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Folgen des Sparkurses auf die Gesundheitssysteme


Die Finanzkrise und verordnete Sparpolitik in den südlichen Ländern hat gravierende Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme einzelner Länder. Besonders betroffen sind die Gesundheitssysteme Griechenlands, Spaniens, Portugals und nicht zuletzt Zyperns. Eine Delegation der Menschenrechts- und Entwicklungshilfeorganisation medico international und des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää)  hat im Februar diesen Jahres  Griechenland besucht, um die Auswirkungen der Finanzkrise auf das griechische Gesundheitswesen zu erkunden. „Durch die Sparpolitik der Troika und der griechischen Regierung werden in Griechenland Menschenleben durch die Verweigerung einer grundlegenden Krankheitsversorgung riskiert“, so ihre Einschätzung. Offiziell seien in Griechenland 30 %, nach Gesprächen mit Ärzten und Politikern allerdings inzwischen nahezu 50 % der Bevölkerung nicht mehr krankenversichert, da die Gelder für die Versorgung massiv gekürzt wurden. 

In Griechenland gibt es wieder häufiger Ausbrüche von Malaria und anderen  überwunden geglaubte Infektionskrankheiten. Steigende Zuzahlungen halten die Menschen vom Gang zum Arzt ab.

In Spanien erhalten Hunderttausende Einwanderer ohne Papiere medizinische Versorgung nur noch in Notfällen. ÄrztInnen und PatientInnen protestieren gegen die Pläne der Regierung, Krankenhäuser und Gesundheitszentren zu privatisieren, die in einigen Regionen schon angekündigt wurden.

Die Kommission für Gesundheit und Verbraucherschutz der EU sollte sich dringend mit den Konsequenzen der Sparpolitik auf die Gesundheitssysteme beschäftigen und entsprechend gegensteuern.

Nachfolgend drucken wir ein Interview aus „konkret“ ab, das sich mit den Folgen der Sparpolitik für Menschen mit psychischen Erkrankungen und die Arbeit der PsychotherapeutInnen beschäftigt.

Waltraud Deubert

 

In Griechenland liegt die Arbeitslosenquote bei über 24 Prozent. Vor Armenküchen warten täglich Tausende auf eine warme Mahlzeit. Die Zahl der Suizide ist in den vergangenen drei Jahren dramatisch angestiegen. Über den Zusammenhang zwischen wachsendem allgemeinen Unglück und subjektivem Elend sprach KONKRET[1] mit dem Psychotherapeuten und Traumaexperten Georg Pieper, der im vergangenen Jahr das Buch Überleben oder Scheitern (Albrecht-Knaus- Verlag) veröffentlicht hat.

konkret: Sie waren Ende letzten Jahres erneut in Griechenland. Was haben Sie dort erlebt?

Pieper: Seit 2005 mache ich Schulungen für griechische Psychologen und Psychotherapeuten. Bei diesem Besuch habe ich auf mein Honorar verzichtet, weil sich die meisten Kollegen und Kolleginnen das diesmal nicht mehr leisten konnten. Ich habe viel über deren Situation und die ihrer Patienten und Patientinnen erfahren.

konkret: Was zum Beispiel?

Pieper: Eine große Zahl von Therapeuten mußte in den letzten Jahren hohe finanzielle Einbußen hinnehmen. Die meisten haben auf bis zu 50 Prozent ihres Gehalts verzichten müssen. Ich konnte beobachten, daß auch unter meinen griechischen Kollegen Depressionen stark zugenommen haben. Sie müssen sich die Situation einmal vorstellen: Die Therapeuten sehen, daß immer mehr Menschen eine Psychotherapie benötigen. Die meisten können sich das jedoch nicht mehr leisten. In Griechenland wird diese Form der Therapie nicht von den Krankenkassen übernommen, sondern muß vollständig aus eigener Tasche bezahlt werden. Die griechischen Kollegen sehen also einen steigenden Bedarf und wissen natürlich auch, daß Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden und nicht behandelt werden, schwerwiegende Folgeproblematiken – übrigens mit hohen sozialen Kosten – entwickeln können.

In dieser Lage können die Kollegen nur weniger Honorar nehmen. Ein Therapeut hat mir berichtet, daß er seine Wohnung aufgegeben hat und in seine Praxis gezogen ist. Der stellt dann morgens die Matratze beiseite und richtet das Zimmer für seine Patienten her.

konkret: Hat die Zunahme psychischer Erkrankungen in Griechenland etwas mit der ökonomischen Krise zu tun?

Pieper: Ja, ganz sicher.

konkret: Wie wirken sich Krisenerfahrungen, die in Griechenland ja nahezu allgemein geworden sind, auf die Psyche der Menschen aus?

