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„Hamburger Impulse: Neue Perspektiven für die Psychotherapeuten-Ausbildung“

Fachtagung am 16. Januar 2013


Vor dem Hintergrund eines Anstiegs psychischer Erkrankungen und der Frage der ausreichenden therapeutischen Kapazitäten lud die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz der Freien und Hansestadt Hamburg zu einer Veranstaltung zu Fragen der Organisation und Inhalte der Psychothera-peuten-Ausbildung ein.

In ihrem einleitenden Vortrag verwies die Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks u. a. auf die steigende Zahl der psychischen Erkrankungen, in Folge dessen eine erhebliche Zunahme der Arbeits- u. Erwerbsunfähigkeit in den letzten Jahren zu verzeichnen sei. Prof. Rainer Richter, der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), ergänzte diese Aspekte in seinem Vortrag zur aktuellen psychotherapeutischen Versorgungssituation mit folgenden Fakten: ca. 36.000 Psychologische PsychotherapeutInnen und Kinder-/Jugendlichenpsycho-therapeutInnen sowie 14.000 ärztliche PsychotherapeutInnen, PsychiaterInnen und Kinder-/Jugendlichenpsychiaterinnen stünden in Deutschland für die psychotherapeutische Versorgung zur Verfügung. Da das Durchschnittsalter bei 56 Jahren läge, sei ein erhöhter Nachwuchsbedarf in den nächsten Jahren zu erwarten. Er regte eine inhaltliche Grundsatzdiskussion zum Thema Berufsbild  und therapeutische Kompetenz an, bevor man  neue gesetzliche Regelungen schaffe.

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden zusammen gefasst folgende Positionen vertreten:

Prof. Jürgen Margraf (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie/DGPs)setzte sich für eine fundierte akademische Direktausbildung als Zukunftsmodell ein. Sein Statement, dass in einem fünfjährigen einheitlichen Psychotherapiestudium mit anschließender Approbation ( danach auf Länderebene durch die Landespsychotherapeutenkammern organisierte Weiterbildung), im gleichen Maße Kompetenzen zur Behandlung von Erwachsenen wie auch Inhalte und Kompetenzen im Bereich der Kinder- u. Jugendpsychotherapie vermittelt werden könnten, stieß auf einige Skepsis im Auditorium und wurde kontrovers diskutiert. Auch der Hypothese, dass der große Vorteil einer Approbation (nach dem Direktstudium) in der Möglichkeit zur Bezahlung der klinischen Tätigkeit liege, vermochte nicht zu überzeugen. Alternativ hierzu trug Fr. Dr. Trautmann-Voigt das Modell eines Psychotherapiestudiums mit dem Abschluss eines 1. Staatsexamen (dadurch Möglichkeit der Bezahlung) vor. Durch die Beibehaltung von zwei Berufen: Erwachsenenpsychotherapie und Kinder-/Jugendlichenpsychotherapie könnten auch die pädagogischen Inhalte für den Kinder-/Jugendlichenbereich erhalten bleiben. Durch die reformierte anschließende bundeseinheitliche Ausbildung (statt Weiterbildung) bliebe die Finanzierung der Ausbildungstherapien nach § 117 SGB V gesichert und die bewährten Strukturen einer praktischen Ausbildung  in den vorhandenen Ausbildungs- und Hochschulambulanzen würden erhalten (Approbation u. zweites Staatsexamen am Ende der Ausbildung).

Prof. Bernhard Strauß  (Leiter des Forschungsgutachtens zur Psychotherapieausbildung im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums) bestätigte den hohen Standard der aktuellen Ausbildungsangebote durch freie Träger und Hochschulen. Er kritisierte, dass die Politik weder die teilweise notwendigen Reformvorschläge noch die positiven Ergebnisse bezüglich der Ausbildungsqualität des Gutachtens, seit seinem Erscheinen 2009 aufgegriffen habe oder in der derzeitigen Diskussion berücksichtige. 

Dipl.-Psych. Kerstin Sude (Vorstand Deutsche Psychotherapeutenvereinigung/ DPtV) sieht ebenfalls Handlungsbedarf,  da die weitgehend unzureichende Bezahlung der Praktischen-Klinischen-Tätigkeit inakzeptabel sei. 

Fr. Prüfer-Storcks ging in ihrer Abschlussrede noch kurz auf die folgenden Beiträge aus dem Publikum ein: Es bestehe Sorge, dass die psychotherapeutische Versorgung der Kinder und Jugendlichen gefährdet sei, wenn die Politik nicht handelt, da aktuell AbsolventInnen  als Nachwuchs für die Kinder-/Jugendlichenpsychotherapie-Ausbildung fehlen und die Vielfalt der uneinheitlichen Masterabschlüsse alle Beteiligten verunsichere. Falls zukünftig eine einheitliche Berufsgruppe nach dem Direktstudium (z.Z. wählen nur 20 % der PsychologInnen die KJP-Ausbildung/80% der KJP-Ausbildungsteilnehmer stammen aus dem (Sozial-)pädagogischen Bereich) entsteht und die Absolventen sich weiterhin sich schwerpunktmäßig auf die Erwachsenenpsychotherapie konzentrieren, drohen bezüglich der Psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen Versorgungengpässe. Die Senatorin Prüfer-Storcks konnte diesbezügliche Bedenken nachvollziehen und sieht weiteren Beratungsbedarf  u. a. auch in der Bund-Länderkommission, die zum Thema „Psychotherapie-Ausbildung“ gebildet wurde.

Alfred Luttermann

Der Autor ist Leiter des DGVT-Ausbildungs-zentrums für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Berlin.


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