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Bericht aus der 11. Delegiertenversammlung (Rosa Beilage zur VPP 2/2012)


Delegiertenversammlung der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer

Die 11. Delegiertenversammlung der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer fand am 23. März in Stralsund statt. Die Wahl eines weiteren Bundesdelegierten, die Änderung der Sachverständigen-Richtlinie und ein Beschluss zur künftigen Neufassung unserer Beitragsordnung standen an.

Vorstand und Geschäftsführung berichteten, dass mit dem Thüringer Gesundheitsministerium seit Dezember eine Vereinbarung zur Notfall-Psychotherapie besteht und dass im Februar diesen Jahres eine Schulung stattfand und nun 24 PsychotherapeutInnen für Notfälle bereitstünden. In Schwerin fand, wie schon zuvor einmal in Dresden, eine Informationsveranstaltung für angestellte approbierte Psychotherapeuten statt. Mit 40 Teilnehmerinnen war sie für mecklenburgische Verhältnisse (327 Kammermitglieder, davon rund 150 Angestellte) sehr gut besucht. Aus Brandenburg wurde berichtet, dass der Modellvertrag der gesetzlichen Unfallversicherung bezüglich psychotherapeutischer Versorgung nach Amokläufen sich mittlerweile auch auf das OPK-Curriculum Trauma-Psychotherapie als Kriterium beziehe. Die nächsten Länder-Informationsveranstaltungen des OPK-Vorstandes finden am 5.9. für Mecklenburg-Vorpommern in Rostock, am 6.9. für Brandenburg in Potsdam, am 19.9. für Sachsen, am 20.9. in Magdeburg für Sachsen-Anhalt sowie am 25.9. in Weimar für Thüringen statt.

In Leipzig fand am 7. März eine Fachtagung der OPK zur Umsetzung des Versorgungsstrukturgesetzes statt. Der Gemeinsame Bundesausschuss müsse bis Sommer Beschlüsse fassen, die dann die Länder-KVen umzusetzen hätten. Neue Ländergremien für sektorübergreifende regionale Versorgungslösungen werden wohl eingerichtet. Sie haben allerdings nur beratende Funktion. Es ist unklar, ob die OPK in ihnen eine Stimme haben wird. Eine gewisse inhaltliche Vorbereitung will die OPK im 4. Quartal 2012 mit einer Veranstaltung in Leipzig zu Modellen der „Gestuften Versorgung“ bieten. Solche wurden in Großbritannien, den Niederlanden und Schweden bereits realisiert und könnten irgendwann auch auf uns zukommen.

Ebenfalls in Leipzig fand ein erstes OPK-PiA-Treffen statt, 15 ostdeutsche Ausbildungszentren hatten PiA entsandt. Neben der Arbeitsgemeinschaft zur Entwicklung eines gemeinsamen Managements von Beschwerden über PiA-Therapien wurde von der OPK jetzt also auch ein direkter Kontakt zu den hiesigen PiAs initiiert. Ebenfalls eingeladen waren frisch Approbierte; es kamen 22. Sie wurden in die Kammerthemen eingewiesen und zu berufspolitischem Engagement motiviert. Aus dem Kreis der anwesenden PiAs wurden spontan erste ostdeutsche Vertreter für die PiA-Bundeskonferenz erkoren. Mehrere OPK-Delegierte regten in der Diskussion an, eine offiziellere Form der Beteiligung der ca. 1.000 ostdeutschen PiAs an der OPK zu suchen.

In die OPK-Sachverständigenliste konnten bislang 23 Antragstellende (von 33) neu aufgenommen werden. Unsere Sachverständigen-Fachkommission (Sprecher: Dr. Steffen Dauer) prüft mittlerweile auch für die NRW-Kammer Anträge. Künftig einmal jährlich bietet die OPK das Basismodul an, dazu noch zwei bis drei Spezialisierungs-Module. Das größte Interesse besteht an Familienrecht sowie an Straf- bzw. Vollstreckungsrecht.

Der Prüfungsausschuss Klinische Neuropsychologie konnte von 18 Anträgen bislang neun positiv bescheiden. Für die OPK-Psychotraumatherapie-Liste liegen bislang 45 Anträge vor, die größtenteils noch in Bearbeitung sind.

