< vorheriger Artikel

Der Verein Demokratischer Ärzte und Ärztinnen (vdää) besucht Schweden vdää on tour: Linköping/Schweden[1]


Der Verein Demokratischer Ärzte und Ärztinnen (vdää) besucht Schweden

vdää on tour: Linköping/Schweden[1]

„Schweden ist das Land, das jedem modernen Neoliberalen einen Schauder über den Rücken jagt: sozialistische Staatsfürsorge!? Schweden ist das Land in Europa mit dem geringsten Index der gesundheitlichen und sozialen Probleme und es hat, gemeinsam mit den anderen nordeuropäischen Ländern, das geringste Einkommensgefälle in Europa. Gleichverteilung des Einkommens und soziale Sicherheit entwickeln sich parallel. Die Kosten des staatlichen Gesundheitswesens sind mit ca. neun Prozent des BIP in Schweden deutlich niedriger als in Deutschland. Dagegen soll es lange Wartezeiten und ‚Staatsmedizin’ – was immer das ist – geben. In der Diskussion um die Priorisierung ärztlicher Leistungen dient Schweden – ansonsten das Schreckensbild von Ärztefunktionären – den deutschen Konservativen als Vorbild. Ein Land mit einem schillernden Sozialsystem. Dahin geht die nächste Reise des vdää. Unser interessantes Programm wird einen guten Einblick in das schwedische Sozialsystem geben und mit Vorurteilen aufräumen oder Illusionen platzen lassen kann.“

Mit diesem Text haben wir für vom 10.-13. Mai zur diesjährigen tour des vdää nach Linköping eingeladen, wo wir das schwedische Gesundheitssystem genauer unter die Lupe nahmen. Schweden interessierte uns aus mehreren Gründen: Wir wollten uns zum einen ein staatliches Gesundheitssystem anschauen und zum anderen wollten wir genaueres erfahren über die Priorisierung bzw. die Diskussion darüber in Schweden, denn wir hatten vorab sehr unterschiedliche Einschätzungen erhalten. Und natürlich wollten wir auch hier wissen, wie Menschen ohne Papiere in Schweden versorgt werden, weshalb wir uns mit schwedischen Medizinstudenten und jungen Medizinern trafen, die im studentischen Projekt Papperslösas rätt till vård (= Krankenversorgung für Papierlose) mitarbeiten. Über einzelne Termine und Diskussionen gibt es hier in dieser Ausgabe Berichte. Leider ist es uns nicht gelungen, eine Diskussion mit einem schwedischen Ärztevertreter (Niemand hatte Zeit…) zu organisieren, und auch die Kontakte zur schwedischen Antifa, mit der wir über Rechtsradikalismus in Skandinavien diskutieren wollten, kamen nicht wirklich in Gang.

Dass wir gerade nach Linköping gefahren sind, hatte anfangs den Grund, dass dorthin ein Mitglied des vdää, Jens Wiethege, ausgewandert ist und er uns angeboten hat, vdää on tour mal nach Schweden zu führen und vor Ort die Organisation zu übernehmen. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Jens für die tolle Organisation und die guten Ideen!

Je mehr wir uns in das schwedische System und die schwedischen Verhältnisse einarbeiteten, stellten wir fest, wie richtig und sinnvoll es war, gerade nach Linköping zu fahren: Die Diskussion über Priorisierung, die uns – siehe die letzte Ausgabe dieser Zeitschrift – auch nach Schweden führte, lässt sich nirgends in Schweden sinnvoller führen als in Linköping, denn hier ist das nationale Zentrum für Priorisierungsfragen angesiedelt und Östergötland, die Provinz, in der Linköping liegt, war die erste, in der man versuchte, Priorisierung praktisch umzusetzen. Clemens Plickert berichtet darüber ausführlich.

Außerdem haben sich die Sozialistischen Ärzte Schwedens (Socialistiska läkare) – das haben wir aber erst bei dem Treffen mit Olaf, Jonas, Sarah, Linda, Göran und Rasmus erfahren – vor wenigen Jahren tatsächlich in Linköping im Anschluss an eine 1. Mai-Demo gegründet; die Geschäftsstelle für die ca. 200 Mitglieder liegt inzwischen aber in Stockholm. Die durchweg sehr jungen Mitglieder der Socialistiska läkare kämpfen gegen die Privatisierungstendenzen im Gesundheitswesen, die es in Schweden seit ca. 15 Jahren gibt. Anders als in Deutschland können sie das nicht in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften machen, denn diese sind nach Auskunft unserer schwedischen KollegInnen zwar mächtig, aber sehr konservativ und unterstützen die Privatisierung – wohl in der Annahme, dass diese das Problem des Zugangs zur Versorgung besser lösen möge als das staatliche System. Den Zugang halten auch die KollegInnen von den Socialistiska läkare für ein zentrales Problem in Schweden (siehe auch den Bericht Vârdcentralen von Jan-Peter Theurich in dieser Ausgabe). Dieses Problem könne man aber nur lösen durch bessere Organisation des staatlichen Gesundheitswesens, nicht durch Privatisierung.

Die Socialistiska läkare machen aber nicht nur Öffentlichkeitsarbeit, sondern versuchen auch, Initiativen zu starten zur Gründung von Primary Health Care Centers, die demokratisch organisiert sein sollen – bis hin zur Entscheidung der Finanzen. Sie nennen sich explizit sozialistisch, um ihre politische Orientierung deutlich zu machen, die allerdings nicht an eine Partei gebunden ist.

Interessant und erfreulich an dem Treffen mit den Socialistiska läkare war, dass sie anscheinend alle (zumindest die KollegInnen in Linköping) ganz jung sind und einigen Elan haben. Von diesem haben wir uns dann auch anstecken lassen und mit ihnen vereinbart, dass wir, die Socialistiska läkare und der vdää, ein gemeinsames „Europäisches Manifest gegen die Kommerzialisierung und Privatisierung des Gesundheitswesens“ (so der vorläufige Arbeitstitel) schreiben werden, das wir dann zusammen mit ähnlichen Organisationen in Europa unterzeichnen und am gleichen Termin veröffentlichen wollen. (Wir werden die Mitglieder des vdää auf dem Laufenden halten…)

Insgesamt war für mich an der ganzen tour am interessantesten, wie wenig in Schweden über Geld geredet wird, wenn man über das Gesundheitswesen spricht. Es spielte in den Diskussionen allenfalls volkswirtschaftlich eine Rolle; in keiner Diskussion wurden irgendwelche Regelungen, Pläne oder Ideen zur Änderung des Systems sofort – wie in Deutschland üblich – auf die Einkommen und das entsprechende Verhalten der Ärzte heruntergebrochen. Das befreite die Diskussionen ungemein!

Nadja Rakowitz

Interessante Links:

Struktur des Landstings Östergötland (PPP auf englisch):

www.lio.se/Fakta-om-landstinget/Landstingsfakta/Bildspel-om-landstinget/County-Council-2009/

Nationale Richtlinien zur Priorisierung des Socialstyrelsen

www.socialstyrelsen.se/riktlinjer/nationellariktlinjer

Medizinische Behandlung für Papierlose (Tinnerökliniken)

www.socialstyrelsen.se/riktlinjer/nationellariktlinjer

Sozialistische Ärzte (Socialistiska läkare)

www.socialistiskalakare.se

Positivliste (REK-lista) Östergötland:

www.lio.se/pages/118180/REK-lista_2012_84x170%20ver8.pdf


[1]Quelle: Gesundheit braucht Politik – Zeitschrift für eine soziale Medizin des vdää; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und de Autorin.


Zurück