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Gesprächskreis der Psychotherapeutenverbände tagte in Freiburg


Die GK II-Sitzung in Freiburg stand ganz unter dem Zeichen des Abschieds von Birgit Clever, bvvp. Sie hatte angekündigt, dass sie im März 2013 nicht mehr für den Vorstand des bvvp kandidieren wird und von daher auch zum letzten Mal im GK II sei.

Bei einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant Greiffenegg-Schlössle mit einem Sektempfang hat Birgit Clever ihren Abschied eingeleitet. Ein Highlight wurde zwischen Hauptspeise und Nachtisch „serviert“. Eine Salsagruppe präsentierte einen kubanischen Gesellschaftstanz. Wie im Square Dance gab es einen „Caller“ („Ansager“), der den Paaren im Saal die zu tanzenden Figuren zuruft und sie entsprechend auffordert, die Partnerin bzw. den Partner zu wechseln. Der kubanische Guaguancó ist ein traditioneller Werbetanz und hatte eine wichtige Funktion zur Eroberung einer Frau.

Im Anschluss an die Darbietung versuchten sich auch einige GK II-Mitglieder in diesem kubanischen Salsatanz, allerdings mit gedrosselter Geschwindigkeit. Nichstdestotrotz konnte man bei einigen KollegInnen ungeahnte Fähigkeiten erkennen.

Wir werden Birgit Clever vermissen, ihren unermüdlichen, mutigen und charmanten Einsatz für die Sache der PsychotherapeutInnen.

Nach diesem netten Abend und vielen informellen fachlichen Gesprächen führte uns Birgit Clever am nächsten Tag als Sitzungsleiterin durch die vorbereitete Tagesordnung. Neben den organisatorischen Abstimmungen zu Protokoll, Termin und Bericht aus den Verbänden sowie der Aufnahme eines weiteren Verbandes ging es um folgende Inhalte:

- Stand der Etablierung neuer Ausbildungsverfahren
- Neuropsychologie
- Ausbildungsreform/Direktausbildung
- PiA-Initiative
- Honorarvereinbarung

Stand der Etablierung neuer Ausbildungsverfahren

Systemische Therapie

Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) richtet ihr Verbandsengagement nach wie vor darauf aus, die systemische Therapie nach der Anerkennung durch den wissenschaftlichen Beirat als Verfahren zur Ausbildung zu etablieren. Es gibt in der Zwischenzeit drei Institute mit Ausbildung in systemischer Therapie nach den Anforderungen des Psychotherapeutengesetzes, die aber nach wie vor große Schwierigkeiten haben, da die Refinanzierung über die Ausbildungstherapien nicht möglich ist. Da der G-BA die systemische Psychotherapie bisher nicht in die Psychotherapie-Richtlinie aufgenommen hat, können ambulante systemische Leistungen nicht zu Lasten der Krankenkassen erbracht werden mit der Folge, dass den AusbildungsteilnehmerInnen keine GKV-PatientInnen zur Verfügung stehen, mit denen die im Rahmen der Ausbildung geforderten 600 Behandlungsstunden erbracht werden können. Damit ist auch die (teilweise) Refinanzierung der Ausbildungskosten durch die Vergütung dieser Behandlungsstunden durch die Krankenkassen nicht möglich. Die DGSF hat hier bereits mehrere Gespräche mit PolitikerInnen geführt und auch mit dem neuen Vorsitzenden des G-BA, Josef Hecken. DGSF und Systemische Gesellschaft appellieren an die Solidarität der anderen Verbände und bitten um Unterstützung. Eine Vielfalt der Therapieverfahren ist auch für die PatientInnen von Nutzen.

Gesprächspsychotherapie (GPT)

Die beiden Verbände zu Gesprächspsychotherapie DPGG (Deutsche Psychologische Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie) und die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG) e. V. vertreten unterschiedliche Positionen hinsichtlich einer kammerrechtlichen Aufnahme der Gesprächspsychotherapie in die Weiterbildungsordnung. Während sich die DPGG dagegen ausspricht, hat sich die GwG nach eingehender Diskussion für die Einrichtung einer kammerrechtlichen Weiterbildung in Gesprächspsychotherapie ausgesprochen. Während die DPGG durch die Aufnahme der Gesprächspsychotherapie in die Weiterbildungsordnung befürchtet, dass anderweitige Bemühungen, die GPT als Ausbildungsverfahren und in der Versorgung zu etablieren, zusätzlich erschwert werden, hält die GwG dies für einen wichtigen Schritt.

