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„Beschwingter Spaziergang“ - Laudatio auf Dr. Michael Witthöft zur Verleihung des DGVT-Förderpreises


Sehr gerne habe ich die ehrenvolle Aufgabe übernommen, die Laudatio für Herrn Dr. Michael Witthöft zu halten, der dieses Jahr den DGVT-Förderpreis für herausragende Nachwuchsleistungen auf dem Gebiet der Entwicklung der Verhaltenstherapie zugesprochen bekam. 

Michael Witthöft zeichnet sich in meiner Erfahrung dadurch aus, dass er mit Herz und Verstand Wissenschaftler ist. Ich kenne wenige Personen, die so leidenschaftlich und gleichzeitig so konzentriert und präzise über neue Wege nachdenken, um die komplexen Wirkzusammenhänge psychischer Störungen besser verstehbar zu machen. Er entfaltet dabei eine solche Freude und Kreativität, dass der leider ja extrem mühselige Weg in eine wissenschaftliche Karriere bei ihm manchmal wie ein beschwingter Spaziergang aussieht. Und ich bin persönlich dankbar, dass ich ihn schon wiederholt auf einem solch beschwingten Spaziergang begleiten durfte.

Nach einem Studium der Psychologie an der Universität Mannheim, wo er unter Betreuung von Professor Wittmann seine Diplomarbeit verfasst hat, hat Michael Witthöft seine wissenschaftliche Karriere am Zentralinstitut für seelische Gesundheit begonnen. In Kooperation mit den Professoren Josef Bailer und Fred Rist hat er dort seine Promotionsarbeit durchgeführt, in der er grundlegende kognitive Prozesse wie Aufmerksamkeits- und Gedächtnisverzerrungen sowie Symptomattribution vor allem im Zusammenhang mit der idiopathischen umweltbezogenen Intoleranz untersuchte. Er konnte hier erste Hinweise liefern, dass auch die idiopathische umweltbezogene Intoleranz als eine Variante der somatoformen Störungen betrachtet werden kann. Diese Promotionsarbeit wurde nicht nur mit summa cum laude bewertet, sondern auch mit dem begehrten Förderpreis für jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Fachgruppe „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) ausgezeichnet.

Parallel zu seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hat er am Zentrum für Psychologische Psychotherapie seine Psychotherapie-Ausbildung absolviert und diese 2008 mit der Approbation und Fachkunde für Verhaltenstherapie abgeschlossen. Im gleichen Jahr wechselte er an die Universität Mainz, wo er als wissenschaftlicher Assistent in der Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie von Professor Wolfgang Hiller sowie als Mitglied im Leitungsteam des Behandlungsschwerpunkts Hypochondrie und Krankheitsangst an der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie seine wissenschaftliche und klinische Tätigkeit weiter verknüpfen konnte. Aktuell ist er mit finanzieller Unterstützung eines Post-Doc-Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes als Gastwissenschaftler bei Professor Simon Wesseley am Department of Psychological Medicine des Institute of Psychiatry am King’s College in London tätig.

Michael Witthöft beschäftigt sich mit einer ganzen Reihe von Themen, aus denen ein Bereich jedoch besonders hervorsticht: der Bereich der somatoformen Störungen und der Gesundheitsangst. Wege zu finden, um somatoforme Störungen besser zu verstehen und darauf aufbauend angemessen zu behandeln, ist nach wie vor eine große Herausforderung für die Psychotherapie. Michael Witthöft hat es sich in seiner Forschung zum Ziel gesetzt, zu erkunden, weshalb Betroffene eigentlich ihre (Körper-)symptome überhaupt wahrnehmen, wie sie sich ihre Symptome erklären und welche Prozesse dazu beitragen, dass sie durch die Symptome so sehr belastet werden. Zwar sind diese drei Aspekte in kognitiv-verhaltenstherapeutischen Modellen zum Verständnis von somatoformen Störungen schon lange postuliert; experimentelle Befunde dazu sind aber rar. Michael Witthöft hat in den letzten Jahren durch seine experimentellen Arbeiten grundlegend dazu beigetragen, diese Lücke langsam zu schließen. Drei seiner Projekte zum Thema Hypochondrie wurden entsprechend von der DFG und dem DAAD als förderwürdig eingeschätzt. Die Ergebnisse seiner Forschungstätigkeit hat Michael Witthöft in vielen Artikeln veröffentlicht, zehn Artikel allein in diesem und letztem Jahr und in den renommiertesten internationalen Fachzeitschriften der Klinischen Psychologie und Medizin.

Ich freue mich nicht nur über den Preis für Michael Witthöft, weil er aus meiner Sicht ein besonders förderungswürdiger Preisträger ist, sondern auch, weil mit ihm ein Wissenschaftler ausgezeichnet wurde, der mit eher grundlagenorientierten Arbeiten einen Preis erhalten hat, der Leistungen auf dem Gebiet der Entwicklung der Verhaltenstherapie auszeichnet. Wir erleben aktuelle Zeiten, in denen die Therapiepraxis besonders im Vordergrund steht. Gesellschaftliche Entwicklungen haben dazu geführt, dass der Druck auf die Hochschulen und auch auf die psychologischen Studiengänge deutlich größer geworden ist, nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine berufspraktische Ausbildung sicherzustellen. Auch im direkten Austausch mit Studierenden wird deutlich, dass sich diese häufig vor allem eine praktisch-therapeutische und weniger eine grundlagenorientierte Ausbildung wünschen.

In den Projekten von Michael Witthöft wird besonders gut deutlich, wie wichtig – gerade für die Praxis der Psychotherapie – ein fundiertes Verständnis der grundlegenden Störungsmechanismen ist. Es wird auch deutlich wie wichtig dabei psychologisches Wissen ist, das vor allem durch experimentalpsychologische Forschung gewonnen werden kann. Allein die Fokussierung auf die Überprüfung von Therapie-Manualen im Rahmen von Therapiestudien reicht nicht aus. Grundlagenorientierte Forschung wie die von Michael Witthöft ist zwingend notwendig.

Beispielhaft sei ein aktueller Befund aus seiner Arbeitsgruppe genannt. Er konnte zeigen, dass entgegen gängiger Kognitiv-Verhaltenstherapeutischer Modellvorstellungen bei Patienten mit einer somatoformen Störung die Zahl aversiv erlebter Symptome negativ mit der Fähigkeit zusammenhängt, Vorgänge im eigenen Körper wahrzunehmen. Auf diesem Ergebnis aufbauend ist er mit seiner Arbeitsgruppe zurzeit daran, ein Training zu entwickeln, mit dem die Körperwahrnehmung verbessert werden kann. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass dieses nicht nur die Wahrnehmungsfähigkeit für körperliche Prozesse verbessert, sondern es auch zu einer Abnahme von aktuellen Beschwerden kommt.

Michael Witthöft verbindet also in vorbildlicher Weise die wissenschaftliche Analyse grundlegender Störungsmechanismen mit der Entwicklung neuer Ansätze zur Behandlung psychischer Erkrankungen. Damit wird hier eine „Scientist Practitioner“ in bester psychologischer Tradition mit dem Förderpreis der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie ausgezeichnet. Michael, ich darf dir dazu ganz herzlich gratulieren.

Alexander L. Gerlach

Prof. Dr. Alexander L. Gerlach ist Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Köln.

Kontakt: alexander.gerlach@uni-koeln.de


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