Die wissenschaftliche Referentin, Dipl.-Psych. Kerstin Dittrich, informierte über ihren neuen Arbeitsschwerpunkt "Entwicklungen der Integrierten Versorgung". Mittlerweile entstünden häufiger als anfangs Modelle zur Versorgung psychischer Störungen. Sie werde einen Kriterienkatalog als Entscheidungshilfe sowohl für Interessenten wie auch für die politische Diskussion entwickeln.

Für das Psychotherapeutenjournal, die bundesweite Kammerpublikation, sei zwischen den Länderkammern nun eine neue vertragliche Konstruktion gefunden worden. Der OPK-Vorstand trage diese mit, wolle aber aufmerksam deren Tragfähigkeit im Auge behalten.

Die Neuregelung des Umsatzsteuergesetzes (§ 4 Nr. 26b UStG), nach der für die Entschädigungen der BPtK-Vorstände künftig wohl Umsatzsteuer anfallen wird, dürfte zu einer Erhöhung der BPtK-Abgaben führen. Vom BPtK-Vorstand werde wohl eine Beitragserhöhung verlangt werden, pro Kammermitglied sieben Euro. Nicht eingeplante Umsatzsteuer sowie die Auflage, mögliche Übergangsgelder für den Vorstand in die Rücklage einzustellen, würden diese Erhöhung ab dem Jahr 2013 nötig machen.

Der Zweite ostdeutsche Psychotherapeutentag soll am 21. u. 22. März 2014 in Leipzig mit dem Leitthema "Therapeutische Beziehungen" stattfinden.

Der Mitgliederstand der OPK ist weiter gewachsen, wir haben aktuell 2.917 Mitglieder. So war ein weiterer OPK-Delegierter für die deutschen Psychotherapeutentage zu wählen. Es kandidierten Rüdiger Bürgel, KJP aus Thüringen, und Christoph Bosse, PP aus Mecklenburg-Vorpommern. Das Abstimmungsergebnis war denkbar knapp, auf Bosse entfielen 17, auf Bürgel 16 Stimmen, bei einer Enthaltung. Nun musste für Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Vertreter anstelle von Christoph Bosse gewählt werden, Dr. Reininger wurde bei einer Enthaltung gewählt.

Der Entwurf zur Neufassung der Richtlinie der OPK zur Eintragung in die Sachverständigenliste wurde vorgestellt, diskutiert und einstimmig beschlossen. Hauptsächlich ging es bei den Neuerungen um die Einschränkung der Liste auf reine OPK-Mitglieder. So halten es wohl auch die anderen Länderkammern. Langfristig sollen die zwei in den Bundesländern realisierten unterschiedlichen Richtlinien evaluierend miteinander verglichen werden.

Die Weiterentwicklung unserer Beitragsordnung will die bisherige Aufteilung der Beitragsklassen nach Angestellten und Niedergelassenen durch eine reine Einkommensorientierung ersetzen. Der Maximalbeitrag bliebe weiterhin 450 €, in dieser Beitragsklasse befände sich, wer im Jahr 33.600 € oder mehr verdient. In der Beitragsklasse darunter (360 €, angestellte und verbeamtete Vollbeschäftigte, bislang ein Drittel der Mitglieder) fiele künftig, wer mehr als 26.880 € Einkünfte hätte. Das entspricht 100% der Bezugsgröße des aktuell durchschnittlichen Einkommens deutscher Rentenversicherungspflichtiger. Ändert sich diese Bezugsgröße des deutschen Durchschnittseinkommens, würden sich automatisch die Grenzen der Beitragsklassen ändern. In Beitragsklasse drei fiele, wer lediglich 20.160 € (60 %) überschreitet. Wenn das Jahreseinkommen darunter liegt, befindet sich in Beitragsklasse vier (180 €). Eine Änderung der Beitragshöhe hingegen könnte auch in Zukunft lediglich von der OPK-Delegiertenversammlung beschlossen werden. Von all dem soll unbenommen bleiben, dass man jederzeit Antrag auf Einzelfallentscheidung stellen könne. Wer keinen Einkommensnachweis führen möchte, käme automatisch in Beitragsklasse eins. Nach Einschätzung des Vorstandes sollte diese Beitragsordnung für die OPK tendenziell ertragsneutral sein. Die Delegiertenversammlung beauftragte den Vorstand einstimmig, die Beitragsordnung im vorgestellten Sinne auszuarbeiten demnächst zur Abstimmung vorzulegen.

