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Bericht der Landesgruppe Schleswig-Holstein (Rosa Beilage zur VPP 3/2013)


Regionale Mitgliederversammlung

Die diesjährige Regionale Mitgliederversammlung der DGVT in Schleswig-Holstein findet am Donnerstag, 7.11.2013,  in Neumünster statt. Genauere Informationen über Ort und Zeit sowie über die geplanten Inhalte stehen noch aus.  Alle DGVT- und DGVT-BV-Mitglieder in Schleswig-Holstein werden schriftlich eingeladen. Merken Sie sich den Termin bitte schon einmal vor. Die Landesgruppe ist immer auf der Suche nach aktiven MitstreiterInnen. Zum einen sind wir bemüht, unsere Positionen so breit wie möglich mit unserer Basis abzustimmen, und zum anderen braucht es in relevanten politischen Gremien Mehrheiten, damit aus inhaltlichen Positionen auch faktische Politik werden kann.

Kammerversammlung

Die Kammerversammlung der Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein ist seit geraumer Zeit sicher das relevanteste Gremium, in dem die DGVT mitwirkt. Wir gehören hier der Fraktion an, die den Vorstand der Kammer stellt, so dass die DGVT maßgeblich die Kammerpolitik im Lande mitbestimmen kann. Für wichtige Beschlüsse jedoch braucht es auch eine Mehrheit in der Kammerversammlung. In der jedoch verfügt unser Bündnis „nur“ über genau 50% der Sitze. Bei wichtigen Fragen müssen wir uns also mit der Opposition einigen.

Ein wichtiges inhaltliches Thema, mit dem sich die DGVT-Landesgruppe seit vielen Jahren schwerpunktmäßig beschäftigt, ist die Weiterbildung für PP und KJP. Aus grundsätzlichen Erwägungen fahren wir hier seit Jahren einen weiterbildungskritischen Kurs, über den wir an dieser Stelle schon häufig berichtet haben. Unter den gegebenen gesetzlichen Rahmenbedingungen braucht es Weiterbildung nicht wirklich und die Gefahren von Weiterbildung für den Wert der Approbation sind nicht von der Hand zu weisen.

Zur Erinnerung: Die Approbation berechtigt berufsrechtlich zur Behandlung aller psychischen Störungen. Weiterbildung (so wie sie bisher diskutiert wird) führt zur Spezialisierung innerhalb dieser umfassenden Behandlungsberechtigung, und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis man ohne eine spezielle Weiterbildung bestimmte Störungen nicht mehr wird behandeln dürfen. Die Approbation droht so kontinuierlich entwertet zu werden – das jedenfalls ist die damit verbundene Gefahr.

Ein Dauerbrenner zu diesem Thema ist die Weiterbildung in Neuropsychologischer Therapie. Und hierzu hat sich in den vergangenen Monaten unter maßgeblicher Beteiligung der DGVT einiges im Lande getan. Der G-BA hatte im November 2011 die Neuropsychologische Therapie sozialrechtlich anerkannt, was bedeutet, dass fortan Neuropsychologische Therapie zu Lasten der GKV im ambulanten System erbracht werden kann. Die hierfür erforderliche Qualifikation der Leistungserbringer – so der G-BA– werde in den Weiterbildungsordnungen der Landespsychotherapeutenkammern geregelt und für die Länder, in denen es keine Weiterbildungsordnung gibt, gelte die Musterweiterbildungsordnung der Bundespsychotherapeutenkammer (MWBO). Letzteres war damit auch in Schleswig-Holstein gültig.

Die Kammerversammlung in Schleswig-Holstein hatte daraufhin im März 2012 einen einstimmigen Beschluss gefasst: Der Fort- und Weiterbildungsausschuss der Kammer sollte eine Weiterbildungsordnung für die Neuropsychologische Therapie ausarbeiten, deren Umfang im Vergleich zur Musterweiterbildungsordnung deutlich reduziert ist. Hintergründe dieser Entscheidung waren a) ein fachlich nicht begründeter Umfang in der Musterweiterbildungsordnung, b) das Wissen darum, dass es in den Landeskammern, die diese Weiterbildung schon seit Jahren anbieten, unter den Approbierten faktisch keine Nachfrage nach dieser Weiterbildung gibt und c) dass in Schleswig-Holstein der Erlass einer Weiterbildungsordnung gesetzlich nur unter der Bedingung erlaubt ist, dass sie für die Versorgung der Bevölkerung erforderlich ist. Oder anders herum: Eine Weiterbildung, die keiner macht, hilft der Bevölkerung nichts und darf deshalb nicht kreiert werden. Beste Gründe also für den oben genannten einstimmigen Beschluss.

Der Beschluss erzeugte bundesweite Aufmerksamkeit. Ausdrückliche Unterstützung gab es vom Verband der Niedergelassenen Neuropsychologen. Ansonsten zeigte sich die Neuro-Lobby, insbesondere die mit einem Alleinvertretungsanspruch agierende GNP (Gesellschaft für Neuropsychologie), aufgeschreckt und argumentierte gelegentlich unter der Gürtellinie, um das Unterfangen in Schleswig-Holstein zu diskreditieren. Aus manchen Landeskammern gab es anfangs offene Kritik, die aber rasch offizieller Zurückhaltung wich. Aus anderen Landeskammern gab es Sympathiebekundungen für das Vorhaben, allerdings nur hinter vorgehaltener Hand.

