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Jenaer Paradies - Das Pro und Contra der hausärztlichen Versorgung von Panikanfällen aus psychologischer Sicht


Paradiesische Zustände 

Ein Plädoyer für das Jenaer Paradies
von Torsten Padberg

Paradise is exactly like where you are right now.
Only much, much better!
Laurie Anderson

Im Paradies bekommen Angstpatienten starke Schultern. Jedenfalls in Jena.[1] Dort wird zurzeit die durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte „Patient activation for anxiety disorders“-Studie (kurz: PARADIES) am Institut für Allgemeinmedizin durchgeführt. 

6,3% aller Patienten der Grundversorgung leiden unter einer Panikstörung, viele komorbid mit einer Agoraphobie. Nur ein Bruchteil davon erhält die dafür richtige Behandlung. Bei vielen Patienten wird das Leiden gar nicht erst erkannt. Das hat schlimme Folgen. Für die Patienten, deren Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit leidet. Für die Krankenkassen, die mit den Folgekosten durch Chronifizierung, Fehlbehandlungen und Arbeitsunfähigkeit belastet werden. Für die Gesellschaft, der die auf diese Weise vergeudeten personellen und finanziellen Mittel an anderer Stelle fehlen. Eine hochkomplexe, stresserzeugende  Gesellschaft wie die unsere steuert auf einen Zustand zunehmender psychischer Zerbrechlichkeit zu.

Die Universität Jena will das durch das Paradies-Projekt ändern. Panikattacken sollen schon in Hausarztpraxen erkannt und behandelt werden. Zuerst wird durch den Arzt die Diagnose gestellt und mit dem Patienten zusammen eine Konfrontationshierarchie festgelegt. Danach werden Reizkonfrontationen durchgeführt - von kurzen Telefonkontakten zwischen Arzthelferin und Patient begleitet. Diese Kombination aus ärztlicher Diagnostik und arzthelferlicher Unterstützung der Therapie bildet in der Terminologie der Jenaer Forscher die „starken Schultern“ für den Patienten.

Bei aller sicher möglichen Kritik fällt es nicht schwer, auch aus psychologischer Sicht die Vorzüge des Jenaers Projektes zu erkennen.

  • Aus der Forschung wissen wir: Manualisierte Behandlungsmodule erzielen in kurzer Zeit gute Erfolge.
  • Das Jenaer Paradies trägt state-of-the-art-Wissen aus der Psychotherapieforschung in ärztliche Praxen. Hier wartet eine Bestätigung unserer Erkenntnisse im und durch das Feld.
  • Die durch den Patienten selbstgesteuerte Durchführung trägt einem verhaltenstherapeutischen Ur-Prinzip Rechnung: dem Selbstmanagement. So ist das Jenaer Behandlungsprogramm Hilfe zur Selbsthilfe.
  • Durch die schnelle Anwendung psychologischer Erkenntnisse an einer hohen Zahl von Patienten mit einer weit verbreiteten Störung wird das gesellschaftliche Bewusstsein für die wirkliche Natur psychischer Störungen gefördert:
  • Sie sind gut beschreibbare, in Listen fassbare Symptomsammlungen.
  • Symptome lassen sich als „Targets“ durch darauf abgestimmte Maßnahmen behandeln. Maßnahmen, deren Anleitung man im Falle von Angst in einem dreistündigen Online-Seminar erlernen kann.
  • Dies wird zur Entdämonisierung psychischer Störungen beitragen. Ein notwendiger Bewusstseinswandel, denn: Psychische Störungen sind Störungen, die jeden von uns, wie jede andere körperliche Störung auch, mindestens einmal im Leben betreffen werden!
  • Weil das Jenaer Projekt diese einfache, pragmatische Hilfe nun direkt an den Verbraucher liefert, wird die Akzeptanz und Verbreitung empirisch gesicherter, psychotherapeutischer Maßnahmen erhöht.

