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Die Zukunft der Psychotherapie-Ausbildung - Reform oder Revolution?

Ausbildungsstätten treffen auf Politik


Die 1. Bundeskonferenz der Leiterinnen und Leiter staatlich anerkannter Ausbildungsstätten für Psychotherapie fand am 30. November 2011 in Berlin statt. Man glaubte, nach dem mühsamen Entstehungsprozess des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) Klarheit über nötige Voraussetzungen und die Ausbildung zum Beruf des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zu haben.,  U.a.  durch den Bologna-Prozess und die damit auftretende Zugangsproblematik zur Ausbildung müssen viele Fragen nun erneut geklärt werden. Ob eine Nachbesserung der Zugangsproblematik und eine Regelung der Finanzierung der Praktischen Tätigkeit während der Ausbildung als erster Schritt vorgezogen werden können oder ob die gesamte Ausbildungsstruktur neu geregelt werden soll, stand auf der Konferenz zur Debatte.

„Damit nicht andere über sie reden…“

Es war nahezu eine Vollversammlung der staatlich anerkannten Ausbildungsstätten für Psy­chotherapie, die am 30. November 2011 im Tagungszentrum der Bundespressekonferenz anlässlich der 1. Bundeskonferenz zur Zukunft der Psychotherapie-Ausbildung zusammen­kam. Vertreterinnen und Vertreter von mehr als 150 Ausbildungsstätten versammelten sich auf Einladung einer Initiativgruppe, die sich aus Leitungen von Ausbildungsstätten unter­schiedlicher Therapieverfahren und Ausbildungsschwerpunkte zusammensetzte und die aus der Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsträger (BAG) hervorgegangen war.

Ziel der Konferenz war es, die Ausbildungsstätten in der aktuellen Diskussion zu Wort kom­men zu lassen, sich auszutauschen und sich Gehör zu verschaffen. „Damit nicht andere über sie reden…“ hieß es in der Einladung zur Konferenz und dies verdeutlicht, dass sich die aktuellen Anbieter der Psychotherapie-Ausbildung mit ihrer Ausbildungskompetenz und Erfahrung in die Diskussion um die Zukunft der Psychotherapie-Ausbildung aktiv einbringen möchten.

In ihrer Begrüßung bekräftigte Dr. Sabine Trautmann-Voigt für die Initiativgruppe die Auffassung, dass eine Novellierung des PsychThG notwendig sei in Bezug auf einheitliche Zugangs­voraussetzungen zur Ausbildung und der Ausgestaltung einer fairen Finanzierung der prak­tischen Tätigkeit. Darüber hinaus sei die aktuelle Ausbildung qualitativ hochwertig, wie auch im Forschungsgutachten festgestellt wurde. Mit den neuen Studienabschlüssen (Bache­lor/Master) würde sich nun allerdings die Frage stellen, welcher Abschluss das klassische Diplom ersetzt, das zuvor die Zugangsgrundlage für eine Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten war und wer darüber zu entscheiden hat: Die Universitäten, die Landesprüfungsämter, die Bundes- oder die Landesregierungen oder die Ausbildungsstätten?

Die Revolution aus dem Ministerium?

Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ge­sundheit, eröffnete mit einem Grußwort die Konferenz und skizzierte die Vorstellung des Ministeriums. Es sei unstrittig, dass das Psychotherapeutengesetz geändert werden müsse. Ziel sei eine nachhaltige neue Ordnung, in der das Ministerium die so genannte Direkt-Ausbildung aus ordnungspolitischen Gründen (Anpassung an die Ausbildungen in den heilkund­lichen Bereichen Medizin, Zahnmedizin, Tiermedizin, Pharmazie) bevorzugen würde. Die Direkt-Ausbildung wäre tatsächlich ein drastischer Wechsel, Widmann-Mauz sprach gar von einer Revolution.

