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Lieber doch im vollen Galopp vom Pferd fallen? – Was Männer nicht über Gesundheit wissen wollen[1]


von Thomas Altgeld

An neuen Initiativen, die Männer endlich zum Arztbesuch bewegen sollen, mangelt es aktuell nicht. „1000 mutige Männer“ wurden auf Initiative der nordrhein-westfälischen Krebsgesellschaft 2010 zunächst für Mönchengladbach gesucht, mittlerweile auch für andere Städte. Die Initiative wurde schon im ersten Jahr mehrfach prämiert, u.a. erhielt sie den „Darmkrebskommunikations-preis“. Der Mut der Männer ist gefragt für „Darminspektionen“, in die man die Früherkennungsuntersuchung des Darmkrebs kampagnengerecht umbenannt hatte. Auch in Bayern startete das Gesundheitsministerium 2011 eine Initiative für Männergesundheit, die Männer „dazu ermutigen soll regelmäßig zur Vorsorge gehen". Ganz abgesehen davon, dass die propagierten Untersuchungen mit Vorsorge nichts zu tun haben, scheinen Ermutigungen und das Anknüpfen an traditionelle Männerbilder in den ersten männerspezifischen Präventionskampagnen voll im Trend zu liegen.

Die Mähr vom ängstlichen Mann
Schon 2002 kam eine Befragung des Institutes für Demoskopie Allensbach zu dem Ergebnis, dass Männer zwar Früherkennungsuntersuchungen prinzipiell wichtiger finden als Frauen, aber kaum ein Mann tatsächlich hingeht. Befragt nach den Gründen, gaben 54 % der Männer an, dass sie Angst haben, dass bei der Untersuchung etwas Negatives herauskommt. Genauso so viele Männer wollen auch gar nicht so genau wissen, ob ihnen etwas fehlt (ebenfalls 54 %). Jeder Dritte hält solche Untersuchungen für unangenehm oder schmerzhaft, 21 % glauben, dass es ohnehin zu spät ist, wenn man bei einer solchen Untersuchung eine ernsthafte Erkrankung feststellen würde (vgl. Wuppermann et al., 2009). Die Antwortmöglichkeiten waren vorgegeben. Aber treffen die Antwortvorgaben auch den Kern der Selbstwahrnehmung vieler Männer?

Männer bewerten ihren Gesundheitszustand im Durchschnitt besser und sind mit ihrer Gesundheit zufriedener als Frauen, wie unter anderem der Bundesgesundheitssurvey aufzeigt (vgl. Kolip et al., 2006). Die Psychologie hat für diese Zufriedenheit den eher bösartigen Terminus technicus „optimistischer Fehlschluss“ oder „unrealistischer Optimismus“ (Weinstein, 1984 & 1987) geprägt, der verdeutlichen soll, dass die „objektiven“ Krankheitsrisiken insbesondere von Männern subjektiv unterschätzt werden. Mit anderen Worten: Männer gehen davon aus, dass Krankheitsfolgen sie nicht treffen, obwohl sie kaum auf ihre Gesundheit achten oder sich gar gesundheitsriskant verhalten, also rauchen, zuviel trinken, zu fett essen oder Risikosportarten betreiben. Aber können statistische Erkrankungswahrscheinlichkeiten mit „objektiven“ Risikokonstellationen für Individuen gleichgesetzt werden. Wo fängt die Wertung an? Wer setzt wann welche Normen und objektiviert seine eigenen Risikoeinschätzungen?

Kein Diskurs ohne Normsetzungen
Die sozialepidemiologische Binsenweisheit „women are sicker, but men die quicker“ verführt dazu, es gut mit den Männern zu meinen und alles dafür zu tun, dass sie länger leben. Aber ist ein längeres Leben auch gleichzusetzen mit einem guten Leben, mit einem Höchstmaß an Lebensqualität? Ist ein längeres, möglicherweise auch von längeren Erkrankungsphasen dominiertes Leben ein besseres Leben als ein kürzeres ohne die Dauerbewusstheit von Risiken, ohne lange Erkrankungsphasen, aber mit zumeist unerwartetem,  plötzlichem Tod?