Pieper: Typische Auswirkungen sind vor allem bei den Männern zu beobachten. Männer leiden darunter, daß sie ihre Rolle als Familienernährer oft nicht mehr ausfüllen können, wenn sie arbeitslos werden oder deutlich weniger Geld verdienen. Viele Griechen leben mittlerweile am Rande des Existenzminimums. Insbesondere die Männer können das nur schwer verkraften, weil es ihre Identität angreift. Man kann beobachten, daß bei ihnen in den vergangenen Jahren Angststörungen, Panikstörungen und Depressionen stark angestiegen sind. Diese drücken sich wiederum nicht selten in Alkoholismus und Gewalt aus. Sowohl innerfamiliäre Gewalt als auch die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft nehmen zu. Das ist nicht zuletzt ein Grund, warum eine rechtsradikale Partei wie die Goldene Morgenröte einen so starken Zulauf erfahren hat. Leider stehen mittlerweile Gewaltexzesse gegen Ausländer auf der Tagesordnung.

konkret: Können Sie etwas zur innerpsychischen Verarbeitung dieser gesellschaftlichen Krisenerfahrungen sagen?

Pieper: Es entstehen in erster Linie Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. Die Menschen merken, daß sie aus eigener Kraft nicht mehr für sich und ihre Familien sorgen können. Außerdem wissen sie nur zu gut, daß sich in Zukunft die Situation wohl nicht verbessern wird. Es ist wohl eher vom Gegenteil auszugehen. Aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus entsteht bei vielen Menschen eine kalte Wut. Die Tatsache, daß es nach wie vor Leute gibt, die weiterhin ein gutes Leben führen, sich noch immer großen Luxus leisten und bei Bedarf in der Lage sind, ihr Geld ins Ausland zu schaffen, erhöht die soziale Spannung. Die gesellschaftlichen Gegensätze spitzen sich drastisch zu, wenn Menschen zunehmend in existentiellen Nöten sind und gleichzeitig sehen, wie andere offenbar gar nicht von der Krise betroffen sind. Das ist eine sehr explosive Konstellation.

konkret: Eine subjektive Verarbeitung von Leidenserfahrungen geht ja nicht selten mit Projektionen auf andere einher. Inwiefern spielen hierbei Rassismus und Antisemitismus eine Rolle?

Pieper: Diese Phänomene nehmen in der Tat zu, und das ist schon beängstigend. Psychologisch interpretierend würde ich sagen, daß es im Grunde darum geht, die Kontrolle wiederzuerlangen. Schuldige zu identifizieren und gegen sie vorzugehen, vermittelt subjektiv das Gefühl, sich in einer Situation zu befinden, die man vermeintlich kontrollieren kann. Das ist eine Möglichkeit, wie Menschen mit dem schwer aushaltbaren Gefühl der Ohnmacht umgehen. Auf der anderen Seite beobachten wir jedoch auch eine starke Erhöhung der Suizidrate. Das geht teilweise so weit, daß sich verzweifelte Menschen direkt vor dem Parlament erschießen.

Das Gefühl, ich kann das nicht ändern, ist ein ganz wichtiges psychologisches Moment, an dem man meiner Ansicht nach ansetzen müßte. Die Menschen müssen durch tatsächlich praktizierte Solidarität erfahren, daß sie doch etwas tun können und nicht vergessen sind. Aber solidarische Aktionen gibt es einfach zu selten, statt dessen erleben wir hierzulande diese menschenverachtenden Pressekampagnen, die von den »faulen Südländern« schwadronieren.

konkret: Inwieweit können überhaupt Probleme, die die einzelnen Betroffenen durch eigenes Handeln nicht verändern können, psychotherapeutisch behandelt werden?

Pieper: Es geht nicht darum, daß man mit der Psychotherapie jetzt diese Krise bewältigen könnte. Man kann auch den betroffenen Menschen so allein nicht weiterhelfen. Das ist eine ökonomische Krise, quasi ein kollektives und anhaltendes Trauma. Das müßte zuerst einmal beendet werden, damit sich die Menschen wieder herausarbeiten können.

konkret: Und so lange sind die Psychologen als disziplinierende Apologeten der Elendsverwaltung tätig?

Pieper: Auch das Gegenteil ist möglich. Psychologische Begleitung kann die Menschen politisieren und ihnen die Kraft verleihen, sich für ihre Rechte einzusetzen. Das wäre die Aufgabe einer politischen Psychologie, die auch das gesellschaftlich produzierte Leiden der Menschen im Blick hat und die Betroffenen zum selbstbewußten Handeln ermächtigt. Letztlich besteht die eigentliche Herausforderung aber darin, eine soziale Revolution herbeizuführen.


[1]Quelle: KONKRET, Ausgabe 3/2013; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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