Warum sie die Direkt-Ausbildung bevorzugt, begründete sie damit, dass das Psychotherapeutengesetz ein „Fremdkörper“ in der Ausbildungslandschaft sei - auch international. Es sei üblich, nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zu beginnen und am Ende der Ausbildung einen staatlichen Abschluss zu erhalten. Die Vorstellung des Ministeriums orientiert sich stark an dem Ausbildungsmodell der Ärzte, die nach dem Abitur Medizin studieren, ihre Approbation erhalten, ein praktisches Jahr absolvieren und ihre Facharztausbildung als Weiterbildung anschließen.

Aktuell ist ein abgeschlossenes Studium in Psychologie, Pädagogik, Sozialpädagogik die Zugangsvoraussetzung für die Ausbildung zum PP und KJP. Widmann-Mauz proble­matisierte, dass viele, die eine Psychotherapie-Ausbildung beginnen, bereits berufstätig sind, teilweise bereits Familie haben und dass somit Angebote zur Ausbildungsförderung nur begrenzt, wenn überhaupt, zur Verfügung stehen. Zur Frage der Vergütung während der praktischen Tätigkeit wäre mit einer vorgezogenen Approbation die rechtliche Voraussetzung geregelt. Weitere Vorteile seien, so Widmann-Mauz, dass die Ausbildung zum ersten Berufszugang deutlich zu verkürzen wäre, junge Menschen somit eher in den Beruf einsteigen könnten und mit dem Status als Studierende Bafög-Anspruch geltend gemacht werden könnte. Damit würde auch eine Zugangsvoraussetzungsregel entfallen.  

Zum Abschluss bat die Staatssekretärin die Leiterinnen und Leiter der Ausbildungszentren sich mit den Überlegungen des Ministeriums zur Direkt-Ausbildung konstruktiv auseinanderzusetzen. Sie kenne die Bedenken der Psychotherapeutenschaft und versicherte, dass diese Befürchtungen sehr ernst genommen würden. Sie sei weiterhin daran interessiert, Argu­mente auszutauschen und hoffe bis zu einer möglichen 2. Bundeskonferenz für in der Lösungsfindung weiter zu sein.

Da gab es doch mal ein Forschungsgutachten…

Prof. Dr. Bernhard Strauß rief in seinem Vortrag die Übergabe des Forschungsgutachtens zur Ausbildung in Psychologischer Psychotherapie und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Erinnerung. Das Forschungsgutachten wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Ge­sundheit (BMG) erstellt und im Mai 2009 an die damalige Ministerin Ulla Schmidt über­geben. Auf Basis der Befragung von Ausbildungszentren, Ausbildungsteilnehmern , Landes­prüfungsämtern und Studiengängen hatte die Forschergruppe festgestellt, dass Zufrie­denheit mit der derzeitigen Psychotherapie-Ausbildung herrscht, dass die Verfahrensorientierung bevorzugt wird und dass es den Wunsch gibt, in der Ausbildung ein breites Spektrum an Krankheiten kennenzulernen. Als einheitliche Zugangsvoraussetzung empfahl die Forschergruppe den Master-Abschluss und formulierte konkrete Vorschläge zu erforderlichen Studieninhalten (ECTS Punkte). Nach der Evaluation verschiedener Modelle, auch das der Direkt-Ausbildung, empfahlen die Forscherinnen und Forscher einen Teil der theore­tischen Inhalte ins Studium zu verlagern. Das Forschungsgutachten sprach sich für die Beibehaltung der zwei Berufe aus, in der Ausbildung könnten aber gemeinsame Ausbildungsinhalte in einem common trunk beschrieben werden.

Die  angespannte finanzielle Situation der AusbildungsteilnehmerInnen könnte im Rahmen des bisherigen Ausbildungsmodells durch eine verbesserte staatliche Ausbildungsförderung gelindert werden (z.B. analog dem Meister-BAföG), sowie durch Darlehensmodelle und Institu­tionsförderung. Schließlich forderte die Forschungsgruppe eine einheitliche Vergütung während der Praktischen Tätigkeit in den Kliniken.

