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Wie wollen wir im Alter leben? [1]

Ingelore Fohr über Quartierskonzepte als Alternative zum Altenheim Vorspann: Im Geiste von Klaus Dörner argumentiert Ingelore Fohr hier gegen die Institutionalisierung und Hospitalisierung von alten Menschen in Alten- oder Pflegeheimen und für die Zukunft der Hausgemeinschaften und Quartierskonzepte.


In der Aufbruchsstimmung der 1970er Jahren wurden verschiedene gesellschaftliche Bereiche kritisch beleuchtet und Veränderungsmöglichkeiten diskutiert. Dazu gehörte auch die Lage psychisch kranker Menschen in unserem Land und anderswo. 1975 wurde die Psychiatrie-Enquete veröffentlicht, und Missstände bei der Betreuung und Versorgung psychisch Kranker wurden offen gelegt. Daraus entstand eine breite Reformbewegung mit dem Ziel, die Situation dieser Menschen zu verbessern, Ausgrenzungen zu beenden und die Reintegration dieser Menschen in die Gemeinschaft zu fördern. Im Zuge dieser Bewegung wurde die Hospitalisierung bzw. Institutionalisierung psychisch Kranker kritisch beleuchtet, wobei deutlich wurde, dass diese Art des Umgangs mit den Problemen das Leid der betroffenen Menschen vergrößerte. Es dauerte aber noch ungefähr 20 Jahre, bis die Ideen der Psychiatrie-Reformbewegung politisch umgesetzt wurden, Langzeitstationen in großen psychiatrischen Kliniken aufgelöst und andere Wohn- und Betreuungsformen etabliert wurden. Ein wichtiger Vertreter dieser Bewegung in Deutschland war Klaus Dörner.

Nun sind viele Menschen, die sich damals für die Veränderung der psychiatrischen Versorgung eingesetzt haben, erheblich älter geworden und stehen selbst vor dem Problem, irgendwann ihr Leben nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen zu können und auf Hilfe angewiesen zu sein. Die Kleinfamilien sind dabei häufig überfordert und die Zahl der älteren Menschen wird irgendwann die der jüngeren übersteigen, spätestens wenn die geburtenstarken Jahrgänge alt geworden sind. Welche Möglichkeiten bieten sich dann? Wie wollen wir im Alter und bei Pflegebedarf leben? Und wie wollen wir das Zusammenleben in Stadtteilen und Wohnquartieren und das Zusammenleben der Generationen gestalten? Diese Fragen betreffen mittlerweile alle, auch die jüngeren. Denn die Infrastruktur, die wir heute schaffen wird viele Jahrzehnte erhalten bleiben.

Auch wenn es sicher große Unterschiede zwischen verschiedenen Heimen in der Art der Betreuung und in der Einstellung gegenüber den Bewohnerinnen und Bewohnern gibt, bleibt das Problem, dass jedes Altenpflegeheim eine Form der Institutionalisierung (im Sinne von Klaus Dörner) mit einem strukturell bedingten Verlust an Autonomie der Bewohnerinnen und Bewohner ist. Dies betrifft nun Menschen, die meist ein langes Leben lang selbstbestimmt gelebt haben. – Wenn auch die Situation in Pflegeheimen in diesem Sinne besonders drastisch ist und eine Hospitalisierung fördert, gilt diese Kritik grundsätzlich für alle Großeinrichtungen, auch andere Altenheime und Altenwohngemeinschaften, weil sie grundsätzlich keine Versorgungssicherheit bieten und bei intensiverem Pflegebedarf doch wieder auf das Pflegeheim verweisen. Versorgungssicherheit besteht nur, wenn in jeder Pflegesituation eine Versorgung im angestammten Wohnumfeld möglich ist. Die Zukunft liegt deshalb bei Hausgemeinschaften.

Nun stellt sich die Frage, ob die Errungenschaften der Psychiatrie-Reform auch auf den Bereich der Altenpflege übertragen werden können. So würden diejenigen, die sich früher für eine Verbesserung der Lage psychisch Kranker eingesetzt haben, nun mit diesen Ideen auch ihre eigene zukünftige Lage verbessern können.