Der Ausschuss für Satzung und Geschäftsordnung / Berufsordnung und Berufsethik wendet sich nach den Worten seines Vorsitzenden Johannes Pabel verstärkt berufsethischen Fragen zu. Diese wolle man auch in einem Workshop zum Kammer-Beschwerdemanagement einbringen. Der Ausschuss bat den Vorstand, das Thema „Status von PIAs in der OPK“ auf die Tagesordnung einer der nächsten Kammerversammlungen zu setzen, damit die Delegierten darüber inhaltlich diskutieren. Daneben suche man weiter Ideen, wie es künftig zu mehr Kandidaturen bei unseren Kammerdelegierten-Wahlen kommen könnte. Eine Änderung der Wahlordnung sei aber nicht nötig.

Der Ausschuss für die besonderen Angelegenheiten der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten beschäftigte sich mit dem geringen Bekanntheitsgrad von KJP, dem anderen Krankheitskonzept, verschränkt mit Entwicklung und Erziehung und der stärkeren Kooperation mit anderen Berufsgruppen. Punkt 1: Man habe mit der Überarbeitung einer Broschüre der Techniker Krankenkasse und der Ärztekammer in Thüringen begonnen. Punkt 2 und 3: Der Ausschuss denkt über alternative Versorgungsformen nach. Für ADHS z. B. gebe es viele Versorgungsmodelle ohne psychotherapeutische Versorgung, dabei liege von der KBV-Vertragswerkstatt hierzu ein guter Mustervertrag vor. Man wolle auch mit KollegInnen, die im Kostenerstattungsverfahren arbeiten, Kontakt aufnehmen. In der Diskussion wurde angeregt, auch auf die Ausbildungsinstitute zuzugehen.

Der Schlichtungsausschuss hatte erfreulicherweise wenige Fälle zu bearbeiten. Nachdem man einen Entscheidungsbaum „'Beschwerdemanagement“' verfasst habe, wolle man sich nun einem neuen Schwerpunktthema widmen, der Problematik alkoholkranker Psychotherapeuten.

Der Forschungsausschuss berichtete von einer demnächst erscheinenden Publikation im Psychotherapeutenjournal zum Thema „Spezialisierung“. Man versuche, den Kontakt zu Forschungsausschüssen in anderen Landeskammern auszubauen. Es mussten einige Anfragen von Forschungsprojekten bearbeitet werden. Man wolle eine Kooperationsvereinbarung für Forschungsprojekte erarbeiten, um Forschungsvorhaben Dritter gegebenenfalls besser unterstützen zu können. Hauptsächlich widmete man sich aber den eigenen Projekten. Es erfolge eine weitere Datenauswertung des erhobenen Fragebogens bezüglich Angestellten/Beamten. Im nächsten Quartal soll eine Pilot-Befragung möglichst aller neuen PatientInnen der Kammerdelegierten erfolgen. Ein kurzer Fragebogen sei fast fertig und werde alsbald verschickt. In der Diskussion wurde von den Delegierten ein großer Bedarf an empirischer fundierter Argumentation im Feld der Versorgungspolitik gesehen.

Für den Angestellten-Ausschuss berichtete Jürgen Golombek von der erfreulich gut besuchten Info-Veranstaltung in Mecklenburg. Man plane ein Informationsschreiben an Krankenhäuser wegen der Fortbildungspflicht unserer Mitglieder. Weiter soll eine Veranstaltung für leitende Psychotherapeuten durchgeführt werden.

Für den Aus- Fort- u. Weiterbildungs-Ausschuss schlug Dr. Thomas Guthke vor, einen einheitlichen Fortbildungsnachweis von allen OPK-Mitgliedern zu fordern. Dessen Kriterien sollten der Maximalvariante, der sozialrechtlichen Fortbildungspflicht Niedergelassener, entsprechen. Transparenz, Übersichtlichkeit und Gleichbehandlung sprächen für eine solche Ausdehnung der berufsrechtlichen Fortbildungspflichten. In 2011 wurden übrigens 346 Akkreditierungen von Fortbildungsveranstaltungen geprüft (2010: 280). Eine Dauer-Akkreditierung hatten vergangenes Jahr 47 Veranstalter.

Landes-Psychiatriebeiräte: In Brandenburg engagieren sich einige OPK-Mitglieder in den verschiedenen Arbeitsgruppen: ambulante Versorgung, stationäre Versorgung, gemeindepsychiatrische Versorgung, gerontopsychiatrische Versorgung, Kinder- und Jugendpsychiatrische Versorgung. Zum Beispiel konnte die Empfehlung verhindert werrden, Kliniken als Psychotherapie-Ausbildungspraxen anzuerkennen. Auch dem Ansinnen der Refinanzierung von Forensik-Ambulanzen aus Niedergelassenen-Töpfen konnte erfolgreich widersprochen werden. Fehlt in Brandenburg noch ein Landespsychiatrieplan, so ist er in Mecklenburg-Vorpommern bereits etabliert. In Sachsen hingegen stehe man im Psychiatriebeirat noch ziemlich am Anfang.