Prof. Dr. Bernhard Strauß stellte außerdem fest, dass im Psychologie-Studium sowie in den pädagogischen Studiengängen die wissenschaftliche Breite als Basis für die Psychotherapie-Ausbildung beibehalten würde, die ein wie auch immer geartetes Psychotherapie-Studium nicht aufweisen könne. Zudem habe das Forschungsgutachten gezeigt, dass insgesamt die Qualität der jetzigen Ausbildung gut sei.Die Forschungsgruppe war seit der Abgabe des Gutachtens nicht untätig, diverse Veröffent­lichungen und Qualifikationsarbeiten mit den Daten aus dem Gutachten wurden erstellt, z.B. zu Themen der psychotherapeutischen Kompetenz.

Seit zweieinhalb Jahren sind den Ergebnisse des Forschungsgutachtens keine rechtlichen Schritte gefolgt. In Gesprächen mit dem BMG in 2011 seien lediglich ordnungspolitische Argumente für die Angleichung der heilkundlichen Ausbildungsgänge aufgeführt worden - ein bisher unbefriedigendes Ergebnis.  

Juristischer Pragmatismus und flammende Plädoyers - Zum Umgang mit der Zulassungs­problematik aus den Landesprüfungsämtern

Welche alltäglichen Konsequenzen die Zugangsproblematik hat und welche Anforderungen an die Entscheidungsträger gestellt werden, berichteten Christoph Gertzen vom Landesprüfungsamt Berlin und Gerlinde Brenneke-Schmitter vom Landesprüfungsamt in NRW.

Christoph Gertzen betonte, dass an erster Stelle die Ausbildungsinstitute die Verantwortung haben, niemanden zur Ausbildung zuzulassen, der nicht die formalen Bedingungen erfüllt. Die Landesprüfungsämter seien die letzte Instanz, die prüft, ob jemand zur staatlichen Prüfung zugelassen wird. Ein enger Austausch zwischen Ausbildungsstätten und Landesprüfungsämtern sei unerlässlich, da der Bologna-Prozess die Studienlandschaft nachhaltig verändert habe. Christoph Gertzen gab einen Überblick über die Rechtslage in punkto Zulassung zur Ausbildung, die im Bereich PP noch einfach sei.

Die qualifizierende Zugangsvoraussetzung sei das universitäre Psychologie-Studium mit einem additiven Master-Abschluss in Psychologie, inklusive der Modulabschlussprüfung in klinischer Psychologie. Für den Zugang zur KJP-Ausbildung galt vor Bologna auch der FH-Abschluss in erziehungswissenschaftlichen und weiteren pädagogischen Fächern. Nun findet sich hier eine bunte Landschaft an Studien­gängen. Christoph Gertzen beschrieb für Berlin/ Brandenburg die Idee, sich einen Überblick über die Studiengänge zu verschaffen, um danach festzulegen, welcher Studiengang die Voraussetzungen erfüllt. Als Kriterium für die Äquivalenzprüfung der Studiengänge nannte er u.a. die Semesteranzahl. Beispielhaft könne ein Diplom-Studiengang mit ehemals acht Semestern Regelstudienzeit nicht äquivalent zu einem Bachelor-Studium mit sechs Semestern Regelstudienzeit sein. Christoph Gertzen betonte abschließend, dass das LPA rechtliche Klarheit und Zuverlässigkeit anstrebe und warb für den engen Austausch von Ausbildungszentren und LPAs.

