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Der Berufsstand ist gut aufgestellt für die Zukunft

Bericht über den 20. Deutschen Psychotherapeutentag


Der 20. DPT befasste sich zumindest auf den ersten Blick mit den Alltagsgeschäften einer Kammer, die auf eine mittlerweile fast zehnjährige Tätigkeit zurückblicken kann. Nachdem der vorangegangene DPT im November in Offenbach noch ganz im Zeichen möglicher rascher politischer Veränderungen gestanden hatte (insbesondere hinsichtlich der von der Psychotherapeutenschaft erhofften Ausbildungsreform sowie der Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung), hatte sich der „Debattierdruck“ bei diesem DPT etwas reduziert – in beiden Fällen liegt es nun an der Politik bzw. den Selbstverwaltungsgremien, die notwendigen Schritte zu machen. Dennoch: sowohl eine rasche Änderung des Psychotherapeutengesetzes als auch eine Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung tun weiterhin Not.

Bericht des BPtK-Vorstands

Der Bericht des Vorstands und die sich an die einzelnen Themen anschließende Aussprache nahmen zeitlich großen Raum ein. Es zeigte sich hier sowohl die breite Palette der Aufgaben, die Politik und gesellschaftliche Entwicklungen dem Berufsstand aufgegeben haben, und mit denen sich die BPtK auch dieses Jahr wieder beschäftigt. Deutlich wurde daran aber auch, dass der Berufsstand und die BPtK (inklusive Mitarbeiterstab) gut aufgestellt sind, sich fachlich fundiert und mit zunehmenden Partizipations- und Einflussmöglichkeiten im Feld Ge-sundheitswesen und - politik zu bewegen. 

Patientenrechtegesetz und Patientenorientierung

Aktuell befasst sich die BPtK mit Themen, die die Patientenperspektive betreffen. Das ist zum einen das aktuell geplante Patientenrechtegesetz. Hier steht aus Sicht der BPtK noch eine Klärung bei der Frage der Einsichtnahmerechte in die Patientenakte aus (Patienten mit psychischen Erkrankungen sollen hier nicht von vornherein gegenüber somatisch erkrankten Patienten diskriminiert werden). Ebenso stellt das Einsichtnahmerecht der Sorgeberechtigten bei der Behandlung von Minderjährigen (insbesondere bei vorliegenden Konflikten zwischen dem Patienten und den Sorgeberechtigten bzw. bei Sorgerechtsstreitigkeiten) eine Herausforderung im Praxisalltag dar. Hier sucht die BPtK noch nach Lösungen im Gesetzgebungsverfahren.

Zum anderen versucht die Bundeskammer mit den von ihr herausgegebenen Patientenbroschüren „Wege in die Psychotherapie“ und einem Kostenerstattungsratgeber Patientenrechte zu stärken – indem diese bspw. dabei unterstützt werden, einen Anspruch auf rechtzeitige Behandlung beim Psychotherapeuten zu realisieren.

Ausbildungsreform

Das föderale Chaos in Bezug auf die Zugangsvoraussetzungen insbesondere zur KJP-Ausbildung zu beseitigen, bezeichnete der BPtK-Vorstand als eine der wichtigsten Forderungen. Man werde diese weiterhin ans BMG herantragen. Die eingeschlagene Linie des Reformmodells (sog. große Lösung) will der BPtK-Vorstand nicht verlassen. 

Situation der Angestellten in Kliniken

Dietrich Munz, BPtK-Vizepräsident, stellte die aktuelle Umfrage unter angestellten KollegInnen in Kliniken vor. Bei der Sichtung der zur Verfügung gestellten Arbeitsverträge sei die mangelnde Verankerung von Leitungsfunktionen in den Arbeitsverträgen, trotz tatsächlich ausgeübter Leitungsfunktion, augenscheinlich geworden.

Neuropsychologische Therapie

Der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zur Neuropsychologie hat bekannterweise dazu geführt, dass die neuropsychologische Therapie in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen wurde. Derzeit werden die EBM-Gebührenpositionen verhandelt. Hier zeichnet sich eine durchaus positive Einstufung ab. Die Möglichkeit, mit KV-Zulassung an der GKV-Versorgung teilzunehmen, ist nun eröffnet. Nebenbei sei angemerkt, dass neuropsychologische Leistungen von den Krankenkassen außerhalb des Budgets zu finanzieren sind.

In der Aussprache zu diesem TOP kam die Frage auf, was abweichende Weiterbildungsordnungen in einzelnen Landeskammern zukünftig bedeuten könnten. BPtK-Justitiar Martin Stellpflug wies darauf hin, dass für die Qualifizierung immer die Regelung gelte, die die jeweils zuständige Landeskammer erlassen habe. Diese sei der Anknüpfungspunkt für die Mitglieder in den jeweiligen Landeskammern. Hat eine Landeskammer aber keine Regelung erlassen, gelte die Muster-Weiterbildungsordnung. Sowohl Landes- als auch Muster-Weiterbildungsordnungen könnten jederzeit abgeändert werden, resumierte Stellpflug.

