< vorheriger Artikel

BMC-Experten-Forum: Neue Versorgungs- und Anreizstrukturen für ambulante Psychotherapie?


Unter diesem Titel fand das Expertenforum der AG Neue Versorgungsformen des Bundesverbandes Managed Care e. V. (BMC; www.bmcev.de) statt, das ich am 12. März im Langenbeck-Virchow-Haus der Charité in Berlin besuchte. Durch die gut besuchte (N=85, ¼ PP/KJP) Veranstaltung führte sehr routiniert Ralph Lägel, MBA, ein Direktor von der Pfizer Pharma GmbH und Mitglied im Vorstand der dt. Gesellschaft für Psychoedukation. Ziel war, die fachliche wie politische Diskussion zu den anstehenden Änderungen zwischen Playern und Payern der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung voranzubringen.

Zuerst referierte Dieter Best aus Sicht der DPTV über diesen Reformbedarf anhand von vier Problemfeldern:  Ausbildung (zu lang, unterfinanziert), Befugnisse (fehlen), Vergütung (Stunden-Brutto: Psychotherapeuten 36 €, Ärzte 60 €; lt. ZIPP in 2010) sowie eben Versorgungsstruktur. Trotz fehlender Anreize für Frühabklärung, Akutversorgung, Gruppentherapie sowie Rezidivprophylaxe funktioniere unsere Versorgung soweit ganz gut. Es werde z. B. nachweisbar das volle Diagnosespektrum behandelt, die Kontingente nicht voll ausgereizt (VT: M Kurzzeittherapie = 20 h Langzeittherapie = 39 h; s. DÄ-PP Mrz. 2014) und bei komplexen Fällen oft Case-Management ohne Honorierung gemacht. Letztlich sinke auch die Zahl der Arztkontakte ab Psychotherapie-Beginn kontinuierlich wieder auf das Niveau vor der Erkrankung (s. Hr. Schlenkers Barmer-GEK Studie).

Bei der steigenden Nachfrage (Indikatoren: Wartezeiten, 45 Mio. €. / J. im Erstattungsverfahren) und den seit 1990 fachlich fortgeschrittenen Möglichkeiten wäre eine Differenzierung unseres im Kern durchaus guten Angebots weiterführend. Dieter Best präsentierte hierzu sein Modell (s. Heiner Vogels Beitrag in der letzten VPP / rosa Beilage). Dieses kombiniert mit Sprechstunden, früher diagnostischer Abklärung, Akutversorgung / Psychoedukations-Gruppen und Probatorik flexibel mehrere Einstiege in die Richtlinienpsychotherapie, die dann weiter via Gutachterverfahren laufen könne. In der Summe würden die jetzigen Sitzungskontingente bestehen bleiben. Nur die von ihm auch vorgeschlagene Erhaltungstherapie (nur nach Gutachterverfahren) könnte dann noch hinzukommen. Mit diesem Paket könne man die Wartezeiten verkürzen und dem nach Störungen unterschiedlichen Bedarfen gerecht werden. Mittlerweile wolle auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) dieses Modell als ihren Reformvorschlag übernehmen. Nach den noch nötigen internen Abstimmungen mit den psychosomatischen und psychiatrischen Medizinern wird es in die Verhandlungen mit dem Spitzenverband der Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA)  eingebracht. Offen sei, wo solch ein Reformmodell verankert werden solle. Quick & dirty ginge das via neuer EBM-Ziffern. Dann könne es aber jederzeit wieder gekippt werden. Im Bundesmantelvertrag bzw. in der Psychotherapierichtlinie wäre es besser untergebracht. Mit Beschleunigungs-Hilfen des Gesetzgebers ginge das in ein bis zwei Jahren.

Zusätzliche Reize könne eine Reform des Gutachter-Verfahrens bringen. Das werde aber wohl erst nach Abschluss der Prüfung der Richtlinien-Verfahren durch den G-BA auf den Tisch kommen. Bürokratieabbau könne auch das Gruppentherapie-Angebot erhöhen. Dafür sollten allerdings auch die Zusatzqualifizierungs-Hürden verringert werden.