Gerlinde Brenneke-Schmitter hob hervor, dass bei Zweifeln über die Grundqualifikation vor Aufnahme des Ausbildungsteilnehmers der Kontakt mit dem LPA aufgenommen werden sollte. Sie kritisierte, dass bei einer so nachhaltigen Veränderung wie dem Bologna-Prozess die Anpassung der Gesetze auf der Strecke geblieben sei. Nicht nur die AusbildungsteilnehmerInnen, auch die StudienanfängerInnen stünden vor großen Unsicherheiten. Bachelor und Master passen nicht in das Gefüge des PsychThG. Ein Positivkatalog könne nicht erstellt werden, da die Studien­gänge so individuell seien. In NRW habe sie allein im ersten Halbjahr des Jahres 175 Zwei­felsfälle an 43 staatlich anerkannten Ausbildungsstätten vorliegen; dies sei ein nicht dauerhaft zu bewältigender Aufwand.

In Bezug auf den Zugang zur KJP- Ausbildung ergab ein Gutachten des zuständigen Ministeriums und der Landespsychotherapeutenkammer NRW erschreckende Ergebnisse. Viele neue Studiengänge in NRW seien inhaltlich und vom Umfang her als nicht gleichwertig zu den ehemaligen FH-Abschlüssen anzusehen. Als Übergangs­lösung hat das LPA in NRW Formblätter entwickelt, die tabellarisch zur Äquivalenzprüfung der neuen Bachelor-Master-Studiengänge eingesetzt werden. Zusammenfassend plädierte Brenneke-Schmitter für eine kurzfristige Reform des PsychThG bezüglich der Zugangsvoraussetzungen. Die Universitäten müssten dann die Inhalte aus dem Gesetz in den Studiengängen umsetzen und den Umfang regeln. Nur so könnten aufwändige Einzelfallprüfung verhindert werden und Studierende könnten sich an allgemeinen Leitlinien orientieren. Das PsychThG wurde als Meilenstein gefeiert, nun sei es gefährdet.

Brenneke-Schmitter betonte, dass gegenwärtig in den staatlich anerkannten Aus­bildungsstätten sehr gut ausgebildet werde. Sie befürchtet fatale Folgen für die Qualität und die Versorgung, wenn nicht genug oder nicht ausreichend qualifizierte AusbildungsteilnehmerInnen in die Psychotherapie-Ausbildung gelangten.

Wie könnte es denn nun gehen? Ist die sogenannte Direkt-Ausbildung eine Alternative?

Rechtsanwalt Jörn W. Gleiniger analysierte in seinem Vortrag sehr dezidiert die Problem­felder Bachelor-Master, Finanzierung der Praktischen Tätigkeit sowie den Aspekt der Aus­bildung in Nicht-Richtlinienverfahren und präsentierte ein Ausbildungsstrukturmodell, das er dem des BMG entgegenstellte[1].  Direkt-Ausbildung ist nach Gleiniger vor allem ein Begriff ,der „direkt vom Bund geregelt“ bezeichnet, also ein Studium umfasst, das mit einer staatlichen Prüfung, ähnlich dem 1. Staatsexamen der Juristen, abgeschlossen wird und nicht mit einem akademischen Hochschulgrad.

Sein Ausbildungsmodell skizzierte er wie folgt: Das Direktstudium würde mit dem 1. Staatsexamen abgeschlossen (aber ohne vorgezogene Approbation, wie vom BMG bevor­zugt). Anschließen würde sich, wie heute, die vertieft verfahrensbezogene Schwerpunkt-Ausbildung, die mit der 2. Staatsprüfung abgeschlossen würde und auf die die Approbation als EP (Psychotherapeut/in für Erwachsene) oder KJP (Psychotherapeut/in für Kinder und Jugendliche) folgen würde. Die Vorteile des Modells liegen laut Gleiniger darin, dass an das, nach Altersgruppen differenzierte, Wirksamkeitsverständnis der Psychotherapie-Forschung konsequent angeknüpft würde und keinerlei Qualitätsverluste in Ausbildung und Versorgung zu beklagen wären. Der gesetzliche Anspruch auf angemessene Vergütung würde möglich und bei Bedarf könne die Praktische Tätigkeit als Praktikum in das Studium vorverlegt werden.