 

Die Vorteile auch für die PatientInnen sind offensichtlich:

  • Niemand muss mehr lange auf einen Therapieplatz warten und so eine Chronifizierung seiner Störung riskieren.
  • Niemand muss mehr Angst vor einer lang dauernden Psychotherapie haben. Die Hemmschwelle zur Behandlungsaufnahme ist niedrig. Sie erfolgt unmittelbar beim bekannten Hausarzt. Die Arzthelferinnen sind ständige Ansprechpartner der Patienten.
  • Die aufgezeigten Lösungswege sind pragmatisch. Die Patienten lernen, ihre Symptome richtig einzuordnen und ihrer Angst aktiv zu begegnen.
  • So weist die standardisierte Behandlung bei aller Uniformität über sich hinaus in den Privatbereich des Klienten.
  • Niemand muss wertvolle Ressourcen hochqualifizierter Ärzte und Psychotherapeuten in Anspruch nehmen, nur um eine gut gesicherte, einfach durchzuführende Standardbehandlung zu erhalten.
  • Niemand muss mehr mit den Methoden der Vergangenheit seine aktuellen Probleme angehen. Psychotherapeuten, die dem Fortschritt der Wissenschaft in ihrem Alltagsgeschäft nicht mehr folgen können, kennen die inzwischen als am wirksamsten erkannten Verfahren oft nicht.

Und zuletzt profitieren auch die durchführenden Ärzte. Sie erweitern das Angebot an ihre PatientInnen. Gleichzeitig haben Ärzte und Psychotherapeuten mehr Zeit, sich den schwer gestörten Patienten zuzuwenden, deren Versorgungslage nach wie vor dramatisch schlecht ist.

Sollte das Jenaer Paradies eines Tages fester Bestandteil der hausärztlichen Grundversorgung werden, kann sich auf diese Weise die tatsächlich wirksamste psychotherapeutische Praxis von den begrenzten Ressourcen der Psychotherapeuten emanzipieren. So erreicht das Wissen über psychische Krankheiten über den Umweg der Arztpraxis endlich in ausreichender Zahl die leidenden Patienten.

Verrückt vor Angst

Gedanken zum Jenaer Paradies
von Thorsten Padberg 

Paradise is exactly like where you are right now.
Only much, much better!
Laurie Anderson

Forschung 

Ein Mädchen, ihre Haare brennen, schreit „Feuer!“ Ihr Schrei kündigt die Katastrophe an. 800 Menschen, verrückt vor Angst, verwandeln sich in einen wilden Mob. Flammen breiten sich mit ungeheurer Geschwindigkeit aus. Die Drehtür am Ausgang ist von der von Panik getriebenen Menge blockiert, die sie zugleich in beide Richtungen drehen will.

(Bericht des Newsweek Journal über das Boston Cocoanut Grove Club-Feuer von 1942)

Ein Teil der Überlebenden wird in die neugegründete psychiatrische Abteilung des Mass General Hospital in Boston gebracht. Der Leiter Stanley Cobb, eine Neuropsychiater, schreibt, das Personal sei besonders daran interessiert, „die physiologischen Symptome“ der Trauer bei denjenigen zu beobachten, die Freunde und Angehörige im Feuer verloren hatten. „Weil akute Trauer einer der am häufigsten zu findenden psychogenen Faktoren bei Patienten mit psychosomatischen Störungen ist“, biete sich eine hervorragende Gelegenheit für systematische Beobachtung und Forschung. Die Forscher finden: erweiterte Pupillen, Hitzewellen bis in den Kopf hinein, Hautrötung, Schwitzen, Seufzen.

1972 werden die sog. Feighner-Kriterien veröffentlicht; erste spezifische, beobachtbare diagnostische Kriterien für vierzehn psychiatrische Krankheitsbilder.

Therapie

Es gibt im Gesundheitswesen nicht wenige, die wünschten, die Psychotherapie wäre nach dem Medizinischen Modell geschaffen worden: Die Natur der Störung bestimmt die Auswahl der psychotherapeutischen Maßnahmen. Erst diagnostizieren wir, dann intervenieren wir.

