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„Teenager in Not“ bei RTL 2: DGVT kritisiert neue Sendung

Psychisch kranke Jugendliche werden auf äußerst unsensible Weise vorgeführt. Dies ist nicht mehr "nur" geschmacklos, sondern überschreitet die Grenze der Sittenwidrigkeit.


Sie ist die neue Super-Nanny – Dr. Sarah-Sophie Koch[1] startete am 31. Oktober 2012 mit ihrer Sendung „Teenager in Not“ bei RTL 2. Hilfe vor laufender Kamera – ein altbewährtes TV-Konzept und oftmals Garant für einen Quoten-Hit. Nun gibt es erstmals eine Sendung speziell für Teenie-Härtefälle.

„Sie (die Jugendlichen) fühlen sich unverstanden, verhalten sich auffällig und aggressiv, verweigern sich ihren Eltern und der Schule: Teenager haben häufig mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen und reagieren für ihre Umwelt unverständlich“, lässt der Sender RTL 2 wissen. Man wolle die Jugend nicht länger mit ihren Sorgen alleinlassen. Der Programmdirektor von RTL II, Holger Andersen, spricht von einem „verantwortungsvollen Format“ und lobt seine „einfühlsame Pädagogin“. Der Sender zeigt zunächst acht Folgen der Doku-Soap.

Aus unserer Sicht werden in dieser Sendung psychisch kranke Jugendliche in äußerst unsensibler Art und Weise vorgeführt und die psychotherapeutische Arbeit mit jugendlichen PatientInnen wird völlig falsch dargestellt. So wurde in einer Folge gezeigt, wie sich ein 16-jähriges Mädchen vor der Kamera selbst verletzt (inklusive tropfendem Blut auf dem Badezimmerboden). In einer anderen Folge wurde ein lernbehinderter 15-jähriger Junge präsentiert, der nach massivster Provokation durch die Eltern seine Möbel zertrümmert. Die Teenager werden in emotionalen Ausnahmesituationen gezeigt, es werden intimste Sorgen und Nöte der Jugendlichen preisgegeben.

Die Jugendlichen erhalten "Unterstützung" von der Pädagogin Sarah-Sophie Koch, die innerhalb von wenigen Tagen eine scheinbare "Linderung" der psychischen Leiden durch medienwirksam inszenierte "Therapie-Interventionen" erwirkt. Das sich selbst verletzende Mädchen, das von Selbsthass und dem Gefühl, sich und ihren Körper oft nicht spüren zu können, erfüllt ist, wird nach einem kurzen Kennenlerngespräch zu einer Stunde Reittherapie geschickt, ihm wird ein Notfallkoffer vorgesetzt, und es verbrennt dann seine Rasierklingen, damit sie sich nicht mehr ritzen muss. Dann wird dem Mädchen eine kostenlose kosmetische Narben-Behandlung versprochen, wenn sie sich ein halbes Jahr lang nicht ritzt.

Das Bild, das durch diese Sendung von der psychotherapeutischen Arbeit gezeichnet wird, ist aus unserer Sicht unangemessen und schädlich. Es entsteht der Eindruck, psychische Probleme ließen sich innerhalb weniger Tage mit den richtigen "Tricks" lösen. Solche Darstellungen erzeugen völlig falsche Erwartungshaltungen bei Eltern und Kindern bezüglich einer echten Psychotherapie. Natürlich klagen auch Ärzte, Polizisten, Rechtsanwälte usw. über die unrealistische Darstellung in TV-Produktionen. Doch psychisch kranke Jugendliche aus Gründen der Gewinnmaximierung vorzuführen, ist nicht mehr „nur“ geschmacklos, sondern überschreitet unserer Meinung nach die Grenze zur Sittenwidrigkeit.

Die Produzenten derartiger TV-Serien spielen u. E. mit Menschen und Schicksalen, die öffentliche Darstellung endet für die Betroffenen möglicherweise in einer Verschlechterung ihrer psychischen Probleme. Im Vordergrund steht die Erzielung von Einschaltquoten. Viele vermeintlich Ratsuchende wissen bei Unterzeichnung des so genannten Beteiligungsvertrages nicht so recht, worauf sie sich wirklich einlassen. Gerade in Doku-Soaps werden Beteiligte oftmals zum Zwecke der Unterhaltung instrumentalisiert und als Objekte eingesetzt.


[1]Sarah-Sophie Koch ist Diplom-Pädagogin und promovierte 2011 mit ihrer Arbeit „Mentalisierungsfähigkeit der Mutter und kindliche Bindung“ an der Heinrich-Heine-Universität zu Düsseldorf zur Dr. phil. im Fachgebiet Psychologie. In ihrer Praxis für psychologische Familienberatung bietet sie Familienberatung, Erziehungsberatung und PEKiP (Prager Eltern-Kind-Programm) in Neuss an. Bekanntheit erlangte sie durch ihre Mitarbeit in der RTL-Pseudo-Doku-Soap „Die Schulermittler“ Bei den Schulermittlern spielte sie von Oktober 2009 bis Juni 2011 eine Sozialpädagogin im Einsatz für das Amt für Schule, Familie und Soziales.


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