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Männer: nicht immer im Vorteil[1] - Der Erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung und männliche Lebensverläufe


Von Gerd Stecklina

Der Gleichstellung von Männern und Frauen wird gegenwärtig auf politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene viel Aufmerksamkeit zuteil. Doch aus dem Blickwinkel des Generationengefüges wird diese Thematik bisher kaum betrachtet. Dabei bietet sich dies fast zwingend an. Kennzeichnend hierfür sind die Positionen junger Frauen zum Thema Gleichberechtigung. Sie sehen die Auseinandersetzungen ihrer Mütter um Eigenständigkeit, um finanzielle Unabhängigkeit, Bildungszugänge und gegen Gewalt in Partnerschaften als Konflikte aus vergangenen Zeiten an und erachten sich selbst als gleichberechtigt. Auch die veränderten Vorstellungen von Männlichkeit und individuellem Mann-Sein haben Bedeutung für das Generationengefüge. Der Begriff des »Neuen Manns« ist hierfür symptomatisch: Den Sozialwissenschaftlern Paul M. Zulehner und Reiner Volz zufolge tendieren ältere Männer eher zu traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit, während jüngere gegenüber neuen Männlichkeitsentwürfen offener sind (Zulehner/Volz 1998). Auch in der alltäglichen Lebensführung von Frauen und Männern zeigen sich Differenzen und unterschiedliche Vorstellungen der Generationen von sich selbst, den Geschlechterverhältnissen und -beziehungen sowie der Welt. Die Generationenfrage aus geschlechtsspezifischer Perspektive zu betrachten, heißt also desgleichen, nach der Lebensführung von Frauen und Männern unterschiedlicher Generationen zu fragen, zum Beispiel von Angehörigen der Kriegsgenerationen, der »68-er Generation« und der »Wendegeneration« (Schulz 2002; Franck 1981).

Dass der Gleichstellungsthematik auf politischer und ökonomischer Ebene eine so hohe Bedeutung beigemessen wird, davon zeugen Programme wie der europäische »Fahrplan für die Gleichstellung von Frauen und Männern 2006-2010«, das Konzept des Gender-Mainstreaming (geregelt im Amsterdamer Vertrag der Europäischen Union) oder die durch eine bundesweite Gemeinschaftsinitiative organisierten Girls- und Boys-Days. Sie werfen Fragen der gleichen wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Frauen und Männern, der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, der ausgewogenen Repräsentanz der Geschlechter in Entscheidungsprozessen, der Beseitigung aller Formen geschlechterbezogener Gewalt sowie von Geschlechterstereotypen auf. Begleitet werden diese Programme von Forschungsprojekten und Berichten (zum Beispiel der jährliche Gleichstellungsbericht der EU sowie der Erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung 2011). Auch in den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften erhält die Thematik der Gleichstellung inzwischen eine immense Aufmerksamkeit, sei es durch die Einrichtung von Genderkompetenz-Zentren und Lehrstühlen für Geschlechterforschung, sei es durch Forschungsprojekte als auch durch die Thematisierung von Geschlechterfragen in der Lehre.

Doch obwohl das Thema Gleichstellung im öffentlichen und politischen Raum sehr präsent ist, wird von einem Teil der Wissenschaft kritisiert, dass der Zusammenhang von Macht, Herrschaft und Geschlecht nicht aufgegriffen wird sowie soziale Ungleichheiten ausgeblendet bleiben (Lempp 2011; Meuser/Riegraf 2010). Der Sozialwissenschaftler Karl Lenz und die Sozialwissenschaftlerin Marina Adler sprechen in diesem Zusammenhang in Bezug auf die Wissenschaften von »Geschlechterblindheit« (Lenz/Adler 2010, S. 30), wobei diese Annahme auch auf andere Bereiche der Gesellschaft übertragbar ist. Mit Geschlechterblindheit meinen Lenz und Adler, dass sich Programme allgemein an Menschen richten, ihre Geschlechtszugehörigkeit dabei aber nicht thematisiert wird. So werden zum Beispiel durch Untersuchungen und Projekte zwar generell Eltern angesprochen, jedoch stehen eigentlich nur die Mütter im Fokus (Ehlert/Funk/Stecklina 2011).