Das ist das Programm, das auch das Jenaer-Paradies-Projekt umsetzt. Sind die diagnostischen Kriterien der Angststörung erfüllt, setzen therapeutische Maßnahmen ein, die die Störung beheben.

Frau L. wollte ihr ganzes Leben mit Kindern arbeiten. Nach dem Verlust Ihrer Stelle als Kindergärtnerin bekommt sie eine neue Arbeit als Betreuerin im Job-Center. Als eine ihrer „Kundinnen“ sie erst anfleht, sie wolle nicht schon wieder in eine ABM-Maßnahme, und später wüst beschimpft, kann sie beim besten Willen nicht helfen. Die Regeln sind halt so. Die Kundin springt einen Tag darauf vor einen Zug. Seither ist Frau L. arbeitsunfähig, der Hausarzt hat ihr eine Posttraumatische Belastungsstörung attestiert; sie kommt zur Behandlung in meine Praxis. Weil typische Traumasymptome wie u.a. Flashbacks fehlen, entscheide ich mich abweichend für eine mittelgradige depressive Episode. Die Therapie verläuft schleppend. Frau L. beschließt, das einzige, was ihr wirklich helfen könne, sei eine psychosomatische Kur. In der Kurklinik wird sie erstmals lege artis mit standardisierten Fragebögen durchdiagnostiziert. Die Diagnose lautet: Agoraphobie. Seit dem Vorfall geht Frau L. nur noch selten vor die Tür; sie sagt auch, sie fürchte sich davor. Die Therapie der Klinik besteht aus Aufzugsfahrten in Begleitung einer Therapeutin im KaDeWe.

Diagnostik

Der selbsternannte Gold-Standard der Diagnosekunst, das DSM-5, erzielt im eigenen Feldversuch bei Standarddiagnosen wie der Majoren Depressiven Episode eine Übereinstimmungsrate der Rater von 32%, bei der Generalisierten Angststörung sind es 20%. Der DSM-Kritiker Allen Frances spottet: „Das DSM ist durch den Reliabilitäts-Test gefallen.“

Darauf angesprochen stellen die Verantwortlichen das als Fortschritt dar: Das DSM-Klassifikationssystem sei inzwischen so sehr ausdifferenziert, dass es zwangsläufig zu mehr Fehlurteilen der Diagnostiker komme.

Ein Maximum an Angst mit Herzrasen, Schwitzen, Tunnelsehen etc. wird auch im Rahmen anderer Angststörungen erreicht. Was die Panikattacken von anderen Angststörungen unterscheidet, ist das anlasslose des Anfalls, ihre Situationsunabhängigkeit. Doch wie lässt sich sicherstellen, dass etwas nicht zu finden ist? Poppers Falsifikationismus: Sind wir wirklich sicher, dass alle Schwäne nicht-schwarz sind?

Die Panikstörung ist eine der jüngeren Diagnosen des DSM, aufgenommen erst 1980 mit der dritten Revision. Sie hat eine steile Karriere hinter sich. Inzwischen gehört sie zu den am häufigsten diagnostizierten Störungen. Die ersten Panik-Studien werden in der Zeit von 1983 bis 1987 allein von der Upjohn Company finanziert, durchgeführt am Mass General Hospital in Boston. Upjohn ist Hersteller des Angstlösers Xanax (deutscher Name: Tafil). Jetzt haben Panikattacken auch das Interesse der Jenaer Forscher geweckt. Warum eigentlich?

Panik

Ein Artikel des Jenaer Studienleiters Prof. Gensichen (2013) in Der Hausarzt erläutert die medikamentöse Einstellung von Panik. Diese sei gut mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Maßnahmen kombinierbar.

