< vorheriger Artikel

Bachelor oder Master als Eingangsvoraussetzung für die Psychotherapie-Ausbildung? Erste Beschlüsse

Von: Michael Borg-Laufs

Die Neuordnung aller Studiengänge in Deutschland (vom Diplom zum Bachelor/Master) im Rahmen des so genannten „Bologna-Prozesses“ wirft – wie in der VPP und der „Rosa Beilage“ schon mehrfach beschrieben (vgl. auch die Homepage der DGVT) – unweigerlich die Frage auf, ob die Psychotherapieausbildung zukünftig nur von AbsolventInnen eines Masterstudienganges (MA) aufgenommen werden kann, oder ob auch ein Bachelor-Abschluss (BA) schon als Eingangsvoraussetzung für die Psychotherapieausbildung hinreichend sein kann.


Diese Frage stellt sich, da im Psychotherapeutengesetz lediglich eine „Abschlussprüfung“ (vgl. § 5 PsychThG) in den relevanten Studiengängen (Psychologie, Pädagogik, Sozialpädagogik) als Eingangsvoraussetzung genannt wird, ohne diesen Abschluss genauer zu spezifizieren. Zum Zeitpunkt der Formulierung des Gesetzestextes waren die „neuen“ Abschlüsse (Bachelor/Master) noch nicht absehbar. 
Im Laufe der Diskussionen zu diesem Thema haben alle wichtigen Psychotherapeutenverbände und die Psychotherapeutenkammern – aus teilweise unterschiedlichen Gründen – schließlich eindeutig den Master-Abschluss als Eingangsvoraussetzung sowohl für die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten (PP) als auch zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) favorisiert. Als Gründe werden in erster Linie die hohen inhaltlichen Ansprüche der Psychotherapieausbildung und der späteren Arbeit als PsychotherapeutInnen genannt. Neben manchen anderen Gründen dürfte allerdings auch die inzwischen weitgehend erreichte Gleichstellung von PP und KJP mit Fachärzten eine Rolle gespielt haben, die man gefährdet sieht, wenn der Bachelor das Zugangskriterium darstellt (vgl. Alpers & Vogel, 2005, Borg-Laufs & Vogel, 2005).
Inzwischen gibt es von Seiten der relevanten Gremien und Institutionen der Bundesländer bzw. des Bundes erste Beschlüsse und Verlautbarungen zu dieser Frage, die leider nicht einheitlich sind.

  • Die Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG), das bundesweite Gremium zur Koordination und Abstimmung der auf Länderebene für die Ausbildung und Approbation zuständigen Behörden, hat auf ihrer Sitzung am 6./7.4.2006 in Magdeburg beschlossen, dass der Master-Abschluss als Zugangsqualifikation sowohl für die Ausbildung zur KJP als auch zur PP angesehen wird. Die Notwendigkeit einer Änderung des Psychotherapeutengesetzes wird von der AOLG nicht gesehen. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) wird gebeten, dies in einem Schreiben an die Landesbehörden klar zu stellen. Ergänzend sieht die AOLG langfristig die Option, dass bei Akkreditierungsverfahren von Studiengängen zukünftig geprüft werden könnte, ob diese Studiengänge als Eingangsvoraussetzung für die Aufnahme einer Psychotherapieausbildung gelten können und dass die diesbezügliche Eignung von den Berufsvertretern (sprich: den Kammern) geprüft werden könnte.
  • Völlig anders ist die Sichtweise der Kultusministerkonferenz (KMK). Von dort wird argumentiert, dass es schon immer unterschiedliche Eingangsvoraussetzungen gegeben hätte, nämlich ein FH-Diplom für die SozialpädagogInnen und ein Universitäts-Diplom für die PsychologInnen und PädagogInnen. Die neuen Studienabschlüsse setzen aus Sicht der KMK diese Struktur fort, indem ein BA-Abschluss dem FH-Diplom gleichzustellen sei und ein MA-Abschluss dem Universitätsdiplom. Demnach hätten zukünftig SozialpädagogInnen mit einem Bachelorabschluss die Möglichkeit, eine KJP-Ausbildung zu beginnen, während PsychologInnen einen Masterabschluss benötigen würden.
  • Gespräche mit den zuständigen Stellen im Bundesgesundheitsministerium (BMG) ergaben, dass dort keinerlei Änderungsbedarf beim Psychotherapeutengesetz gesehen wird. Es wird vielmehr die Position der KMK geteilt. FH-Diplome sind dem BA-Abschluss gleichzusetzen, Universitäts-Diplome dem Master. Dementsprechend sollen die Landesbehörden instruiert werden. Wenn FH-AbsolventInnen zukünftig einen Master-Abschluss als Eingangsvoraussetzung für die KP-Ausbildung haben müssten, so wäre dies eine Verschärfung für die Betroffenen, die inhaltlich zu begründen sei. Inhaltliche Gründe ließen sich – so Aussagen aus dem BMG – aber nicht finden, z.B. würden die FH-AbsolventInnen bei den Psychotherapeutenprüfungen nicht wesentlich schlechter abschneiden als die UniversitätsabsolventInnen. Somit sei eine Verschärfung der Bedingungen nicht begründbar. Eine generelle Vereinfachung des Zuganges zur Psychotherapieausbildung (BA auch bei PsychologInnen ausreichend) hingegen passt eher zur Logik der Argumentation aus dem BMG, wird allerdings zur Zeit (!) von dieser Seite nicht angestrebt.

Die Position der KMK und des BMG ist zwar formal nachvollziehbar, würde aber inhaltlich-fachlich zu absurden Ungleichbehandlungen der Ausbildungswilligen mit verschiedenen Grundberufen führen und auch mögliche weitere negative berufspolitische Konsequenzen nach sich ziehen. So würden KJP als weniger qualifiziert gelten können, da sie ja „nur“ einen Bachelor-Abschluss vorweisen müssen. Damit wäre ihre Gleichbehandlung mit anderen Heilberufen (Ärzte, PP) fraglich. Auch inhaltlich ist angesichts der Komplexität gerade der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen ein solcher Qualifikationsunterschied völlig abwegig.
Es scheint, dass die neuen Studienstrukturen einfach ignoriert werden sollen. Der Schwerpunkt allen Strebens liegt offensichtlich darauf, alles so weitermachen zu können wie bisher, auch wenn die Rahmenbedingungen sich völlig ändern. Heute ist es so, dass BA-Abschlüsse an Fachhochschulen den BA-Abschlüssen an Universitäten formal gleichgestellt sind, ebenso verhält es sich mit den MA-Abschlüssen beider Hochschultypen. Vor diesem Hintergrund ist die KMK/BMG-Haltung völlig unverständlich. Auch war der Unterschied in der Ausbildungsdauer bei den unterschiedlichen Abschlüssen zum Zeitpunkt der Abfassung des Psychotherapeutengesetzes durchaus überschaubar (Regelstudienzeit für ein Diplom in Sozialpädagogik 7 Semester, für ein Diplom in Psychologie 8 Semester), während heute davon auszugehen ist, dass MA-AbsolventInnen 4 Semester länger studiert haben als BA-AbsolventInnen.
Für die DGVT und die anderen Verbände sowie für die Kammern bleibt das Thema also auf der Tagesordnung. Neben den Verbänden und Kammern wird auch die AZA-KJP (Arbeitsgemeinschaft Zugang zur Ausbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie), ein Zusammenschluss verschiedener Verbände und Hochschulvertreter, in der auch die DGVT aktiv mitwirkt, weiterhin das Gespräch mit den beteiligten Institutionen suchen.


Zurück