Aus der Arbeit in der Bundespsychotherapeutenkammer wurde am Beispiel des Patientenrechte-Gesetzentwurfs berichtet. Informationspflichten, Werbung, Aufklärung, Dokumentations- und Einsichtspflichten, das sind die für uns wesentlichen Felder. Es sei etwas zu pauschal, dass Ärzte-Vertreter Ausnahmen von diesen Pflichten immer zuerst mit den Besonderheiten psychisch Kranker zu begründen versuchten. Die aktuelle Gesetzentwurfs-Formulierung zu den Einsichtspflichten, man solle im Zweifelsfall einfach nichts mehr aufschreiben, stehe klar im Gegensatz zu unserer Berufsordnung. Auf einem OPK-Workshop zum Beschwerdemanagement am 8.6. will man sich auch mit diesen Fragen beschäftigen, ebenso auf einem BPtK-Workshop am 29.9. Eine  Kammerrechts-Klausurtagung wird sich mit Problemen der Kinder- und Jugendpsychotherapie beschäftigen und findet am 22.6. in Düsseldorf statt.

Vortrag: Hohe Prävalenzraten psychischer Störungen

Zwei Impulsreferate kreisten um den Themenkomplex, wer bzw. wie viele Menschen künftig psychotherapeutisch zu behandeln sei. Den Anfang machte Professor Dr. Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin mit seinem Vortrag "Wie sind die hohen Prävalenzraten psychischer Störungen zu bewerten?". Er zeigte zuerst den Unterschied zwischen der Populationsprävalenz und der normalerweise in klinischen Forschungen berücksichtigten Behandlungsprävalenz auf. Eine adäquate Deskription z. B. der Depressionsprävalenz bietet zum Beispiel die Ein-Monatsprävalenz, sie beträgt ca. 6 %. Jacobis erste Hauptthese lautete: psychische Störungen gehören genauso zum Leben wie primär somatische Störungen. Auf diesem Hintergrund sollte man die Ein-Jahres-Gesamtprävalenz von 38,2 % 'Brain Diseases' sehen. Zudem bedeute nicht jede Diagnose automatisch einen Handlungsbedarf.

Der Eindruck einer gesellschaftlich insgesamt zunehmenden psychischen Morbidität entspringt wohl hauptsächlich einer Bedeutungszunahme des Psychischen im gesellschaftlichen Bewusstsein. Die Ergebnisse epidemiologischer Bevölkerungsstudien hingegen seien über die Jahrzehnte recht stabil. Auch bedeute der starke Anstieg psychogener Frühberentungen insgesamt keine Kostenexplosionen, da  zugleich die somatogenen Frühberentungen in noch größerem Maße zurückgingen.

Wichtiger als die Verfeinerung der Diagnosen sei die Betrachtung der Krankheitslast, die im Maß 'YLD' (Krankheitsbeeinträchtigte Lebensjahre) deutlich werde, diese gingen zurzeit zu 42 % auf psychische Erkrankungen zurück! Möglicherweise könnte man durch Investitionen in direkte Kosten (frühzeitige Behandlung) die lebenslangen (eher indirekten) Kosten in großem Maße senken. Insgesamt muss man sagen: "No health without mental health!".

Vortrag: Wen sollten die Psychotherapeut/innen behandeln?

Den zweiten Vortrag hielt Dr. med. Markus Pawelzik von der EOS-Klinik Münster zum Thema "Wen sollten die Psychotherapeut/innen behandeln? Normative Aspekte der ‚diagnostischen Inflation’. Er startete mit einer eher soziologischen These: Normen konstituieren Tatsachen. So könne eine Zunahme der Diagnose-Stellung z. B. davon abhängen, wie bewusst Hausärzten bestimmte Krankheitskonzepte bzw. wie bekannt einzelne Diagnosekriterien sind oder ob überhaupt ein effektives Behandlungsverfahren geläufig ist.

