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Teile und herrsche – und halte die Neiddebatte am Laufen

Von: Rosa Beilage zur VPP 1/2012

Kommentar zu einer KBV-Mitteilung zur Versorgung von psychisch Kranken


Seit Tausenden von Jahren fällt „das einfache Fußvolk“ immer wieder auf diesen simplen und eigentlich leicht zu durchschauenden Trick der „Herrschenden“ herein. Das Fußvolk, in Person von Dr. Wolfgang Bärtl – seines Zeichens Vorsitzender des Bayerischen Fachärzteverbandes (BFAV) und
Anästhesist von Berufs wegen – verkündete am 23.01.2012 in einer Pressemitteilung:

„Die enorme Zunahme an psychischen Erkrankungen führt in der Versorgung der somatischen Erkrankungen zu einem Verdrängungswettbewerb.“ Und weiter: „Die Versorgung psychisch Kranker darf nicht auf Kosten der Versorgung somatisch Kranker erfolgen.“ Er fordert daher die Schaffung einer „Kassenpsychotherapeutischen Vereinigung“ mit einem eigenen Honorartopf.

Der Hintergrund, vor dem diese Äußerung getätigt wird, ist vielschichtig und bisweilen undurchschaubar. Aktuell ist da einmal das GKV-Versorgungsstrukturgesetz, das unter anderem eine Neuberechnung der Bedarfszahlen für niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) vorsieht. Allein diese Ankündigung löst bei so manchem Standesvertreter Angst aus nach dem Motto „Wir könnten zu kurz kommen!“

Dann ist da eine Pressemitteilung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vom 16.01.2012, in der der Zwischenbericht einer Auftragsstudie der Universitäten Gießen und Heidelberg veröffentlich wird. Hier geht es um die ambulante Versorgung von Patienten mit psychischen und psychosomatischen Störungen. Ein erstes Fazit der Studie lautet, dass das Versorgungssystem von einer besseren Strukturierung deutlich profitieren könnte. Bislang mangele es an Studien, um die Effizienz des aktuellen Versorgungssystems besser abschätzen zu können, so Prof. Johannes Kruse von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Gießen. Es sei zwar die Wirksamkeit der Therapien nachgewiesen, es liegen aber kaum naturalistische Studien vor, die differenziert die verschiedenen Versorgungsprofile der Behandlergruppen analysieren.

In diesem Zusammenhang betont Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der KBV, dass die Versorgung eine hohe Qualität in Deutschland hat. „Wir haben … eine psychotherapeutische Versorgung mit drei Säulen: der ärztlich-psychosomatischen, der ärztlich-psychiatrischen und der psychologischen.“ Jede Säule leiste dabei ihren spezifischen Beitrag, so Köhler weiter.

Und dass der Bedarf groß ist, zeigen die Ergebnisse verschiedener epidemiologischer Studien, nach denen davon auszugehen ist, dass im Verlauf eines Jahres ca. ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren an mindestens einer psychischen Störung leidet, das sind ca. 16,5 Mio. Erwachsene. Hier sind es zunächst meist die Haus- oder Fachärzte, die den Erstkontakt zu den Patienten haben, um sie dann an Beteiligte aus einer der genannten „Säulen“ weiter zu verweisen.

Das spezifische therapeutische Leistungsspektrum der einzelnen Fachrichtungen gestaltet sich folgendermaßen:

  • Ärztlich-psychotherapeutische Säule:190.000 Patienten wurden von ca. 2.500 Fachärzten für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und 170.000 von 2.220 Fachärzten mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie/Psychoanalyse behandelt.
  • Ärztlich-psychiatrische Säule: 1.160.000 Patienten wurden von 1.900 Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie und 2.050.000 Patienten wurden von 2.600 Nervenärzten versorgt.
  • Psychologisch-psychotherapeutische Säule: 1.050.000 Patienten wurden von 13.000 PP bzw. KJP behandelt.

Köhler zieht aus den Zwischenergebnissen der Studie zwei wesentliche Folgen: „Ein großer Teil der Patienten wird von den somatisch tätigen Haus- und Fachärzten behandelt, das heißt in der psychosomatischen Grundversorgung. Für eine zielgerichtete Versorgung der Patienten und um die Verzahnung zu verbessern, brauchen wir ein vernetztes Versorgungsangebot und ein niederschwelliges psychosomatisches/psycho-therapeutisches Angebot. Darüber hinaus gilt es, Aufklärungsarbeit zu leisten, um mangelnde Kenntnis und Motivation des Patienten und Stigmatisierungsangst im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung zu begegnen“.

Am 25. Januar reagiert Ilka Enger, zweite stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) und damit zuständig für die niedergelassenen Psychotherapeuten, mit einem Statement auf die KBV Presseerklärung. Auch sie sieht die Schaffung von niederschwelligen Angeboten als ein wichtiges Instrument, um Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu überbrücken. Es müsse dafür aber auch eine Honorierung dieser Leistungen sichergestellt werden. Es liege ihr sehr am Herzen, so Enger, dass die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Fachärzten und Psychotherapeuten vorbehaltlos und konstruktiv ablaufe. Denn nur so sei eine sinnvolle ganzheitliche Behandlung der Patienten zu gewährleisten.

Einen Tag später reagiert Ilka Enger auf Drängen der Landeskonferenz der Richtlinien-psychotherapieverbände (LAKO) erneut und nimmt Stellung zu den Aussagen von Dr. Wolfgang Bärtl (BFAV-Vorsitzender). Sie betont, dass die Kassenärztliche Vereinigung alle niedergelassenen Vertragsärzte und -psychotherapeuten vertrete. Es gehe nicht an, dass die Vergütung der Leistungen einer Gruppe dauerhaft zulasten einer anderen Gruppe gehe, dies säe Zwietracht unter den Fachgruppen.

Sie vermeidet tunlichst den Namen des Vorsitzenden oder des Verbandes zu erwähnen. Enger war übrigens vor ihrer Wahl in den KVB-Vorstand an der Spitze des BFAV.

Am Schluss bleibt die Frage: wer könnte von der Zwietracht unter den Fachgruppen profitieren?

Willi Strobl
Landessprecher Bayern

Kontakt: bayern@ dgvt.de


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