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Medizin im Fokus

Erster BundesKongress GenderGesundheit wurde seinem Anspruch nicht ganz gerecht – Gesundheit ist mehr als Medizin


Der erste BundesKongress GenderGesundheit fand vom 21. bis 22. März 2013 in Berlin statt, konzipiert von Dr. Martina Kloepfer von Female Resources in Healthcare/Kloepfer Training und finanziert von einem Netzwerk von Verbänden (u.a. dem Deutschen Ärztinnenbund und dem Verband der Diätassistentinnen), von Krankenkassen und Banken (u.a. Barmer GEK, Deutsche Apotheker- und Ärztebank) sowie der Pharmazeutischen Industrie (u.a. Novartis, GlaxoSmithKline).

Die Veranstaltung stand unter der Schirmherrschaft der Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium für Gesundheit, Annette Widmann-Mauz und fand in den illustren Räumen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Zentrum von Berlin statt. Die Organisatoren machten von Anfang an klar, dass diesem 1. BundesKongress GenderGesundheit in den kommenden Jahren weitere folgen sollen. Soll man daraus schließen, dass es sich um ein interessantes Geschäftsmodell handelt? Darauf komme ich am Ende dieses Berichts noch einmal zurück.

Wie üblich startete der Kongress mit einer Begrüßung durch die OrganisatorinDr. Kloepfer und die Parlamentarische Staatssekretärin Widmann-Mauz, die beide kurz in das Thema einführten. Inhaltlich gliederte er sich in sechs Vorträge, zwei Podiumsdiskussionen und eine Session mit vier Workshops.

Mehrere Vorträge befassten sich mit ausgewählten Krankheitsbildern und den typischen geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Ausprägung von Krankheitszeichen, Krankheitsverläufen und Behandlungserfordernissen – vorausgesetzt, die Krankheiten werden mit Hilfe gendersensibler Diagnostik erkannt, korrekt diagnostiziert und wiederum gendersensibel behandelt.

Professorin Dr. Marion Haubitz (Klinikum Fulda) ging detailliert und kenntnisreich auf geschlechterspezifische Differenzen beim Akuten Nieren-Versagen und den damit in kausalem Zusammenhang stehenden Erkrankungen an Lupus erythematodes (Autoimmunkrankheit) ein. Sie verwies als erste darauf, dass sich mit der „personalisierten Medizin“, also der auf den Einzelfall zugeschnittenen Diagnostik, und einem ebensolchen Behandlungsplan einschließlich einer „individuellen“ Medikation neue Heilungschancen eröffnen können.

Professorin Dr. Vera Regitz-Zagrosek (Charité Berlin) stellte kenntnisreich und gekonnt die Differenzen zwischen den Geschlechtern bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen dar. Die spezifischen Gefahren, denen Frauen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausgesetzt sind, wie vergleichsweise langer Krankheitsvorlauf mit entsprechenden Vorschädigungen der Organe sowie ein damit in Zusammenhang stehendes höheres Mortalitätsrisiko nach einem Erstinfarkt, müssen genauer erforscht werden. Mit einer Studie (die Berliner Frauen-Risikoevaluationhttp://gender.charite.de/forschung/arbeitsbereiche/klinische_forschung/berliner_frauen_risikoevaluation_befri/ Studie BEFRI) und einer Aufklärungskampagne („Hör auf Dein Herz“, www.hoeraufdeinherz.com, finanziert von der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin und Coca-Cola light) soll sowohl Grundlagenforschung betrieben als auch eine Aufklärungskampagne gestartet werden, die sich gezielt an Frauen richtet. Die Zukunft wird zeigen, welche Ergebnisse Forschung und Kampagne bringen werden.

Nicht nur ticken Frauenherzen anders als Männerherzen, auch die Sprache, deren sich Ärzte und Ärztinnen im Umgang mit ihren Patienten und Patientinnen bedienen, ist, wie es scheint, unterschiedlich. Dr. Astrid Bühren (Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie) stellte die Ergebnisse einiger empirischer Studien zum unterschiedlichen Kommunikationsverhalten von Ärzten und Ärztinnen vor. Sie konnte zeigen, dass sich ein empathischer Kommunikationsstil positiv auf die Behandlung auswirkt und dass Ärztinnen in dieser Hinsicht Ärzten oft überlegen sind. Nach Bühren kommt man aufgrund der Studienergebnisse zu dem Schluss, dass „Ärztinnen die besseren Ärzte“ sind!

Die Medizinerinnen beklagten durchweg, dass Geschlechterfragen in der Medizin zu wenig beachtet würden, dass es zu wenige Ergebnisse zu Geschlechterdifferenzen im Umgang mit Krankheiten gebe. Das bezieht sich auf die Diagnostik ebenso wie auf die Notfallmedizin, die Akutversorgung, die medikamentöse Behandlung und die Rehabilitation. Zwar hat sich mit der Einrichtung des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin einiges getan, es ist aber angesichts immer neuer Fragen an die Diagnostik und die Behandlung nicht genug. Medizinerinnen monieren, dass der Blick auf die Geschlechter dringend gefordert ist, und sie betonen, dass von den Entscheidungsgremien in der Politik, in der Praxis und in der Wissenschaft in Zukunft in dieser Hinsicht mehr erwartet wird.

Birgit Fischer vom Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfp) referierte über die Entwicklung der Arzneimittelforschung an Männern und – seit 2004 verbindlich – an Frauen (für Details siehe www.vfa.de). Es wurde allerdings nicht ganz klar, ob und in welcher Weise „Gender den Blick auf die Gesundheit verändert“. Als Zuhörerin hatte man eher den Eindruck, dass die Pharma-Industrie zwar bemüht ist, die Auflagen, die ihr die Politik macht, zu erfüllen, aber von vielem eher wenig hält.