Jörn W. Gleiniger kam abschließend zu dem Ergebnis, dass „die nur rechtsästhetisch nahe liegende Präferenz des BMG sich bei genauerem Hinsehen als nicht sachangemessen er­weist“.

In der anschließenden Diskussion positionierte sich auch Thomas Fydrich (UniTh) als ein Ver­treter der universitären Ausbildung. Die Beunruhigung sei mehr als verständlich, in allen Gremien hätten sich auch die Uni-Vertreter für das duale System mit einer postgradualen Psychotherapie-Ausbildung ausgesprochen. Man könne sich aber auf Basis der aktuellen poli­tischen Situation der Idee der Direkt-Ausbildung nicht verschließen. Jedoch sei auch aus Hochschulsicht die Trennung von der Basiswissenschaft Psychologie und der Psychotherapie eklatant gefährlich.

In etlichen Wortbeiträgen wurde Unverständnis geäußert, dass die Ergebnisse des For­schungsgutachtens beim BMG so wenig Beachtung zu finden, habe das BMG doch diesen Forschungsauftrag erteilt.

Daher entschloss sich die Versammlung, den Initiativkreis bzw. die Bundes­arbeitsgemeinschaft der Ausbildungsträger (BAG) zu ermächtigen, mit einigen gemeinsamen Thesen an die Bundespsychotherapeutenkammer und an das BMG heranzutreten. Da die Teilnehmenden sich sehr zufrieden mit der Konferenz zeigten, scheint eine 2. Konferenz mehr als wahrscheinlich - „bevor andere über sie reden“.

Gemeinsame Thesen zur  Psychotherapie-Ausbildung

  1. Die Ausbildungsstätten votieren für ein Studium mit Master-Abschluss als einheit­liche Zugangsvoraussetzung zur staatlich anerkannten Psychotherapie-Ausbildung. Dabei soll ein breiter Zugang zur Psychotherapie-Ausbildung ermöglicht werden.
  2. Eine Ausbildungsreform muss die gravierenden Versorgungsengpässe gerade bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen berücksichtigen und darf diese nicht vergrößern.
  3. Die Politik wird aufgefordert, kurzfristig und unabhängig von einer umfassenden Aus­bildungsreform für eine angemessene Bezahlung der Auszubildenden während des Ausbildungsbausteins "Praktische Tätigkeit" einzutreten. Dazu ist es ebenfalls notwendig, klare Kriterien für eine inhaltliche Ausgestaltung der praktischen Tätigkeit zu erarbeiten.
  4. Eine Ausbildungsreform darf das hohe Niveau, das zurzeit in einer curricular kontinuierlich aufgebauten, postgradualen und verfahrensbezogenen Ausbildung gewährleistet ist, nicht gefährden. Ein Erhalt der Vielfalt der psychotherapeutischen Verfahren wird für notwendig erachtet.
  5. Eine Direkt-Ausbildung ist bislang in ihren Auswirkungen wenig diskutiert worden. Der­zeit überwiegen die Sorgen, auch wenn die Ausbildungsstätten offen an die Dis­kussion herangehen wollen. 

Anja Dresenkamp, Berlin


[1] siehe auch: www.gleiniger.de/vortraege.htm



Grußwort von Annette Widmann-Mauz
Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit
Mitglied des Deutschen Bundestages
Aspekte der Direktausbildung in der Psychotherapie

anlässlich der 1. Bundeskonferenz der Leiterinnen und Leiter staatlich anerkannter Ausbildungsstätten für Psychotherapie

30. November 2011, 11.00 Uhr

 

Sehr geehrte Damen und Herren,


ich danke Ihnen für Ihre Einladung zur ersten Bundeskonferenz der Leiterinnen und Leiter staatlich anerkannter Ausbildungsstätten für Psychotherapie.


