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Bertelsmann-Studie zur Versorgung von Depressions-PatientInnen

Die Bertelsmann-Studie bestätigt die weit verbreitete Fehl- und Unterversorgung von Depressions-PatientInnen.


Im Rahmen der aktuellen Bertelsmann-Studie wurden Sekundärdaten von rund sechs Millionen Versicherten der Betriebs- und Innungskrankenkassen aus den Jahren 2008 bis 2012 analysiert. Viele Menschen leiden mindestens einmal im Laufe ihres Lebens an einer Depression. Allein im Jahr 2011 erhielten rund 13% der Versicherten diese Diagnose. Dabei waren Frauen doppelt so häufig betroffen wie Männer. Des Weiteren gab es mit zunehmendem Alter deutlich mehr Depressionsdiagnosen. Bei rechtzeitiger Diagnose und leitliniengerechter Therapie können depressive Erkrankungen grundsätzlich gut behandelt werden. Nach den „Nationalen Versorgungs-Leitlinie Unipolare Depression“ gilt eine Behandlung bei schweren Depressionen als fachgerecht, wenn der Patient oder die Patientin eine Kombinationsbehandlung aus Antidepressiva- und Psychotherapie erhält. Die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie konnten erneut die Unterversorgung der DepressionspatientInnen, insbesondere in Bezug auf leitliniengerechter Behandlung, bestätigen.

Insgesamt wird nur ein Viertel der PatientInnen mit schweren Depressionen fachgerecht, also entweder mit einer Kombinationsbehandlung (12%) oder stationär (14%) versorgt. Die gute Hälfte erhält nur Antidepressiva oder eine Psychotherapie, wohingegen 18% gar keine Therapie erhalten. Noch schlechter sieht die Situation der PatientInnen mit chronischen Depressionen aus. Von ihnen werden nur etwa 12% leitliniengerecht behandelt, 57% erhalten lediglich Antidepressiva oder eine Psychotherapie und 31% erhalten keinerlei Behandlung. Das Geschlecht hat nur einen geringen Einfluss auf die Art und Güte der Behandlung. Wohingegen es abhängig vom Alter der PatientInnen große Unterschiede gibt. So erhält die Gruppe der 25- bis 35-Jährigen den größten Anteil an Kombinationsbehandlungen. Danach sinkt mit zunehmendem Alter die Versorgung mit Kombinationstherapie und die Behandlung mit Antidepressiva steigt. Ein großes Problem ist dabei die Versorgung der über 60-Jährigen. Von den über 60-Jährigen, die an Depressionen leiden, werden nur rund 10% leitliniengerecht behandelt, dafür haben von ihnen mehr als 80% eine chronische Depression.

Auffällig ist, dass 59% aller Depressionsdiagnosen ausschließlich vom Hausarzt vergeben werden. Nach den aktuellen Daten sind über die Hälfte der Depressionsdiagnosen unspezifisch. Knapp 80% dieser unspezifischen Diagnosen werden vom Hausarzt allein vergeben. Diese Rate deckt sich mit vorherigen Untersuchungen. Trotzdem ist diese hohe Prävalenz an unspezifischen Diagnosen weder klinisch noch epidemiologisch zu erwarten. Daher ist von Problemen bei der Diagnosestellung oder der Kodierpraxis auszugehen. Mit der unspezifischen Depressionsdiagnose ergeben sich Probleme, da sie es erschwert festzulegen, welche Behandlung erforderlich ist und welche Einschränkungen für den Patienten vorliegen. Bei den spezifischen Depressionsdiagnosen ist die mittelgrade Episode mit 42% am häufigsten vergeben. Schwere Episoden machen 30% und leichte Depressionsepisoden 28% aus.

In den wirtschaftlich besser gestellten Bundesländern (Bayern, Baden-Württemberg und Hessen) und den Stadtstaaten sollte es aufgrund der ökonomischen Schutzfaktoren weniger Menschen mit Depressionsdiagnose geben als zum Beispiel in den ostdeutschen Bundesländern, wo auch eine höhere Arbeitslosenquote vorliegt. Überraschender Weise sind die Befunde anders herum. Die höchste Rate der Depressionsdiagnosen findet sich im Süden (Bayern und Baden-Württemberg) und in den Großstädten (Berlin und Hamburg). Dahingegen ist sie im Osten Deutschlands (Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen) am niedrigsten. Der Großteil (70%) der PatientInnen mit Depression erhält mindestens noch eine weitere Diagnose. Bei den häufigsten Komorbiditäten handelt es sich um die somatoformen Störungen, Belastungs- und Angststörungen. Interessant ist hier, dass sich die regionale Verteilung der Komorbiditäten entgegen der der Depression verhält. So werde somatoforme und Angststörungen besonders im Osten Deutschlands komorbid diagnostiziert.

