< vorheriger Artikel

Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf zur Systemischen Therapie

Von: Kerstin Burgdorf

VG Düsseldorf zur Anerkennung als Ausbildungsstätte nach § 6 Abs. 2 PsychThG für die Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit dem Vertiefungsgebiet „Systemische Therapie / Familientherapie“


Das Verwaltungsgericht (VG) Düsseldorf hat mit Urteil vom 7.4.2006 entschieden, dass das Landesprüfungsamt für Medizin, Psychotherapie und Pharmazie in Düsseldorf den Antrag eines Ausbildungsträgers auf Erteilung der Anerkennung als Ausbildungsstätte nach § 6 Abs. 2 Psychotherapeutengesetz (PsychThG) für die Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit dem Vertiefungsgebiet „Systemische Therapie / Familientherapie“ unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts neu zu bescheiden hat.
Ausgangspunkt des Verfahrens war die Ablehnung eines entsprechenden Antrags durch das beklagte Landesprüfungsamt gewesen. Die Beklagte hatte die Anerkennung als Ausbildungsstätte mit der Begründung abgelehnt, dass nach § 6 Abs. 2 Nr. 1 PsychThG eine Behandlung der Patienten nach wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren Voraussetzung für die Anerkennung sei. Zudem fordere auch die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten die Vermittlung eingehender Grundkenntnisse in wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren; eine wissenschaftliche Anerkennung durch den nach § 11 PsychThG zuständigen Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) liege aber nicht vor.

Das Gericht geht in seinem Urteil davon aus, dass das Vertiefungsgebiet „Systemische Therapie / Familientherapie“ entgegen der Auffassung des Landesprüfungsamts ein wissenschaftlich anerkanntes psychotherapeutisches Verfahren i. S. d. § 1 Abs. 3 PsychThG ist, das der Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert dient. Ausführungen des WBP in seinem Gutachten v. 29.9.1999 stehen dem nach Ansicht des Gerichts nicht entgegen, da der WBP zum einen nicht zuständiger Entscheidungsträger in dieser Frage sei, sondern ausschließlich das beklagte Landesprüfungsamt (nach § 11 PsychThG soll der WBP nur in Zweifelsfällen herangezogen werden, damit die Behörde ihre Entscheidung auf Grundlage eines Gutachtens des WBP als sachverständige Institution treffen kann). Zum anderen habe der WBP den Begriff der wissenschaftlichen Anerkennung in seinem Gutachten v. 29.9.99 verkannt. In diesem Gutachten habe der WBP allein die Frage der Wirksamkeit des Verfahrens geprüft. Diese stelle sich für die hier allein zur Entscheidung stehende Frage der wissenschaftlichen Anerkennung  aber so nicht.
Das VG Düsseldorf legt in seinem Urteil den unbestimmten Rechtsbegriff der wissenschaftlichen Anerkennung psychotherapeutischer Verfahren nach den vom Oberlandesgericht Düsseldorf in ständiger Rechtsprechung entwickelten Kriterien aus. Sowohl nach den Regeln des Beihilferechts als auch des PsychThG solle durch das Erfordernis der Wissenschaftlichkeit ein Missbrauch unter dem Deckmantel berechtigter Behandlung verhindert, d. h. Scharlatanerie solle ausgeschlossen werden. Wissenschaftlich anerkannt i. S. d. Beihilferechts sei eine Behandlungsmethode, wenn sie von den Wissenschaftlern, die in dem betreffenden Bereich tätig sind, auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnisse als für eine Behandlung der Krankheit wirksam angesehen werde. Dies setze eine weitgehende Zustimmung der im Fachbereich tätigen Wissenschaftler voraus und sei dann nicht gegeben, wenn eine größere Zahl namhafter Autoren oder wichtige wissenschaftliche Gremien die Behandlungsmethode auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnisse als nicht wirksam ansehen. Abzustellen sei also auf die herrschende Meinung unter den Wissenschaftlern, ob die Systemische Therapie als wirksam angesehen werde. Nicht entscheidend für die vorliegende Frage sei, ob die Systemische Therapie tatsächlich wirksam sei.
Als Autoritäten für die positive Beantwortung der Ausgangsfrage nennt das Gericht Horst-Eberhard Richter („Patient Familie“), die Internationale Gesellschaft für Systemische Therapie (IGTS) sowie die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie (DGSF). Ein weiteres Argument findet das Gericht in den Literaturlisten zur Systemischen Therapie und den in der Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie vertretenen namhaften Fachleuten. Angesichts der unübersehbaren Menge an Fachleuten, die die Systemische Therapie als wirksam ansehen, sei die Auffassung der Beklagten und des WBP, es handele sich um ein wissenschaftlich nicht anerkanntes Verfahren, nicht haltbar. Die Beklagte hat demnach die Klägerin als Ausbildungsstätte anzuerkennen, sofern die in § 6 Abs. 2 PsychThG geforderten Nachweise erbracht werden können.

Verwaltungsgericht Düsseldorf, Az.: 26 K 9121/03


Zurück