Viele Menschen sind auch heute noch mangels örtlicher Alternativen oder aufgrund der Kostenersparnis gegen ihren Willen zu einem Umzug in eine Heimeinrichtung gezwungen. Nicht zuletzt die UN-Behindertenrechtkonvention, die auch die Selbstbestimmung über die Wohnform und den Wohnort einfordert stellt die traditionelle Form des Pflegeheims in Frage und fordert zeitgemäße Konzepte für die Versorgungssicherheit ein. Wir stehen damit auch vor der Aufgabe, zukunftsorientierte Lösungen und Angebote für ein Zusammenleben der Generationen und Menschen mit unterschiedlicher kultureller Herkunft in den Kommunen und Quartieren zu entwickeln und zu fördern.

Einen Lösungsansatz hierzu stellen die Quartierskonzepte dar. die schon in einigen Ländern verwirklicht werden konnten und in Deutschland bereits an einigen Orten umgesetzt werden. Hierbei bieten eine Vielzahl von individuellen, auf die persönliche Bedarfslage ausgerichteten Wohn- und Pflegeformen eine grundlegende Alternative zu den bestehenden traditionellen Versorgungsstrukturen in der Pflege und Unterstützung. Diese sind verbunden mit Sozial-, Pflege- und Gesundheitsdienstleistungen, einer sozialen und zum Alltagsleben notwendigen Infrastruktur sowie eine Kooperation von professionellen Hilfen, Nachbarschaftsarbeit und sozialen Netzen im Quartier.

Darüber ist eine altersgerechte Gestaltung der Wohnquartiere und Gemeinden notwendig, die eine gemeinsame ressortübergreifende Sozial- und Stadtplanung und Kooperationen vor Ort erforderlich macht, sowie eine Gestaltung und Angebotsstruktur, mit denen alle Menschen auch unterschiedlicher kultureller Herkunft erreicht werden.

Was versteht man nun unter Quartierskonzepten?

Bei den Quartierskonzepten stehen die kleinräumige Organisation von Wohnen und Betreuung im überschaubaren und vertrauten Wohnquartier, sowie die Vernetzung unterschiedlicher Wohn- und Betreuungsformen innerhalb der Wohnquartiere im Vordergrund. Ziele sind Selbstbestimmung, Normalität, Integration in die örtliche Gemeinschaft sowie Orientierung auf das Gemeinwesen.

Quartierskonzepte[2] beziehen sich auf eine Umgestaltung des Wohnens und Zusammenlebens auf kommunaler Ebene, damit die Bedürfnisse von Menschen, die in ihrer Mobilität und Anforderungen des täglichen Lebens eingeschränkt sind und/oder einer besonderen Pflege und Hilfestellung bedürfen, berücksichtigt werden können. Dabei wird eine Versorgungssicherheit gegeben als Garantie für alle Menschen, die in dieser Lage sind oder später in diese Lage kommen können. Dies beginnt bereits bei der Stadtplanung und dem kommunalen Wohnungsbau. Hier muss von vornherein auf Barrierefreiheit und Inklusion geachtet werden. Eventuell müssten vorhandene Häuser und Wohnungen im Nachhinein umgebaut werden. Hinzu kommt, dass Pflegestützpunkte im Stadtteil und nahe bei den Bürgern eingerichtet werden und zwar dezentral. Hier sollte dann ein 24-Stunden-Service angeboten werden mit integrierter Notfallhilfe. Dabei kann auf vorhandene Versorgungsstrukturen zurück gegriffen werden, die gebündelt und koordiniert werden müssen.

Eine weitere wichtige Anforderung ist die Einrichtung von Begegnungsräumen in Form von sozialen Zentren, Cafés, eventuell mit Mittagstisch etc., um einer Vereinsamung gerade älterer Menschen entgegen zu wirken. Denkbar und teilweise erprobt sind auch integrierte Pflegewohnungen, in denen schwerstpflegebedürftige Menschen versorgt werden können, ohne dass sie ihr Wohnumfeld verlassen müssen. Eine weitere Anforderung besteht in einer qualifizierten Pflegeberatung, die wohnortnah angeboten werden sollte und einem Case-Management unter Beteiligung aller Akteure. Mögliche Wohnformen sind neben betreuten Einzelwohnungen auch Senioren-Haus- oder Wohngemeinschaften, wobei am wichtigsten ist, dass die jeweiligen Bewohner ihre Wohnform selbst wählen und nicht dazu genötigt werden.

