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Massive Gefährdung der Versorgung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen und deren Familien

Mit der Einführung der sog. Kapazitätsgrenze für alle nicht antrags- und genehmigungspflichtigen Leistungen der Psychotherapie wird insbesondere die Versorgung Kindern und Jugendlichen in dramatischer Weise verschlechtert. Im folgenden Beitrag wird die Situation anhand des Beispiels der KV Schleswig-Holstein beleuchtet.


Zum 1. April 2013 wurde im KV-Bezirk Schleswig-Holstein in Umsetzung der Empfehlung des Erweiterten Bewertungsausschusses eine sogenannte Kapazitätsgrenze für alle nicht antrags- und genehmigungspflichtigen Leistungen der Psychotherapie eingeführt. Ausgenommen hiervon sind lediglich die vorläufigen (probatorischen) Sitzungen.

Diese mittlerweile in den meisten Bundesländern gültige Regelung wird die Versorgung psychisch kranker Menschen, insbesondere aber jene der Kinder und Jugendlichen, in dramatischer Weise verschlechtern. Die Situation soll im Folgenden verdeutlicht werden.

Gemäß den gültigen Leitlinien zur Diagnose und Behandlung von psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters ist eine fundierte psychologische Diagnostik (Erhebung der Lebens- und Störungs-Anamnese, Verhaltensfragebögen, IQ-, Wahrnehmungs- und Funktionstests) unerlässlich[1] . Bei der jetzt in Schleswig-Holstein festgelegten Kapazitätsgrenze von 2257 Minuten pro Behandler und Quartal wird eine hinreichende Versorgung der Patienten insbesondere für Praxen mit einem hohen Anteil an

  • diagnostischen Leistungen, die bei zumeist erheblichem akuten Leidensdruck entweder auf Zuweisung von pädiatrisch oder allgemeinmedizinisch tätigen Arztkollegen erfolgen oder von Selbstanmeldern angefragt werden
  • Patienten, welche kurzfristige Notfallgespräche oder Termine zur Rückfallprophylaxe nach Ausschöpfung des Maximalkontingents einer ambulanten Verhaltenstherapie (80 Sitzungen) im Rahmen der antragsfreien EBM-Beratungsziffer 3220 (hier sind pro Quartal drei Sitzungen à 50 Minuten möglich) benötigen

nicht mehr zu leisten sein.

Hierzu ein einfaches Rechenexempel: Für jeden Patienten wird pro Quartal eine sogenannte Grundpauschale für Verwaltungstätigkeiten, Befundberichte, Konsiliargespräche etc. veranschlagt und mit einem Zeitkontingent von jeweils 20 Minuten berücksichtigt. Praxen mit dem eben skizzierten Versorgungsangebot für Kinder und Jugendliche kommen inklusive der festen Therapieklienten regelhaft auf über 100 Patienten pro Quartal. Das Minutenbudget ist jedoch bereits bei 113 Patienten (113 x 20 Minuten = 2260 Minuten) allein durch die Grundpauschale ausgeschöpft, ohne dass irgendeine diagnostische Untersuchung oder psychotherapeutische Intervention stattgefunden hätte. Für die Durchführung und Auswertung des qualitativ marktführenden, auch für die gründliche Verhaltensbeobachtung in einer Anforderungssituation sehr gut geeigneten standardisierten Intelligenz- und Entwicklungstests HAWIK-IV müssen 90 Minuten veranschlagt werden, die Erhebung der lebensgeschichtlichen Anamnese dauert mindestens 50 Minuten, die Beurteilung standardisierter Eltern- und Patientenfragebögen zur allgemeinen Symptom-Erfassung oder zur Abklärung spezieller Störungsbilder erfordert bis zu 40 Minuten Zeit. All diese für eine wissenschaftlich präzise Differential-Diagnostik unabdingbaren Leistungen werden im Rahmen der durch die Kapazitätsgrenze festgelegten Kahlschlag-Budgetierung zukünftig überhaupt nicht mehr vergütet. Das bedeutet im Klartext, dass die Leistungserbringer pro Patient für einen Arbeitsaufwand von 180 Minuten keinerlei Honorar erhalten werden. Gleiches gilt für antragsfreie Beratungsleistungen mit bis zu 150 Minuten im Quartal.

Diese sowohl unter fachlichen als auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten skandalöse und untragbare Entwicklung wird dazu führen, dass diagnostische Leistungen oder psychotherapeutische Gespräche nur in extrem eingeschränkter Form oder gar nicht mehr angeboten werden können, weil andernfalls die Existenz der betroffenen Praxen massivgefährdet wäre. Für die hilfesuchenden Kinder, Jugendlichen und ihre Familien bedeutet dies eine dramatische Verschlechterung der Versorgung mit allen Konsequenzen wie

  • Fehldiagnosen
  • einer Zunahme des Leidensdrucks,
  • der Gefahr einer Verschlimmerung und Chronifizierung sich gerade erst herausbildender psychischer Erkrankungen
  • Rückfällen und Dekompensationen in Krisensituationen.

Es muss allen Verantwortlichen im Bereich der Gesundheitsversorgung sowie den politischen Entscheidungsträgern nachdrücklich verdeutlicht werden, dass eine derartige Entwicklung nicht toleriert werden kann und darf.

Hardi Schlie, Dipl.-Psych., PP
Psychotherapeutische Praxis für Kinder und Jugendliche in Kaltenkirchen


[1] Siehe hierzu exemplarisch für die häufigste Störung des Kindes- und Jugendalters ADHS: Döpfner/Fröhlich/Lehmkuhl, Hyperkinetische Störungen Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie,  Hogrefe Verlag 2000.


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