Die Soziologin Jackie Orr nimmt im Jahr 2000 an einer Studie zur Wirkung von Psychopharmaka auf Angstzustände teil, die am Mass General Hospital in Boston stattfindet. Sie fragt die Forscher: „Ist ein Tranquilizer wirklich die beste Behandlung?" Die Antwort: „Medikamente verhindern, dass Neuronen fehlzünden. Manchmal kann auch die Psychotherapie Gespräche so nutzen, dass die Neuronen nicht mehr fehlzünden.“

Anruf in meiner Praxis. Ein sehr aufgeregter Herr. Er sei wegen Panikattacken in Therapie, der Therapeut wolle nun, dass er sich in die angstbesetzten Situationen begebe. Aber das ginge nicht, die Therapie müsse doch erst wirken, dann könne er sich seinen Ängsten stellen. Was ich denn davon hielte? Längere Einleitung über therapeutische Beziehung und Vertrauen mündet in der Feststellung, Reizkonfrontation sei eine bewährte verhaltenstherapeutische Methode. Der Mann am Telefon wird wütend. „Mir geht es schlecht und ihr lasst mich allein!“ Er will jetzt sofort meinen Chef sprechen.

Der Wunsch zu lernen bringt Menschen oft dazu, Helfer, Heiler und Führer, spirituelle Lehrer, aufzusuchen, deren Schüler sie werden könnten. Sie verwechseln dabei das Lernen mit dem Unterricht. Der emotional erschütterte Mensch unserer Tage will der Schüler des Psychotherapeuten werden. Das sollte uns nicht überraschen. Krisen, die durch Angst, Zweifel und Verzweiflung gekennzeichnet sind, sind schon immer dann aufgetreten, wenn ein Mensch ausreichend erschüttert war, um ihm Gelegenheit für persönliches Wachstum zu bieten. Wir sollten unsere Gefühle des Unbehagens immer als Chance betrachten, Wachstum statt Angst zu wählen.“

(Sheldon Kopp, 1972)

Im Abschlussbericht der Kurklinik wird die ehemalige Kindergärtnerin Frau L. als uneinsichtig und unkooperativ beschrieben und trotz der Aufzugfahrten als nicht gebessert entlassen. Frau L. ist wütend und will zunächst gegen die Klinik klagen. Kurz darauf entscheidet sie sich, ein Gespräch mit ihrem Arbeitgeber zu suchen, in dem sie auf die Versetzung in eine andere Abteilung besteht; es geht ihr jetzt deutlich besser.

Diagnostisches Interview

Die Erfassung exakter Symptome und ihrer Anlässe mit Hilfe von Listen. Der Autor Gary Greenberg (2010) nimmt als Patient an einer Psychopharmaka-Studie des Mass General Hospitals in Boston teil: Die betreuende Forschungsassistentin, die ihn während der ganzen Monate der Studie Greg nennt, liest von einem Fragebogen ab: "In den letzten zwei Wochen, Greg, haben Sie sich da besonders selbst-kritisch gefühlt?" - "Hmm, ja, vielleicht, ja, ich glaube schon." Er empfindet die Besprechung seiner Situation mittels Ja/Nein-Antworten und Einschätzungsskalen als „unfassbar eingeschränkt“: "Ich kam mir vor wie ein Narr und zwar wie ein ganz besonders narzisstischer, weil ich geglaubt hatte, dass ich als Person wichtig wäre."

Eine Kollegin verteidigt mir gegenüber die mögliche Einführung von Diagnostik und regelmäßigen Ergebniskontrollen mit standardisierten Fragebögen auch in der ambulanten Praxis: und „Es soll doch nur mal die Patientenperspektive berücksichtigt werden.“

In einem späteren Forschungsinterview mit den immer gleichen Fragebögen fragt Greenberg zurück:

„‚Ist Selbstkritik wirklich pathologisch?‘

‚Pathologisch? Ich weiß nicht, ob ich es pathologisch nennen würde.‘

‚Vielleicht symptomatisch?" bot ich an.‘

‚Nun, es ist sicher nicht optimal.‘

‚Aber selbstkritisch zu sein, hilft Leuten doch, etwas zu erreichen, oder?‘

‚Manchmal ja, manchmal nein. Ich glaube nicht, dass exzessive Selbstkritik jemals eine tolle Sache ist. Nein.‘

Sie fing an, in den Fragebögen zu blättern, bemüht, das Interview fortzusetzen.“

Wenn Patienten ihre Angst in so großer Zahl als anlasslos bezeichnen, kann das verschiedene Gründe haben: a) das Leiden ist wirklich anlasslos, b) die Patienten verschweigen die Anlässe oder c) die Patienten sind sich dieser Anlässe selbst nicht bewusst. Niemand hat mit ihnen danach gesucht.

