerichtet werden. Dies soll auch im geplanten Patientenrechtegesetz verankert werden.
  • Die Verjährungsfristen im Strafrecht und im Berufsrecht sollen verlängert werden.
  • Die Diskussion um Misserfolge und unerwünschte Nebenwirkungen in der Therapie soll intensiviert werden. Dies nützt allen, den Patientinnen, aber auch den Therapeut/innen und nicht zuletzt den Krankenkassen.

Download Resolution


Zurück