Ein Anliegen sei ihm mehr Versorgungsforschung. Es sei wichtig, Gründe für die langen  Arbeitsunfähigkeitszeiten bei psychischen Störungen, die frühzeitigen Berentungen und die Langwierigkeit stationärer Aufenthalte zu finden. Forschungsinvestitionen hierzu seien nicht nur durch die hohen Kosten von all dem gerechtfertigt. Zur Kostenstruktur der ambulanten Psychotherapieversorgung gebe es übrigens in zwei bis drei Monaten endlich belastbare Daten. Noch mit Dr. Köhler von der KBV habe der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (BVVP) hierzu einen Durchbruch erreicht. Die Psychotherapeutenvertreter erhalten nun endlich die Routinedaten.

Dann sprach Dr. Christina Tophoven als Geschäftsführerin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) darüber, was sich in dieser Legislaturperiode in der Versorgung psychisch Kranker ändern sollte. Zur Problematik unserer Versorgungsstrukturen führte sie eingangs die 18 Mio. Deutschen an, die lebenszeitlich eine klinische F-Diagnose bekämen, und wies dann auf die trotz klar Psychotherapie indizierender Behandlungsleitlinien niedrigen Behandlungsraten besonders bei Jungen, Alten und Armen, sowie die zugleich stetig steigenden Betten- und Fallzahlen der Psychiatrien hin. All das weise klar auf weiterbestehenden Mangel an ambulanter Psychotherapie hin.

Wo wird im Einzelnen Umsteuerung durch die Selbstverwaltung bzw. den Gesetzgeber nötig? Für die allseits gewünschte schnellere fachdiagnostische Abklärung in offenen Sprechstunden sowie dann gegebenenfalls schnelle Akutversorgung sollten Lotsen-Praxen von PsychotherapeutInnen geschaffen werden, in denen an Praxispersonal Case-Management delegierbar sei. Auch habe die jüngere Generation oft gar keinen Hausarzt mehr, der als Lotse in die Psychotherapie überweisen könne. Vom Gesetzgeber her seien psychotherapeutische Versorgungszentren(PVZ), im Sinne von medizinischen Versorgungszentren (MVZ) unter psychotherapeutischer Leitung mittlerweile möglich. Ohne Befugniserweiterungen würden diese aber zahnlos bleiben. Solch ein PVZ wäre dann auch geeignet, um weitere nötige Ausdifferenzierungen des psychotherapeutischen Angebots anzubieten. So sollte ein grundversorgerisches Angebot unterhalb der Richtlinienpsychotherapie geschaffen werden. Auch bezüglich besserer Praxen-Vernetzung zwecks z.B. höherer Angebotstransparenz könnten solche Lotsen-Praxen / -PVZ die Koordinierung leisten. Eine Leitlinienänderung sei auch nötig zur Kontingentöffnung bei speziellen Indikationen (Bipolare Störung, Traumafolgestörung).

Für die Versorgung der jährlich nur ca. 275.000 Patienten mit komplexem Leistungsbedarf aus den ca. 1,4 Mio. Patienten mit Psychosen, Bipolaren Störungen und schweren rezidivierenden Depressionen mache Kassenwettbewerb keinen Sinn. Hier solle der Gesetzgeber ein durch Vernetzung flächendeckendes Angebot definieren. Für die Gruppe der chronisch schizophren Erkrankten wiederum empfiehlt die BPtK niederfrequente Einzeltherapie, am besten über Regionalbudgets (§64 SGB V) in IV-Netzwerken und nicht über Krankenhausbudgets zu finanzieren, da diese den bereits vorhandenen ambulanten Möglichkeiten gegenüber eher blind zu bleiben drohten.

Eine Anmerkung zum Pauschalierenden Entgeltsystem für Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) lässt sich so zusammenfassen: alles, bloß nicht weiter Abteilungspflegesätze! Verbindliche Standards für die Krankenhauspersonalausstattung seien gegen das Sparen am Personal essentiell. Ob die vom G-BA zu erarbeitenden Empfehlungen‘ dafür reichen werden?