Auch in der Versorgung gibt es große regionale Unterschiede. Besonders geringe Raten der leitliniengerechten Behandlung gibt es in den ostdeutschen Bundesländern und in den ländlichen Regionen. Allerdings liegt selbst in den Gebieten mit der besten Versorgung die Rate der fachgerechten Behandlung nur bei knapp 40%.

Für die regionalen Unterschiede gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Es ist möglich, dass die Versorgung anbietersensitiv ist, also die vorhandenen Kapazitäten der Versorger einen Einfluss auf die Häufigkeit der Diagnosen haben. Es wurden einige Zusammenhänge in den Daten gefunden, die darauf hinweisen. Die Tatsache, dass in Regionen mit höherer Versorgungsdichte eine höhere Depressionsrate vorliegt, könnte an einer genaueren Diagnostik liegen. Eine Überdiagnostik wäre allerdings auch eine mögliche Erklärung. Die geringere Rate der Depressionserkrankten in den Gebieten mit einer geringeren Versorgungsdichte, könnte möglicherweise auf eine Unterdiagnostik hinweisen, in der nur schwerere Fälle erkannt werden. Des Weiteren wurden in Regionen mit einer geringen Dichte an auf psychische Erkrankungen spezialisierten FachärztInnen und PsychotherapeutInnen häufiger und länger Antidepressiva verschrieben. Dahingegen geht eine hohe Dichte an BehandlerInnen mit einer vermehrt leitliniengerechten Versorgung einher. Die Behandlungsqualität kann also stark von den vorhandenen Versorgungsstrukturen abhängen. So ist es nicht möglich einen Patienten mit Kombinationstherapie zu behandeln, wenn kein Behandlungsplatz bei einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin zur Verfügung steht. Ein weiterer Erklärungsansatz für die regionalen Unterschiede könnte darauf beruhen, dass in Regionen, in denen psychische Erkrankungen stärker stigmatisiert sind, weniger Hilfe in Anspruch genommen wird. Auch von Seiten der BehandlerInnen könnte es durch finanzielle Anreize zur Verzerrung kommen. Dies wäre durch ökonomische Anreize beim Kodierverhalten im Rahmen der Hausarztverträge denkbar. Eine andere Erklärung wäre das Beibehalten früherer, nicht mehr aktueller Diagnosen. Schlussendlich ist es ebenfalls möglich, dass ÄrztInnen und TherapeutInnen nach Absprache absichtlich von den Behandlungsrichtlinien abweichen, zum Beispiel wenn bei dem Patienten oder der Patientin eine Unverträglichkeit gegen Antidepressiva vorliegt. Gerade bei mittelgradigen Episoden spielen auch die Präferenzen der Patientin bzw. des Patienten eine Rolle in der Wahl der Behandlungsform.

Die Autoren sehen für die Zukunft Handlungsbedarf in verschiedenen Bereichen. Als erster Schritt sei es wichtig die Diagnose Depression zu entstigmatisieren, um die Anzahl der Betroffenen zu erhöhen, die auch tatsächlich Hilfe in Anspruch nehmen. Patienten sollten besser informiert und aufgeklärt werden, damit sie vermehrt an der Entscheidungsfindung beteiligt werden können. Auf Seiten der Behandler ist eine Qualitätsverbesserung der Diagnosestellung und -kodierung anzustreben. Dies könnte unter anderem durch Fortbildungen in diesem Bereich oder eine Verbesserung der Aus- und Weiterbildung der ÄrztInnen erfolgen. Zukünftige Forschung sollte sich weiterhin mit der Versorgungssituation beschäftigen, aber darüber hinaus auch die Wirksamkeit der eingesetzten Behandlungsmaßnahmen mitbetrachten. Schlussendlich ist es erforderlich, dass die Behandler- und Krankenhausdichte so geplant wird, dass eine effektive und bedarfsgerechte Versorgung erfolgen kann.

Anna Millek


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