Ethische Imperative in der heutigen Heilkunde seien noch am ehesten die vier von Beauchamp und Childress postulierten Prinzipien der Benefizienz, Non-Malefizienz, Autonomie und Gerechtigkeit. Ressourcenverschwendung z. B. sei ungerecht. Auch praktisch sei die Frage „Wen behandeln?“ bereits vor jeder individualethischen Abwägung existent, sie steckt z. B. in der definitorischen Grenzziehung zwischen Gesundheit und Krankheit oder in Übereinkünften, was als behandelbar gilt. Das in der heilkundlichen Ethik relativ neue Prinzip der Autonomie führt in logischer Konsequenz hin zum expliziten Vereinbaren von Behandlungsaufträgen. Das Vorenthalten einer effektiven Behandlungsmethode wäre somit ein Verstoß gegen das Non-Malefizienz-Prinzip. Das Gerechtigkeits-Prinzip führt dann wiederum hin zu Abwägungen zwischen Effektivität und Effizienz.

Für praktischere Antworten auf die Frage, wen Psychotherapeuten behandeln sollten, spielte Pawelzik eine ‚Stakeholder‘-Analyse durch. Um sich zu orientieren, sei für den Patienten zuerst die Frage wichtig: „Was habe ich, kann man’s behandeln?“, für den Therapeuten: „Kann und will ich das behandeln?“, für den Kostenträger: „Wie viele Mittel muss ich dafür einsetzen?“. Die Antworten auf diese Fragen bestimmen, was als Behandlungsbedarf zu Tage tritt. Für das Weitere wurde eine Art Motivationsanalyse herangezogen: Patienten mögen Kuscheltherapie und meiden Arbeitsaufwand meiden, Therapeuten mögen Erfolg und meiden Frustration, Kostenträger mögen Berechenbares und meiden hohe Ausgaben. Unterm Strich laufe das zusammen auf die Behandlung von YAVIS (young, attractive, intelligent, verbal, successful)-PatientInnen und MAVEZ (motiviert, änderungsbereit, vertrauensvoll, engagiert, zuversichtlich)-PatientInnen hinaus. Das passe zu Analysen von DGPPN-Repräsentanten, nach denen die Hausärzte mehr als zehnmal so viele, die Psychiater mehr als doppelt so viele Psycho-Diagnosen versorgen als es Psychotherapeuten tun. Hier stelle sich die Frage, warum die Psychotherapie nur einen Bruchteil der PatientInnen erreiche und welche Bias da selegiere.

Als Zwischenresultat sei festzuhalten, dass alle Stakeholder tendenziell unmoralisch bzw. interessensgesteuert sind. Insofern bedrohten die Psychotherapeuten ihre eigene Profession. Ethik und Moral fiele die Aufgabe zu, alle Stakeholder auf dem Weg des Guten und Rechten zu halten. Insofern sei zu fordern, dass die psychisch Schwerkranken besser psychotherapeutisch versorgt würden. Eine Selektion anderer Patientengruppen sei nur zu vertreten, wenn für diese größerer Behandlungserfolg nachgewiesen sei. Für die Forderung nach einer Ausweitung der psychotherapeutischen Versorgung gebe es also nicht nur Pro-, sondern durchaus auch Contra-Argumente. Das britische Modell zeigt hingegen, dass nicht die Ethik, sondern allein der gesellschaftliche Rationalisierungsdruck Behandlungen nach dem ‚state of the art‘ durchsetze. Dort würden neuerdings z. B. wesentlich mehr Depressive psychotherapeutisch versorgt, allerdings mit max. 15 Sitzungen pro Patient. Neben der Heilkunde entscheiden der gesellschaftliche Wohlstand und die gültigen sozialen Standards in einem gesellschaftlichen sozialen Diskurs über die Behandlungsbedingungen. Auch unsere Krankheitskonzepte seien nicht nur biologisch, sondern auch sozial und lebensweltlich.

In einer allzu großen Moralisierung der Gesellschaft liege eine Gefahr, für die psychotherapeutischen Methoden seien hingegen die gesellschaftlichen Chancen unerkannt groß: gesundheitspsychologisch könne die große allostatische Last der Gesellschaft gemindert werden, 60% unserer gesundheitlichen Morbidität gelten als primär verhaltensabhängig!

Mit einem solchermaßen geweiteten Horizont verabschiedeten sich die Delegierten ins schmale Rest-Wochenende.

Jürgen Friedrich
Der Autor ist DGVT-Landessprecher in Mecklenburg-Vorpommern, Mitglied der Kammerversammlung und Mitglied des Forschungsausschusses


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