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Keine Integration in die KV-Gremien: Für das angespannte Verhältnis zwischen Ärzten und Psychotherapeuten gibt es viele Gründe

Dr. Leonhard Hansen, langjähriger KV-Funktionär, äußert sich in einem Interview mit der DGVT auch kritisch zur Bereitschaft der Psychotherapeuten, sich in die Gremien einzubringen.


Leonard Hansen war elf Jahre lang Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein und saß neun Jahre lang in der überregionalen Vertreterversammlung der KBV. Er kennt das System wie seine Westentasche. Der ZEIT vom 4.10.2012 gab er vor kurzem ein Interview zum Streit über die Honorare zwischen Ärzten und Kassen, das Sie in der VPP 4/2012 nachlesen können.

Für die Rosa Beilage befragten wir Leonard Hansen außerdem zum angespannten Verhältnis zwischen Ärzten und Psychotherapeuten und zur Honorierung von psychotherapeutischen Leistungen.

Frage: Die Psychotherapeuten (PP und KJP) sind im Jahr 1999 nach der Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes ins KV-System aufgenommen worden. Sie haben zwar eine kleine Mitgift (ca. 320 Mio DM) erhalten und fielen eigentlich auch nicht weiter auf. Dennoch fühlten sie sich schnell und vielleicht sogar von vorneherein abgelehnt. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Antwort: Entscheidend dazu beigetragen haben:

a) die vielfältige Sonderstellung und Sonderbehandlung in der Institution KV und in ihren Gremien und

b) die absolut unzureichende Klärung und die nicht gesicherte Steigerung des Honorarbedarfs.

So konnte Integration unverkrampft und unproblematisch nie gelingen.

Frage: In den vergangenen zwölf Jahren hätte die Integration der Psychotherapeuten in die KV eigentlich kommen können. Es passierte aber eher das Gegenteil. Bei vielen Psychotherapeuten hat der Eindruck zugenommen, dass sie von vielen Ärzten ausgegrenzt werden. Diese Ausgrenzungen sind auf den ersten Blick besonders deshalb schwer verständlich, weil die Psychotherapeuten ja mit Abstand das geringste Einkommen aller Facharztgruppen haben.  Lässt sich diese mangelnde Bereitschaft zur Kooperation allein mit Standesdünkel erklären bzw. mit der Einschätzung, dass es unakzeptabel ist und bleibt, dass Nicht-Ärzte trotz fehlender Gleichwertigkeit gleichberechtigt sein sollen?

Antwort: Ich glaube, Ihre in der Frage anklingenden Annahmen sind richtig. Die Diskussion um Delegation und Substitution ärztlicher Leistungen bestätigt diesen Eindruck.

Frage: Was hätte man anders machen müssen, um eine wirkliche Integration zu erreichen? 

Antwort: Integration wäre sowohl auf der institutionellen als auch auf der Versorgungsebene unter bestimmten Voraussetzungen möglich gewesen.

a) Jeglicher Sonderstatus war Gift für die gewünschte Integration. In den Gremien habe ich bis zuletzt erlebt, dass es fast ausschließlich um den Erhalt und die Legitimation des "Sonderstatus" ging. Außerdem ist für mich bis zum heutigen Tage die Desintegration in den Reihen der Psychotherapeuten sehr befremdlich und integrationshemmend.

b) Auf der Versorgungsebene haben sich neuen Kolleginnen und Kollegen so versteckt und durch fehlende Präsenz geglänzt, dass Kennenlernen und Vertrauensbildung geradezu unmöglich waren.

Frage: Inzwischen ist die Forderung nach extrabudgetärer Vergütung der Psychotherapieleistungen beinahe Allgemeingut. Wie passt das zu dem Anspruch der gesetzlichen Krankenversicherung, dass mit dem Globalbudget die gesamten ambulanten Krankheitsbehandlungskosten zu finanzieren sind? Heißt das, dass man – nunmehr im Konsens – einigen neoliberalen Gesundheitsökonomen auf den Leim gegangen ist, und psychische Störungen zu Befindensproblemen umetikettiert und Psychotherapie zu Wellness-Leistungen?

Antwort: M.E. ist die jetzt gefundene Lösung der Etablierung eines dritten Honorartopfes zunächst mal honorartechnisch befriedend. Um der Gefahr zu begegnen, dass Psychotherapie zu Lifestyle-Beratung und Coaching umetikettiert wird, wäre es unabdingbar, sich unmissverständlich zu Qualitätssicherung und ihrer Umsetzung zu bekennen und diese zu praktizieren.

Frage: Damals hatte man sich bewusst für die Integration der Psychotherapeuten in das bestehende KV-System entschieden. Mittlerweile denken manche Vertreter laut darüber nach, eine eigene Kassenpsychotherapeutische Vereinigung zu gründen. Welche Vor- und Nachteile könnten – vor Ihrem Erfahrungshorizont – darin liegen?

Antwort: Das bedient die obsessiven Machtphantasien von Funktionären und verbessert in keinster Weise die Versorgung der Patienten oder der einzelnen Praxis (siehe Hausärzteverband).

Frage: Das Honorar-System hat mittlerweile eine Komplexität erreicht, die nur
noch schwer zu verstehen ist. Ist dieses System überhaupt noch reformierbar
oder muss man sich nicht ein komplett neues Honorierungssystem überlegen und
das alte System schrittweise in das neue überführen?

Antwort: Das Problem ist die im System "gewachsene" Honorarungerechtigkeit. Daraus resultiert auf der Individualebene eine derart große Grauzone von Über- und Fehlversorgung in der Indikationsstellung der erbrachten Leistungen, dass jedes Honorierungssystem ohne Korrektur dieser "Amortitis" scheitern wird. Wir kontrollieren (und psychotherapieren) uns zu Tode und laufen Gefahr, den Patienten nicht mehr gesund zu machen.

Frage: Im Honorarstreit zwischen Ärzten und Krankenkassen gibt es eine Einigung. Was halten Sie davon?

Antwort: Nach der unsäglichen Eskalation im Vorfeld (bis hin zur Stellung der Systemfrage) muss man über jede Einigung froh sein.

Die Fragen stellten Waltraud Deubert und Heiner Vogel.


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