< vorheriger Artikel

Praxisnachfolge: Teure Eintrittskarten für Kassensitze*

Kritische Anmerkungen und ein Diskussionsaufruf zu den Bedingungen und Zahlungen bei einer Praxisübernahme


Die meisten Absolventen einer Ausbildung nach dem Psychotherapeutengesetz, wie sie auch die DGVT anbietet, standen oder stehen vor der Frage, was nun mit dieser Ausbildung beruflich zu machen ist. Ich selbst hatte schon zu Beginn der Ausbildung die Absicht, mich in eigener Praxis niederzulassen. Zunächst begann ich meine Berufstätigkeit ausbildungsbegleitend mit dem damals so genannten „Klinischen Jahr“, einer im Rahmen der Ausbildung erforderlichen einjährigen Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik, was in den meisten Fällen bedeutete, ein Jahr lang in einer psychiatrischen Klinik ohne Bezahlung zu arbeiten. Immerhin bot man mir nach neun Monaten eine halbe bezahlte Stelle an. In der Klinik arbeite ich noch heute, bin damit zufrieden, habe aber noch nicht den Traum von einer beruflichen Selbständigkeit in eigener Praxis aufgegeben.

Als ich meine Approbation als Psychologischer Psychotherapeut (PP) in den Händen hielt, das war im Sommer 2004, hoffte ich darauf, dass ich mein Vorhaben endlich verwirklichen könnte und bewarb mich auf einen von der KV (Kassenärztlichen Vereinigung) ausgeschriebenen Vertragstherapeutensitz. Was ich dann allerdings über die Vorgehensweise bei der Übertragung einer solchen Praxis auf einen Nachfolger erfuhr, überraschte mich sehr. Ich ging anfangs noch davon aus, dass die KV bzw. der Zulassungsausschuss als öffentlich-rechtliche Körperschaft nach objektiven Bedingungen einen solchen Sitz übertragen würde. Als Rechtsgrundlage, so recherchierte ich, ist der § 103 Abs. 4 des SGB V (5. Sozialgesetzbuch) von Bedeutung. Hierin wird bestimmt, dass eine Entscheidung über einen Praxisnachfolger nach folgenden Merkmalen zu erfolgen hat: Dauer des Wartelisteneintrags (einer bei der KV geführten Warteliste), Approbationsalter, bisherige psychotherapeutische Tätigkeitsdauer, berufliche Qualifikation. Dies betrifft allerdings nur den öffentlich-rechtlichen Teil einer Praxisweitergabe. Es gibt bei einer Weitergabe aber auch eine privatrechtliche Seite, die gegebenenfalls, so die Gesetzeslage und Rechtsprechung, auch vom Zulassungsausschuss zu berücksichtigen ist. Somit hat der Zulassungsausschuss erstaunlicherweise bei der Vergabe sowohl die Sicherung der Bedarfsplanung als auch die wirtschaftlichen Interessen des bisherigen Praxisinhabers und sogar seiner Erben zu berücksichtigen, zumindest bis zum so genannten Verkehrswert.

Seit Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes ist es inzwischen dazu gekommen, dass nahezu alle Gebiete Deutschlands als überversorgt eingestuft werden und dort daher keine weiteren Neuniederlassungen mehr möglich sind. Niederlassungen von PP sind nur noch möglich, wenn ein bereits niedergelassener PP seine Praxis abgibt. Es hat sich dabei leider herausgebildet, dass die Abgebenden von den Nachfolgern immer höhere Geldbeträge für die Praxisübernahme erhalten. Bei solchen Praxisabgaben bewerben sich meist viele Interessenten auf einen Vertragssitz. Aufgrund der starken Nachfrage kam es in den vergangenen zwei Jahren zu einem enormen Preisanstieg bis auf oftmals 50 000 Euro und mehr. Dabei werden die Praxisabgebenden gegenüber den Interessenten von vielen KVen in eine starke Verhandlungsposition gestellt, da sie eine Bewerberliste erhalten und somit mit den einzelnen Bewerbern der Reihe nach über den Verkaufspreis verhandeln und demjenigen, der am meisten zahlt, dann den Zuschlag geben können. Dies gilt zumindest dann, wenn der Wunschkandidat auch vom Zulassungsausschuss zugelassen wird und in der Verhandlung vor dem Zulassungsausschuss niemand den Kaufpreis als überhöht gegenüber dem in § 103 Abs. 4 SGB V genannten Verkehrswert rügt. Formal begründet werden diese Preise dann mit dem so genannten Goodwill (ein Wert, der durch die persönliche Arbeits- und Kommunikationsleistung des Praxisinhabers im Laufe der Jahre geprägt wurde). Viele KVen unterstützen dieses Vorgehen. Bei der KV-NO in Köln ging dies sogar soweit, dass eine Kinder-/Jugendlichen­psychotherapeutin vom Zulassungsausschuss auf einen Vertragssitz eines PP zur Behandlung von Erwachsenen zugelassen wurde, nachdem sie sich mit dem Abgebenden preislich geeinigt hatte. Diese drastische Fehlentscheidung des Zulassungsausschusses wurde jedoch vom Berufungsausschuss aufgehoben. Einige andere KVen geben den objektiveren Kriterien des § 103 Abs. 4 SGB V mehr Gewicht. Sie erwarten, dass sich der Abgebende entweder mit dem nach dieser Rechtsgrundlage ausgewählten Nachfolger einigt oder sein Ansinnen der Praxisabgabe wieder zurückzieht. Doch selbst diese Vorgehensweise verändert nicht grundsätzlich die Schieflage, die seit Schließung von Zulassungsbereichen eingetreten ist.

