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Musterweiterbildungsordnung der BPtK: Überlegungen zur vorgesehenen Zusatzqualifikation in "Zweit- und ggf. auch Drittverfahren" - Aufruf zur Diskussion

Die Musterweiterbildungsordnung (MWO) der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) soll nach den gegenwärtig vorliegenden Entwürfen u.a. die Möglichkeit vorsehen, eine Weiterbildungsbezeichnung zu erlangen, die eine fundierte Aus- oder Weiterbildung in einem weiteren als dem Ausbildungsverfahren dokumentiert.


Die genaue Bezeichnung ("Kompetenzbereich", "Zusatzqualifikation", "Zusatzbezeichnung") ist noch unklar, aber auch erst in zweiter Linie von Bedeutung. Wichtig wird sein, dass diese verdeutlich, dass es eine zusätzlich erworbene Kompetenz ist, die der/die Betreffende ergänzend zur Grundkompetenz in seinem "Heimatverfahren", d.h. dem Verfahren, über das er die Approbation erworben hat, erlangt hat. Ebenso wie die Landeskammern wurden zwischenzeitlich auch die psychotherapeutischen Fachgesellschaften zur Stellungnahme aufgefordert. Da das Thema beim 5. Deutschen Psychotherapeutentag (DPT) am 23.4.05 in München zunächst auf den Herbst vertagt wurde, bietet sich für die DGVT die Gelegenheit, eine mögliche Stellungnahme durch sorgfältige Beratung mit allen Gremien vorzubereiten. Der nachfolgende Text dient der Vorbereitung dieser Diskussion.

Bei einer Stellungnahme zu diesem Entwurf stellen sich zwei Hauptfragen:

  • Erstens: Wollen wir die Möglichkeit befürworten, dass man sich in einem zweiten oder gar dritten Verfahren qualifiziert?
  • Und zweitens: Wenn wir das wollen (oder wenn wir nicht umhin kommen, eine entsprechende Entwicklung, die vom DPT beschlossen werden könnte, zu akzeptieren) - wie viele Weiterbildungsstunden halten wir für erforderlich und in welchem Bereich sollen diese erbracht werden?

Zur ersten Frage (Sind wir dafür oder dagegen?) gilt es zu bedenken, dass eigentlich eine breite Qualifikation der PsychotherapeutInnen nach der Ausbildung ("über die Verfahrensgrenzen hinweg") sinnvoll und zukunftsweisend ist. Ausgehend von dieser Grundannahme könnte man nun zweierlei ableiten:

Einerseits könnte man die Zulassung von Zweit- und Drittverfahren als Schritt in die entgegengesetzte Richtung verstehen. Weil sie nämlich damit die Schulentrennung durch von den Kammern selbst gesetzte Ordnungen reglementiert und damit vermutlich perpetuiert (zementiert).

Andererseits muss man aber bedenken, dass zumindest die derzeit ausgebildeten bzw. berufstätigen PsychotherapeutInnen entsprechend den gesetzlichen Vorgaben ihre Ausbildung durchgängig in einem einzigen Verfahren nachgewiesen haben. Somit sollte - unter dem Blickwinkel der o.g. Zukunftsvision - auch für diese KollegInnen eine Möglichkeit bestehen, weitere Kompetenzen über das eigene erlernte Verfahren hinaus zu erwerben bzw. zu dokumentieren (wenn sie darüber bereits verfügen). Dies dürfte immer dann notwendig sein, wenn sie das Zweitverfahren - beispielsweise nach einer Erweiterung der Psychotherapierichtlinien - auch tatsächlich ausüben wollen. Denn sicher gibt es einen Konsens, dass Verhaltenstherapie nur jemand ausüben soll, der auch hinreichende Kompetenzen darin hat - Vergleichbares gilt für andere Verfahren.

Beide Positionen lassen sich zusammenbringen, wenn man sie unter eine Zeitperspektive stellt und dabei das Ziel der Überwindung der schulenorientierten Ausbildung im Blick behält. Dies könnte so aussehen, dass man zunächst die Forderung nach einer schulenübergreifenden Ausbildung bzw. zumindest der Möglichkeit dazu (oder der Möglichkeit zur Entwicklung einer solchen) formuliert. Im Weiteren müsste man konzedieren, dass zumindest bis zur Realisierung einer solchen modernen Ausbildungskonzeption die Gelegenheit zum Nachweis von Kompetenzen in Zweit- und Drittverfahren gegeben sein sollte.