Zwei Vorträge befassten sich stärker mit psychosozialen Fragen im Zusammenhang mit Gesundheit. Dr. Monika Köster (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) stellte die breite Palette der Ansätze und Handreichungen der BZgA für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Gesundheitsberufen dar. Sehr anregend war der Vortrag von Professorin Dr. Ilona Kickbusch (Graduate Institute, Genf). Sie erinnerte eingangs daran, dass Gender-Gesundheit vom Ansatz her breiter und komplexer ist als Gender-Medizin, in der es vor allem um  biologisch begründete Differenzen – im Sinne von sex – zwischen den Geschlechtern geht. Gender-Gesundheit stellt das Konstrukt Geschlecht in den Mittelpunkt; sie fokussiert daher auf die psychosozialen und politischen Gegebenheiten, die die Rahmenbedingungen für Gesundheit abstecken.

Gesundheitshandeln ebenso wie Gesundheitserleben und Gesundheitspolitik bedingen einander; sie können nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Dazu gehört u.a., dass man nicht mehr einfach vom Modell der Zweigeschlechtlichkeit ausgehen kann, sondern dass man die geschlechtlichen Zuordnungen von Personen und Gruppen sowie transgender mitbedenken und mitberücksichtigen muss. Auf dieser Folie sind die Ungleichheiten zwischen Menschen herauszuarbeiten, die sich dauerhaft oder temporär dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zuordnen.

Allerdings zeigt die globale Gesundheitsforschung, dass es ein erhebliches Machtgefälle zwischen dem männlichen Genderpol und dem weiblichen Genderpol gibt und dass die Ressourcen entsprechend ungleich verteilt sind. Weltweit sind Menschen benachteiligt, die sich dem weiblichen Genderpol zurechnen: sie verfügen über weniger Macht und weniger Ressourcen. Sie haben weniger Zugang zur globalisierten Kommunikation (was man z.B. daran ablesen kann, dass sie in sozialen Netzwerken weniger vertreten sind), verfügen daher oft über weniger Wissen allgemein und vor allem über weniger gesundheitsrelevantes Wissen. Auch ihr Zugang zum Gesundheitsmarkt ist beschränkt.

Das heißt aber nicht, dass sie von der globalen Vermarktung und Sexualisierung des Körpers ausgeschlossen sind. Vielmehr sind sie Angriffs- und Zielobjekte dieser Entwicklungen: weltweit operierende Konzerne, die mit ihrem Geld und ihren Ressourcen Macht ausüben, propagieren Körper-Bilder von Frauen (und Männern) mit normativen Auswirkungen auf das Verhalten insbesondere junger Menschen. Kickbusch benutzt dafür die Metapher: „Die Gesellschaft ist auf den Körper geschrieben“. Als Ideal gilt die überschlanke Frau mit wohlausgebautem Busen (und der schlanke und voll durchtrainierte Mann mit ausgeprägtem sixpack).

Die Realität weicht von den Idealen stark ab. Das lässt sich am besten an Angaben zum Körpergewicht der Durchschnittsbevölkerung zeigen: in allen Ländern der Welt nimmt der Anteil der Übergewichtigen zu – obwohl doch andere Idealbilder propagiert werden. Die Menschen verhalten sich nicht „ideal“, sie folgen lieber den Verführungen der Nahrungsmittelindustrie, die sie mit ihren Produkten verwöhnt und nebenher dick macht. Ob das zum Schaden der Esser oder zu ihrem Nutzen ist, darüber wird zurzeit heftig und kontrovers diskutiert. Fazit der Ausführungen: „Die Gesundheitsgesellschaft bedarf des aktiven Bürgers, Konsumenten und Patienten wie eines fördernden Staates und einer Wirtschaft, die sich ihrer gesundheitspolitischen Verantwortung bewusst ist“.

In den vier Arbeitsgruppen wurden einige ausgewählte Aspekte der Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Dienstleistungen zur gesundheitlichen Versorgung genauer diskutiert: „Fehlmedikation und die Folgen“; „Fragen der richtigen Diagnose“, „Ausbildung und Arbeitsmodelle“ und „Genderaspekte und Versorgungseffizienz“ angeboten. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen ebenso wie die der beiden Diskussionsrunden waren disparat – ein Hinweis darauf, dass das Thema Gender-Gesundheit weit gesteckt und facettenreich ist. Außerdem waren auffällig häufig interessengeleitete Argumentationen zu beobachten.

Insgesamt betrachtet war die Veranstaltung stark Medizin-lastig. De facto ging es weniger um Gender-Gesundheit und mehr um Gender-Medizin. Das ist dann in Ordnung, wenn das aus dem Titel bzw. aus dem Ankündigungstext ersichtlich ist. Das war bei dieser Veranstaltung leider nicht der Fall. Es wäre also wünschenswert, dass der – bereits angekündigte – 2. BundesKongress GenderGesundheit im Jahr 2014 diese Schieflage nicht wiederholt oder – wenn das nicht im Sinne der Organisatoren ist – sich entsprechend umbenennt.

Problematisch erscheint auch das Finanzierungsmodell. Es beruht ja zu einem Teil auf weltweit agierenden pharmazeutischen Konzernen mit erheblichem Machtpotential. Da stellen sich schon ein paar Fragen, nicht zuletzt solche nach impliziten Manipulationen und nach ethischen Prinzipien.

Irmgard Vogt


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