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Psychotherapie im Behandlungs- und Pflegekontext - Experten-Treffen in Heidelberg - Tagungsbericht


In der VPP-Ausgabe 4/2011 wurde das von der Robert-Bosch-Stiftung geförderte Projekt „Psychotherapie der Depression im Seniorenheim (PSIS)“ vorgestellt. In diesem laufenden Projekt entwickeln und evaluieren wir einen modellhaften psychotherapeutischen Liaison-Dienst in Pflegeheimen der Caritas Berlin GmbH in Kooperation mit dem Ausbildungszentrum der DGVT Berlin (Leitung: Monika Basqué). Psychologische Psychotherapeut/innen in Ausbildung werden in den kommenden Monaten nach einer umfangreichen Workshop-Reihe Bewohner/innen mit Depression im Rahmen aufsuchender kassenärztlicher Psychotherapie behandeln.

Unterstützend zu diesem Modellprojekt fand im Februar 2012 an der Universität Heidelberg ein Expertennetz-Treffen statt. Dazu trafen sich 35 ausgewählte wissenschaftlich und praktisch tätige Expert/innen und Entscheidungsträger/innen aus den Bereichen Alternspsychologie und -psychotherapie, Soziale Gerontologie, Gerontopsychiatrie, Altersmedizin, Versorgung und Pflege. In fünf Arbeitsgruppen wurden erste Überlegungen dazu erarbeitet, wie man Psychotherapie nachhaltig in den Behandlungs- und Pflegekontext implementieren kann. Außerdem wurde aus interdisziplinärer Perspektive über die inhaltliche Ausrichtung von Alternspsychotherapie im Kontext von Pflege diskutiert. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden anschließend durch jeweils eine(n) Stellvertreter(in) im Rahmen einer moderierten Podiumsdiskussion vorgestellt und mit dem Plenum diskutiert.


Arbeitsgruppe 1 (Stellvertreter: Dr. Simon Forstmeier, Universität Zürich) beschäftigte sich mit der Frage: Wie kann die Therapiemotivation bei älteren Menschen im Pflegeheim gefördert werden? Hier wurde u.a. herausgearbeitet, dass es wichtig ist, dass Therapeut/innen in der Anfangsphase in besonderem Maße auf den möglichen persönlichen Nutzen für die Bewohner/innen eingehen sollten (z.B. Depressionsreduktion kann zu Schmerzreduktion führen). In Bezug auf die Rolle der i.d.R. jüngeren Psychotherapeut/innen wurde ein „Oszillieren“ zwischen der Rolle der Expertin und der Rolle der Jüngeren, die die Lebensleistung der älteren Patientin würdigt und daran interessiert ist, vorgeschlagen.

Arbeitsgruppe 2, vertreten durch Prof. Dr. Sven Barnow (Universität Heidelberg), stellte die Notwendigkeit eines höchst individuellen Zugangs zu Psychotherapie im Pflegekontext heraus. Die psychotherapeutische Behandlung erfordere hohe Flexibilität seitens der Therapeut/innen, sowohl in Bezug auf das Setting (z.B. im Kontext eines Spaziergangs) als auch in Bezug auf die Methoden (besondere Bedeutung körpertherapeutischer Übungen wie z.B. Atemübungen).
Prof. Dr. Frieder Lang (Universität Nürnberg) verwies für Arbeitsgruppe 3 auf die Schwierigkeit hin, gesundes und krankhaftes Altern bei multimorbiden Patienten am Lebensende voneinander zu unterscheiden. So würde z.B. Wehmut von vielen jüngeren Menschen als Ausdruck von Depressivität interpretiert werden, ältere Menschen könnten dies aber auch positiv erleben.
Roscha Schmidt (Caritas Berlin GGmbH) forderte für Arbeitsgruppe 4, Pflege sollte psychotherapeutisch „aufgeladen“ werden (wobei sie niemals Psychotherapie ersetzen sollte). Psychotherapeut/innen sollten Weiterbildungen durchführen, die die diagnostischen Fähigkeiten sowie den Zugang des Pflegepersonals zu den Bewohner/innen verbessern sollten. Gute diagnostische Fähigkeiten erhöhten auch die Chance, dass rechtzeitig Krisendienst und ärztliche bzw. psychotherapeutische Behandler/innen informiert würden.

Für Arbeitsgruppe 5 stellte Prof. Dr. Gabriela Stoppe (Universitätsklinikum Basel) heraus, wie wichtig es im Verlauf der gesamten Psychotherapie ist, die körperlichen und geistigen Ressourcen der Bewohner/innen sowie deren zentrale Bedürfnisse und Lebensziele zu berücksichtigen.

Viele Punkte wurden bei der Veranstaltung kontrovers diskutiert. Zum Beispiel wurde die Forderung einiger Teilnehmer/innen nach einem speziellem Weiterbildungscurriculum für Alternspsychotherapie kritisch betrachtet, da man dadurch den bestehenden Mangel an Psychotherapeut/innen, die in diesem Bereich tätig sind, evtl. sogar noch verstärken würde. Kontrovers diskutiert wurde auch, ob unter der Bedingung begrenzter ökonomischer Ressourcen Elemente der Psychotherapie nicht auch durch geschulte Pflegekräfte und Ehrenamtliche übernommen werden könnten.

Die auf der Grundlage des 1. Netzwerktreffens diskutierten Punkte sollen in ca. zwei Jahren vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Modellprojektes aufgegriffen und erneut diskutiert werden. Perspektivisch sollen die erarbeiteten Ergebnisse den zentralen Organisationen der gesundheitlichen Versorgung (u.a. Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigung), den Rechtsträgern von Pflegeheimen sowie den psychotherapeutischen und ärztlichen Fach- und Berufsverbänden zur Verfügung gestellt werden. Es ist sehr zu hoffen, dass die Politik die fast ungeteilte Forderung der Expert/innen realisiert und den Personalschlüssel um eine neue Akteursgruppe im Pflegeheim erweitert, nämlich die der Psycholog/innen bzw. Psychologischen Psychotherapeut/innen.

Dr. Eva-Marie Kessler

 


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