Im Folgenden möchte ich begründen, warum ich Geldzahlungen durch Nachfolger an Praxis­abgeber im Rahmen der psychotherapeutischen Versorgung der Gesetzlichen Krankenversicherung für unangemessen halte:

Die beschriebene Vorgehensweise wurde von Arztpraxen „abgeschaut“. Dort wird ein Patientenstamm übergeben, und es sind oftmals Geräte vorhanden, die übernommen werden, was beides bei Psychotherapeuten nicht der Fall ist. Wenn ein Psychotherapeut seine Praxis aufgibt, hat er in der Regel die laufenden Psychotherapien zu Ende geführt. Im Gegensatz zu Arztpraxen ist dies problemlos möglich (keine Personalkosten, geringere laufende Praxiskosten). Es wäre therapeutisch wenig sinnvoll, eine Therapie mit 10 Sitzungen zu beginnen und den Klienten an den nachfolgenden Therapeuten weiterzugeben.

Nach abgeschlossener Psychotherapie gibt es eine zweijährige Wartefrist, sodass Klienten nicht „laufend“ in Behandlung kommen, wie dies bei Ärzten der Fall ist. Jede einzelne Psychotherapie muss beantragt und bewilligt werden. Erst durch diese individuelle Bewilligung wird aus dem Nachfrager ein „Patient“. Es ist tatsächlich also kein Patientenstamm vorhanden, der weitergegeben werden könnte.

Durch die KV, als öffentlich-rechtliche Körperschaft, wird die Anzahl der zugelassenen Psychotherapeuten begrenzt. Diese künstliche Begrenzung führt (marktgemäß) zu den hohen Preisen bei der Übernahme einer Psychologisch Psychotherapeutischen Praxis und nicht der so genannte „Goodwill“ des abgebenden Therapeuten oder irgendeine andere besondere Leistung. Es gibt keinen geldwerten Verdienst eines Vorgängers, den der Nachfolger kaufen und somit für sich nutzen kann. Auch das Argument, es gebe Zuweiser (Ärzte, Kliniken, Beratungsstellen etc.) für eine Psychotherapeutische Praxis, ist nicht stichhaltig, da aufgrund der sehr begrenzten Niederlassungsmöglichkeiten die Patienten meist mehrere Wochen oder mehrere Monate, auf eine ambulante Psychotherapie warten müssen. Auf besondere ärztliche Zuweisung ist man damit und durch die verschiedenen Therapeutensuchportale sowie Branchenanzeiger nicht angewiesen. Darüber hinaus ist es meines Wissens rechtlich nicht zulässig, dass Ärzte oder Kliniken Patienten an bestimmte Psychotherapeuten verweisen. Wer sich in einem gesperrten Versorgungsbezirk niederlässt, kann sich selbst seine berufliche Existenz aufbauen und wird in wenigen Monaten eine gute Praxisauslastung erreichen, ohne auf Leistungen seines Vorgängers zurückzugreifen. Dass eine volle Praxisauslastung ohne „gekauften Goodwill“ und ohne „Praxiskauf“ erreichbar ist, zeigen beispielsweise die Erfahrungen der Kollegen, die sich in NRW bis vor ca. 2 Jahren noch in offenen Bezirken niederlassen konnten.