Humanistische Psychotherapie

Es wurde ein Antrag von der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT) auf wissenschaftliche Anerkennung der humanistischen Psychotherapie als Verfahren beim wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie gestellt. Die AGHPT ist ein Zusammenschluss von zurzeit elf Verbänden und Einzelpersonen der Humanistischen Psychotherapie, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Humanistische Orientierung der Psychotherapie zu stärken und sie als viertes Verfahren der Psychotherapie in Deutschland zu etablieren.

Neuropsychologie

Die Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) e. V. berichtet über den derzeitigen Stand der neuropsychologischen Therapie als Kassenleistung. Derzeit können neuropsychologisch arbeitende KollegInnen über Kostenerstattung abrechnen. Die Kostenerstattung wurde auch bislang vor dem G-BA-Beschluss von vielen Krankenkassen akzeptiert. Etliche KollegInnen haben auch eine Sonderbedarfszulassung beantragt. Dazu müssen sie im Arztregister eingetragen sein, d. h. die Approbation und die Fachkunde müssen nachgewiesen werden. Bislang wurden aber offenbar noch keine Sonderbedarfszulassungen ausgesprochen. Nach wie vor stehen noch die Vereinbarungen der sog. gemeinsamen Selbstverwaltung aus, wie z. B. neue EBM-Ziffern und Abrechnungsregeln, die im sog. gemeinsamen Bewertungsausschuss von den Vertretern der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des GKV-Spitzenverbandes vereinbart werden müssen. Die Verbände im GK II sagen der GNP ihre solidarische Unterstützung zu und empfehlen auch zu überlegen, inwieweit eine Feststellungsklage sinnvoll wäre.

Ausbildungsreform

Ende 2011 hat die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) einen Beschluss zur Reform des Psychotherapeutengesetzes verabschiedet, getragen von der Mehrheit des Deutschen Psychotherapeutentages.

Diesen Empfehlungen stehen die mehrfach geäußerten Überlegungen aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) entgegen, aus „ordnungspolitischen“ Gründen eine Direktausbildung ohne hinreichende Erprobung als Standard einzuführen. Erreicht werden soll damit eine weitgehende Angleichung der derzeitigen psychothera­peu­tischen Ausbildung an andere staatlich geregelte akademische Heilberufe. Obwohl vielfach Bedenken hinsichtlich eines Qualitätsverlustes und der problematischen Konsequenzen für die psychotherapeutische Versorgung geäußert wurden, hält das BMG an solchen Bestrebungen fest.

In der Folge haben viele Verbände Stellungnahmen zur Ausbildungsreform vorgelegt und auf ihren Homepages veröffentlicht. Etliche Verbände – so auch die DGVT – befürworten nach wie vor die postgraduale Ausbildung mit einem breiten Zugang. Für eine Psychotherapie-Direktausbildung gibt es bislang kein zwischen den Experten und den Fachgesellschaften abgestimmtes Modell. Von daher wenden sich nahezu alle Verbände dagegen, eine Direktausbildung ohne vorherige modellhafte Erprobung einzuführen. Eine hiervon abweichende Position vertritt die DPtV, die sich auch eine unmittelbare Einführung einer Direktausbildung vorstellen kann. Der Modellvorschlag der DGPs, vorgestellt von Thomas Fydrich, Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie der DGPs, kann auf deren Homepage unter www.dgps.de nachgelesen werden.

Ein weiteres Modell, über das Thomas Fydrich in der GK II-Sitzung berichtet, war von Rechtsanwalt Gleiniger auf der Sitzung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsverbünde (BAG) vorgestellt worden. Es handelt sich um ein duales Ausbildungsmodell für Psychotherapie, zu dem man sich auf der Homepage www.gleiniger.de/Vorträge http://www.gleiniger.de/Vorträgenäher informieren kann.

RA Gleiniger hat sich von der Frage leiten lassen, welche Probleme die Bundesregierung zurzeit mit dem gegenwärtigen Psychotherapeutengesetz hat (Zugangsfrage; Bachelor-/Masterabschlüsse; Vergütung; Fachkunden, die zu keiner sozialrechtlichen Anerkennung führen) und mit welchem Modell diese Probleme gelöst werden könnten. Alternativ zu dem (kolportierten) Modell des BMG, das mit der staatlichen Abschlussprüfung zur Approbation führt, schlägt er ein zweistufiges Direktausbildungsmodell vor, bei dem die Ausbildung mit einem 2. Staatsexamen endet und erst dann - mit Erwerb der Fachkunde - zur Approbation führt.