Die Ausblendung von Geschlechterfragen, die Nichteinbeziehung der Machtdimension und sozialer Ungleichheiten zeigen sich nicht nur darin, dass sich die Geschlechtszugehörigkeit in einer Reihe von Analysen und (sozial-)politischen Programmen nicht wiederfindet, sondern auch darin, dass unter dem Dach der Geschlechterfrage ausschließlich die Benachteiligungen von Mädchen und Frauen verhandelt oder »kulturelle Differenzen« der Geschlechter zentral werden (Meuser/Riegraf 2010, S. 203). Die in die Struktur moderner Gesellschaften eingeschriebenen sozialen Ungleichheitsdimensionen und deren Interdependenzen bleiben hierdurch ebenso unbeachtet (Schicht, Ethnie, Einkommen, ökonomischer Besitz, Bildung, körperliche Merkmale etc., Walgenbach 2007) wie Ebenen der Nichtprivilegierung von Jungen und Männern und Fragen der »Machtbalancen«. Der Soziologe Norbert Elias sieht diese Machtbalancen als »ein integrales Element aller menschlichen Beziehungen« an, wobei er zwischen »Zwängen, die jegliche mögliche Interdependenz von Menschen auf Menschen ausübt« und »Zwängen, die der ungleichen Ausstattung gesellschaftlicher Positionen mit Machtchancen entspringen« unterscheidet (Elias 1970, S. 176; S. 98f.)

Problematische Aspekte männlicher Lebensverläufe

Auch der Erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (Erster Gleichstellungsbericht 2011) konzentriert sich weitgehend auf die fehlende Gleichstellung von Mädchen und Frauen im Lebensverlauf. Zwar setzt er sich zum Ziel, den politischen Handlungsbedarf zur Herstellung einer gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern im Erwerbsleben und der Erweiterung von geschlechtsspezifischen Rollenbildern zu benennen – die Kommission hat sich darauf verständigt, »gleiche Chancen« als »gleiche Verwirklichungschancen« nach dem Ansatz des Wirtschaftsnobelpreisträgers Amartya Sen zu definieren (Erster Gleichstellungsbericht, S. 233). Hierfür werden unter der Lebensverlaufperspektive Aspekte der Gleichstellung in den Feldern Bildung, Erwerbsleben, Rollenbilder, Zeitverwendung, soziale Sicherung im Alter sowie Recht erörtert. Dabei konzentriert sich der Bericht in seinen Darlegungen zuallererst auf die fehlende Gleichstellung von Frauen aus der Lebenslaufperspektive und lässt weitgehend außer Acht, dass Jungen und Männern aus sozialpolitischen Rahmenbedingungen und Geschlechterarrangements nicht nur Vorteile erwachsen. Verwehrte Bildungschancen, nicht gelungene Übergangsgestaltungen (wie zwischen Schule, Berufsausbildung und Erwerbstätigkeit beziehungsweise der Übergang in die Zeit nach der Berufstätigkeit) und fehlende Erwerbschancen von Männern aus der Lebensverlaufsperspektive wurden so kaum zum Gegenstand des Berichts.

Die Männerforschung wie auch Medien thematisieren inzwischen in dieser Hinsicht eine Reihe von Aspekten, unter anderem, dass Männer an den Rändern der Gesellschaft zu finden  (Wohnungslosigkeit von Männern, Friebel 1994) und in nichtprivilegierten und prekären Arbeitsfeldern (wie der Baubranche, der Müllabfuhr und dem Handel) tätig sind, in der Gruppe der funktionalen Analphabeten mit 60 Prozent überproportional vertreten sind (Zeit Online 2011) und männliche Prostitution der Lebensunterhaltssicherung von jungen Männern mit Migrationshintergrund dient (Fink 2011). Den Umstand, dass Jungen und Männer bis heute in der Öffentlichkeit kaum als Opfer von Gewalt, sondern fast ausschließlich als Täter wahrgenommen werden, haben der Soziologe Ludger Jungnitz (Jungnitz u.a. 2007) in einer Pilotstudie sowie der Soziologe Michael Meuser (2010) aufgezeigt. Eine Folge davon ist, dass es bis heute kaum institutionelle Angebote für männliche Opfer gibt.