Nationale Präventionsstrategie

Hierin sieht die BPtK die nächste „Großbaustelle“, v.a. die betriebliche Gesundheitsförderung mit Blick auf die psychische Gesundheit stellt für BPtK-Präsident Rainer Richter einen zentralen Ansatzpunkt dar. Derzeit wird seitens der Bundesregierung an einer Nationalen Präventionsstrategie gearbeitet. Es liegt aber noch kein abgestimmter Vorschlag der Koalitionspartner vor.

In der anschließenden Aussprache zum Vorstandsbericht wies Heiner Vogel (DGVT) auf die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den anderen psychologischen Berufsgruppen im Bereich Prävention hin. Prävention sei wesentlich nicht nur als heilkundliche Behandlungsleistung zu verstehen, sondern bilde vielfältige Angebotsformen ab.

Gute Praxis Psychotherapeutische Versorgung / Leitlinien-Prozess

Die leitliniengerechte Versorgung schwerer psychischer Erkrankungen steht im Mittelpunkt einer neuen Veranstaltungsreihe der BPtK. Dabei steht aus Sicht von BPtK-Präsident Rainer Richter als erstes Fazit fest, dass die Überarbeitung der Indikationen in der Psychotherapie-Richtlinie dringend geboten ist. Diese entsprächen nicht mehr dem Stand der Wissenschaft (da nicht – wie bislang vorgesehen – die Diagnose, sondern die Art der Funktionsbeeinträchtigung den Schweregrad einer Erkrankung bestimme). Die BPtK hat sich gegenüber dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) für eine Überarbeitung der Indikationen-Beschreibung ausgesprochen, eine Reaktion des G-BA stehe derzeit noch aus. 

Zu psychotischen Erkrankungen hat die BPtK 2012 einen Workshop veranstaltet (eine ausführliche Dokumentation liegt online vor). Weitere Termine wird es in 2012 noch zu folgenden Störungsbildern geben: Essstörungen, Borderline-Störungen, bipolare Störungen.

Weitere Tagesordnungspunkte,  Resolutionen

Ausbildungsreform

Obwohl die Ausbildungsreform bei diesem DPT kein eigenständiger Tagesordnungspunkt war, ist dieses Thema doch von größter Bedeutung für den Berufsstand. Der Problemdruck wird hier von Seiten des BPtK-Vorstands als auch von den Delegierten und den Verbände-Vertretern gesehen. Es lagen im Vorfeld des DPT inhaltlich übereinstimmende Erklärungen sowohl von der BPtK (in Form eines entsprechenden Resolutionsentwurfs) als auch von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Träger der Ausbildungsinstitute (BAG) vor, die gleichermaßen den Master als einheitliches Qualifikationsniveau fordern. Über dieses wichtige Anliegen herrscht zwischen BPtK und BAG inhaltlicher Konsens. Im Rahmen ihrer jeweils eigenen Erklärungen erhoffen sich alle Beteiligten, das Gewicht der Problematik deutlicher an die Politik herantragen zu können.

Die BPtK bezieht sich in ihren Forderungen ganz deutlich auf eine Reform des postgradualen Ausbildungssystems und machte auch in der vorangegangenen Aussprache zum Vorstandsbericht klar, dass sie zu ihrem in die Politik eingebrachten Reformkonzept weiterhin stehe. Das vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) aus rechtssystematischen Gründen favorisierte Modell der Direktausbildung werde von der BPtK weiterhin abgelehnt, insbesondere solange eine Erprobung und Evaluierung von Modellstudiengängen noch nicht stattgefunden hat. Dass man einen langen Atem hat, wenn es um die Zukunft der Profession geht, hatte man bereits beim letzten DPT in Offenbach zum Motto gemacht – damals unter dem Eindruck des Besuchs von Gesundheitsminister Bahr, von dem man sich deutlichere Signale in Richtung einer baldigen Novellierung des Psychotherapeutengesetzes gewünscht hatte.

Der BPtK-Vorstand fasste das Thema schlussendlich unter dem programmatischen Satz „Ausbildungsreform jetzt!“ zusammen. Mit diesem Titel legte die BPtK zum DPT eine Resolution vor, die mit großer Mehrheit beschlossen wurde. Im Text fand man auch deutliche Worte bezüglich der prekären Lage der Psychotherapeuten in Ausbildung während der Praktischen Tätigkeit, die „vielerorts an Ausbeutung grenze“.