Nachbarländer haben sich schon auf den Weg gemacht

In Dänemark wurde 1987 ein Baustopp für Pflegeheime durchgesetzt. 1988 wurde ein Gesetz zur Umgestaltung und Neuausrichtung der Pflege auf den Weg gebracht, wonach Pflegeheime in Gesundheitszentren mit Altenwohnungen und Pflegewohnungen umgebaut werden sollten, Altenwohngemeinschaften und betreutes Wohnen sowie gemeindenahe Dienste ausgebaut werden sollten. Hinzu kam der Ausbau eines neutralen kommunalen Beratungsangebots mit präventiven Hausbesuchen. Auf diesem Weg ist es gelungen, im Laufe der Zeit eine flächendeckende Versorgung mit diesen Angeboten zu erreichen.

Dass auch in Deutschland solche Veränderungen der Lebensformen älterer und behinderter MitbürgerInnen möglich sind, zeigen einige vielversprechende Projekte. Das bekannteste ist das Bielefelder Modell. Hier ist die Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft, eine Kooperationen mit örtlichen Trägern von Pflege- und Unterstützungsleistungen eingegangen und hat in verschiedenen Stadtteilen barrierefreie Wohnungen eingerichtet und mit Pflegestützpunkten verbunden. Die Wohnungen werden an Menschen mit und ohne Behinderung und Unterstützungsbedarf, Angehörige verschiedener Generationen, Familien, Paare oder Alleinstehende vermietet, wobei darauf geachtet wird, dass der Anteil von BewohnerInnen mit Pflegebedarf weder unter- noch überschritten wird, um ein individuelles Angebot zu ermöglichen ohne generelle Pflegepauschale, die der Miete hinzugerechnet würde, aber mit so vielen Bedürftigen, die Pflegeleistungen abfragen, dass sich ein eigener Stützpunkt mit Beratung und der Vermittlung von Pflegedienstleistungen im Quartier lohnt. Die Planung beginnt also bei der Bauplanung, weshalb eine Wohnungsbaugenossenschaft als Trägerin sehr sinnvoll ist.

Mittlerweile haben sich schon in vielen Kommunen selbst in ländlichen Regionen Quartierskonzepte mit unterschiedlichen Wohn- und Pflegearrangements entwickelt, neben Bielefeld z.B. in Münster, Hagen, Köln und Berlin. Aber auch in dörflichen Umgebungen wie in Rötingdorf. Viele Projekte wie bspw. in Hagen oder Rötingdorf sind aus bürgerschaftlichem Engagement entstanden. In Selbsthilfe wurde hier eine Versorgungslücke geschlossen.

Voraussetzungen für das Gelingen von Quartierskonzepten

Die wichtigste Voraussetzung ist eine Beteiligung der BewohnerInnen eines Quartiers. Schließlich handelt es sich um eine Neugestaltung des unmittelbaren Lebensraums. Die Beteiligung könnte in Form von Diskussionsveranstaltungen unter Einbeziehung wichtiger lokaler Interessenvertreter und verschiedener Einrichtungen vor Ort geschehen. Weiter ist es wichtig, die vorhandenen Ressourcen eines konkreten Stadtviertels oder einer ländlichen Gemeinde zu analysieren, um vorhandene günstige Bedingungen nutzen und ungünstige Bedingungen verändern zu können. Professionelle Hilfe ist dabei nur eine Seite der Medaille, sie sollte ergänzt werden durch bürgerschaftliches und nachbarschaftliches Engagement. Hierbei gilt es, das soziale Netzwerk eines Quartiers zu nutzen, auszubauen und zu fördern durch eine dazu geeignete kommunale Planung (z.B. Schaffung von Begegnungsräumen, Barrierefreiheit im Viertel etc.). Ein anderer wichtiger Ansatzpunkt sind die bereits örtlich agierenden Dienste und Träger. Das Projekt kann nur gelingen, wenn diese Kräfte gebündelt und koordiniert werden Planungsprozesse müssten ressortübergreifend ausgerichtet werden, weil sehr verschiedene Bereiche der kommunalen Planung betroffen sind.