Der hier kritisierte Sachverhalt der Konzentration auf Aspekte der Gleichstellung von Frauen soll nicht die Ergebnisse des Ersten Gleichstellungsberichts infrage stellen, sondern vielmehr darauf aufmerksam machen, dass in zukünftigen Gleichstellungsberichten der männlichen Perspektive wie Fragen der sozialen Ungleichheit ein größerer Stellenwert eingeräumt werden muss.

Sozialpolitische Rahmenbedingungen fördern immer noch die Hausfrauenehe

Mit Recht verweist der Erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung auf eine Vielzahl von immer noch existierenden sozialpolitischen Rahmenbedingungen, die zu Brüchen im Lebensverlauf führen und insbesondere Frauen an einer aktiven und eigenverantwortlichen Lebensführung hindern. Genannt werden in dem Bericht vor allem Regelungen des Steuer-, Sozial- und Arbeitsrechts, die bis heute Anreize setzen, dass Frauen keine Erwerbstätigkeit aufnehmen beziehungsweise »ihre Potenziale im Beschäftigungssystem nicht ausreichend nutzen« (Erster Gleichstellungsbericht 2011, S. 239). Der Bericht verweist des Weiteren auf rechtliche Regelungen für verheiratete Paare (»Anreize für die Wahl eines Allein- oder Zuverdienermodells«, ebd.), Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern sowie die fehlende Betreuung von Kindern in Kitas und Ganztagsangeboten. Die Unterbrechung von Erwerbsverläufen – dies betrifft insbesondere Frauen durch Kinderbetreuung und Sorgetätigkeiten – führe zu Karriereknicks, prekären Arbeitssituationen oder zur dauerhaften Nichterwerbstätigkeit (auch Wirth/Schutter 2011, S. 30).

Die aus den Rahmenbedingungen abgeleiteten Empfehlungen der Kommission zielen somit vor allem auf eine Gleichstellung von Frauen im Feld der Erwerbsarbeit und haben die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Blick (zum Beispiel durch Herstellung von »Zeitsouveränität im Alltag«, was ein »neues Zeitbewusstsein lokaler Entscheidungsträger« erforderlich mache; Erster Gleichstellungsbericht 2011, S. 244). Der Sozialwissenschaftler Michael Meuser und die Sozialwissenschaftlerin Birgit Riegraf beschreiben eine solche Herangehensweise als »Ökonomisierung der Begründungslogik«: In der ökonomischen Logik wird der Nutzen für Organisationen/das Unternehmen als zentral für die Gleichstellungspolitik erachtet, während Geschlechtergerechtigkeit nachrangig ist. Zugleich würden »Kategorien sozialer Ungleichheit« durch einen solchen Zugang ausgeblendet (Meuser/Riegraf 2010, S. 202f.).

Rahmenbedingungen für gleichberechtigte Teilhabe

Der Gleichstellungsbericht greift durch seinen Blick auf die Lebensverlaufperspektive und unter dem Fokus eines vorwiegend ökonomischen Begründungsansatzes auch Fragen der Bildungswege und Rollenerweiterung von Jungen und Männern sowie einer veränderten Lebensführung von Männern im Erwachsenenalter auf. Benannt wird der Aspekt unterschiedlicher Bildungswege und -abschlüsse von Jungen und jungen Männern mit ihren Konsequenzen für deren berufliche Entwicklung. Zwar ist seit Längerem bekannt, dass Jungen und junge Männer mehr als 50 Prozent derjenigen stellen, die ohne Abschluss die Schule verlassen, jedoch wird diesbezüglich kaum geforscht beziehungsweise der erforderliche Veränderungsbedarf angezeigt. Verbaute Bildungschancen haben jedoch ebenso Auswirkungen auf die Zukunftsplanung von Jungen und Männern wie veränderte Arbeitsstrukturen auf die alltägliche Lebensführung (gefragt sind Flexibilität und Mobilität sowie das Verfolgen der eigenen Karriere).