Erst das Thema der Angst macht aus einer Angst eine soziale Phobie, eine Hypochondrie, eine Panikattacke.

In Jena scheint man davon überzeugt zu sein, dass die Symptome und ihre Anlässe, wie aus einem umgekehrten Nürnberger Trichter aus den Patienten herauspurzeln, wenn man danach fragt. Sie gehen offenbar davon aus, dass immer Fall a) vorliegt.

Verhaltenstherapeuten lernen in ihrer Ausbildung mittels Fragen und therapeutischer Hausaufgaben die zentralen Kognitionen ihrer Klienten zu erfassen. Dazu gehören u.a. das fortlaufende Nachfragen der befürchteten Konsequenzen ("Was ist so schlimm daran?"; Arrow-Down-Technik) oder das Gedankenprotokoll (A-B-C-Schema), das unmittelbar im Anschluss an eine angstauslösende Situation vom Patienten ausgefüllt wird. Beispiel: "Was wäre so schlimm daran, würden Sie während einer Panikattacke sterben?" - (beginnt zu weinen): "Meine Kinder kommen ohne mich nicht zurecht."

Grundannahmen sind häufig „automatisch“, d.h. sehr schnell und den Klienten zunächst nicht bewusst. Viele Klienten brauchen Hilfe, um diese Gedanken zu erkennen oder auch die Unterscheidung zwischen Gefühlen und Gedanken zu erlernen. Das braucht Zeit. Sie dient der Sinnstiftung.

Die Einladung an die Hausärzte zur Teilnahme am Jenaer Projekt betont: Die Telefonkontakte zwischen Patient und Arzthelferin werden „sehr kurz“ sein.

Die radikal materialistische Ausrichtung auf die biologischen Mechanismen der Krankheit lenkt den Blick des Klinikers, zusammen mit der Aufmerksamkeit der Patienten, weg von der Entschlüsselung des offensichtlichen Bedeutungsgehaltes, den die Krankheit für sie haben könnte. Das biomedizinische System ersetzt die angeblich "weiche", und deswegen entwertete, psychosoziale Beschäftigung mit Bedeutungen durch die wissenschaftlich "harte", und deswegen überbewertete, technische Aufgabe der Symptomkontrolle.“

(Arthur Kleinman, 1989, Psychiater und Anthropologe)

Worte

Ein Umbruch im psychiatrischen Denken findet 1980 statt. Eine Störung, die noch kurz vorher als eine der ersten in die heutige gültige „phänomenologische“ Form (mit einer Mindestanzahl fest definierter Symptome) gebracht worden war, verschwindet aus der Klassifikation: die Hysterie. Der Hysteriker nach überkommener Auffassung versuchte, ein eigentlich seelisches Leiden als „reales“ körperliches auszugeben. Statt alte Traumata oder gegenwärtige Unzufriedenheit zu berichten, performte der Hysteriker sie, er führte sie vor, dramatisierte sie am eigenen Körper. Dass die Betroffenen meist Frauen waren, sagt mehr über die Zeiten als über Frauen aus. Die Soziologin Jackie Orr findet, es könne kein Zufall sein, dass die Psychiatrie mit dem Verschwinden der Hysterie zeitgleich die Panikstörung in das DSM-III aufnimmt. Panik wird jetzt mithilfe physiologischer Begriffe als weitgehend körpernahes Großereignis konzipiert.

Ist es Zufall, dass nunmehr versucht wird, Teile der psychotherapeutischen Praxis in die Arztpraxis zu verlagern - und dass ausgerechnet das als überwältigend körperlich erlebte Geschehen der Panikattacke dabei die Diagnose der Wahl ist?