Alles in Allem sei für die Psychotherapie jetzt „Mut zur Varianz“ erforderlich, von der Selbstverwaltung, vom Gesetzgeber und nicht zuletzt von der Profession selber, die diese Wandlungen ja dann zu vollziehen haben werde. Die Kammeraktivitäten würden zeigen, dass sie sich dazu bereit mache.

Ein interessanter Diskussionspunkt war: in den neuen Versorgungsmodellen fehle „ein Navi“. Jenen Menschen, die mit den komplexen gesellschaftlichen Anforderungen nicht mehr Schritt halten könnten, solle man nicht ein immer komplexeres Versorgungssystem zumuten. Auch sei wohl nicht bedacht worden, dass die komplexen neuen Versorgungsmodelle nicht in der Lage seien „Fehlallokationen“ abzubauen, solange geeignete Navis fehlen. Jürgen Doebert vom BVVP erinnerte daran, dass eine Gefahr der ansonsten tollen neuen Modelle die „Medikalisierung des Psychotherapeuten-Berufes“ sei. Er regte an, für die Realisierung jener neuen Versorgungsbausteine einfach eine bessere Vernetzung der existierenden Einzelpraxen anzustreben.

Auch wurde befürchtet, dass die Hemmschwelle der Patienten, zu „Psycho-Lotsen“ zu gehen noch zu groß sei. Zur Alternative, als „Psycho-Lotsen“ geschulte Hausärzte zu nutzen, berichtete Frau Sibelius aus einem Versorgungsforschungsprojekt. Die Hausärzte hatten dabei zu sehr unter Überlastung gelitten, so dass man diesen Weg nicht weiter verfolgen brauche.

Prof. Helmut Peter vom MVZ Falkenried / Hamburg beklagte den hohen Verwaltungsaufwand bei Gruppentherapie. Obwohl im MVZ 50 Gruppensitzungen pro Woche liefen, betrage dieser 50 Ct. auf jeden Honorar-Euro.

Die Vorschläge des Berufsverbandes (DPTV) wie der Kammer liefen für mich beide auf „Differenzierung des Angebots“ als Zauberformel hinaus. Die Chimäre „Bedarf“ verwirrt weiter. Krankenkassen und Regierung behaupten „Überversorgung“, die Profession sieht weiter „Unterversorgung“. Dass man sich nicht stattdessen auf die glasklar belegbar zunehmende Nachfrage bezieht, verhindert schon die Einigung auf eine Ausgangslage. Ohne eine solche klare Basis ist es von vorneherein nicht möglich, die anvisierten Innovationen der Versorgungsstruktur sinnvoll zu diskutieren. Die Folge wird sein, dass wir „was basteln in der Versorgungsstruktur“, mit „Anreizstrukturen“ für die Behandelnden garniert.

Mit Dr. Schlenkers (stellv. Vorstandsvorsitz. Barmer-GEK) Vortrags-Haupttitel „Schneller und kürzer“ wurde jedem auch gleich klar, wohin die „Anreizstrukturen“ uns führen sollen. Seiner Meinung nach sähen alle Stakeholder die Ausgangslage ähnlich (ungleiche Allokation Stadt / Land und Ost / West, das  Gutachtenverfahren habe zu niedrige Ablehnungsquoten, bei der Vergütung würden falsche Anreize gesetzt) und auch die Ziele sein gar nicht so verschieden. Man wolle die Wartezeiten verkürzen und die Kurzzeittherapie (KZT) fördern. Er sehe da viele Konsensmöglichkeiten. Was er aber von vorne herein sagen könne: mehr Geld oder Sitze sei einfach nicht drin. Durch die laut Koalitionsvertrag anstehenden Novellen des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) und der Psychotherapierichtlinie sei das Fenster für strukturelle Innovationen offener denn je und der Instrumentekasten reich bestückt. Das Konzept des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV-Spi) wurde ja schon veröffentlicht[1], und just während er es uns vortrage, würde es auch im G-BA präsentiert. Mit ihm könnten „Effizienz-Fehlanreize“ korrigiert werden, wie die „Allokation nach Zufall“, die Selektion nach Fallschwere, das Problem der „Teilzeit-Psychotherapeuten“, die unterschiedlichen Sitzungskontingente der Verfahren ohne Effekt auf die Sitzungsfrequenzen und die Vernachlässigung der Gruppentherapie.