Institutionelle Angebote für die Bewältigung der neuen Anforderungen sind dabei ebenso erforderlich wie politische Rahmenbedingungen, die die Teilhabe von Männern an der Eltern- und Sorgearbeit fördern, Sorgerechtsfragen klären und Bildungschancen eröffnen. In diesem Kontext bedarf es auf der politischen Ebene auch einer Neujustierung der Reputation von Haushaltstätigkeiten, denn: Welches Interesse sollen Männer (und Frauen) haben, diese zu übernehmen, wenn die gesellschaftliche Anerkennung dafür gegen Null geht? Männer und Frauen sollten des Weiteren auch durch gezielte sozialpolitische Maßnahmen darin unterstützt werden, durch ehrenamtliche Tätigkeit einen Lebensinhalt nach dem Erwerbsleben zu erlangen sowie in der alltäglichen Lebensführung eine Balance von beruflicher Entwicklung, Eigeninteressen und Familie erreichen zu können.

 

DER AUTOR

Prof. Dr. Gerd Stecklina ist Professor an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule München. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Theorien Sozialer Arbeit, Geschlechtersozialisation, Jugendhilfe, Sozialpädagogik der Lebensalter sowie Jüdische Wohlfahrt.

Kontakt: gerd.stecklina@hm.edu

 

LITERATUR

BMFSFJ (Hrsg.; 2011): Erster Gleichstellungsbericht. Neue Wege – Gleiche Chancen. Gleichstellung von Männer und Frauen im Lebensverlauf.

Im Internet verfügbar unter www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=174358.html (Zugriff am 23.1.2012)

Elias, Norbert (1970): Was ist Soziologie? München

Fink, Karin (2011): Prostitution. In: Ehlert, Gudrun / Funk, Heide / Stecklina, Gerd (Hrsg.): Wörterbuch Soziale Arbeit und Geschlecht. Weinheim/München, S. 331–334

Franck, Barbara (1981): Mütter und Söhne. Gesprächsprotokolle mit Männern. Hamburg

Friebel, Harry (1994): Der Mann, der Bettler. Risiken im männlichen Lebenszusammenhang. Opladen

Jungnitz, Ludger / Lenz, Hans-Joachim / Puchert, Ralf / Puhe, Henry / Walter, Willi (Hrsg.; 2007): Gewalt gegen Männer. Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland. Opladen/Farmington Hills

Lempp, Theresa (2011): Macht. In: Ehlert, Gudrun / Funk, Heide / Stecklina, Gerd (Hrsg.): Wörterbuch Soziale Arbeit und Geschlecht. Weinheim/München, S. 263–266

Lenz, Karl / Adler, Marina (2010): Geschlechterverhältnisse. Einführung in die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung. Band 1, Weinheim/München

Meuser, Michael / Riegraf, Birgit (2010): Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik. Von der Frauenförderung zum Diversity Management. In: Aulenbacher, Brigitte / Meuser, Michael / Riegraf, Birgit: Soziologische Geschlechterforschung. Eine Einführung. Wiesbaden, S. 189–209

Meuser, Michael (2010): Gewalt im Geschlechterverhältnis. In: Aulenbacher, Brigitte / Meuser, Michael / Riegraf, Birgit: Soziologische Geschlechterforschung. Eine Einführung. Wiesbaden, S. 105–123

Schulz, Kristina (2002): Der lange Atem der Provokation: die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968 – 1976. Frankfurt/Main, New York

Walgenbach, Katharina (2007): Gender als interdependente Kategorie. In: Walgenbach, Katharina / Dietze, Gabriele / Hornscheidt, Antje / Palm, Kerstin (Hrsg.): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen/Farmington Hills, S. 23–64

Wirth, Heike / Schutter, Sabina (2011): Versorger und Verlierer. In: DJI Impulse. Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts. Heft 1/2011, S. 28–30

Zeit Online (2011): 7,5 Millionen Deutsche sind Analphabeten

Im Internet verfügbar unter www.zeit.de/gesellschaft/2011-02/bildung-analphabetismus-studie (Zugriff am 23.01.2012)

Zulehner, Paul M. / Volz, Reiner (1998): Männer im Aufbruch. Wie Deutschlands Männer sich selbst und wie Frauen sie sehen. Ein Forschungsbericht. Ostfildern


[1]   Quelle: DjI impulse, Ausgabe 1/2012, Nr. 97, www.dji.de/impulse; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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