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Bessere medizinische Versorgung für Menschen mit Behinderungen

Ärzte und Kassen überlegen, wie Behinderten der barrierefreie Zugang zur medizinischen Versorgung ermöglicht werden kann. Es geht nicht nur um Rampen und Fahrstühle, sondern vor allem auch um eine wertschätzende Haltung gegenüber den Betroffenen.


(wd). Die medizinische Versorgung der Menschen mit Behinderung in Deutschland wollen Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Bundesärztekammer (BÄK), Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und Bundeszahnärztekammer (BZÄK) gemeinsam verbessern. Die vier Organisationen trafen sich am 9. September 2013 erstmals zu einem Erfahrungsaustausch mit Betroffenen und ExpertInnen und diskutierten, wie eine barrierefreie medizinische Versorgung aussehen könnte. Maßnahmen und Initiativen wurden vorgestellt, um „Barrieren abzubauen“.

Barrierefreiheit bedeute jedoch  nicht nur die Bereitstellung von Rampen, Fahrstühle und breiten Türen, betonte der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller. Es geht um mehr Offenheit gegenüber anderen Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen, um andere Kommunikationswege und um mehr Zeit für diese Menschen. Wo Menschen mit Behinderung auf Barrieren stoßen, bleibt ihnen die Teilhabe am kulturellen Leben, an der Arbeitswelt, in der Freizeit und auch der Zugang zum Arzt und Zahnarzt ihrer Wahl verwehrt. „Und wir wissen alle: ‚Behindert ist man nicht, behindert wird man.‘ Die Gesellschaft trägt hier eine Mitverantwortung.“

„Wir müssen innere sowie äußere Barrieren überwinden“, betonte auch Christoph von Ascheraden, Vorstandsmitglied der BÄK, selbstkritisch. Er verwies darauf, dass viele Vorgaben des Gesetzes über die Rechte von Menschen mit Behinderungen mittlerweile auf den Weg gebracht worden seien. „Wir sind jedoch noch weit davon entfernt, alle Inhalte und Zielsetzungen des Gesetzes verwirklicht zu haben.“ 

Für alle Patienten mit Sehbehinderung, Hörschädigung oder geistiger Behinderung sei es noch immer schwer, sich in Krankenhäusern und Arztpraxen zurechtzufinden, erläuterte Hausärztin  Regina Feldmann vom Vorstand der KBV. Manchmal helfe es schon, sich klar und deutlich gegenüber Patienten mit Behinderung auszudrücken oder gut sichtbare Schilder anzubringen.

„Mit praktischen Tipps hilft die KBV, Praxisinhabern Maßnahmen aufzuzeigen, die auch ohne großen finanziellen Aufwand umsetzbar sind“, erklärte sie. Eine entsprechende Broschüre mit dem Titel „Barrieren abbauen – Ideen und Vorschläge für Ihre Praxis“ sei aufgrund der großen Nachfrage schon zweimal nachgedruckt worden und könne bei der KBV angefordert werden (E-Mail: versand@kbv.de).

Auf die besondere Situation in der Zahnmedizin wies Wolfgang Eßer, stellvertretender Vorsitzender der KZBV, hin. Der gesamte Leistungskatalog baue darauf auf, dass eigenverantwortlich Mundhygiene betrieben wird. Menschen mit Behinderung könnten diese Voraussetzung jedoch oft nicht erfüllen und erhielten daher nicht die Betreuung, die sie brauchen. „Diese Barriere wollen wir mit unserem Versorgungskonzept abbauen“, sagte er und verwies auf das zahnärztliche Versorgungskonzept „Mundgesund trotz Handicap und hohem Alter“.

Auf einen besonderen Versorgungsbedarf von Erwachsenen mit Behinderungen wies Michael Seidel, Ärztlicher Direktor der Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel hin: „Wenn behinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder einen speziellen Bedarf haben, der im Regelversorgungssystem mit niedergelassenen Ärzten nicht ausreichend abgedeckt werden kann, können sie in Sozialpädiatrischen Zentren betreut werden. Diese Zentren verlieren aber mit dem Erreichen des 18. Lebensjahrs ihre Zuständigkeit.“ Menschen, die mit einer vielleicht komplexen oder sehr seltenen Behinderung jahrelang in einer solchen spezialisierten interdisziplinären Einrichtung begleitet worden sind, fielen  sozusagen in ein Loch. „Es müssen adäquate Rahmenbedingungen geschaffen werden“, forderte er.

Eine wertschätzende Einstellung und offene kommunikative Haltung gegenüber Menschen mit Behinderung sollte für Ärzte und Zahnärzte – aber auch für die Gesellschaft – selbstverständlich sein.


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