Von seiner Kasse, der Barmer-GEK könne er übrigens berichten, dass die extrabudgetäre Vergütung der genehmigungspflichtigen Psychotherapie bislang zu keiner Mengenausweitung führte, entgegen vieler Befürchtungen. Auch die Erstattungspsychotherapie habe zuletzt nicht mehr zugenommen. Ihm sei auch nicht bekannt, dass Kassen die Regierung zur Nichtveröffentlichung dieser Daten gedrängt hätten.

Im Folgenden ging er auf sechs Versorgungziele des Spitzenverbands-Konzepts näher ein.

Das erste Ziel ist eher eine Vorab-Festschreibung: die Sicherstellung der Versorgung ist mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen zu erreichen. Im internationalen Vergleich habe man schon ein sehr gutes Angebot. Dank der 2000 neuen Sitze sei lediglich eine bedarfsgerechtere Verteilung zu planen und Überversorgung in den Stadtstaaten und Großstädten mit Ausbildungseinrichtungen abzubauen. In den Zulassungsausschüssen betrieben die Kassenvertreter keinen Kahlschlag, lediglich in Bremen seien von ihnen drei Sitze abgebaut worden. Die Zulassungsausschüsse sollten künftig aber mehr verteilen.

Das zweite Ziel ist eine verbesserte Angebotstransparenz und –allokation für die Patienten. Der Versorgungsdschungel solle durch Anamnese, Basisdiagnostik und Beratung in zwei verpflichtenden Sprechstunden (mit Steuerungsfunktion, nicht zur Krisenintervention) gelichtet werden. Von der ursprünglichen Idee einer intelligenten Verteilungsinstanz in Kassenhand sei der GKV-Spi abgekommen. Man fürchtete ein Bürokratiemonster. Soviel auch zur 4-Wochen-Terminfrist-Geschichte aus der Koalitionsvereinbarung.

Das dritte Ziel ist ein zeitnaher Zugang zum Psychotherapeuten. Lange Wartezeiten bedeuten mehr  Arbeitsunfähigkeitszeiten. Die ersten beiden Sitzungskontingente könnten künftig unbürokratisch anzeigepflichtig statt antragspflichtig sein. Er könne verhandeln. Den Bezug zu den BSG-Honorarurteilen könne man schon irgendwo (EBM, Bundesmantelvertrag, Richtlinie) sicherstellen.