Dadurch, dass man schon früh das Wort „Reaktion“ (wie in „reaktive Depression“) wegen seines theoretischen Ballasts aus den Klassifikationen gestrichen hat, hat man implizit eine viel weitreichendere Theorie aufgestellt: Da das Leiden ohne äußeren Anlass ist, muss es von Innen kommen, vom Körper.

Bis 1980 lernen Diagnostiker am Beispiel der Hysterie körperliche Symptome als Ausdruck von Lebensproblemen zu deuten. Seit dem DSM-III lernen Sie am Beispiel der Panik eine Emotion in ihre physiologischen Bestandteile zu zerlegen. Ein Anlass weniger, über Lebensthemen zu sprechen.

Wenn Krankheit und Heilung so beschrieben werden, dass sie messbar werden, dann wird umgekehrt nur noch beschrieben, was messbar ist. Die Begriffe Psychotherapie, Psyche, Krankheit und Gesundheit werden neu definiert. Werden anders gebraucht. Paradiesische Zustände.

Aus dem Artikel zum Jenaer-Paradies in Der Hausarzt: "Frau M. hat drei Kinder im Alter von drei, vier und sieben Jahren und arbeitet als Verka?uferin in einem großen Einkaufsmarkt. Vor einiger Zeit habe sich ihr Mann von ihr getrennt und sei aus beruflichen Gru?nden ausgewandert. Auf Nachfrage berichtet Frau M., dass die Symptome vor sechs Monaten begonnen ha?tten. „Wie aus dem nichts heraus“ seien wa?hrend der Arbeit plo?tzlich Herzrasen und Schweißausbru?che aufgetreten. [...] Der Hausarzt vermutet, dass den anfallsartigen ko?rperlichen Symptomen bei Frau M. eine psychische Sto?rung zugrunde liegt. Er erkla?rt der Patientin, dass alle ko?rperlichen Befunde unauffa?llig waren und dass die Beschwerden mo?glicherweise durch eine Angsterkrankung verursacht werden. Mit Hilfe der ICD-10-Checklisten diagnostiziert er eine Paniksto?rung. [...] Von einer Angsterkrankung (ICD-10: F40-F43) geht man aus, wenn es bei einem Patienten zu unangemessen starken Angstreaktionen auf objektiv ungefa?hrliche Reize kommt." - Wie kommt man zu dem Schluss, die Angstreaktion der Frau M. sei unangemessen? Auf welche Reize muss man dafür achten, welche ignorieren?

Der Wettbewerb um die beste psychotherapeutische Methodik funktioniert nur deshalb, weil sich alle auf die selbe Definition von Krankheit und Heilung haben verpflichten lassen.

Der Psychotherapieforscher Bruce Wampold und seine Kollegen (2003) analysieren Studien neu, die die Überlegenheit von Psychotherapie gegenüber Wartegruppen mit Gesprächen und anderen nicht-therapeutischen Angeboten ergeben hatten und kontrollieren dabei erstmals auch wichtige Randvariablen, wie u.a. die Dauer und Frequenz der Behandlung. Das Ergebnis: Kein messbarer Unterschied in der Wirksamkeit gegenüber „gut gemachten Placebos“.

Das Ergebnis ist berufspolitisch nicht gerade willkommen. Klaus Grawe (2005) erklärt deshalb in Deutschland, Wampolds Studie habe die Gleichwertigkeit störungsspezifischer und klärungsorientierter Therapieangebote belegt - was schlichtweg falsch ist.

Es muss andere Wege geben, die Wichtigkeit psychotherapeutischer Angebote zu verdeutlichen.

In den berühmt gewordenen Gloria-Filmen arbeiten Carl Rogers, Frederik Perls und Albert Ellis, alle mit derselben Klientin. Anders als ursprünglich beabsichtigt wird der Film in den USA nicht nur zu Lehrzwecken gezeigt, sondern läuft auch in öffentlichen Kinos und im Fernsehen. In der Folge kommt es zu einem Run auf die Gestalt- und Gesprächstherapie. Albert Ellis Präsentation seiner Methodik wird dagegen von den meisten Zuschauern (und auch von Gloria selbst) als langweilig und rechthaberisch empfunden. Ellis Schüler Windy Dryden schreibt später, nichts habe der Verbreitung der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie mehr geschadet als diese 17 Minuten Gespräch zwischen Ellis und Gloria.

