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Mehr integrierte Versorgung für psychisch Kranke

Von: Rosa Beilage zur VPP 1/2012

Der Paritätische zeigt Potenzial auf und will Trendwende einleiten


Am 25.10.2011 fand die Tagung "Integrierte Versorgung - mehr als die Summe aller Teile!" in Kassel statt. Den Veranstaltern - Der Paritätische Gesamtverband in Kooperation mit dem Dachverband Gemeindepsychiatrie und der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie - war es wichtig, ein gemeinsames Verständnis über die optimale Ausgestaltung der Integrierten Versorgung zu erarbeiten. Die Veranstaltung veranschaulichte die Möglichkeiten und das Potenzial der integrierten Versorgung - insbesondere für Träger von sozialpsychiatrischen Angeboten. Unabdingbares Kernanliegen ist es, den Menschen mit psychischer Erkrankung in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen, ohne die wirtschaftlichen Aspekte gänzlich zu vernachlässigen. An der Veranstaltung nahmen 170 Personen teil. Die Dokumentation der Beiträge ist auf der Homepage des Paritätischen einzusehen: www.der-paritaetische.de, Tagungen und Kongresse, Dokumentationen.

Das Instrument der integrierten Versorgung soll die gesundheitliche Versorgung von behandlungs- und pflegebedürftigen Menschen verbessern und zu mehr Kosteneffizienz im Gesundheitssystem beitragen. Welche Chancen und Risiken damit für Menschen mit psychischen Erkrankungen verbunden sind, war Thema dieses Fachtages.

Die Erwartungen an die integrierte Versorgung sind hoch: Sie soll eine bessere Verzahnung zwischen verschiedenen Leistungsbereichen des Gesundheitssystems und unterschiedlichen Heilberufen ermöglichen. Zudem sollen Barrieren zwischen ambulanter und stationärer Versorgung im Geltungsbereich der Kranken- und Pflegeversicherung abgebaut werden. Die rechtlichen Voraussetzungen wurden 2004 im Sozialgesetzbuch V geschaffen. Ein wesentlicher Punkt: Leistungserbringer und Krankenkassen können auch ohne Zustimmung der Kassenärztlichen Vereinigung miteinander Verträge zur integrierten Versorgung schließen. Bislang wird die integrierte Versorgung vor allem praktiziert bei der Behandlung kardiologischer Erkrankungen, Muskel-, Skelett- und Bindegewebserkrankungen und bei ambulanten Operationen. Jährlich werden nach offiziellen Angaben rund 1.500 Verträge abgeschlossen.

Für die Behandlung von psychischen Erkrankungen existierten dagegen 2011 nur etwa 80 Verträge zur integrierten Versorgung. Dies sei ein erstaunlich geringer Umfang vor dem Hintergrund, dass immer mehr Menschen von psychischen Erkrankungen betroffen seien, betonte Josef Schädle, stellvertretender Vorsitzender des Paritätischen, zur Eröffnung des sehr gut besuchten Fachtags in Kassel. Aus Sicht des Paritätischen Gesamtverbands ist es nicht akzeptabel, dass Menschen mit seelischen Erkrankungen bislang nur in so geringem Umfang von möglichen Verbesserungen durch die integrierte Versorgung profitieren, wie Fachreferentin Claudia Zinke hervorhob. Sowohl mit dem Fachtag als auch mit eigens entwickelten Handlungsempfehlungen zur integrierten Versorgung will der Verband den Trend wenden. Sein Ziel ist es unter anderem, das Potenzial der integrierten Versorgung für den Personenkreis psychisch kranker Menschen herauszuarbeiten. Außerdem sollen insbesondere Träger sozialpsychiatrischer Angebote angeregt werden, sich mit dem noch relativ neuen Instrument auseinanderzusetzen und somit Einfluss auf die Gestaltung der Versorgung vor Ort zu nehmen.

Der Mensch im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt des Interesses müssten dabei die Menschen mit psychischer Erkrankung stehen, so Claudia Zinke. Ein Punkt, den sie aus gutem Grund so deutlich hervorhob. Denn die gesetzlichen Regelungen zur integrierten Versorgung beinhalten auch heikle Aspekte. So kritisiert der Verband ebenso wie der Deutsche Dachverband Gemeindepsychiatrie und die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, dass auch pharmazeutische Unternehmen als Vertragspartner auftreten können. Dies berge die Gefahr, dass nicht die optimale Therapie der Patienten in den Mittelpunkt gestellt werde, sondern wirtschaftliche Interessen.

Jasna Russo vom Internationalen Netzwerk von Psychiatriebetroffenen forderte, dass Betroffene in die Konzeption der integrierten Versorgung einbezogen werden müssten. Obwohl sie darauf entsprechend der UN-Behindertenrechtskonvention einen Anspruch hätten, sei dies bislang nicht geschehen. "Offenbar wird uns die Fähigkeit zum rationalen Denken abgesprochen." Die Perspektiven und Erwartungen der Patientinnen und Patienten müssten aber selbstverständlich berücksichtigt werden.

Ulrike Bauer

Die Autorin ist Mitarbeiterin im Paritätischen Gesamtverband – Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Der Artikel erschien in „Der Paritätische“ (1/2012).


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