Mit dem 1. Staatsexamen könnte im Gesetz ein Vergütungsanspruch festgeschrieben werden (entgegen der jetzigen Regelung, die bei einer Erstausbildung die Möglichkeit nicht bietet). Die weitere (vertiefte) Ausbildung kann - bis zum 2. Staatsexamen - in den jetzigen Ausbildungsstätten stattfinden.

PiA-Initiative

Die PsychotherapeutInnen in Ausbildung (PiA) weisen auf die geplanten bundesweiten Demonstrationen am 14.11. hin. Anlass ist die Übergabe von Unterschriften an das Bundesministerium für Gesundheit. Ziel ist es, die Reform des Psychotherapeutengesetzes auf die Agenda zu stellen, damit sie in den Koalitionsvereinbarungen im kommenden Jahr berücksichtigt wird. In zahlreichen Städten, z. B. in München, Hamburg, Frankfurt, Köln, Hannover, Bremen, Heidelberg, Münster und Berlin sind Demonstrationen und Protestaktionen geplant. Die Aktionen werden getragen von elf Berufs- und Fachverbänden sowie durch die Gewerkschaft ver.di. Die PiAs stellen außerdem eine Petition vor, die in den Deutschen Bundestag eingereicht wird, um auf die problematische Situation während der Ausbildung zum PP und KJP aufmerksam zu machen. Die Petition wird nach der parlamentarischen Prüfung veröffentlicht und mitzeichnungsfähig sein. Prinzipiell sind alle Verbände bereit, die Petition zu unterstützen. Die Petition ist zu finden unter www.psychotherapie-petition.de.

Honorarvereinbarung

Der GK II beschließt nachfolgende Resolution zur extrabudgetären Vergütung psychotherapeutischer Leistungen:

Resolution des GK II zur extrabudgetären Vergütung psychotherapeutischer Leistungen

Der GK II begrüßt den bei den Honorarverhandlungen gefundenen Weg der vorübergehenden Ausbudgetierung und extrabudgetären Vergütung psychotherapeutischer Leistungen. Damit wird einerseits der Notwendigkeit entsprochen, dass der Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung entsprechend der Morbiditätsentwicklung in diesem Bereich direkt von den Krankenkassen finanziert wird. Im Sinne der Logik der Morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (MGV) kann und darf dieser bedarfsgerechte Ausbau nicht zu Lasten anderer Arztgruppen geschehen. Andererseits erscheint eine spätere Überprüfung der Wiedereinbudgetierung nach Schließen der Versorgungslücken wünschenswert: Denn die Psychotherapie und die Behandlung psychischer Krankheiten sind ein integraler Teil der GKV-Versorgung.

Die Ausbudgetierung eröffnet nun erstmalig eine Chance, Vergütungs- und Versorgungsfragen des Bereichs Psychotherapie sachgerechter in den KVen und der KBV zu behandeln - ohne Widerstände aufgrund von Honorarverlustängsten der übrigen Ärzteschaft. Dieses dient auch der verbesserten Integration der Psychotherapie in die GKV-Versorgung.

Zwei Aspekte der am 22.10.12 im Bewertungsausschuss gefassten Beschlüsse stehen aber im Widerspruch zu der mit der Ausbudgetierung ermöglichten bedarfsgerechten Entwicklung der Versorgung:

1. Die Festlegung des Zuwachses an Psychotherapeutensitzen:

Der auf 1.150 begrenzte Zuwachs an Psychotherapeutensitzen entspricht nicht einem nach Ist-Analysen bestimmten tatsächlichen Bedarf und greift einer Entscheidung des G-BA auf Basis von Bedarfsanalysen vor.

2. Die Beauftragung des G-BA zur „Weiterentwicklung der Richtlinienpsychotherapie“:

Die im GK II zusammengeschlossenen Verbände warnen vor honorarpolitisch motivierter Einflussnahme auf in den Psychotherapierichtlinien unter fachlichen Gesichtspunkten geregelte Behandlungsbedingungen und auf die darin berücksichtigten Ansprüche der Patienten auf eine medizinisch notwendige Behandlung. Sämtliche in den letzten Jahren veröffentlichte Untersuchungen mit Daten zur konkreten Versorgungssituation haben keine Anhaltspunkte für inadäquate Indikationsstellungen oder inadäquate Ausdehnungen von Therapien ergeben, wohl aber für hohe Effektstärken, hohe Werte bei der Patientenzufriedenheit und zeitstabile Behandlungsergebnisse. Daher ist jeder Versuch zurückzuweisen, den aktuellen Bedarf an Psychotherapie durch Einsparungen bei den fachlich indizierten und erforderlichen Langzeittherapien gegenfinanzieren zu wollen.

Waltraud Deubert und Heiner Vogel


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