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Was brennt niedergelassenen Psychotherapeuten (PP/KJP) „unter den Nägeln“?

Auszüge aus der KBV-Befragung zum Versorgungsauftrag


Im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hatte das INFAS-Institut 2012 eine Befragung zur Zukunft des kassenärztlichen Versorgungsauftrages durchgeführt. Die Hauptergebnisse sind von der KBV medienpolitisch bereits verwertet worden. An dieser Befragung hatten zwischen Nov. 2012 und Jan. 2013 von den fast 150.000 KV-Mitgliedern (ÄrztInnen u. -PPT/KJP) immerhin 53% teilgenommen bzw. gültige Angaben gemacht (Paper-Pencil / Online Verhältnis: 6 / 1).  Vom Fußvolk waren dabei mehrheitlich auch die Aussagen angekreuzt worden, die sich unter den im Sinne des Initiators konstruierten Alternativ-Antworten im Zusammenhang der Umfrage am sinnigsten anboten (siehe: www.kbv.de/befragung). Ob dies bei einzelnen Fragen in überraschend hohem oder niedrigem Ausmaß passierte, soll hier außer Acht bleiben. Wir alle kennen aus den Massenmedien diese Art pseudodemokratisierende Meinungsforschungs-Berichterstattung. In den letzten Jahren wird sie immer mehr ‚en vogue‘. Unsere Kanzlerin ist eine Meisterin darin, ihr Fähnchen in solchen teils selbstgemachten Wind zu hängen, aktuelles Themen-Beispiel „Strom muss erschwinglich bleiben“.

Zurück zur KBV: nachdem dem König also mehr oder weniger ‚gegeben ward, was des Königs ist‘,

wird dem Beobachter nun noch ein interessanter Einblick gewährt. In einem Nebenaspekt der Befragung wurde quasi ‚dem Volke aufs Maul geschaut‘, sagen wir mal: löblicherweise. Im Anschluss an die Ankreuzung diverser Aussagealternativen war den teilnehmenden KV-Mitgliedern nämlich die Möglichkeit geboten worden, in ein offenes Textfeld zu notieren, was einem zu diesem Anlass auf dem Herzen lag. Obwohl das ‚dem Volke aufs Maul schauen‘ eine seit Urzeiten bekannte Machterhaltungs-Hilfstechnik ist, kann es doch auch zutiefst demokratisch-transparent sein. Zumindest dann, wenn die gesammelten Erkenntnisse der Öffentlichkeit (nicht bis zur Unkenntlichkeit aggregiert) zur Verfügung gestellt werden. Und das hat die KBV mit dem „Tabellenband Zukunft des Sicherstellungsauftrages: Auswertungen der offenen Nennungen“, vorgelegt vom Infas Institut, Bonn, Feb. 2013, getan: <http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003766605>. In den Tabellen des Bandes findet man zu den Psychotherapeuten („PPT“) jeweils eine eigene Zeile und das erlaubt ein paar interessante Einblicke in die Gemütslage unserer KollegInnen, und das ganz ohne eigene Unkosten von INFAS sauber aufbereitet. Da diese Befunde in der „Auswertung der Freitextantworten“ durch die KBV untergehen, sollen die wichtigsten hier kurz dargestellt und eingeordnet werden.

Von den insgesamt fast 80.000 Antwortenden hatten etwa 20.000 im anschließenden offenen Textfeld zusätzliche Anmerkungen gemacht, aus ihnen wurde eine  Zufallsstichprobe gezogen (N=2.088 Paper Pencil / N=2.000 Online). Davon waren mit N=2.713 ca. 2/3 männlich, was der Grundgesamtheit entspricht. 39% der Freitexte (N=1 579) waren hausärztlich und 47% (N=1 939) fachärztlich verfasst. Ca. 5% aller 4.088 Freitext-VerfasserInnen gaben an, ausschließlich angestellt tätig zu sein. Übrigens überwiegt auch in der KBV-Grundgesamtheit (seit ca. 2004) die Zahl der Fachärzte die der Hausärzte. Immerhin 14% der Freitexte (N=570) stammten von PsychotherapeutInnen („PPT“). Ob‘s auch hier eine männliche Zweidrittel-Mehrheit gab, darf bezweifelt werden.

Anzunehmen ist im Übrigen, dass Freitexte von KJP‘lern wohl unter PPT subsumiert wurden.

Nach Kodierung der vorgefundenen Textinhalte waren 14 thematische Kategorien gebildet worden, auf deren Basis dann wiederum deskriptive gruppenstatistische Auswertungen (nach Berufsstatus, Alterskohorte, Geschlecht sowie Haltung zum Sicherstellungsauftrag) vorgenommen wurden. Beim beruflichen Status wurden drei Gruppen unterscheiden (Hausärzte, Fachärzte, Psychologische Psychotherapeuten). Da ausnahmsweise die PPT mal nicht mit den ärztlichen PsychotherapeutInnen vermischt wurden, liefern die Tabellen Ergebnisse speziell zu unserer Fachgruppe der PPTs, was doch mal recht interessant ist.