Bei Ziel vier geht es darum, die Anreize für KZT so zu setzen, dass Langzeittherapie (LZT) nicht vernachlässigt werde. Die Daten zeigten „große Streuung der Therapiedauer über alle Richtlinienverfahren“. Auch „der Zuschnitt der Stundenkontingente habe deutliche Auswirkung auf die Behandlungsdauer“. Das interpretierte ich als Zuhörer zumindest mal so, dass die AnalytikerInnen wohl selten drei Sitzungen die Woche machen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen: verpflichtend zuerst ein  bis max. zwei Stunden Sprechstunde, dann drei Stunden Probatorik. Nur danach folgen auf Anzeige zwölf Stunden erstes Therapiekontingent, dann sechs Wochen Reflektionsphase. Auf Anzeige ist danach das zweite Kontingent von zehn Stunden möglich. In der LZT können darüber hinaus noch 25 weitere genehmigungspflichtige Sitzungen beantragt werden. Nach diesen insgesamt 47 Therapiesitzungen soll es weitere Therapiestunden nur nach „Einzelfallentscheidung“ geben. Wie viele zusätzliche Stunden möglich sind, blieb offen. Die Balkenlänge im gezeigten Diagramm entspricht etwa 20 Stunden. Alternativ soll ein „Bypass“ zur LZT möglich sein, der bedeutet sicher „Genehmigungspflicht“, und das heißt Kassengenehmigung nach Gutachterverfahren. Der Sinn der sechs Wochen Karenz, die schon viel Protest auslösten, sei, nach dem schnellen Start eine Bedenkpause zu bekommen. Psychologen hätten dieses Konzept entwickelt (hier frage ich mich scherzhaft: sollen die sechs Wochen etwa ein Anreiz zur Nichtvernachlässigung des Gutachtenschreibens sein?). Denn nur der „Bypass“ zur LZT könne die sechs Wochen aushebeln. Ich meine, ohne diesen „Bypass-Passus“ grenzte eine verwaltungstechnisch verordnete Wartezeit in der Krankenbehandlung ja auch fast schon an Körperverletzung. Ich würde das den „Hecken-Bypass“ nennen und die Kassen sollten bei seiner Nicht-Nutzung zwei Kästen Bier auf Rezept (natürlich nur eines Arztes) verschreibungspflichtig machen. Zukünftig könnte das in Fällen, in denen eine Therapiepause nicht vertretbar ist, bedeuten, dass nach einer Stunde (Erstgespräch) bis zwei Stunden (Sprechstunden) plus drei Stunden (Probatorik) plus zwölf Stunden nach Anzeige (sog. erstes Therapiekontingent) und zehn Stunden nach erneuter Anzeige ein Antragsbericht an die GutachterIn zu schreiben ist. Für VTler bliebe alles fast wie bisher: Antragspflicht erst nach bis zu fünf Stunden Probatorik plus 25 Stunden genehmigter Psychotherapie. Klarer erkennbar ist die Tendenz, Einheitskontingente (unabhängig von den Therapieverfahren) zu schaffen. Schlenker sagte dazu diplomatisch, die Kassen wollten sich aus jedem Schulenstreit raushalten. Ein weiterer Aspekt: man gehe von den Psychotherapierichtlinien aus, sehe die Kontingente aber losgelöst davon. Es wurde von „Stundenmengen je nach Versorgungslage“ gesprochen. Klar wurde mir jedenfalls: die Kassen wollen mit der relativen Erschwerung von Therapiegenehmigungen im bisherigen LZT-Umfang via „Anreizen“ zur Therapieverkürzung ihrem finanziellen Morbiditätsrisiko etwas entgegensetzen (das sie mit der extrabudgetären Vergütung gerade erst ein bisschen übernommen hatten). Ob „Einzelfallentscheidungen“ der jetzigen Praxis entsprechen sollen, oder ob da weitere negative Anreize hinzukommen sollen, blieb offen. Klar war jedoch wiederum, dass dieses Ringen dann schon nach der 47. Sitzung einsetzen würde. Immerhin soll die schnelle Sprechstunde „gut bezahlt“ werden. Für die drei Stunden Probatorik blieb das unklar. Klar ist aber, dass sie künftig verpflichtend vor dem Therapiebeginn stehen sollen, was kein Anreiz, sondern eine Einschränkung unserer therapeutischen Entscheidungsfreiheit wäre.

Ziel fünf strebt eine bessere Qualitätssicherung durch mehr Transparenz an. Das Gutachterverfahren soll „weiterentwickelt“ (es blieb unklar wie) und um Psychometrie vor und nach jedem Therapieabschnitt (vor der Probatorik, nach zwölf Stunden KZT, nach 22 Stunden KZT, nach weiteren 25 Stunden LZT und wahrscheinlich nach weiteren Einzelfallstunden abschnitten) ergänzt werden. Die Testauswertungen (es blieb unklar, welche Instrumente) würden dem Bericht an den Gutachter angefügt. Im Falle der Einführung eines QS-Dokumentations-bogens dürften die Tests darin aufgehen.

Ziel sechs richtet sich auf die  Förderung der Gruppenpsychotherapie, mittels Flexibilisierung der Gruppengröße und besserer Kombinierbarkeit mit Einzeltherapie, so dass der aktuell 2%ige Anteil stark steigt.

