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„Es wird nichts gegen den Willen der Berufsgruppe geregelt!“ – Ausbildungsreform im Mittelpunkt des 21. Deutschen Psychotherapeutentages in Düsseldorf am 10. November 2012


Im ‚gefühlten’ Mittelpunkt des Herbst-DPT stand der Beitrag von Ministerialdirigent Dr. med. Volker Grigutsch vom Bundesministerium für Gesundheit. Er berichtete über den Stand der Arbeiten im BMG an der Reform des Psychotherapeutengesetzes sowie insbesondere über deren mögliche Perspektiven und stand auch noch eine weitere Stunde zur Diskussion zur Verfügung.

Zum bisherigen Arbeitsstand musste er zugestehen, dass es ernsthafte Arbeiten an der Reform des Psychotherapeutengesetzes im BMG erst seit diesem Sommer gibt und diese sich im Wesentlichen auf das Sichten der Unterlagen und die Begleitung der Bund-Länder-Arbeitsgruppe der Gesundheitsministerien zum Thema beschränken. Ausführlicher hat er sich dann damit beschäftigt, die Delegierten von den Verheißungen einer Direktausbildung zu überzeugen – sie sei einfach die sachgerechte Lösung der bestehenden Probleme, auch wenn ihre Einführung revolutionär erscheine. Seine gesamten Ausführungen bat er als Überlegungen aus der Verwaltungsebene des BMG zu verstehen, die bisher noch nicht mit der „politischen Führung des Hauses“ abgestimmt seien.

Das Forschungsgutachten, so konnte man seinen Äußerungen entnehmen, habe nicht wirklich die gewünschten Empfehlungen erbracht, und den Gesetzesvorschlag der Bundespsychotherapeutenkammer wollte er trotz mehrfacher Nachfragen nicht kommentieren. Er wies aber freundlich darauf hin, dass sowohl das Forschungsgutachten als auch der BPtK-Vorschlag in die Überlegungen des BMG mit einbezogen würden. Den PsychotherapeutInnen bot er an, über die unterschiedlichen Perspektiven zur Novellierung der Psychotherapieausbildung ins Gespräch zu kommen, denn man wolle keine Ausbildungsreform gegen den Berufsstand machen. Und eine Berufsausbildung sei auch keine Spielwiese für Experimente. Eine Weiterentwicklung der jetzigen dualen Ausbildungsstruktur sei für ihn zwar denkbar. Er machte aber keinen Hehl daraus, dass er (als Beamter des BMG) mit der Direktausbildung aus ordnungspolitischen und inhaltlichen Gründen sympathisiere, weil eine ähnliche Ausbildungsstruktur wie bei den Medizinern jede Menge Vorteile biete. Beispielsweise hätten Psychotherapeuten dann ggf. die Möglichkeit - nach Abschluss des Studiums bzw. Staatsexamens und der Erlangung der Approbation - Soziotherapie und Medikamente zu verordnen sowie Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen auszustellen. Im Rahmen von Weiterbildung, d.h. nach dem Studium hätten die approbierten Kollegen auch Anspruch auf eine angemessene Vergütung ihrer Tätigkeit. Somit würden auch die (meisten?) Benachteilungen gegenüber Ärzten wegfallen, alles wäre denkbar. Und die Psychotherapeuten könnten vieles selbst regeln (im Rahmen der Weiterbildung). Es klang insgesamt doch beinahe etwas zu verheißungsvoll.

In der Diskussion wurde das Bild der revolutionären Veränderungen häufig strapaziert, denn bekanntlich ist nicht jede Revolution in der Weltgeschichte gut ausgegangen. Die Idee, notwendige und wünschenswerte Veränderungen schrittweise und prüfend zu entwickeln und zwar über Modellstudiengänge, wie von der BPtK und vom Forschungsgutachten empfohlen, hielt Herr Grigutsch für abwegig, weil noch kein Psychotherapie-Studiengang existiere, an dem modellhaft Veränderungen überprüft werden könnten. Somit müsse zunächst eine neue akademische Berufsausbildung – über ein Gesetzgebungsverfahren – geschaffen werden, die zur Approbation führe. Schon das sei ein langer Weg. Dass es dann zwei parallele Ausbildungen zum Psychotherapeuten gebe, hielt er für wenig sachgerecht. Dem von Delegierten vorgetragenen Hinweis, dass in anderen Ausbildungsgesetzen für Gesundheitsberufe auch Modellstudiengänge als Möglichkeit geregelt sind, hielt er den Hinweis entgegen, dass die in anderen Gesundheitsberufen vorgesehenen Ausbildungswege nicht direkt mit dem Beruf des Psychotherapeuten vergleichbar seien, welcher wiederum der Medizinerausbildung sehr ähnlich sei.