Kurzum: Der Ausschuss arbeitete 15 Monate lang hart an der Erfüllung des Auftrages, und nachdem im März 2013 noch einmal eine ausführliche Expertenanhörung in der Kammerversammlung stattgefunden hatte, legte der Ausschuss der Kammerversammlung am 21.06.2013 einen abstimmungsfähigen Entwurf einer Weiterbildungsordnung vor. Leider zeigte sich am Ende die Opposition in der Kammerversammlung doch komplett vor der GNP-Lobby eingeknickt und hatte zudem durch die zufällige Besetzung an diesem Sitzungstag die Stimmenmehrheit (stimmberechtigt sind nur Anwesende). Der Entwurf fiel also durch.

Was bedeutet nun diese Entwicklung in Schleswig-Holstein?

Zunächst steht bis auf Weiteres fest, dass es in Schleswig-Holstein keine Weiterbildungsordnung gibt. Das ist keine Veränderung zum bisherigen Zustand. Kurios ist allerdings schon, dass die Verabschiedung einer Weiterbildungsordnung gerade von der Gruppierung verhindert wurde, die sie all die Jahre vehement eingefordert hat. Wir können mit dieser Tatsache gut leben, da wir sowieso zu den Kritikern des in der Psychotherapeutenschaft hoch umstrittenen Weiterbildungskonstruktes gehören.

Für die Kammermitglieder bedeutet das, dass sie diese Zusatzbezeichnung in Schleswig-Holstein weiterhin nicht erwerben können, sondern hierfür den Zuständigkeitsbereich einer Kammer aufsuchen müssen, die diese Weiterbildung anbietet. Wie weiter oben schon beschrieben, wissen wir, dass die Nachfrage nach dieser Weiterbildung durch Kammermitglieder nicht existiert (einzig KollegInnen, die durch Übergangsregelungen früher als Diplom-PsychologInnen erworbene Qualifikationen in entsprechendem Umfang nachweisen können, interessieren sich dafür – nur: für diesen Kreis handelt es sich gar nicht um Weiterbildung). Deshalb gehen wir davon aus, dass sich der Schaden für Kammermitglieder in sehr überschaubaren Grenzen hält.

Auch hat der Beschluss der Kammerversammlung keinen unmittelbaren Einfluss auf die Versorgung der relevanten Patientengruppe. Entsprechend qualifizierte KollegInnen können selbstverständlich wie bisher auch beim Zulassungsausschuss die Abrechnungsgenehmigung beantragen. Hierfür ist es völlig unerheblich, ob die Kammer eine Weiterbildungsordnung hat oder nicht.

Einen mittelbaren Einfluss auf die Versorgung der relevanten Patientengruppe hat die Entscheidung aber doch. Denn die Kriterien, die jemand erfüllen muss, um eine Abrechnungsgenehmigung zu erhalten, werden in den Weiterbildungsordnungen definiert. Und in den Ländern, in denen es keine Weiterbildungsordnung gibt, gilt die MWBO, die aber leider nicht nachgefragt wird. Die Anzahl der KollegInnen, die theoretisch eine Abrechnungsgenehmigung per Übergangsbestimmungen erhalten könnten, liegt in Schleswig-Holstein im einstelligen Bereich. Nach seriösen Schätzungen würde es in Schleswig-Holstein aber ca. 40 Leistungserbringer brauchen, die im ambulanten Sektor in Vollzeit ausschließlich neuropsychologische Therapie durchführen, damit der vorhandene Bedarf gedeckt wäre. Es müssten sich demnach also mehrere Dutzend KollegInnen finden, die nach Erwerb der Approbation (durch die sie berufsrechtlich berechtigt sind, alle psychischen Störungen zu behandeln) bereit sind, eine Weiterbildung nach MWBO (zwei Jahre klinische Vollzeittätigkeit im Bereich der Neurologie, mindestens 100 Stunden fallbezogene Supervision und mindestens 400 Stunden Theorie) zu absolvieren, um dann auch (bei Sonderbedarfszulassungen ausschließlich) neuropsychologische Therapie ambulant abrechnen zu dürfen. Ergänzend sei noch darauf hingewiesen, dass es keinerlei wirtschaftlichen Anreiz dafür gibt, diese zusätzliche Abrechnungsgenehmigung zu erwerben. Bekanntlich sind die Praxen so oder so überfüllt, und die Stunde neuropsychologische Therapie wird nicht höher vergütet als die gemeine genehmigte Psychotherapiestunde.

Nicht nur der Verband der niedergelassenen NeuropsychologInnen sieht, dass die MWBO und die darauf abzielenden sozialrechtlichen Beschlüsse des G-BA die Versorgung der Bevölkerung mit neuropsychologischer Therapie verschlechtern werden. Auch die Funktionsträger in den Kammern können schon länger sehen, dass diese Konstruktion so nicht funktioniert. Nur scheint der Weg etwas weiter zu sein, aus dieser Erkenntnis auch die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Kammerversammlung in Schleswig-Holstein hat jedenfalls die Gelegenheit versäumt, durch eine fachlich begründete Reduktion des Weiterbildungsumfanges die Chance auf Schaffung von Nachfrage bei den Leistungserbringern zu erhöhen (als unabdingbare Voraussetzung für eine bessere Versorgung).

Die DGVT in Schleswig-Holstein wird sich weiterhin dafür einsetzen, dass hier Bewegung in die bestehenden Regelungen kommt. Wir sehen hierfür jedenfalls auch noch Chancen, jedenfalls dann, wenn die Kammern weiter als Organisationen ernst genommen werden wollen, denen eine gute Versorgung der Bevölkerung am Herzen liegt. Der maßgeblich durch Mitwirkung der DGVT zustande gekommene Entwurf einer im Umfang reduzierten Weiterbildungsordnung in Neuropsychologischer Therapie könnte dann noch einmal besonders wertvoll werden.

Claudia Tiefert, Detlef Deutschmann, Bernd Schäfer
LandessprecherInnen Schleswig-Holstein


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