Anschließend ging Schlenker noch auf einige Vorschläge der Vorredner ein. Zur integrierten Versorgung für Patienten mit komplexen Leistungsbedarf hielt er den BPtK-Vorschlag eines § 116 c SGB V (Ambulante Spezialärztliche Versorgung) zwar für eine schöne Analogie und diskutabel, warnte aber davor, dass praktisch daraus ein überregulierter, abgeschotteter neuer Versorgungssektor entstehen könnte. Selektivvertragsinitiativen im Rahmen von § 73c oder § 140a SGB V sowie die Förderung regionaler ambulant-stationärer Versorgungsnetze sowie E-Health-Aktivitäten seien attraktiver. „Befugniserweiterungen wollen wir nicht“. Neben den altbekannten Gegenargumenten wurde auch angeführt, dass solch ein umfassenderer Heilungsanspruch problematisch für unsere Therapeut-Patient Beziehung sei und das Selbstverständnis der Psychotherapeuten ändern würde.

Sein Fazit: der Kollektivvertrag sei die Basis, aber die Reformen müssten kosten- und ressourcenneutral durchgeführt werden. Neue Vergütungskonzepte seien nötig. Statt diesem „Einheitsbrei“ wolle man eine differenzierte Steuerung, degressive Vergütung bei Langläufern, wie beim PEPP, das die Kassen ja begrüßen würden.

In der Diskussion kam erwartungsgemäß viel Kritik. Die sechswöchige Bedenkpause sei der Tod jeder Gruppentherapie statt ihrer Förderung. Bei Aufwandsneutralität könne die Stärkung der KZT nur eine Umverteilung zu Lasten der Patienten mit chronischen Erkrankungen bedeuten. Jürgen Doebert betonte, dass Anreize einfach immer etwas kosten und dass man nicht zuerst künstlich verstopfen und dann Bypässe legen sollte.

Dirk Heidenblut, Mitglied des Bundestags (MdB), für die SPD im Gesundheitsausschuss zuständig für Psychiatrie und Psychotherapie, sprach zur Frage: Bringt uns die große Koalition weiter? (Hierfür war ursprünglich Prof. Karl Lauterbach vorgesehen gewesen.) Im Prinzip ja, aber in der Koalition seien die Vertragsklauseln noch nicht abgestimmt und Politik könne sowieso immer nur die Rahmenbedingungen setzen. Den Rest, die Umsetzung müsse die Selbstverwaltung (z.B. G-BA) machen. Er sei aus dem Ruhrgebiet, die dortige Bedarfsplanung sei nicht nachvollziehbar, sei aber keine Entscheidung der Politik gewesen. Der Gesundheitspolitik gehe es eher um Finanzierungsfragen, aber man werde die Psychotherapie nicht vergessen. Für sie sei der Focus der großen Koalition die KZT und die Gruppentherapie, generell Entbürokratisierung. Der Richtlinienüberarbeitung werde man einen Zeitrahmen setzen, er wünsche die Erweiterung um die Systemische Therapie. Bei der Novelle des Psychotherapeutengesetzes sei bezüglich der Ausbildung zu beachten, dass da alles zurückwirke auf die therapeutische Praxis.

Dietrich Monstadt, MdB, für die CDU im Gesundheitsausschuss, teilte zu Beginn mit, dass er dort nun nicht mehr für die Psychotherapie zuständig sei, sondern Parteikollegin Frau Bertram. Sein Wahlkreis liege in Mecklenburg-Vorpommern er stehe für die neuen Bundesländer. Er sei stolz auf die letzten vier Jahre und die 1.120 neu geschaffenen Sitze für Psychotherapeuten. Mit dieser entscheidenden Verbesserung der Versorgung sei das Potential für Veränderungen gegeben. Klar sei, dass es nun nur noch um Umverteilung gehen werde. Es werde zu Neuausrichtungen im Beruf kommen müssen. Er sei für den Abbau von Befugniseinschränkungen.

