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Fünf Landeskammern legen Studie zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland vor


Die Psychotherapeutenkammern Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Hessen führten im Jahr 2012 eine Studie zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung durch. Das Ziel der Studie, die gerade von den beteiligten wissenschaftlichen Referenten Nübling, Jeschke, Ochs und Schmidt veröffentlicht wurde, bestand darin, einen möglichst umfangreichen Überblick über die aktuelle ambulante psychotherapeutische Versorgung zu erhalten. Dazu entwickelten die Autoren einen 2-seitigen Kurzfragebogen mit insgesamt ca. 60 Fragen. Dieser wurde dann zusammen mit einem Infoschreiben an die Mitglieder der fünf Landeskammern versandt (zum Teil postalisch und zum Teil via Email).

Es nahmen insgesamt 2.365 Mitglieder teil. Davon waren 2.328 Fragebögen vollständig ausgefüllt. Das durchschnittliche Alter der Antwortenden betrug 53,0 Jahre. Es nahmen 69% Frauen und 31% Männer teil. Von den Teilnehmern waren 73,0% Psychologische PsychotherapeutInnen, 16,1% Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen, 10,6% hatten eine doppelte Approbation und 0,3% machten keine Angabe. Der Großteil der Befragten besaß einen vollen KV-Sitz (65,6%) und wenige (9,0%) einen halben. Von den 25,4% ohne KV-Zulassung arbeiteten die meisten in einer „freien“ Praxis (18,9% der Gesamtstichprobe).

Die PsychotherapeutInnen wurden auch zu den von ihnen praktizierten Therapieverfahren befragt. Mehrfachnennungen waren möglich. Bei den PsychotherapeutInnen mit KV-Zulassung rechnen jeweils ca. 50% Verhaltenstherapie (VT) oder tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) und ca. 25% analytische Psychotherapie (AP) ab. PsychotherapeutInnen, die in „freier“ Praxis tätig sind, wurden befragt, welches Verfahren bei Ihnen zur Approbation geführt hatte. Von ihnen arbeitet weit über die Hälfte verhaltenstherapeutisch, ein knappes Drittel tiefenpsychologisch fundiert und unter 10% analytisch. Darüber hinaus gaben knapp 20% an, ein weiteres Verfahren außerhalb der Richtlinienpsychologie zu verwenden.

Bei der Erfassung der Arbeitszeiten handelt es sich um eine konservative Schätzung, da bei Mitgliedern mit fehlenden Angaben die Arbeitszeit auf null gesetzt wurde. Die Gesamtstichprobe hatte eine Jahresarbeitszeit von 42,7 Wochen (sd=5,2) und eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 35 Stunden (sd=13,6). Auffällig war hierbei, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei männlichen Psychotherapeuten ca. 44 Stunden, bei weiblichen Psychotherapeuten aber nur ca. 36 Stunden betrug. Dabei ergab sich der Unterschied durch die Differenz in der Zeit, die direkt mit den PatientInnen verbracht wurde. Die aufgewendete Zeit für Verwaltungsaufgaben betrug sowohl bei den männlichen als auch den weiblichen Psychotherapeuten knapp zehn Stunden die Woche. Bezüglich der durchschnittlichen Behandlungsdauer ergaben sich große Unterschiede zwischen den einzelnen Richtlinienverfahren (Gesamt: 70,3; VT: 41,9; AP:139,0; TP: 61,7). Interessant ist die Datenlage auch hinsichtlich der Ausfallstunden. Es werden monatlich 6,3 Therapiestunden kurzfristig abgesagt, wovon 4,5 Stunden nicht an andere PatientInnen vergeben werden können. In diesem Zusammenhang stellten die Autoren die Überlegung an, ob ein Teil dieser Stundenausfälle gemindert werden könnten, indem man zum Beispiel kurzfristig eine Akutsprechstunde anbietet.

Die Studie erfasste ebenfalls ob „besondere“ Patientengruppen, also zum Beispiel PatientInnen mit Borderline-Persönlichkeits-störung, PatientInnen aus „niedrigeren“ Bildungsschichten oder ältere PatientInnen behandelt werden. Hierbei ergaben sich in allen Gruppen hoch signifikante Unterschiede. In der Regel ist der Anteil der den PsychotherapeutInnen, die „besondere“ PatientInnen behandeln unter den KV-zugelassenen PsychotherapeutInnen deutlich höher als bei ihren KollegInnen in „freien“ Praxen. So haben zum Beispiel fast doppelt so viele KV-PsychotherapeutInnen PatientInnen mit einer Psychose wie ihre KollegInnen mit einer  „freien“ Praxis (41 versus 26%). Ähnliche Ergebnisse zeigten sich auch bei PatientInnen mit niedriger Bildung (78 versus 46%) und bei Borderline-PatientInnen (79 versus 54%).

Die durchschnittliche Wartezeit bei einer Psychotherapeutin bzw. einem Psychotherapeuten mit KV-Zulassung lag bei 8,1 Wochen (sd=9,7) für ein Erstgespräch und bei 17,3 Wochen (sd=13,7) für einen Therapieplatz. Die Wartezeiten bei den PsychotherapeutInnen in „freien“ Praxen sind wesentlich kürzer. Die durchschnittliche Wartezeit auf ein Erstgespräch lag hier bei 3,5 Wochen (sd=5,7) und bei 7,6 Wochen (sd=11,5) für einen Therapieplatz.

Da es in letzter Zeit häufig nur zu einer Genehmigung eines Teilkontingents der beantragten Stunden kam, wurde dies auch im Rahmen der Studie erfasst. Die Hälfte der antwortenden KV-zugelassenen Psychotherapeuten hatte dies in jüngster Vergangenheit häufiger erlebt. Nach Angaben der Befragten vervierfachte sich die Häufigkeit nahezu im Vergleicht zu vor zwei Jahren.

Insgesamt war es im Rahmen der Erhebung möglich, umfangreiche Daten zur aktuellen ambulanten psychotherapeutischen Versorgung zu gewinnen. Kritisch ist allerdings die geringe Rücklaufquote (40-50% bei der postalischen Befragung, ca.10% bei der elektronischen), da spezifische Selektion nicht ausgeschlossen werden kann. Des Weiteren ist die Repräsentativität der Daten für die gesamte Bundesrepublik in Frage zu stellen, da nur westdeutsche Bundesländer bei der Befragung beteiligt waren und in den nicht erfassten ostdeutschen Bundesländern die Versorgungssituation im Durchschnitt schlechter ist. Zukünftige Studien sollten daher möglichst alle Bundesländer erfassen.

Anna Millek


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