< vorheriger Artikel

Bericht der Landesgruppe Schleswig-Holstein (Rosa Beilage zur VPP 2/2012)


Pro und contra
Weiterbildungsregelung Neuropsychologie

In der Kammerversammlung herrschten bekanntlich bislang recht unvereinbar erscheinende, weitgehend gegensätzliche Positionen bezüglich der Notwendigkeit bzw. Entbehrlichkeit einer Weiterbildungsregelung zur neuropsychologischen Therapie vor. Im Lichte des G-BA-Beschlusses vom November 2011 sah nun der Vorstand aber die dringende Notwendigkeit, in der Kammerversammlung eine offene Diskussion zu führen, wie die Kammer sich in dieser Frage angesichts des G-BA-Beschlusses zukünftig positionieren soll.

Als inhaltlichen Input ließ er zunächst den G-BA-Beschluss sowie die diesbezüglichen Auflagen und Prüfaufträge des BMG vom 30.1.2012 an den G-BA erörtern. Es wurde hervorgehoben, dass nach dem G-BA Beschluss ambulante neuropsychologische Diagnostik und Therapie zukünftig gesetzlich Versicherten bei kognitiven und seelischen Störungen, Schädigungen und Behinderungen nach erworbener Hirnschädigung oder Hirnerkrankung als Kassenleistung zur Verfügung gestellt werden solle. Während die Feststellung, ob eine erworbene Hirnschädigung oder Hirnerkrankung als Indikation für eine neuropsychologische Diagnostik und Therapie vorliegt, definierten Ärztegruppen vorbehalten bleibt, werden als mögliche Leistungserbringer für die spezifische neuropsychologische Diagnostik, Therapieplanung und -durchführung neben bestimmten Ärztegruppen auch Vertragspsychotherapeuten mit Fachkunde in einem Richtlinienverfahren und neuropsychologischer Zusatzqualifikation benannt. Die neuropsychologische Zusatzqualifikation muss dabei inhaltsgleich oder gleichwertig der Zusatzbezeichnung für Neuropsychologie gemäß Weiterbildungsordnung der jeweiligen Landeskammer sein oder, soweit eine Weiterbildungsregelung nicht besteht, gemäß der Musterweiterbildungsregelung der BPtK.

Vor diesem Hintergrund konnte festgestellt werden, dass eine fehlende Weiterbildungsordnung Mitglieder der PKSH nicht von der Leistungserbringung ausschließe; PKSH-Mitglieder müssten dann nur die Qualifikationen gemäß Musterweiterbildungsregelung nachweisen. (Auch in den Psychotherapeutenkammern HH und Bayern sowie in sämtlichen Ärztekammern fehlt es aktuell ebenfalls noch an entsprechenden Weiterbildungsregelungen zur Neuropsychologie). Hieraus ergebe sich also keine Notwendigkeit, nun schnell eine entsprechende Weiterbildungsregelung zu verabschieden. Nachteil wäre allein, dass Mitglieder der PKSH einen entsprechenden Zusatztitel auch bei nachgewiesenen Qualifikationen nicht führen könnten.