Ein Interview mit Jürgen Margraf (2013), einem der Autoren des wichtigsten deutschen Manuals zur Panikbehandlung, in Psychologie Heute. Er erzählt von den prägenden Erfahrungen in Palo Alto in den siebziger Jahren während der Therapie mit Kriegsveteranen, von einer wichtigen Lehrtherapeutin, von der er gelernt hat, das teilweise aggressive Verhalten schizophren erkrankter Patienten als Ausdruck ihrer Angst zu verstehen. Warum erscheint so etwas nur am Rand des psychologischen Diskurses, in einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift? Margrafs Ansatz wird durch die berichteten Anekdoten verständlich.

Lösungsorientierte Therapie nach de Shazer (2012) dauert oft nur ein bis drei Stunden: Kleine Veränderungen führen, wenn sie für den Klienten relevant sind, zu großen Veränderungen. Auch verringerte Angst wird für den Klienten relevant sein. - Aber in der Lösungsorientierten Therapie werden die Veränderungsschritte auf ein Ziel hin geplant. Das Verschwinden der Angst gilt dort nicht als „wohlformuliertes Ziel“.

Der systemische Therapeut Arnold Retzer (2007) prägt den Begriff „Angstbekämpfungsgesellschaft“.  Angst hat einen schlechten Ruf. Angst ist uns peinlich, weil sie anzeigt, dass wir nicht so funktionieren, wie wir sollten. Auch er empfiehlt Reizkonfrontationen: Weil sie die Angst nicht bekämpfen, sondern steigern.

Nach über einem Jahr Arbeitsunfähigkeit seit dem Suizid ihrer Kundin geht Frau L. jetzt wieder arbeiten; sie geht auch wieder aus dem Haus. Auf Nachfrage erklärt sie: "Das ist, weil ich wieder neugierig auf mich bin."

Jürgen Kriz (2013) sieht den Raum für die Besprechung "personaler Beschwerden", d.h. individueller Leidensgeschichten, nicht länger in der Psychotherapie. In Zukunft dürfe dies nur noch im Beratungs-Setting erfolgen, weil es dort keine gesetzlich vorgeschriebenen diagnostischen Taxonomien gibt, die das verhindern.

Wissenschaft

Bruce Wampold (2001) fürchtet, die Anlehnung an das Medizinische Modell mit seiner Diagnose-Interventions-Logik werde die Nützlichkeit der Psychotherapie zerstören: „Psychotherapie, als ein Weg, seinem Leben Bedeutung zu geben, sich psychologischen Herausforderungen zu stellen und sie zu überwinden, grundlegende Veränderungen im Leben vorzunehmen, wird ein Überrest der Erinnerung an eine sterbende Kultur sein. Obwohl es nur geringe wissenschaftliche Belege dafür gibt, Psychotherapie in einen medizinischen Kontext zu stellen, könnte der Wunsch nach Akzeptanz durch die herrschende Kultur zu stark sein, um die Assimilation noch zu verhindern.“  Er sieht die Psychotherapie in einem aussichtslosen Rennen. Die Medizin, im Verbund mit der pharmazeutischen Industrie, werde den „warmen, flauschigen Teddybär Psychotherapie“ zerquetschen. 

Der Soziologe Nicolas Rose (2013) beobachtet, dass die Vorsilbe „Psy-“, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts für diejenigen Disziplinen benutzt wurde, die das Fachwissen über Menschen bereitstellten, in den letzten 50 Jahren durch die Vorsilbe „Neuro-“ ersetzt worden ist, wie in „Neuroedukation“, „Neuromarketing“, „Neuroethik“ oder „Neurotheologie".