Der Bologna-Prozess bewegt die BPtK in vielerlei Hinsicht: derzeit bemüht sich die BPtK, die Beteiligung von Kammervertretern an der Evaluierung von Studiengängen im sog. „Akkreditierungsrat“ zu ermöglichen, mit dem Ziel, das Niveau der notwendigen Zugangsqualifikationen zur postgradualen Ausbildung sicherzustellen.

Finanzen – Beitragserhöhungen

Zum Antrag des BPtK-Vorstands zur Änderung der jährlichen Mitgliedsbeiträge der Landespsychotherapeutenkammern bei der BPtK um 7 Euro auf insgesamt 55 Euro (pro approbiertem Kammermitglied) wurde noch kurzfristig ein Änderungsantrag der hessischen Kammer-Delegierten eingebracht. Darin forderten sie, die Beiträge nur um 6 Euro zu erhöhen. Damit sei die gewünschte und auch erforderliche Steigerung zugestanden und man „müsse nicht in eine andauernde Finanzdebatte eintreten“. Zudem sei die Steigerung mit 6 Euro etwas moderater und besser begründet. Der Änderungsantrag konnte sich nicht durchsetzen. Der Antrag des Vorstands auf Erhöhung um 7 Euro wurde mehrheitlich angenommen.

Zukunft der psychotherapeutischen Versorgung / Reform der Bedarfsplanungs-Richtlinie

Ein zentrales Thema kam ganz am Ende des DPTs zur Sprache – die Zukunft der psychothe-rapeutischen Versorgung und der Reformbedarf in der Bedarfsplanungs-Richtlinie. Monika Konitzer vom BPtK-Vorstand erläuterte die historischen Fehler in der Bedarfsplanung für die Psychotherapie. Die Kernforderung eines von der BPtK erarbeiteten Positionspapiers ist die Korrektur des Stichtags zur Berechnung der Verhältniszahlen. Die BPtK schlägt vor, das Jahr 2005 als Bezugsgröße für die Bedarfszahlen zu wählen. Damit wäre eine Vielzahl neuer Kassen-Sitze zu erwarten.

Zudem machte die BPtK deutlich, welche weiteren Verschlechterungen der Versorgung zu erwarten wären, sollte der Demografiefaktor auch auf die Arztgruppe Psychotherapie angewandt werden. Bei psychischen Erkrankungen ergibt sich, anders als bei vielen somatischen Krankheiten, kein altersbedingter Behandlungsmehrbedarf. 

In einer Resolution „Dringend in ambulante Psychotherapie investieren“ wurde vom DPT mit großer Mehrheit gefordert, dass die Krankenkassen den notwendigen Ausbau der ambulanten Psychotherapie anerkennen, sowohl in anstehenden Gesetzgebungsverfahren als auch innerhalb der zuständigen Gremien der Selbstverwaltung. Dies soll dazu beitragen, dass eine deutlich erhöhte Zahl an Psychotherapeuten, speziell in ländlichen Bereichen, zugelassen wird. Gleichzeitig wird die Zurverfügungstellung der entsprechenden zusätzlichen Mittel gefordert.

Pauschalierendes Entgeltsystem in Krankenhäusern der Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

Einleitend zu diesem TOP erläuterte, BPtK-Präsident Rainer Richter, dass die Einführung der pauschalierenden Vergütung notwendigerweise durch die Entwicklung von Qualitätsstandards und Dokumentationspflichten ergänzt werden muss, um der Gefahr der Qualitätsverschlechterung vorzubeugen. Darüber hinaus kann dies auch zur stärkeren Etablierung von evidenzbe-gründeten bzw. leitlinienorientierten Behandlungen in den entsprechenden Einrichtungen beitragen.

An dieser Stelle wurde auch eine Resolution „Mehr Psychotherapie im Krankenhaus“ diskutiert. Sie fand zwar breite Zustimmung, sollte jedoch vor Veröffentlichung in einigen Passagen noch einmal redaktionell überarbeitet werden.

Damit hatte der Deutsche Psychotherapeutentag sein Programm abgearbeitet. Der Tag war wichtig, um sich über die aktuell laufenden Entwicklungen und Herausforderungen der Psychotherapeutenschaft auszutauschen, um Positionen abzuklären und Perspektiven abzustimmen, und er wurde schon fast routinemäßig abgewickelt.

Die Versammlungsleitung (Wolfgang Schreck, Gerd Höhner und Gabriele Küll) sorgte auch unter dem Eindruck des anstehenden Fußball-Großereignisses (DFB-Pokalendspiel) am Abend souverän für einen reibungslosen und professionellen Tagungsablauf bis zum Sitzungsende gegen 17.30 Uhr – ganz Berlin befand sich zu diesem Zeitpunkt längst in der Hand von König Fußball.

Kerstin Burgdorf, Heiner Vogel


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