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„Bruchstellen – Chancen und Risiken in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“

7. Wissenschaftliche Fachtagung des BKJ, Frankfurt, 14.-16. März 2014


Das Thema dieser Fachtagung zum 20. Gründungstag des Berufsverbandes der Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (BKJ) war gut gewählt, da es ganz unterschiedliche Aspekte in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aufgriff, die eine bedeutsame und gänzlich unterschiedliche Rolle spielen können. Von daher war ich nach dem ersten Lesen des Programms sehr gespannt auf diese Tagung.

Ich werde ausschließlich auf die Vorträge (jeweils zwei an der Zahl) eingehen, die vormittags gehalten wurden, da es mir natürlich nur möglich war an einem der verschiedenen Workshops am Nachmittag teilnehmen zu können.

Der erste Vortrag trug den Titel: „Ambivalenzen psychischer Modernisierung“ (Martin Dornes). Unter diesem Titel konnte ich mir zunächst nichts vorstelle, aber er beschäftigte sich mit der Demokratisierung der Erziehung und der Frage, ob dadurch eine Überforderung und damit eine Schädigung der Kinder und Jugendlichen stattfindet. Der Referent verneinte diese Frage mit dem Hinweis darauf, dass die meisten Menschen den Herausforderungen durch die „Demokratisierung“ gewachsen zu sein scheinen die Demokratisierung der Erziehung per se, wie manchmal in Beiträgen geschildert, nichts pathologisierendes darstellt.

Den zweiten Vortrag unter dem Titel „Trauma, Brüche und Übergänge bei Kindern und Jugendlichen konstruktiv wenden“ (Silke Birgitta Gahleitner) hatte ich bereits im Vorfeld mit großem Interesse erwartet. Ich wurde nicht enttäuscht, denn ihr Vortrag hatte zum Ziel von der pathologisierenden Sichtweise wegzukommen, da diese die Bewältigung von Traumata erschwert. Frau Gahleitner war es wichtig herauszuarbeiten, dass in Diagnostik und Behandlung auch extratherapeutische Faktoren Berücksichtigung finden sollten, die den Kindern, selbst nach schweren Traumata, neue Wege und Möglichkeiten eröffnen können. Sie plädiert also für Störungs- und Ressourcenorientierung statt reiner Störungsorientierung.

Beim Vortrag „Umgestaltung der Adoleszenz - generationale Dynamik und psychische Entwicklung (Vera King) ging es um die Frage, welche Bedeutung den Generationenbeziehungen bei der Herausbildung von Identität zukommt. Häufig werden auch die Entwicklungsaufgaben nur als Anforderung an die Erwachsenen diskutiert, sie sind aber eben nicht individuelle Herausforderungen sondern intergenerationale Prozesse, bei denen immer auch der gegenwärtige soziale Wandel eine bedeutsame Rolle spielt. King zeigte dies daran, dass sich Eltern heute oftmals in ihrem Verhalten auf der gleichen Ebene bewegen, wie ihre adoleszenten Kinder, vergleichbare Mode tragen oder auch in die gleichen Diskotheken gehen. Dies bedeutet eine große Herausforderung für die Jugendlichen in der Entwicklung ihrer eigenen Identität, die ihnen die Abgrenzung von den Eltern damit erschwert.

Der darauf folgende Vortrag befasste sich mit einem Forschungsprojekt, dass „Erziehungsziele und Geschlechterrolle in unterschiedlichen Familientypen -  Schwerpunkt Türkei-stämmige MigrantInnen“ (Ahmet Toprak), zum Thema hatte. Der Referent zeigte anhand seiner Daten, dass die Familienstrukturen von Türkei-stämmigen Familien in keinster Weise homogen oder gar einheitlich strukturiert sind. Toprak stellte Einstellungen und Haltungen von Vertretern verschiedener Familientypen (vier) der ersten, zweiten und dritten Generation Türkei-stämmiger Familien vor und zeigte, dass es dabei sehr gravierende Unterschiede gibt. Ziel war es, Vorurteile abzubauen aber auch zu verhindern, dass ein „falscher“ kultureller Blick die Behandlung erschwert oder gar unmöglich macht. Sein Credo war, auch bei Menschen aus anderen Kulturen zunächst das Individuum zu sehen und nicht als Erstes kulturelle Aspekte wahrzunehmen, die häufig so gar nicht vorhanden sind.

Ein wichtiges Thema im Zusammenhang mit der Jugendhilfe war „Abbrüche in der Heimerziehung und deren persönliche und gesellschaftliche Folgen“ (Marc Schmid). Die Frage, was die Auswirkungen von Abbrüchen bei Fremdunterbringung sind, wird sicherlich viel zu selten gestellt, obwohl dies möglicherweise gravierende Folgen für die Kinder und Jugendlichen hat, die ja bereits Beziehungsabbrüche zu ihren primären Bezugspersonen hinter sich haben. Diskutiert wurde, ob und wie durch Kooperation von Kinder- und Jugendlichenpsychiatrien sowie der Kinder-/Jugendpsychotherapeuten  und Jugendhilfe mehr Kontinuität in der Beziehung im Sinne der Jugendlichen geschaffen werden kann. Hier in erster Linie wenn es um traumatisierende Erfahrungen geht.

Der Vortrag „Brüche im Leben…Chance in der Psychotherapie“ (Michael Borg-Laufs) schlug in die gleiche Kerbe, wie S. Gahleitner. Hier stand ebenfalls das Thema Ressourcen im Mittelpunkt. Auch wenn Brüche schmerzhaft sind, machen sie Veränderung erst möglich. Ähnlich wie Fehler erst Entwicklungschancen mit sich bringen. Wichtig ist dabei jedoch, dass der Umgang mit Trennungen und den damit verbundenen Gefühlen gelernt wird.

Insgesamt war es eine inhaltlich gute Tagung, die zeigt, dass die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutische Behandlung anders, vor allem umfangreicher ist als die Erwachsenentherapie.

Unschön war allein, dass einige der ReferentInnen in ihren Vorträgen dem Anspruch des BKJ, integrativ zu sein, nicht gerecht wurden, sondern immer wieder subtil versucht haben zu belegen, dass es „bessere“ bzw. „schlechtere“ Therapieverfahren gebe. Dieses Denken sollte eigentlich der Vergangenheit angehören.

Rudi Merod, Bad Tölz


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