Zur zweiten Frage: Wie sollte eine Weiterbildung in einem Zweitverfahren aussehen und wie umfangreich sollte sie sein?

Um eine solche Frage zu beantworten, hätte man in einer Welt, in der rationale Argumente eine Rolle spielen oder zunehmend spielen sollten, gerne eine gute Theorie über die Psychotherapeutenausbildung und auch empirische Befunde über die notwendige Struktur der Ausbildung, über unverzichtbare Inhalte, deren zweckmäßige Reihenfolge bzw. Kombination und auch über deren notwendigen Umfang (vgl. Vogel & Schieweck, 2005). All dies liegt derzeit nicht vor. Und bisherige systematisierte Erfahrungswerte (geringster Grad der empirischen Evidenz) liegen allenfalls für den Bereich der "Erstausbildung in Psychotherapie" vor, nicht aber zu einer Zweitausbildung. Denn da stellt sich nicht die Frage "Was muss jemand lernen (und können!), um hinreichend für die Ausübung der Psychotherapie qualifiziert zu sein?", sondern die Frage "Was muss jemand lernen, der bereits als Psychotherapeut hinreichend qualifiziert ist und nun neben seinem "Heimatverfahren" auch hinreichende Kompetenzen in einem weiteren Verfahren haben will?"

Zur näheren Beantwortung dieser Frage kann man allenfalls aufgrund von Erfahrungen aus der Ausbildung versuchen, vorsichtige Verallgemeinerungen vorzunehmen und Hinweise auf vorläufige Antworten zu erhalten. Auch muss man von der gegebenen Situation der durch das Psychotherapeutengesetz festgelegten Rahmenbedingungen ausgehen. Dies soll nachfolgend skizziert werden.

Das Psychotherapeutengesetz und die darauf aufbauenden Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen gehen von einem/r Ausbildungsteilnehmer/in aus, der/die zuvor kein/e Psychotherapeut/in war, sondern notwendige Voraussetzungen im Rahmen einer Erstausbildung erworben hat. Für diese Ausbildungsteilnehmer/innen lassen sich sodann (etwas vereinfacht) zwei Lern- bzw. Entwicklungsziele der Psychotherapieausbildung rekonstruieren: Einerseits notwendige allgemeine Kompetenzen für die Psychotherapie, die auch die Persönlichkeit des/der Psychotherapeuten/in betreffen, und andererseits zusätzlich die Spezifika des jeweiligen Verfahrens der Schwerpunktausbildung. Somit richten sich die Ausbildung und ebenso die jeweiligen Ausbildungsbausteine (cum grano salis) auf zwei übergreifende Aufgaben, nämlich die Ausbildung in psychotherapeutische Grundqualifikationen und die verfahrensspezifische Ausbildung.

Diese Überlegung lässt sich auch etwas anders herleiten: Zunehmend wird von der Wissenschaft bestätigt, dass ein wesentlicher Bestandteil der Psychotherapeutischen Wirksamkeit nicht verfahrensspezifisch begründbar ist, sondern verfahrensunabhängig durch Faktoren wie die therapeutische Beziehung oder die von Grawe (1995) angenommenen Aspekte einer allgemeinen Psychotherapie. Insofern wird es im Kontext einer rationalen Diskussion der hier anstehenden Frage nicht mehr behauptet werden können, dass die Psychotherapieausbildung, egal in welchem psychotherapeutischen Vertiefungsverfahren, nur der Vermittlung genau dieses Psychotherapieverfahrens gehen wird. Aspekte wie die Therapeutische Beziehung, Empathie, Ressourcenorientierung u.a. spielen in der Psychotherapieausbildung in jedem Verfahren eine Rolle, zumindest sollten sie dies. Die Frage ist allein, in welchem Umfang die allgemeinen und die spezifischen Anteile in der Ausbildung beteiligt sind.

Nimmt man nun die fünf Ausbildungsbausteine (Theorie, praktische Tätigkeit, praktische Ausbildung, Supervision, Selbsterfahrung), so müsste man davon ausgehen dürfen, dass die praktische Tätigkeit ebenso wie der Grundlagenteil der Theorieausbildung jeweils komplett dem erstgenannten Ausbildungsziel zuzurechnen sind. Von den übrigen Bausteinen dürften jeweils mehr oder weniger große Anteile dem einen wie dem anderen Ziel zuzurechnen sein. Wieviel, darüber kann man vermutlich trefflich streiten - vielleicht ein Viertel verfahrensunabhängige bzw. allgemeine PT-Qualifikation, drei Viertel Schwerpunktverfahren? Oder jeweils die Hälfte? Vermutlich gibt es hier keine richtige Antwort. Es wird eher ein Konsens gesucht werden müssen, der sich zumindest sinnvoll begründen lässt und der vor dem Hintergrund des Umfangs der Erst-Ausbildung angemessen erscheint.