Die weitere Diskussion berührte verschiedene Themen, wie die Zugangsfrage, die Vergütung der praktischen Tätigkeit und die fehlende Bereitschaft des BMG, über eine dringend erforderliche Zwischenlösung nachzudenken. Sie verlief zwar lebhaft, aber auch konstruktiv und mündete letztlich in der Erkenntnis, dass die notwendigen Diskussionen mit dem BMG sicher noch andauern werden und es in dieser Legislaturperiode zu keiner Novellierung des Psychotherapeutengesetzes kommen wird. So blieb nur die Hoffnung, dass nach den Bundestagswahlen im Herbst 2013, wenn eine neue Bundesregierung im Amt ist, das BMG - unter neuer Leitung – die Reform des Psychotherapeutengesetzes mit einer höheren Priorität auf ihre Agenda setzt und eine Novellierung wenigstens in der nächsten Legislaturperiode vom Bundestag verabschiedet wird.

Die weiteren Tagesordnungspunkte beim Deutschen Psychotherapeutentag waren eher der notwendigen Routine bzw. den üblichen Themen gewidmet: Der Haushalt für 2012 mit knapp 2 Mio. Euro wurde beraten und genehmigt, sehr um fassende Vorstandsberichte, Berichte von Kommissionen und Ausschüssen und dann die Weiterbildungsordnung. Hier wurde zwar kurz (angesichts der fortgeschrittenen Zeit), aber durchaus kontrovers diskutiert: Braucht man eine Weiterbildung in Gesprächspsychotherapie (vorgesehen: 630 Std.!)? Mehrheitlich wurde diese Frage nach intensiver Diskussion mit „ja“ beantwortet, und es wurde auch - mit Mehrheit - beschlossen, dass die Kommission Zusatzqualifikation untersuchen soll, für welche somatischen Gebiete es psychotherapeutische Qualifikationen braucht, die dann in einem späteren Schritt ggf. zu entwickeln wären.

In „unserer“ Fraktionsgruppe waren beide Initiativen in Sachen Weiterbildungsordnung überwiegend kritisch diskutiert worden: Entwertung der Approbation? Erscheint es (wie bei der Neuropsychologie) überhaupt realistisch, dass junge KollegInnen, die die jetzige Ausbildung nach dem Psychotherapeutengesetz durchlaufen haben, sich noch einmal eine 630-stündige Weiterbildung antun, um hinterher auch nicht mehr abrechnen zu dürfen als vorher? Und macht es wirklich Sinn, Weiterbildungsregelungen zu schaffen, die insbesondere für die „Übergangsgeregelten“ gedacht sind bzw. von diesen erdacht sind? In diesem Sinne wurde dann im DPT-Plenum bei der Diskussion um die neu angedachten Weiterbildungen bei somatischen Indikationen angeregt, dass „junge KollegInnen oder gar PiA“ in die Bewertung des Bedarfs für diese Qualifikationen einbezogen werden. Der Vorschlag erhielt zwar Applaus, fiel im weiteren Beratungsverlauf dann aber offenbar doch unter den Tisch.

Ein kleiner Themenschwerpunkt war noch den Beschlüssen des Gemeinsamen Bewertungsausschusses und der Veränderung der Bedarfsplanung ab dem kommenden Jahr gewidmet. Die unzureichende Erhöhung der Vergütung und die Tatsache, dass mit dem Beschluss des Bewertungsausschusses eine unzureichende Bedarfsdeckung vermutlich auf Dauer festgeschrieben ist, wurden noch einmal kritisch dargestellt. Der Vorstand berichtete über seine Initiativen zur politischen Vertretung und wurde für seine Unterstützung der Landeskammern durch sorgfältige Analysen der regionalen Versorgungsstrukturen und durch entsprechende Prognosen gelobt.

Auch vor dem Hintergrund der möglichen Praxisaufkäufe durch KVen wurde offensichtlich, dass es wünschenswert wäre, wenn es einheitliche Empfehlungen für die Berechnung von angemessenen Preisen für Praxen gäbe (Verkehrswert). Eine Initiative des Länderrats war im vergangenen Jahr ohne Ergebnis im Sande verlaufen, jetzt will der BPtK-Vorstand einen neuen Versuch wagen. Zu diesem Thema stellte Susanne Ehrhorn (PiA/DGVT/Niedersachsen) den letztlich befürworteten Antrag, dass bei den Beratungen zum angemessenen Verkehrswert auch „die Generation der zukünftigen Praxisübernehmer“, d.h. PiA oder Jung-Approbierte, aktiv einbezogen werden sollen. Prof. Richter sicherte zu, dass dieser Vorschlag berücksichtigt werde.

PiA-Demonstrationen: Schließlich wurde noch ein von den DGVT-Delegierten eingebrachter Aufruf an die Landeskammern und alle Psychotherapeuten, d.h. die Kammermitglieder, verabschiedet, der sie motivieren soll, die PiA-Aktionen, die für die kommende Woche in vielen Städten Deutschlands geplant sind, nachhaltig zu unterstützen.

Heiner Vogel, Würzburg


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