< vorheriger Artikel

Bestimmt die Pharmaindustrie bald, wer psychisch krank ist?

Referenten beim BPtK-Symposium gehen mit dem neuen DSM V hart ins Gericht


„Wer definiert die Grenzen zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit? Das DSM V steht vor der Einführung“ – unter diesem Motto stand ein Symposium der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), das am 22. April in Frankfurt/Main stattfand. „Don‘t buy it, don’t use it, don’t teach it“ lautete das vernichtende Urteil von Prof. Dr. Allen Frances (USA), der am DSM IV federführend mitgearbeitet hatte. Die Nähe des DSM V zur Pharmaindustrie sei „unerträglich“. Die ganze Gesellschaft würde mit neuen Krankheiten überzogen.

Die Veranstaltung war mit 200 Personen, vor allem junge KollegInnen, gut besucht. Studierende, PiAs, MitarbeiterInnen der Universitäten, VertreterInnen der Psychotherapeutenkammern, der KVen und der Verbände bekundeten Interesse an dem Thema.

Frances stellte eingangs fest, dass psychiatrische Diagnosen stets in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet seien; dieser definiere, was als „gestört“ angesehen wird. Die immer differenziertere Diagnosestellung mit ausgefeilten Kategorie-Systemen täusche einen Wahrheitsgehalt vor, der so nicht existiere. Hinzu komme, dass 80% der psychiatrischen Diagnosen nicht von Fachleuten, also Psychiatern oder Psychotherapeuten, gestellt werden, sondern von Allgemeinärzten. Eine einmal gestellte psychiatrische Diagnose – und die damit einhergehende medikamentöse Behandlung – werde man oft sein ganzes Leben lang nicht mehr los, kritisierte Frances.

BPtK-Präsident Prof. Rainer Richter bestätigte, dass psychiatrische Diagnosen bis heute von politischen Rahmenbedingungen und vom gesellschaftlichen Zeitgeist abhängen. Mit dem DSM V komme ein neues umfangreiches Diagnosewerk mit hohen gesellschaftspolitischen Implikationen ins System. Richter verwies auf die Geschichte der Psychiatrie: Mitte des 19. Jahrhunderts habe es in den USA eine ernsthafte wissenschaftliche Publikation gegeben, die bei Sklaven ein sogenanntes „Fluchtsyndrom“ festgestellt habe. Der Autor dieser medizinischen Arbeit wollte beobachtet haben, dass es bei schwarzen Männern häufig zu einem „irrationalen Verhalten“ – flüchten, davonlaufen – käme.

Allen Frances machte deutlich, dass das DSM III ein Meilenstein der Diagnose gewesen sei. Nach einer Zeit ausgesprochen schwammiger psychiatrischer Diagnosen in den 70er und 80er Jahren habe das DSM III die Diagnosen auf ein neues wissenschaftliches Fundament gestellt. Diese Seriosität setze das DSM V durch seine „Nähe zu big pharma“ aufs Spiel. Die wenigen Experten innerhalb der APA (American Psychiatric Assoziation), die am DSM V arbeiten, unterhielten enge Kontakte zur Pharmaindustrie und deren Forschung.

„Künstliche Epidemien“ in der Psychiatrie sind für Frances zum Beispiel ADHS, PTSD oder Burnout. Diese „Epidemien“ seien eher auf Veränderungen der diagnostischen Kategorien und die Medikalisierung bzw. Psychiatrisierung gesellschaftlicher Probleme zurückzuführen. Die menschliche Natur und ihre Psyche seien im Grunde stabil. Der Mensch sei nicht so schwankend und Veränderungen unterworfen, wie dies die Störungsbilder nahelegten.

Am Beispiel der posttraumatischen Belastungsstörung PTSD arbeitet Frances kritisch heraus, dass diese Störung eher das Ergebnis einer verfehlten Friedenspolitik sei und keine Krankheit, auch wenn die Betroffenen sehr viele subjektive Krankheitsmerkmale aufweisen. Ein Viertel der Kriegsteilnehmer aus den Kriegen in Afghanistan oder im Irak leiden an PTSD. Indem man die Störung in den einzelnen Soldaten hineinverlege, werde ein gesellschaftliches Problem der USA individualisiert. Die hinter der Zunahme der psychiatrischen Diagnose PTSD stehenden, wahren gesellschaftlichen Gründe – das Problem einer verfehlten US-Außenpolitik – gerieten dadurch aus dem Blickfeld.

Frances machte des Weiteren deutlich, dass psychiatrische Diagnosen heute eine große gesellschaftliche und versicherungsrechtliche Dimension haben. Rente, Krankschreibungen, Arbeitsunfähigkeitsatteste … vieles basiert auf psychiatrischen Diagnosen. Frances mahnt eine zurückhaltende Diagnostik („step by step“), vor allem bei jungen Menschen, an, die auch wieder reversibel sein sollte. Psychotherapien sollten ebenso wie Pharmakotherapien überschaubar und kürzer sein.

Auch mit der Forschung ging Frances hart ins Gericht: Das Gebiet Psychiatrie ist in den USA nach und nach durch die Einführung des DSM-Systems zum zweitgrößten Forschungsbereich, nach der internistischen Forschung, erstarkt. Wie in allen anderen Forschungsbereichen werde der jeweils eigene Ansatz als der wichtigste und bedeutsamste angesehen. Ggf. würden neue Krankheiten „erfunden“.

BPtK-Präsident Richter äußerte sich ebenfalls kritisch zum DSM V. Er verwies darauf, dass „zufälligerweise“ genau die Diagnosen weniger werden oder verschwinden, für die es kaum Medikamente gibt, beispielsweise die somatoformen Störungen. Störungsbilder, die in der Pharma-Welt keinen Umsatz versprechen, verlören an Bedeutung.

Die weiteren DiskussionsteilnehmerInnen auf dem Podium (Professoren Hiller, Stangier, Stieglitz, Rief) schlossen sich der kritischen Sichtweise an. Die Frage, was die Kammern tun sollten, wenn das DSM V auf den Markt komme, war freilich etwas schwieriger zu beantworten. Man könne wohl nicht umhin, als Fortbildungen anzubieten, hieß es, um die Kollegen nicht im Regen stehen zu lassen.

Psychotherapeuten und Psychiater. so der Tenor der Veranstaltung, müssen wieder lernen die Unsicherheitsspannung „offener Diagnosen“ länger zu ertragen. Das bisherige Verhalten besonders von Psychotherapeuten, Diagnosen sehr vorsichtig zu handhaben, scheint vor diesem Hintergrund nicht so falsch. Morbiditätsorientierte Abrechnungssysteme (DRG’s, Morbi RSA) stehen dem aber diametral entgegen und bringen die Kollegen in eine Zwickmühle.

Benedikt Waldherr, Landshut;
Angela Baer, Tübingen

Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) ist ein Klassifikationssystem der American Psychiatric Association/APA (Amerikanische Psychiatrische Vereinigung). Die Strukturierung der jeweils aktuellen DSM-Version wird bei einer Neufassung der ICD üblicherweise für die Ausgestaltung des Kapitels V bzw. F (Psychische Störungen) zugrunde gelegt. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das von der WHO herausgegebene Diagnoseklassifikationssystem der Medizin, welches in der Version 10 (ICD 10) für die Klassifikationen im deutschen Gesundheitswesen verbindlich vorgeschrieben ist. Derzeit wird an der Entwicklung der ICD 11 gearbeitet.


Zurück