< vorheriger Artikel

Arbeitsschutzgesetz: DGVT schließt sich Forderung nach Anti-Stress-Politik für bessere Arbeitsbedingungen an

Milliardenkosten durch psychische Belastungen am Arbeitsplatz


(kb). Mit dem Gesetz zur Neuorganisation der bundesunmittelbaren Unfallkassen (BUK-NOG) ist seit September 2013 eine Verbesserung des Arbeitsschutzgesetzes beschlossen worden. Arbeitgeber sind künftig auch zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz verpflichtet. Dieser wichtige Schritt, den Arbeitsschutz in Deutschland zu verbessern, ist sicherlich auch auf das Engagement unseres Berufsstands zurückzuführen, stetig darauf hinzuweisen, dass die psychischen Belastungen von Arbeitnehmern in Deutschland zu gravierenden Folgen führen – nicht nur für den Einzelnen und den jeweiligen Betrieb.

Die Delegierten der DGVT hatten bereits beim 21. Deutschen Psychotherapeutentag 2012 eine entsprechende Resolution eingebracht und gefordert, dass das Arbeitsschutzgesetz auch psychische Belastungen am Arbeitsplatz erfassen muss. Im Nachgang zu dieser verabschiedeten Resolution hatte die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) verstärkt die Aufmerksamkeit der Politik auf dieses Thema gelenkt.

Psychische Erkrankungen sind inzwischen eine der häufigsten Ursachen für den erzwungenen Ausstieg aus dem Job. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB)[1] appelliert deshalb an die Bundesregierung, gesetzlich gegen zunehmenden Stress am Arbeitsplatz vorzugehen. Arbeitsstress verursacht jährliche Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe. Nur bei neun Prozent der Beschäftigten berücksichtigt der Arbeitsplatz-Check (sog. Gefährdungsbeurteilungen, die nach dem Arbeitsschutzgesetz vorgeschrieben sind) solche psychischen Belastungen. Nach Angaben des DGB setzen 70 % der Unternehmen die nach dem Arbeitsschutzgesetz verpflichtende Gefährdungsbeurteilung im Hinblick auf psychische Belastungen nicht richtig um.

Arbeitnehmer in Deutschland leiden nachweisbar unter einem steigendem Druck bei der Arbeit. Nach dem „DGB-Index Gute Arbeit“ (Heft „Arbeitshetze – Arbeitsintensivierung – Entgrenzung. So beurteilen die Beschäftigten die Lage – Ergebnisse der Repräsentativumfrage 2011) müssen fast zwei Drittel der Beschäftigten immer mehr in der gleichen Zeit leisten, mehr als die Hälfte arbeitet gehetzt und mehr als ein Viertel muss permanent erreichbar sein.

Der Anstieg bei den jährlichen Krankheitstagen wegen psychischer Erkrankungen um mehr als 80 % auf 59 Millionen in den letzten 15 Jahren zeigt das dramatische Ausmaß. Allein durch das Burn-Out-Syndrom sind die Fehltage in den letzten acht Jahren um das 18-fache gestiegen.

Auch die BPtK hat aktuelle Zahlen veröffentlicht (Homepage der BPtK vom Januar 2014): Fast die Hälfte der neuen Erwerbsminderungsrenten (42 %) geht auf psychische Belastungen zurück. Innerhalb von zehn Jahren stieg die Zahl der Frühverrentungen wegen psychischer Erkrankungen von rund 25.000 auf 75.000 im Jahr 2012. Die Betroffenen sind durchschnittlich erst 49 Jahre alt. Dabei ist jeder fünfte Neuzugang in die Rente bedingt  durch Erwerbsminderung.

Psychische Erkrankungen sind seit mehr als zehn Jahren auch die Hauptursache für gesundheitsbedingte Frührenten – mit großem Abstand vor körperlichen Erkrankungen. Eine Erwerbsminderungsrente beträgt durchschnittlich rund 600 Euro. Der DGB weist darauf hin, dass die volle Erwerbsminderungsrente im Schnitt nur noch 646 Euro beträgt und damit unter Grundsicherungsniveau liegt. Eine deutliche Aufwertung der Erwerbsminderungsrente sei deshalb ebenso notwendig wie eine Humanisierung der Arbeit, um gesundheitliche Beeinträchtigungen der Beschäftigten und Erwerbsminderung zu vermeiden.

Die DGVT schließt sich der Forderung des DGB an, dass sich die Bundesregierung für eine noch weitergehende Anti-Stress-Politik einsetzen muss. Im September 2013 haben das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der DGB eine Gemeinsame Erklärung Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt unterzeichnet, die ein gemeinsames Grundverständnis und Handlungsansätze formuliert. In den nächsten Monaten wird darüber diskutiert werden, welche Maßnahmen im Alltag der Unternehmen geeignet sind. Die DGVT wird sich an dieser Diskussion beteiligen, Modelle zu entwickeln, die dann flächendeckend zu implementieren wären.


[1] DGB-Newsletter „Sozialpolitik Aktuell“; Ausgabe Januar 2014.


Zurück