Die meisten der Psychotherapeuten, die jetzt ihre Praxis abgeben, haben nicht eine so umfangreiche Ausbildung wie ihre Nachfolger finanzieren müssen, um als Psychotherapeut in der ambulanten Versorgung überhaupt tätig werden zu können. Zudem haben sie nichts für ihre Niederlassung bezahlen müssen, da sie sich aufgrund von Übergangsbestimmungen frei niederlassen konnten. Zusätzlich zu den Kosten für die Therapieausbildung mussten viele Nachfolger unentgeltlich oder untertariflich ein „Klinisches Jahr“, jetzt „Psychologe im Praktikum“, absolvieren.
Oftmals wird auch mit einer Altersabsicherung des Vorgängers argumentiert. Es ist  aber nicht nachvollziehbar, warum gerade der Nachfolger seinem Vorgänger eine Art Altersrente finanzieren sollte, denn der privatrechtliche Kauf einer Praxis wird ja mit dem Erwerb konkreter bestimmter Leistungen und Werte (Goodwill) begründet. Hier würde der Erwerber jedoch keinen (benennbaren) Gegenwert erhalten. Zudem ist in den Gebührensätzen für psychotherapeutische Leistungen die Altersabsicherung des Leistungserbringers bereits eingerechnet. Mangelnde private Vorsorge in Zeiten vor der Gründung von Versorgungswerken sind nicht dem Nachfolger anzulasten.

Derzeit arbeite ich noch in der Psychiatrischen Klinik, wo ich bereits mein „Klinisches Jahr“ absolvierte. Wenn ich nun gezwungen bin, für einen Vertragssitz 50 000 Euro an den Vorgänger zu bezahlen, dann müsste mir doch zustehen, dass mein Nachfolger an meinem bisherigen Arbeitsplatz mir ebenfalls einen solchen Betrag zahlt. Immerhin leistete ich an meinem Arbeitsplatz über mehrere Jahre gute Arbeit (Goodwill). Wieso sollte das im Gegensatz zu guter ambulanter therapeutischer Arbeit unberücksichtigt bleiben? Wenn ich von meinem Arbeitgeber erwarten würde, dass er mir meine potentiellen Nachfolger nennt, damit ich mich mit diesen über meinen „Ablösewert“ unterhalten würde und erst bei entsprechender Zahlung tatsächlich meine Stelle freigeben würde, hätten mein Arbeitgeber und auch Gewerkschaften dafür gewiss nur wenig Verständnis - anders die öffentlich-rechtliche Körperschaft KV bzw. der Zulassungsausschuss.
Grundsätzlich geht es um eine Klärung bzw. Änderung der gegenwärtigen Rechtslage durch den Gesetzgeber und ein anderes Vorgehen der Zulassungsausschüsse (unter Ausschluss des Praxisabgebers).

Kurzfristig ließe sich die Schieflage aber auch dadurch eingrenzen, dass die Interessenten für einen Kassensitz nicht mehr bereit sind, überhöhte Preise zu bezahlen. Man müsste sich vor dem Zulassungsausschuss der KV und der Krankenkassen auf die Wertungskriterien des § 103 Abs. 4 SGB V (berufliche Eignung, Approbationsalter, Dauer der ärztlichen Tätigkeit) berufen. Auch für den Fall, dass der Interessent vom Zulassungs- und Berufungsausschuss abgewiesen wird, würde durch dieses Vorgehen die bisherige Handhabung der Praxisübertragung erheblich erschwert und die Verantwortlichen in Politik und im KV-System wären genötigt, endlich ein faires Verfahren zu entwickeln. „Schlimmstenfalls“ würde eine Praxis „erlöschen“, das heißt, für eine Praxis gibt es keinen Nachfolger und der Vorgänger kann sie auch nicht mehr weiterführen.

Derzeit gibt es ca. 15.000 Psychologische und Kinder-/Jugendlichenpsychotherapeuten im KV-System. Wird die aktuelle Vorgehensweise fortgeführt, dann werden auf die berufliche Nachfolgegeneration Kosten für Praxiskäufe in Höhe von 100 bis 500 Millionen Euro zukommen. Diese „Eintrittspreise“ in das KV-System sind nicht hinnehmbar.


Zurück