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Wegfall der zeitbezogenen Kapazitätsgrenze: Konsequenzen für halbe Praxissitze

Mit dem Wegfall der zeitgebundenen Kapazitätsgrenze kann jede Einzelpraxis nun so viel arbeiten wie gewünscht. Auch bei halben Praxissitzen dürfen künftig deutlich höhere Umfänge an Leistungen erbracht werden. Halbe Praxissitze können damit faktisch seit 2013 fast genauso betrieben werden wie ein voller Sitz.


Mit der Ausbudgetierung der Psychotherapie ist auch die Mengenbegrenzung durch die zeitgebundene Kapazitätsgrenze weggefallen. Die Kassenärztliche Vereinigung hat nun kein Interesse mehr, die Leistungsmenge zu begrenzen, weil dies nicht mehr das Budget der Ärzte beschneidet. Mit dem Wegfall der zeitgebundenen Kapazitätsgrenze kann jede Einzelpraxis nun so viel arbeiten, wie gewünscht.

Die spannende Frage ist nun, „Was bedeutet dies für die halben Praxissitze? Wie unterscheidet sich eine halbe Zulassung von einer ganzen in der abrechenbaren Menge?“.

Der Vorstand der KVBW hat nun für Baden-Württemberg Folgendes geregelt:

Auch nach dem Wegfall der Arbeitszeitbegrenzung bei den Psychotherapeuten bleibt weiterhin die Plausibilitätsprüfung bestehen. Diese erlaubt aber zukünftig insbesondere bei halben Praxissitzen deutlich höhere Umfänge an Leistungen als bisher. Ein auffälliges Tagesprofil entsteht in der Plausibilitätsprüfung bei vollem Versorgungsauftrag, wenn

  • an mindestens drei Tagen mehr als 12 Stunden im Tagesprofil abgerechnet werden
  • der Leistungsumfang von 780 Std/Quartal (46 800 Minuten) überschritten wird.

Ein auffälliges Tagesprofil entsteht in der Plausibilitätsprüfung bei halbem Versorgungsauftrag, wenn

  • an mindestens drei Tagen mehr als 12 Stunden im Tagesprofil abgerechnet werden
  • der Leistungsumfang von 390 Std/Quartal (23 400 Minuten) überschritten wird

Mit dieser Regelung kann also ein halber Praxissitz zukünftig 334,28 Sitzungen/Quartal erbringen. Zieht man eine Woche pro Quartal Urlaub ab, sind dies 30,4 Therapiestunden/Woche.

Halbe Praxissitze können damit faktisch ab 2013 fast genauso betrieben werden wie ein voller Sitz, wenn man berücksichtigt, in welchem Umfang auch volle Praxissitze bislang ausgelastet wurden.

Die Regelung erweist sich insbesondere für die KollegInnen, die einen halben Praxissitz gekauft oder auch verkauft haben, als besonders glücklich. Sie haben vergleichsweise wenig für einen Praxissitz bezahlt, bzw. zusätzliche Einnahmen durch den Verkauf eines halben Praxissitzes gehabt, ohne jetzt in der erlaubten Leistungsmenge substantiell beschnitten zu sein. Umgekehrt ist es für KollegInnen besonders schmerzlich, die u.U. viel für einen vollen Praxissitz bezahlt haben, diesen aber nicht oder nicht nennenswert über 30 Std./Woche auslasten.

Interessant ist die neue Regelung auch für die KollegInnen, die dauerhaft nicht mehr als 30 Stunden arbeiten wollen, für sie lohnt sich u.U. der Verkauf eines halben Sitzes ohne Nachteile.

Was dies zukünftig für die Krankenkassen und mittelfristig für alle Niedergelassenen bedeutet, wenn zahlreiche hälftige Versorgungssitze neu entstehen, und dann viel stärker ausgelastet werden als bislang, ist m.E. derzeit noch kaum absehbar.

Es ist eher nicht abzusehen, dass die Krankenkassen ohne weiteres so viel mehr für Psychotherapie zu zahlen bereit sind.

Eine Umwandlung von ganzen Sitzen in zwei hälftige Sitze mit jeweils deutlich höherer Auslastung berührt Fragen der Bedarfsplanung, der Vergütung für alle niedergelassenen KollegInnen vor allem im Bereich der nicht genehmigungspflichtigen Leistungen sowie der Gesamtausgaben für psychotherapeutische Leistungen durch die Krankenkassen, die bislang nicht geklärt und geregelt sind.

Wolfgang Bürger, Karlsruhe

Der Autor ist Mitglied im Beratenden Fachausschuss der KV Baden-Württemberg und Mitglied im Ausschuss Ambulante Versorgung der LPK Baden-Württemberg


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