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Vorrang für Prävention - Prof. Dr. Bernd Röhrle bleibt auch in seiner Dankesrede seinem zentralen Thema treu


Es ist mir eine große Ehre, dass mir die DGVT den Preis für die Entwicklung der Psychotherapie bzw. Verhaltenstherapie in gesellschafts- und gesundheitspolitischer Verantwortung und der biopsychosozialen Prävention und Intervention dieses Jahr verliehen hat. Ich bedanke mich mit sehr viel Freude dafür. Es ist mir bewusst, dass damit nicht allein meine Bemühungen auf diesem Gebiet gemeint sind, sondern dass dieser Preis vor allem dem Erhalt einer Idee und Orientierung dient, welcher die DGVT, aber auch andere Verbände, seit ihren Anfängen tief verpflichtet sind. Dabei ist hervorzuheben, dass es sich letzten Endes um eine in sich zutiefst widersprüchliche Idee handelt: Man mag glauben, dass sich Behandlung und Prävention in einem sich ergänzenden Verhältnis zueinander bewegen, jedoch muss die Idee der Prävention und Gesundheitsförderung aus ethischen, aber auch aus versorgungspolitischen Gründen letztlich Vorrang erhalten. Das oberste ethische Prinzip „No Harm“ macht dies ebenso notwendig, wie die wenigstens gleichbleibend hohen epidemiologischen Raten an psychischen Störungen, die es bei einer deutlichen Zunahme der Inanspruchnahme quantitativ ausgebauter Versorgungsangebote zu beobachten gibt. Erfolgreiche Prävention und Gesundheitsförderung muss aus diesen Gründen die Bedeutung von Behandlungsangeboten (und damit auch von Psychotherapie und den damit verbundenen Professionalisierungsinteressen) deutlich relativieren.

Dieser Preis aber wird damit letztlich nicht nur einer in sich widersprüchlichen Idee verliehen, sondern auch all jenen Menschen in meinem sozialen Netzwerk, die diese Idee mit tragen oder aber die meine Bemühungen auch durch viel Verzicht auf meine Person unterstützt haben. Deshalb gilt an dieser Stelle mein Dank nicht allein der DGVT, sondern vor allem auch meiner Familie und all meinen Freunden und Kollegen, die mein Denken in all den Jahren mit geprägt und mich motivational in meinem Unterfangen gestützt haben, die Breite der mit diesem Preis verknüpften Thematik zu halten. Hervorheben möchte ich meine gemeindepsychologischen Freunde, bei denen ich viel gelernt habe, mich außerhalb des Mainstreams zu bewegen, ohne ihn ganz zu verlassen. Ein besonderer Dank gebührt auch meinem Freud Gert Sommer, der mit mir eine Professur teilte, nicht nur um mich zu stützen, sondern eben auch die Idee dieses Preises.

Der immanente Widerspruch des Preises wird dieses Jahr verschärft durch den Beschluss der DGVT, wieder einen Berufsverband zu gründen. Damit wird der Widerspruch zwischen der Aufhebung des Kurativen und den damit einhergehenden berufspolitischen Interessen einerseits und der Pflege des Gesunden auch außerhalb von professionalisierten Interessen noch deutlicher, als er schon bislang schon war. Aber vielleicht ist dies auch ein Vorteil: der Verband wird sich noch deutlicher als bislang mühen müssen, diesen Widerspruch wenigstens zu pflegen ohne ihn ganz auflösen zu können.

So ist der Preis auch eine Verpflichtung für mich, die angesprochenen Netzwerkmitglieder, aber auch für die DGVT selbst, die gesellschafts- und gesundheitspolitische Verantwortung wahrzunehmen und dafür zu sorgen, dass es letztlich um die Vermeidung - und zur Not auch um die Behandlung - psychischen Leids geht und nicht um irgendwelche ICD-Ziffern. Mit dem Blick auf die ätiologischen Hintergründe eben dieses Leids wird in dieser Verantwortung man nicht umhin können, für eine gerechtere und humanere Welt zu kämpfen.


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