< vorheriger Artikel

Eine Herausforderung!

Für die Inhaltliche Kongress-Planungsgruppe eröffnete Bernhard Scholten den 27. DGVT-Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung und führte in das Kongress-Thema „Psychotherapie kann mehr …“ ein.


Herzlich danken möchte ich zunächst dem Hausherrn der Freien Universität Berlin, dass wir auch in diesem Jahr – wenn ich richtig gezählt habe – zum 11. Mal Gast der Freien Universität Berlin mit diesem Kongress sein dürfen. In den 80er Jahren war die Freie Universität Berlin ein Hort der Freiheit, Ende der 90iger Jahre sind wir als Kongress-Planungsgruppe ihr „untreu“ geworden, wollten mit Kongressen an der TU und dann an der Humboldt-Universität näher am Plus der Stadt sein; doch die guten Räume, die angenehme Atmosphäre hier im Henry-Ford-Bau entschädigen für die längere Anfahrt und sie helfen, sich auf die Themen des Kongresses zu konzentrieren. 

Darüber hinaus ist die Freie Universität Berlin ein historischer Ort für die DGVT, denn diese wurde 1976 – also vor 36 Jahren – hier an der Freien Universität Berlin gegründet. Damals vereinigte sich die Gesellschaft zur Förderung der Verhaltenstherapie mit dem Deutschen Berufsverband der Verhaltenstherapeuten zur DGVT. Ziemlich genau 36 Jahre später – nämlich auf der Mitgliederversammlung 2012 der DGVT – wurde ein Berufsverband der Verhaltenstherapeuten gegründet.

 „Psychotherapie kann mehr …“ – dieser Titel wurde eigentlich bei der City-Night-Lecture auf dem letzten Kongress 2010 geboren. Nils Birbaumer berichtete in einem spannenden Vortrag von den Möglichkeiten psychotherapeutischen Handelns. Er beschrieb die Arbeit mit einem Patienten, der lernte, seine Gehirnströme aktiv zu beeinflussen, um so mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten. Er forderte uns auf, das psychotherapeutische Wissen gerade für Menschen, die von der Medizin „vergessen“ oder als „nicht-behandelbar“ diagnostiziert wurden, nutzbar zu machen. Menschen, so seine Schlussfolgerung, können lernen – auch unter schwierigsten Bedingungen. Und die Ergebnisse der Lernpsychologie sind wesentliche Grundlage psychotherapeutischen Handelns, so Birbaumer.

„Psychotherapie kann mehr …“, so Birbaumer, wenn sie sich auf ihre Grundlagenwissenschaft – die Psychologie besinnt und es ihr gelingt, die Ergebnisse der psychologischen Grundlagenforschung für ihre Arbeit nutzbar zu machen.

„Psychotherapie kann mehr …“ wenn es ihr gelingt, einen Diskurs zwischen den Forschenden und den psychotherapeutisch Tätigen zu eröffnen; denn beide – die Forschenden und die praktisch Tätigen – können voneinander lernen und können von den Erfahrungen des jeweils Anderen neue Erkenntnisse für die jeweilige Arbeit erhalten. Dieser Kongress will diesen Diskurs zwischen Forschung und Praxis – dabei verkenne ich nicht, dass auch Forschung ihre Praxis hat – ermöglichen. Die DGVT-Spring-School ist ein Beispiel, diesen Diskurs zu ermöglichen. Eigentlich sind alle Symposien dieses Kongresses auch eine Plattform für diesen Diskurs zwischen Wissenschaft und Praxis.

„Psychotherapie kann mehr …“ – wenn sie ihr Vorgehen wissenschaftlich begründen kann und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen weiterentwickelt. Dies gelingt ihr dann in besonderer Weise, wenn sie ihren wissenschaftlichen Anspruch nicht auf eindimensionale Effizienzkriterien reduziert sondern sich – entsprechend den komplexen Anforderungen ihrer Klientinnen und Klienten – auch ihre eigenen hermeneutischen Methoden nutzt, um die Mehrdimensionalität psychischen Geschehens und psychischen Leidens verstehbar und damit auch veränderbar zu machen. Immerhin hat Daniel Kahnemann als Psychologe im Jahr 2002 "for having integrated insights from psychological research into economic science, especially concerning human judgment and decision-making under uncertainty“ den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Ich bin mir auch sicher, dass dies die drei Referenten des Internationalen Symposiums Tom Borkovic, Steven Hayes und Stefan Hofmann sehr ähnlich sehen, wenn sie ihre „Theory of Psychotherapy“ entwickeln.

„Psychotherapie kann mehr …“, wenn sie sich für Entwicklungen in Nachbardisziplinen öffnet und deren Erkenntnisse für ihre eigene Theoriebildung und für die Entwicklung ihres praktischen Handelns nutzt. Dabei gilt es, nicht schnell die populären und modischen Begriffe zum Beispiel aus der Hirnforschung als Label zu übernehmen, um „up-to-date“ zu sein; sondern die Ergebnisse der Nachbardisziplinen sind vor dem Hintergrund der eigenen empirischen Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen kritisch-konstruktiv zu reflektieren. Die Referenten beim Internationalen Symposium werden zeigen, wie dies zur eigenen Theoriebildung gelingen kann. Ich bin sicher, dass auch Siegfried Gauggel diesen Diskurs im Hauptvortrag vertiefen wird. Andere Symposien wie beispielsweise das Symposium zur Psychotherapieforschung oder das Symposium zu den neuronalen und biologischen Aspekten von psychischen Störungen in der Psychotherapie werden dies aufgreifen und fortführen.