Beispielrechnung 1: Geht man also davon aus, dass die Teilnehmer/innen einer Weiterbildung in einem Zweit- oder Drittverfahren bereits als Psychotherapeut/inn/en approbiert sind, und sie insofern nicht mehr die Ausbildung in PT-Grundqualifikationen durchlaufen müssen, dann könnte man die folgenden beiden Modellrechnungen anstellen:

Wenn aus den Bausteinen Vertiefungstheorie (in der Ausbildung: 400 Std.), der Selbsterfahrung (i.d. Ausb.: 120 Std.), der Praktischen Ausbildung (i.d. Ausb.: 600 Std.) und der SV (i.d. Ausb.: 150 Std.) jeweils die Hälfte der Zeit der Vermittlung von verfahrensunabhängigen Grundqualifikationen dient, dann ergäbe sich als begründeter Umfang für die Weiterbildung in einem Zweit- oder Drittverfahren Umfänge von

  • Theorie: 200 Std.
  • Fallarbeit (entspr. "Praktische Ausbildung"): 300 Std.
  • Supervision: 75 Std.
  • Selbsterfahrung: 60 Std.

also zusammen 635 Std.

Beispielrechnung 2: Wenn man die Aufteilung der Ausbildungsumfänge in 1/4 für Grundverfahren, 3/4 für Vertiefungsverfahren annimmt, dann ergäbe sich ein begründbarer Umfang von (gerundet)

  • 300 Std. Theorie
  • 450 Std. Fallarbeit
  • 110 Std. Supervision
  • 90 Std. Selbsterfahrung

also zusammen: 950 Std.

Es können sicher auch andere Stundenumfänge überlegt werden. Der Entwurf des Weiterbildungskommission der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) (vorgelegt zum 4. Deutschen Psychotherapeutentag am 9.10.04) sieht beispielsweise 1.010 Std. (bei Psychoanalyse als Zweit-/Drittverfahren 1.070/1.250 Std.) vor. Das entspräche beinahe dem Umfang der Ausbildung im Erstverfahren, abzüglich der psychotherapieverfahrensunabhängigen Grundlagentheorie. So erfolgt in etwa auch die Herleitung der Stundenzahlen (Man könne den Gesamtumfang um die Grundlagenstunden reduzieren). Das Minderheitenvotum von Uta Cramer-Düncher (660 Std.) kommt dagegen den Zahlen der o.g. Beispielrechnung 1 nahe. Sie begründet ihre Abweichung vom Kommissionsvorschlag damit, dass in der vertieften Erstausbildung bereits umfangreiche, über alle Verfahren hinweg gültige Kompetenzen erworben werden und somit die Reduktion der erforderlichen Stundenzahl um etwa 20% (260 von 1.270 Std. die Eingangsqualifikation der approbierten Psychotherapeut/inn/en völlig unzureichend berücksichtige.

Resumee: Da die Entscheidungen zu diesen Fragen mindestens bis zum nächsten Deutschen Psychotherapeutentag offen ist, rufen wir unsere Mitglieder bzw. die Leser/innen zur Diskussion auf und bitten um Rückmeldungen und Einschätzungen, die wir dann ggf. auch gerne in der nächsten VPP wiedergeben werden.

Für den Vorstand der DGVT
Heiner Vogel

Literatur:

Grawe, K. (1995). Grundriss einer Allgemeinen Psychotherapie. Psychotherapeut, 40, 130-145.

Lambert, M. J. (2004). Bergin und Garfield's Handbook of Psychotherapy and Behavior Change. 5th Ed. New York, John Wiley. (Übersetzung in Vorbereitung: vorgesehenes Erscheinen Herbst/Winter 2005, dgvt-Verlag)

Vogel, H. & Schieweck, R. (2005, im Druck). Ergebnisqualität in der Psychotherapieausbildung. In A.-R. Laireiter & U. Willutzki (Hrsg.), Ausbildung in der Psychotherapie (S. 402-423). Göttingen, Hogrefe.

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