Eine Kollegin, Dr. R., hat über ein "Mäusemodell der Panik" promoviert. Jetzt arbeitet sie an einer Studie zur Wirksamkeit von Konfrontation im Vergleich zur Konfrontation in Verbindung mit einem Antidepressivum. Man wolle dort sehen, welche, wie sie sagt, "Signifikanzen man noch rausdrücken" könne. Es findet sich aber kein signifikanter Unterschied. Dennoch wird das Projekt weiter finanziert. Die Studie soll wiederholt werden.

Dass den Betroffenen die regelmäßigen Kontakte zu einer im besten Falle zugewandten Arzthelferin sowie ein ausführlicheres Gespräch mit dem Arzt gut tun und dass dadurch das PARADIES mehr bewirkt als die reine Medikamentengabe, ist denkbar. Zudem wird die Vorstellung, ein „wissenschaftliches Programm“ zu durchlaufen, Heilungserwartungen wecken, die wiederum für ein Absinken der Symptomatik sorgen. Die Konfrontation tut das ihrige. Der Erfolg des Jenaer Paradieses wird messbar sein.

Die Vertreter der Klinischen Psychologie, die die Psychotherapie besser - damit meinen sie „wissenschaftlicher“ in einem ganz bestimmten Sinne, professioneller - machen wollen durch: Standardisierte Diagnostik, Manuale, Neuropsychotherapie. Wegweiser ins Paradies. Panik. Feuer!

Baskin, T.W., Tierney, S. C., Minami, T. & Wampold, B. E. (2003). Establishing Specificity in Psychotherapy: A Meta-Analysis of Structural Equivalence of Placebo Controls. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 71 (6), 973 - 979.

de Shazer, S. (2012).Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie. Heidelberg: Carl Auer.

Greenberg, G. (2010).Manufacturing Depression. London: Bloomsbury.

Grawe, K. (2005). (Wie) kann Psychotherapie durch empirische Validierung wirksamer werden? Psychotherapeutenjournal, 4 (1), 4–11.

Kleinman, A. (1989). The Illness Narratives. Suffering, Healing, and the Human Condition. New York: Basic Books.

Kopp, S. (1972).If You Meet the Buddha on the Road, Kill Him! The Pilgrimage of Psychotherapy Patients. Toronto: Bantam Books.

Kriz, J. (2013). Wirkfaktoren in der Psychotherapie - braucht man die? In: „Was bleiben will muss sich ändern“ 50 Jahre Bundesverband Katholischer Ehe-, Familien. und Lebensberaterinnen und Berater E.V. Schweinfurt: Bundesverband Katholischer Ehe-, Familien. und Lebensberaterinnen und Berater E.V.

Orr, J. (2000). History, Hysteria, and the New Science of Psychiatry. In: Fee, D. Pathology and the Postmodern. Mental Illness as Discourse and Experience. (S. 49 - 73) London: Sage.

Margraf, J. (2013).  „Psychologie ist ein sehr erfolgreiches Fach.“ Ein Interview von Martin Tschechne mit Jürgen Margraf. In: Psychologie Heute, 39, 74 - 81.

Retzer, A. (2007). „Angst ist eine Möglichkeit der Selbstbestimmung“. Interview von Ursula Nuber mit Arnold Retzer. In: Psychologie Heute, 33, 30 - 33.

Rose, N. & Abi-Rached, J. M. (2013).Neuro. The New Brain Sciences and the Management of the Mind. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Thiel, P., Hiller, T.S., Storch, M., Schneider, N., Petersen, J.J., Gensichen, J. (2012). Gemeinsam durch die Angst. Ein Übungsprogramm in Hausarztpraxen. In: Der Hausarzt, 49 (16), 52 - 55.

Wampold, B. E. (2001). The Great Psychotherapy Debate: Models, Methods, and Findings. Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum Associates, Publishers.


[1] Informationen zum Jenaer-Paradies-Projekt finden sich unter: http://www.allgemeinmedizin.uni-jena.de/content/forschung/angststoerung/index_ger.html


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