Die für PPT wichtigsten Ergebnisse:

Sowohl bei ÄrztInnen wie PPT fielen die meisten freien Nennungen (35%) in die Kategorie „Gerechteres Vergütungssystem“. Am häufigsten wurde dabei eine bessere Vergütung gewünscht (ca. 2/3 all dieser 1.444 Nennungen). Soweit ist allen das gleiche am wichtigsten. Bei den PPT kamen genau 57% (N=325) all ihrer Freitext-Nennungen hierzu. In gut der Hälfte davon (N=163) wurde ein gerechterer Verteilungsmodus zwischen sprechender und apparativer Medizin gewünscht. Nur 24% der Hausarzt-Nennungen zum „Gerechteren Vergütungssystem“ wünschten sich das auch, von den Facharzt-Nennungen (N=698) nur 29%. Ergänzend ist anzumerken, dass nur 2 PPT, aber über 250 ÄrztInnen die Abschaffung des Sachleistungsprinzips als Veränderungsvorschlag nannten. Je nachdem, was man unter „gerechterer Vergütung“ versteht, kann man sich durchaus unterschiedliche Wege dorthin vorstellen.

In die Kategorie „Kritik am kassenärztlichen Versorgungssystem“ wurden über die 3 Gruppen hinweg am zweitmeisten Freitext-Inhalte zugeordnet (N=805), bei den Haus- und Fach-ÄrztInnen entsprach das jeweils 22%, bei den PPT jedoch nur 6% all ihrer Nennungen (N=34). Sie stellten anscheinend das auf dem Sicherstellungsauftrag basierende Vergütungssystem noch deutlich weniger in Frage als die ärztlichen KollegInnen. Im Einzelnen hätten die Hausärzte gern mehr Lotsenfunktion, die Fachärzte weniger unnötige OPs in Krankenhäusern.

Die Kategorie mit den drittmeisten Zuordnungen (18%, N=731) ist „Forderung nach mehr Therapiefreiheit“ (HÄ 23%, FÄ 16%, PPT 12%).  Die ÄrztInnen wünschten weniger Budgetierungen, Regresse und Einmischung der Krankenkassen. Hier waren die PPT die einzigen, die Befugniserweiterungen (z.B. AU-Schreibung, Einweisungsbefugnis) wünschten (50% von N=68).

„Reduzierung der Überregulierung“ war die insgesamt nächsthäufige Kategorie (N=615). Während mehr als 90% der ärztlichen Nennungen zur Überregulierung (N=462) Bürokratieabbau wünschten, taten dass nur 39% der N=153 (!) PPT-Nennungen. Von den PPT wurde hier nämlich hauptsächlich (74%, N=113) die Abschaffung des Gutachterverfahrens thematisiert.

Im Weiteren forderten die PPT zu „Unterversorgung durch zu wenige BehandlerInnen“ mit annähernd 15% (N=83) ihrer offenen Nennungen eine bessere Bedarfsplanung. Klagen über Unterversorgung / Ärztemangel fanden sich in weniger als 6% der offenen Nennungen bei ärztlichen KollegInnen relativ selten. Zum Zeitpunkt der Umfrage war dieses Thema von der PsychotherapeutInnenschaft (zu Recht) stark politisiert worden.

Einen hohen Anteil an PPT-Nennungen (N=117 von insges. N=414) gab es auch bei der Kategorie „Wünsche nach besserer Interessenvertretung“. Dabei dominierten innerhalb dieser PPT-Freitexte ureigene Anliegen: Abbau der Diskriminierung von PPT (51%, N=60) und Verbesserung der Interessenvertretung für PsychotherapeutInnen (44%, N= 51). Das lässt verstehen, dass bei den KV-kritischen Anmerkungen der PPT durchaus auch mal die Forderung nach einer eigenen Selbstverwaltung der PsychotherapeutInnen auftauchte.

Ich hoffe, dass diese Voten die Köpfe unserer führenden Berufsverbände erreichen, die sich schon lange für den Marsch durch die Institutionen entschieden haben. Die Basis übersieht nicht, dass wir trotz der vielen Jahre williger Kooperation von den ‚Big Players‘ im Gesundheitssystem unverändert fundamental benachteiligt werden

Abbildung 1: Die häufigsten der den N = 570 Freitexten der PsychotherapeutInnen (PP/KJP) zugeordneten Kategorien aus der KBV-Befragung zur Zukunft des Versorgungsauftrages (Ende 2012).

Jürgen Friedrich, Rostock


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