Die Aufgabe der Politik wäre, einen gesetzlichen Rahmen dafür zu schaffen. Wie am Beispiel Dänemark zu sehen ist, gehört dazu auch ein Baustopp für Altenheime und andere Sondereinrichtungen. Altenheime binden nämlich einen großen Teil der finanziellen Ressourcen und sind grundsätzlich am Erhalt der alten Strukturen interessiert. Deshalb ist auch von Trägern und Betreibern von Altenheimen der größte Widerstand gegen die neuen Konzepte zu erwarten. Vorhandene Altenheime sollten auf jeden Fall in die Planungen von Umstrukturierungen einbezogen werden. Wie das gelingen kann, zeigt ebenfalls das Beispiel Dänemark. Eine andere Gefahr, die meiner Meinung nach von vornherein berücksichtigt und abgewendet werden sollte, ist das zu erwartende Bemühen bestimmter privater Träger und Kapitalgesellschaften, solche Strukturen zu bauen und – wie im Gesundheitswesen leidlich bekannt – eher an einem Marktvorteil als an einer Sicherstellung der Versorgung interessiert sind. Bisher sind mir aber glücklicherweise noch keine konkreten Beispiele dafür bekannt.

Auf jeden Fall kann man jetzt schon sagen, dass Kommunen, wenn sie sich heute für eine zukunftsgerechte Gestaltung der Quartiere einsetzen, nicht nur sozialpolitisch lohnende Investitionen machen, sondern sich auch von den Folgekosten des ausgrenzenden Sondersystems entlasten. Schon in der Psychiatriereform-Bewegung hat sich gezeigt, dass die alten Strukturen nicht nur menschliches Leid durch Verlust von Autonomie und Förderung von Chronifizierung zur Folge hatten, sondern volkswirtschaftlich gesehen enorm teuer waren.

Von den politischen Parteien wird dieses Konzept vor allem Bündnis 90/Die Grünen verfolgt, weil es sich mit dem Anspruch deckt, Strukturen zu verändern, um die Lebenssituation bestimmter Bevölkerungsgruppen zu verbessern.

Bleibt zu hoffen, dass diese neuen Konzepte bald flächendeckend verwirklicht werden können und die alt gewordenen Anhänger der 68er Bewegung und der Psychiatrie-Reformbewegung nun selbst in den Genuss ihres damaligen Engagements kommen. Dies gilt natürlich auch für alle anderen Menschen unserer alternden Gesellschaft.

Ingelore Fohr

I.F. ist Psychologische Psychotherapeutin, Mitglied im erweiterten Vorstand des VDÄÄ und Bürgermitglied der Düsseldorfer Ratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Ausschuss „Gesundheit und Soziales“)

 

Literaturempfehlungen

Ursula Kremer-Preiß: „Neuausrichtung der öffentlichen Daseinsvorsorge zur Sicherung der Selbstbestimmung pflegebedürftiger Menschen“, KDA 2010

Harald Wölter/Ralf Zimmer-Hegmann: „Integrierte und quartiersbezogene Ansätze für das Wohnen im Alter“, in: V.Kreutzer u.a. (Hg.), 2008, S.135-146

Harald Wölter: „Wohnen im Alter im Quartier. Integrierte und quartiersbezogenen Ansätze“, in: G.Schmitt/K.Selle (Hg.): „Bestand? Perspektiven für das Wohnen in der Stadt“, 2008, S. 461-479

Leben und Wohnen im Alter. Werkstatt-Wettbewerb Quartier, Bertelsmannstiftung, KDA 2005

Quartierstützpunkte. Kurzinfo zu den ersten Quartierstützpunkten in Münster. Ambulante Dienste e.V. 2011 [unveröffentlichtes Manuskript]


[1] VDÄÄ-Rundbrief, Ausgabe 3/2011; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.

[2] Bei meiner Darstellung beziehe ich mich auf Präsentationen von Harald Wölter, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Altenpolitik von Bündnis 90/Die Grünen in NRW, und anschließende Diskussionen im Rahmen von mehreren LAG-Sitzungen der NRW-Grünen. Der Text wurde von Harald Wölter gelesen und teilweise korrigiert.


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