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Symposium Bundespsychotherapeutenkammer: „Welches Krankenhaus? – Mehr Transparenz für psychisch Kranke“ [1]


Wer unter dem eher harmlos klingenden Titel dieses Symposiums einen lockeren und unverbindlichen Gedankenaustausch vermutete, irrte.

Die Transparenz- und Qualitätsdiskussion ist für psychiatrische und psychosomatische Krankenhäuser in eine völlig neue Dimension eingetreten.

Hintergrund:
Mit dem „Gesetz zur Einführung des pauschalierenden Entgeltsystems für psychiatrische und psychosomatische Einrichtungen“ soll auch in diesem sensiblen Versorgungsbereich auf eine leistungsorientierte Krankenhausvergütung umgestellt werden, wenn auch mit einer langen Ein- und Überführungsphase bis zum 1.1.2022. Flankierend dazu sollen schon bis zum 1.1.2017 Regelungen zur Qualitätssicherung eingeführt werden – der Referentenentwurf sieht dazu in einem neuen § 137 Abs. 1d folgendes vor:

„Der Gemeinsame Bundesausschuss legt in seinen Richtlinien nach Absatz 1 geeignete Maßnahmen zur Sicherung der Qualität in der psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung fest und bestimmt insbesondere für die einrichtungs- und sektorenübergreifende Qualitätssicherung Indikatoren zur Beurteilung der Versorgungsqualität in diesem Bereich. Er hat Maßnahmen zur einrichtungs- und sektorenübergreifenden Qualitätssicherung nach Satz 1 bis spätestens zum 1. Januar 2017 einzuführen. Die nach der Einführung mit den Indikatoren nach Satz 1 gemessenen und für eine Veröffentlichung geeigneten Ergebnisse sind in den Qualitätsberichten nach Absatz 3 Nummer 4 darzustellen.“

Wie Antje Haas für den GKV-Spitzenverband auf dem Symposium ausführte, seien die Arbeiten im GBA dazu bereits in vollem Gange. Ein erstes Treffen in einer eigens dafür eingerichteten Arbeitsgruppe zur Auftragsformulierung an AQUA habe bereits stattgefunden.

Ihr Zeitplan: 2012 werde ein Indikatorenset entwickelt, 2013 EDV-technisch abgeklärt, 2014 angewendet.

Antje Haas macht auch keinen Hehl daraus, was sie sich in erster Linie unter Qualität vorstelle: Ergebnisqualität. Strukturqualität sei die Voraussetzung, aber Ergebnisqualität sei die Königsdisziplin, die eigentliche Patientenorientierung.

Auf was es aber den Patienten ankommt, blieb auf dem Symposium eher unklar. Jurand Daszkowski vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener stellte die Allgemeinverbindlichkeit von Indikatoren in Fragen und erläuterte die Individualität der Kriterien.

Dazu gehöre z.B.: auf jeder Station ungehindert Zugang zum Telefon, ohne dass mitgehört werde, außerdem das Recht auf Ausgang, Kopieren, Informationen über den Kontakt zu Selbsthilfegruppen, Beschwerdemöglichkeiten.

Ilona Köster-Steinebach (Bundesverband Verbraucherverbände – vzbv) nahm Bezug auf eine Studie von Max Geraedts, aus der hervorgehe, dass Patienten sich am meisten dafür interessierten, welche Erfahrungen vergleichbare Patienten in dieser Klinik gemacht hätten. Sie selbst bevorzuge im Umgang mit Patienten Ereignisfragen (sei z.B. über Medikamente aufgeklärt worden, usw.). Diese seien viel aussagekräftiger.

Und die Vertreter des Berufsstandes?

Wolfgang Gaebel (Uni Düsseldorf) stimmte Rainer Richter, dem Präsidenten der Bundespsychotherapeutenkammer dahingehend zu, dass störungsspezifische Qualitätsindikatoren existierten. Dieser hatte zuvor ausgeführt, dass aus den Leitlinien Indikatoren ableitbar seien. Dadurch lägen schon viele einfache Qualitätsindikatoren vor.

Ein Beispiel: Bei Depressionen könne man die Rückfallquote durch niederfrequente Psychotherapie nach der Entlassung senken. Man könne also fragen, wie viele Patienten nach einem Klinikaufenthalt eine ambulante Psychotherapie in Anspruch genommen hätten.

Rainer Richter sparte nicht mit Kritik an seinen eigenen Kollegen: Er frage sich, warum man nicht schon weiter sei. Die Diskussion sei alt, trotzdem seien noch immer keine gängigen Qualitätsindikatoren entwickelt worden. Die Leistungserbringer – Psychotherapeuten, Ärzte und Pflege – müssten Qualitätsindikatoren einsetzen. Erste Erfahrungen zeigten, dass dies die Versorgung verbessere.

Man müsse schnell Daten erheben und die Mitglieder motivieren, mitzumachen.

Der stationäre Bereich werde Vorreiter sein, im ambulanten Sektor sei dies kein Selbstläufer – in dieser Einschätzung wurde er von Hiltrud Kastenholz (BMG) bestätigt: Im ambulanten Bereich fehle die Transparenz.

Immerhin ist die Bundespsychotherapeutenkammer künftig bei Qualitätsfragen beteiligt, so Hiltrud Kastenholz. Darauf Rainer Richter: Leider hätten sie nur ein Beteiligungs-, kein Mitentscheidungsrecht.


[1]Quelle: HIGHLIGHTS 28/11:1.12.2011; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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