Ich freue mich über die Gelegenheit, Ihnen aus Sicht des Bundesministeriums für Gesund­heit Gedanken zur Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Ausbildungen darzu­stellen. Das Stichwort heißt Ausbildungsstruktur, heißt: Beibehaltung der bisherigen dualen Struktur oder Direktausbildung.


Die Psychotherapeutenschaft hat bereits mehrfach deutlich gemacht, dass sie große Be­denken gegen die Idee einer Direktausbildung hat. Sie befürchtet maßgebliche Einschnitte in das bestehende Ausbildungssystem; sie befürchtet, dass eine solche Ausbildungsstruktur die psychologische Psychotherapie qualitativ gefährdet.


Natürlich nehmen wir dies zur Kenntnis und die Anliegen der Psychotherapeutenschaft ernst. Genau deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Ich möchte mit Ihnen ins Gespräch kommen; ich möchte mir Ihre Argumente anhören.


Ich glaube, wir sind uns alle einig darüber, dass das Psychotherapeutengesetz überarbeitet werden muss. Es hakt an wesentlichen Punkten. Das fängt mit den Zugangsvoraussetzun­gen an und endet bei der Verzahnung des Berufsrechts mit dem Sozialversicherungsrecht.


Ich glaube auch, dass wir alle eine nachhaltige Neuordnung erreichen wollen. Denn Be­rufsausbildungen sind die Existenzgrundlage für diejenigen, die den Beruf ergreifen. Sie in­vestieren viel Zeit und viel Geld in ihre Ausbildung, um später ihren Lebensunterhalt damit zu verdienen.


Heilberufe wie die Psychotherapeuten sind außerdem wesentliche Eckpfeiler unserer ge­sundheitlichen Versorgung. Die hohe Qualität unseres Gesundheitssystems ist unbestritten und international anerkannt. Wir verdanken sie unter anderem der beruflichen Qualifikation der im Gesundheitswesen tätigen Menschen. Wir brauchen weiterhin gut qualifizierte Men­schen, um die Patientinnen und Patienten adäquat behandeln zu können und dieses Niveau aufrecht zu erhalten.


Berufsausbildungen sind daher keine Spielwiese für Experimente. Das nehmen wir ernst.


Jetzt werden Sie sich fragen, warum das BMG unter diesen Prämissen über eine Direktaus­bildung nachdenkt. Im Vergleich zu dem, was wir bisher haben, stellt sie einen drastischen Wechsel in der Ausbildungsstruktur dar. Also warum kann der Gesetzgeber nicht einfach im bestehenden System die notwendigen Änderungen vornehmen? Muss es deshalb gleich eine Umstrukturierung geben, die fast einer Revolution nahe kommt?


Diese Fragen sind berechtigt. Auch wir haben sie uns gestellt. Und wir haben sie beant­wortet und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es gute, ordnungspolitische Gründe gibt, die für eine Direktausbildung sprechen.


Ein wesentliches Problem des Psychotherapeutengesetzes und seiner Umsetzung ist, dass es sich dabei um eine Art „Fremdkörper“ im System der Heilberufsausbildungen handelt.


Normal ist, gleich im Anschluss an die Schule, sei es nach Abitur oder mittlerem Schulab­schluss, mit der Ausbildung zu beginnen. Diese dauert dann sechs Jahre wie bei Ärzten oder drei Jahre wie in der Krankenpflege. Sie findet an der Universität oder einer Fach­schule des Gesundheitswesens statt. Am Ende der Ausbildung steht die staatliche Prüfung. Während der Ausbildung trägt die Hochschule oder die Schule die Verantwortung. Sie kümmert sich insbesondere darum, dass alle Vorgaben des Bundesrechts zu inhaltlichen und zeitlichen Anforderungen eingehalten werden.