Der Moderator Ralph Lägel eröffnete die Podiumsdiskussion mit der These, dass Innovationen in Ballungsräumen möglich wären, aber auf dem Land eher fraglich. Müsse man dazwischen bei Versorgungsinnovationen differenzieren? Herr Monstadt lehnte zwischen Stadt und Land unterscheidende Versorgungsziele strikt ab und empfahl, nicht auf den Gesetzgeber zu warten.

Dieter Best stimmte Herrn Monstadt bezüglich der Einschätzung zu, dass es jetzt um Strukturreformen ginge. Erst nach Abschluss der Umsetzung der letzten Bedarfsplanungsreform werde eine neue kommen können. Die von ihm präsentierten Vorschläge hätte sich der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), nach einem aktuellen KBV-Vorstandsbeschlusses inzwischen zu eigen gemacht. Nach Abstimmung in der März-Vertreterversammlung der KBV würden diese dann in den G-BA eingebracht werden. Frau Tophoven sah auf dem weiten Land doch die Politik gefordert. Dort gebe es weniger Möglichkeiten, multiprofessionelle Teams zu bilden. Dort müsse die Politik mit Maßnahmenpaketen helfen, Sektorenübergreifendes zu etablieren. Herr Schlenker fragte, ob das nicht doch die Selbstverwaltung mit Selektivverträgen besser hinbekommen könne. Herr Monstadt verwies wiederum auf den spürbaren Strukturreformdruck der Ausfallzeitenkosten für Kassen wie Kassenärztlichen Vereinigungen (KV).

Herr Doebert erinnerte die Politiker an das Vorhaben der großen Koalition (GroKo), aus der Kann-Regel des Aufkaufs von freiwerdenden Arzt-/Psychotherapeuten-Sitzen eine Muss-Regel zu machen. Niemand außer der GroKo wolle das, von wegen, die Politik könne nur Strukturrahmen vorgeben, sie möge doch bitte diesen Beschluss rückgängig machen. Frau Tophoven ergänzte, die Spielregeln der Selbstverwaltung seien grundsätzlich zu eng für die Psychotherapie. Wir bräuchten schon den Gesetzgeber. Sie warf die Frage in den Raum, ob man denn etwa wie in Großbritannien ‚Mental Health Practitioner‘ für eine Art Psychische Grundversorgung unterhalb der Psychotherapie wolle, z. B. mit Gruppenpsychoedukation. Selbst dort würde man aber mehr als sechs Wochen warten müssen. Dr. Schlenker griff das sofort auf, es wäre eine Idee, die ersten 15 Stunden KZT „Psycho-Grundversorgung“ zu nennen. Ich als Zuhörer empfand genau das hingegen als eine unzulässige Vermischung von Äpfeln und Birnen, da für mich KZT eine fokale „fachärztliche“ Therapie ist und Grundversorgung etwas Diffuses. Aber in den KVen sind wir ja mittlerweile auch zu sogenannten ‚fachärztlichen Grundversorgern‘ geworden, allerdings nur mit Leistungen außerhalb der eigentlichen Psychotherapie. Schlenker führte weiter, vieles sei ja eine Frage der Wahl der Begrifflichkeiten: Verschlankung, Grundversorgung, Spezialversorgung, Selektivvertrag: wie man es auch nennt, vieles sei möglich, das Fenster geöffnet! Dieter Best holte uns gegen Ende wieder in die karge Realität zurück. Für Tests zahlten die Kassen derzeit 43 € pro Stunde, wir hätten keine Samstags-Zuschläge wie die Ärzte. All das hätte man in der Vergangenheit auch schon zur Verbesserung der Versorgung ändern können, aber es kostet halt Geld. Er wünsche sich, dass das Gesundheitsministerium mal Vertreter in die Sitzungen der Selbstverwaltung schickt.

Jürgen Friedrich, Rostock


[1] <http://www.gkv-spitzenverband.de/media/ dokumente/presse/publikationen/Positions papier_GKV-SV_Ambulante_Psychothera pie.pdf>


Zurück