In der Diskussion wurde weiter erörtert, dass das Heilberufekammergesetz die Einführung einer Zusatzbezeichnung (Weiterbildungsordnung) nur dann vorsieht, wenn diese im Hinblick auf eine „angemessene gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung“ „erforderlich“ sei. Erforderlichkeit setze zumindest voraus, dass durch eine entsprechende Weiterbildungsregelung eine angemessene Versorgung prognostisch auch wirklich erreicht werden könne. Hieran bestehen bislang in einem erheblichen Teil der Kammer und im Vorstand begründete Zweifel. Die Qualifikationsanforderungen (zwei Jahre Vollzeitweiterbildung, mindestens 400 Stunden Theorie und 100 Stunden Supervision) erscheinen so hoch, dass wohl kaum ein sozialrechtlich zugelassener Vertragspsychotherapeut mit Fachkunde in einem Richtlinienverfahren (nur diese gehören nach dem G-BA-Beschluss aktuell zu dem Leistungserbringerkreis) bereit sein dürfte, eine solche Weiterbildung in Angriff zu nehmen. Nach dem verkündeten Ergebnis einer von der Kammer durchgeführten kurzfristigen Umfrage unter den Landeskammern, die schon eine entsprechende Weiterbildungsordnung verabschiedet haben, wurde deutlich, dass hier bislang ausschließlich KollegInnen nach Übergangsregelungen unter Nachweis früher erworbener Qualifikationen den Zusatztitel beantragt haben, aber kein Einziger die Weiterbildung nach den neuen Regelungen begonnen habe. Somit würde eine Weiterbildungsordnung analog zur Musterweiterbildungsregelung die Versorgung prognostisch gerade nicht sicherstellen, sondern eher behindern und wäre nach dem Heilberufekammergesetz gerade nicht „erforderlich“, müsste im Gegenteil sogar wieder aufgehoben werden (§ 33 Abs. 2). Auch das BMG teile offensichtlich diese Zweifel und habe mit Fristsetzung bis zum 31.7.2012 diesbezüglich konkrete Prüfaufträge an den G-BA erteilt.

Die Attraktivität einer eventuellen Weiterbildungsregelung hänge neben dem Aufwand, die notwendigen Qualifikationen zu erwerben, auch von den damit verbundenen (zusätzlichen) Erlösmöglichkeiten ab. Die Honorarziffern für die neu zu definierenden neuropsychologischen Leistungen zu Lasten der GKV sind aber noch gar nicht festgelegt. Hierzu gaben verschiedene Kammerversammlungsmitglieder unterschiedliche persönliche Einschätzungen ab und berichteten über verschiedene Gerüchte zu dieser Thematik. Einigkeit bestand aber darin, dass die Leistungen für den definierten Leistungserbringerkreis gänzlich unattraktiv wären, wenn die Honorarziffern deutlich unter denen für antragspflichtige Psychotherapie zurückbleiben sollten.

Dr. Heinz Liebeck, vom Vorstand zu dieser Thematik als Experte in den Bereichen Ausbildung und Leitlinien eingeladen, referierte zunächst über den Bedarf an neuropsychologischen Leistungen in Schleswig-Holstein und über die Entwicklung der in der Musterweiterbildungsregelung definierten Qualifizierungsstandards, verglich diese im weiteren mit Weiterbildungsregelungen zu Zusatzbezeichnungen im ärztlichen Bereich und arbeitete abschließend Redundanzen mit der Psychotherapieausbildung nach dem Gegenstandskatalog des IMPP bzw. dem Psychologiestudium heraus. Er verwies auf die Thematik der Finanzierung von Weiterbildung vor dem Hintergrund bekannter eklatante Unterschiede in den Regelungen der Bezahlung zwischen ärztlicher Weiterbildung und Ausbildung zum PP/KJP.

Nach einer langen, angeregten, sehr konstruktiven und sachbezogenen Diskussion sprach sich die Kammerversammlung einstimmig dafür aus, den Fort- und Weiterbildungsausschuss zu beauftragen, bis November einen Entwurf einer eigenen Weiterbildungsregelung zu erarbeiten, der um Redundanzen und überzogen erscheinende Anforderungen im Vergleich zur Musterweiterbildungsregelung reduzierte, inhaltlich aber begründbare Weiterbildungsstandards definiert. Dann solle die Kammerversammlung an dem konkreten Entwurf die Frage der Notwendigkeit oder Sinnhaftigkeit einer Weiterbildungsregelung zur neuropsychologischen Therapie weiter diskutieren. Die Entwicklung bleibt also spannend.

Claudia Tiefert, Patrick Will, Detlef Deutschmann, Bernd Schäfer
LandessprecherInnen Schleswig-Holstein


Zurück