Ganz anders bei den Psychotherapeuten. Hier eröffnet erst ein abgeschlossenes


Hochschulstudium den Zugang zur Ausbildung. Nicht wenige sind daher bereits berufstätig gewesen und müssen für ihren Lebensunterhalt sorgen, wenn sie mit der Ausbildung anfan­gen. Gleichzeitig stehen die Angebote zur Ausbildungsförderung nur noch bedingt zur Ver­fügung, sei es, weil der einzelne zu alt ist oder weil nur eine Teilzeitausbildung in Frage kommt.


Aufgrund der bereits im Studium erworbenen Kompetenzen trauen sich viele bereits zu, Pa­tientenbehandlungen durchzuführen, oder sie werden entsprechend eingesetzt. Wenn sie behandeln, erwarten sie dafür eine Vergütung und nicht, auch noch für die Ausbildung be­zahlen zu müssen. Rechtlich gesehen ist behandeln aber noch nicht erlaubt, denn das setzt ja die Approbation voraus.


Auf die besonders umstrittene Frage der Zugangs-voraussetzungen möchte ich nur hinwei­sen.


Diese Problemfelder vor Augen und ordnungspolitisch weitergedacht, stellt sich schnell die Frage: „Warum regele ich die Psychotherapeutenausbildung nicht einfach so wie die ande­ren Heilberufe?“ Habe ich ein Studium wie das der Medizin, gehe ich nach der Schule an die Uni, durchlaufe die einzelnen Ausbildungsabschnitte, mache meine Prüfungen und erhalte meine Approbation als Psychotherapeut. Dann kann ich – auch wie in der Medizin – schon mal arbeiten und, um bei dem Beispiel zu bleiben, mache meine Weiterbildung in dem von mir gewählten Vertiefungsverfahren.


Einige der Vorteile, die ich sehe, sind:

  • Die Ausbildung bis zum ersten Berufszugang wird kürzer. Junge Menschen steigen frü­her in den Beruf ein. Das ist ein wichtiger Aspekt, haben wir doch immer weniger junge Menschen.
  • Der Status während der Ausbildung ändert sich; man ist Student. Bei Vorliegen der Voraussetzungen besteht Anspruch auf BAföG.

Die Regelung von Zugangsvoraussetzungen entfällt. Damit entfällt auch eine Schranke, die vielen den Berufszugang versperrt; denn Psychotherapeut kann heute nur werden, wer vor­her einen entsprechenden Studienplatz erhält und es dann schafft, dieses Studium erfolg­reich abzuschließen. Damit schließen wir vielleicht aber auch viele geeignete Bewerberin­nen und Bewerber aus. Können und sollen wir uns das heute, im Lichte des demografischen Wandels noch leisten?


Ich finde, das sind gute Gründe, ohne Vorfestlegungen, ohne " Schere im Kopf, über eine Direktausbildung nachzudenken.


Sie haben mir zugehört; dafür bin ich dankbar. Nun bitte ich Sie, sich konstruktiv mit den Fragen auseinander zu setzen. Dabei ist mir bewusst, dass gerade Sie als Vertreterinnen und Vertreter der Ausbildungsinstitute von einer strukturellen Veränderung besonders be­troffen wären. Denn Sie sind diejenigen, die ausbilden und in der Verantwortung stehen. Die Herausforderung ist daher gerade für Sie besonders groß.


Die psychotherapeutischen Berufe sind für das deutsche Gesundheitswesen unverzichtbar, wie die wachsende Zahl psychisch Erkrankter zeigt. Im Interesse dieser Berufe brauchen wir die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen. Wir brauchen die Auseinander­setzung mit unterschiedlichen Argumentationen. Dann werden wir auch in Zukunft eine nachhaltige, moderne und qualitativ gute Psychotherapeutenausbildung haben.


Dass das unser Ziel ist, darin sind wir uns, wie ich glaube, alle einig.
Meine Damen und Herren, in diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen Verlauf Ihrer Veranstaltung und fruchtbare Diskussionen.


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