Antonovsky, der Begründer der Salutogenese, also der Theorie von dem, was den Menschen gesund erhält, hat bewusst auf enge Gesundheitsdefinitionen verzichtet. Er mahnte sogar, dass Gesundheitsdefinitionen immer auch die Festlegung von Normen beinhalten und damit die Gefahr, andere Menschen nach Maßstäben und Werten zu beurteilen, die für sie gar nicht zutreffen (Antonovsky, 1995). In dem geschlechterbezogenen Gesundheitsdiskurs, zumindest in den überwiegenden Teilen, die über Männer geführt werden, stellen sich solche Fragen nach den zugrunde gelegten Maßstäben und deren Urhebern gar nicht. Im Gegenteil: Man kann nur zu dem Schluss kommen, dass einfach versucht wird, das Gesundheitsverhalten und -bewusstsein von Frauen sowie deren Lebenserwartung einfach als Maßstab für Männer anzulegen. Dabei kann man nur in skandalisierenden Sackgassen oder besserwisserischen Vorschlägen landen, die nichts dazu beitragen, dass es mehr Jungen und Männern gelingt, mehr Gesundheit in ihrem Alltag zu leben (vgl. Altgeld 2004 & 2007).

Schon die Medizin des 18. Jahrhunderts hatte eine Vorstellung von der Relativität von Gesundheit. In seinem „philosophisch-medizinischen Wörterbuch zur Erleichterung des höheren medizinischen Studiums“ hält Zimmermann fest: „Individuelle, relative Gesundheit ist die jedem einzelnen Menschen nach seiner eigenthümlichen Constitution zukommende Gesundheit, die mehr oder weniger von dem Ideale der absoluten Gesundheit abweicht; z.B. die Gesundheit des Kindes, des Jünglings, des Mannes, des Greisen. Jede dieser Gesundheitsarten hat ihre Individualität, d.h. sie auf einzelne Subjecte eingeschränkt“ (Zimmermann, 1803, S. 115). Natürlich sind solche Zuschreibungen quasi nach Lebensphasen auch gefährlich, aber eine grundsätzliche Wertschätzung von subjektiven Gesundheitskonzepten fehlt in Bezug auf männliche Gesundheitskonzepte vollständig.

Andere Prioritäten – Neue Dialogmöglichkeiten?
Weil viele Männer möglicherweise andere als gesundheitliche Prioritäten im Leben setzen, ob nun bewusst als Inszenierung ihrer Männlichkeit oder unbewusst als vermeintliche Sklaven ihrer geschlechtstypischen Sozialisation, werden sie leicht als Vorsorgemuffel denunziert. Am Beispiel der Inanspruchnahme der Früherkennungsuntersuchungen in Deutschland lässt sich aber zeigen, dass der kritische Diskurs über die niedrigeren Inanspruchnahmeraten der Männer völlig selektiv geführt wird. Männer sind keine „Vorsorgemuffel“. Die Daten des Zentralinstitutes für die kassenärztliche Versorgung zeigen deutlich, dass die Inanspruchnahmeraten der Krebsfrüherkennungsuntersuchungen bei Frauen mit zunehmenden Lebensalter sinken, während sie bei Männern bis zum 70. Lebensjahr kontinuierlich ansteigen und danach erst leicht abfallen. Außerdem nehmen Männer über 75 Jahre dieses Angebot häufiger in Anspruch als gleichaltrige Frauen (vgl. Kerek-Bodden et al., 2010). Aber niemand kritisiert über 75-jährige Frauen als „Vorsorgemuffel“.

Außerdem ist fast schon state of the Art, Männer per se als schwer erreichbare Zielgruppen für Präventionsprogramme jeglicher Art zu ettiketieren. Aber wer zielt hier auf wen und mit was? Ein Blick zurück auf die jetzt 25 Jahre alte Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung könnte die Diskussionen in weniger wertende Bahnen lenken. Dort wurde klar festgehalten: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen“.