„Psychotherapie kann mehr …“, wenn sie offen dafür ist, neue Wege in der Behandlung von Menschen zu gehen. So bin ich sehr gespannt auf den Vortrag von Christine Knaevelsrud. Sie hat sowohl über die Möglichkeit der Online-Behandlung geforscht wie auch konkret gearbeitet. Sie und andere konnten so Menschen helfen, für die ansonsten eine psychotherapeutische Behandlung aufgrund ihrer Lebensbedingungen unerreichbar gewesen wäre.

„Psychotherapie kann mehr …“, wenn sie ihre Grenzen und Beschränkungen kennt und auf sie achtet. Psychotherapie ist nicht immer das „Mittel der Wahl“ – nicht umsonst heißt dieser Kongress: Kongress für klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung. Psychotherapie ist in diesem Titel eingerahmt von der klinischen Psychologie, die auf die wissenschaftliche Herkunft der Psychotherapie verweist, und der Beratung, ein gutes Instrument, um beispielsweise Menschen in schwierigen Lebenssituationen eine Orientierungsangebot zu geben. Wie Beratung angesichts ungewisser Lebenssituationen gelingen kann, wird am Runden Tisches des Forums Beratung diskutiert. Die 2. Frankfurter Erklärung zur Beratung, Anfang des Jahres vom Forum Beratung veröffentlicht, verweist auf die Eigenständigkeit von Beratung hin.

„Psychotherapie kann mehr …“, wenn sie die Menschen als Subjekte ihres eigenen Lebens ernst nimmt. Kennzeichen der Verhaltenstherapie ist sicherlich, dass sie den Ratsuchenden auf gleicher Augenhöhe begegnet, ihn als „Experten in eigener Sache“ in Lebenskrisen annimmt, um ihm die Möglichkeit zu eröffnen, neue Handlungen zu erlernen, die ihn befähigen, die belastenden Situationen und Krisen zu bewältigen. Eine gute Psychotherapie befähigt den Menschen, seine Verwirklichungschancen nutzen zu können. Natürlich gibt es Menschen in Lebenskrisen, die zuerst einmal Halt, Unterstützung und eine stabilisierende Begleitung brauchen; so wichtig dies ist, so zeichnet sich gute Psychotherapie darin aus, diese Abhängigkeitssituation aufzulösen und nicht auszunutzen.

„Psychotherapie kann mehr …“, wenn sie nicht auf die Pathologisierung kritischer Lebensereignisse setzt, sondern wenn sie in den Krisen auch die Chancen für die Menschen erkennt. Ist die Trauer nach dem Verlust einen geliebten Menschen eine zutiefst menschliche Regung – oder ist sie Hinweis auf ein psychisches Leiden? Diese Frage wird zurzeit in der US-amerikanischen Debatte zur Ausgestaltung des DSM V (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) sehr intensiv und leidenschaftlich geführt. Ist Trauer beim Tod eines Menschen eine „normale“ oder eine „pathologische“ Reaktion? Oder wann wird eine normale Reaktion pathologisch? Das sind Fragen, die nicht einfach zu beantworten sind, denn sie berühren den Kern unseres menschlichen Daseins. Dazu gehört auch, die Sinnsuche von Menschen und – auch wenn manche Suchbewegungen sie für uns als scheinbar rational denkende und handelnde Menschen noch so unverständlich sind – ernst zu nehmen. Ich bin mir sicher, Dieter Vaitl wird mit seinem Vortrag zur „Faszination des Paranormalen – oder: Die Geister leben in uns“ in der 2. City-Night-Lecture auf diese Thematik eingehen.

„Psychotherapie kann mehr …“ – wenn sie die Lebenswelten ihrer Klientinnen und Klienten kennt und diese als „extratherapeutische Wirkfaktoren“ – um den Titel eines Symposiums aufzugreifen – berücksichtigt.

„Psychotherapie kann mehr …“ – mit diesem Versprechen wollten wir – die Inhaltliche Planungsgruppe – Sie zu diesem Kongress locken. Das ist uns gelungen, sonst wären Sie nicht alle heute hier.

„Psychotherapie kann mehr …“ – das ist mehr als ein Versprechen – wie die vielfältigen Symposien dieses Kongresses belegen.

„Psychotherapie kann mehr …“ – diese Aussage will Mut machen; denn Psychotherapie kann mehr als manche andere (nicht nur im Gesundheitswesen) versprechen. Dabei ist dies keine Aufforderung hochmütig zu werden, sondern nur selbstbewusst und vielleicht sogar ein wenig demütig; denn im Sinne von Nils Birbaumer ist die Aussage „Psychotherapie kann mehr …“ auch eine Herausforderung. Vergleichen Sie Ihre Möglichkeiten und Ihr Können, achten Sie auf die Grenzen und Begrenzungen, damit können Sie diesen Kongress für sich und für Ihr berufliches Handeln nutzen.

Wir haben als Inhaltliche Planungsgruppe unsere Aufgabe, einen guten Kongress zu organisieren, dann gut erledigt, wenn Sie nach Hause fahren und für sich resümieren: „Psychotherapie kann mehr …“.

Bernhard Scholten, Mitglied der Inhaltlichen Kongress-Planungsgruppe

 


Zurück