Ein höheres Maß an Selbstbestimmung über Gesundheit schließt die Akzeptanz anderer Gesundheitsvorstellungen sowie anderer Gesundheitsinformations-bedürfnisse mit ein und versucht nicht ständig zu erziehen oder aufzuklären. Das traditionelle Präventionsverständnis, das Defizite, ob nun informationeller oder verhaltensmäßiger Art immer dem kränkeren oder risikoträchtigeren Gegenüber zuschreibt, ist auch das Leitmotiv der meisten „männerspezifischen“ Präventionsansätze.  Die eigenen Werte, Haltungen, Sozialisationserfahrungen oder Vorurteile, die überhaupt zu dem Interesse einiger Akteure an dem Feld Männergesundheit führen, werden zumeist nicht hinterfragt. Noch viel weniger wird partizipativ vorgegangen und Programme im dialogischen Prinzip entwickelt. Stattdessen werden in der Kampagne 1000 mutige Männer beispielsweise die Ehefrauen und Freundinnen mit Tipps, wie sie „ihn“ in die Arztpraxis kriegen können, instrumentalisiert. „Wenn er sich zur Darminspektion entschlossen hat, braucht er Ihre Bestätigung, dass seine Entscheidung gut war. Männer wollen Helden sein und gelobt werden. Also tun Sie ihm den Gefallen und sagen Sie ihm, wie stolz Sie auf ihn sind“. Statt Wertschätzung von Lebensentwürfen findet man hier Entwertungen und Stereotype. Ein reflexives Innehalten in dem aufgeregten Diskurs könnte idealerweise mit einer eingehenderen Selbstreflexion all der wohlmeinenden Akteure und Akteurinnen beginnen und sollte zu mehr Offenheit und Wertschätzung in der Wahrnehmung des (männlichen) Gegenübers führen. Dann kann man(n) auch ohne schlechtes Gewissen im vollen Galopp vom Pferd fallen oder vielleicht doch den Galopp grundsätzlich in Frage stellen. Die Entscheidung, was davon das bessere Leben für das jeweilige Individuum ist, kann niemand dem Individuum abnehmen!

 

Literatur:

Altgeld, T. (2007). Warum weder Hänschen noch Hans viel über Gesundheit lernen – Geschlechtsspezifische Barrieren der Gesundheitsförderung und Prävention, in: Prävention und Gesundheitsförderung 2, 90 - 97.

Altgeld, T. (Hrsg.) (2004). Männergesundheit – Neue Herausforderungen für Gesundheitsförderung und Prävention. Weinheim/München: Juventa Verlag.

Antonovsky, A. (1995). The moral and the healthy: Identical, overlapping or orthogonal? Israel Journal of Psychiatry & related Sciences, 32, 5 – 13.

Kerek-Bodden, H; Altenhofen, L; Brenner, G; Franke A (2010). Inanspruchnahme der Früherkennung auf Zervixkarzinom in den Jahren 2002–2004. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag.

Kolip, P.; Lademann, J.; Deitermann, B.; Bucksch, J. & Schwarze, M.
(2006). Schwerpunktbericht: Gesundheit von Frauen und Männern im mittleren Lebensalter, Berlin: Robert-Koch-Institut.

Weinstein, N. D. (1982). Unrealistic optimism about susceptibility to health problems. Journal of Behavioral Medicine, 5, 441-460.

Weinstein, N. D. (1987). Unrealistic optimism about susceptibility to health problems: Conclusions from a community-wide sample. Journal of Behavioral Medicine, 10, 481-500.

Weinstein, N. D. (1984). Why it won't happen to me: Perceptions of risk factors and illness susceptibility. Health Psychology, 3, 431-457.

Wuppermann D.; Wuppermann U. &  Riemann, J.F. (2009). Aktueller Wissensstand der Bevölkerung zur Darmkrebsvorsorge – eine Untersuchung der Stiftung LebensBlicke mit dem Institut für Demoskopie in Allensbach. Z. Gastroenterol 47: 1132-1136.

Zimmermann, F. J. (1803). Philosophisch-medizinisches Wörterbuch. Zur Erleichterung des höheren medizinischen Studiums. Wien: Camesianische Buchhandlung.

 

Links:

www.mutige-maenner.de

www.maennergesundheit.bayern.de

www.maennergesundheitsportal.de

www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0006/129534/Ottawa_Charter_G.pdf

 

Kontaktadresse des Autors:

Thomas Altgel
Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V.
Fenskeweg 2
30165 Hannover

Tel.: 05 11/3 88 11890, e-mail: thomas.altgeld@gesundheit-nds.de, www.gesundheit-nds.de


[1]Quelle: impu!se, Ausgabe 74, 1. Quartal März 2012; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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