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Interkulturelle Öffnung der Gesundheitsversorgung in der Metropolregion Hamburg am 12.6.2014 in Hamburg


In Hamburg leben derzeit rund 530.000 Menschen mit Migrationshintergrund, das sind 30% aller Einwohnerinnen und Einwohner. Die damit eingehende kulturelle und sprachliche Vielfalt bedeutet eine wertvolle gesellschaftliche Bereicherung. Diese Vielfalt stellt die Gesundheitsversorgung mitunter auch vor Herausforderungen.

Rund 260 Akteure aus Wissenschaft, Praxis und Politik folgten Mitte Juni der Einladung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), um gemeinsam den aktuellen Stand und die notwendigen Entwicklungen der interkulturellen Öffnung des Gesundheitswesens zu diskutieren.

Der Anlass für die Tagung war das Ende des von der Volkswagen-Stiftung geförderten internationalen Forschungsprojekts zu „Seelischer Gesundheit und Migration“ (www.segemi.de). Bei diesem wurden bundesweit erstmals epidemiologische Daten zur Häufigkeit psychischer Störungen sowie zur Inanspruchnahme psychosozialer Gesundheitsleistungen von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Hamburg und Berlin erhoben. Diese bislang fehlenden Daten bilden die Voraussetzung für eine Diskussion über eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung.

„Sind wir eine Einwanderungsgesellschaft, die sich dieser Herausforderung stellt?“ - mit dieser Frage eröffnete Aydan Özo?uz, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, und fügte hinzu „Wir verlieren uns nicht, wenn wir Vielfalt akzeptieren!“. Im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Integration wird Frau Özo?uz sich für das Gesundheitswesen dafür einsetzen, die Datenlage zu verbessern, den Anteil der ÄrztInnen mit Migrationshintergrund zu erhöhen, den Zugang zu Angeboten der Prävention und Gesundheitsförderung und zu Gesundheitseinrichtungen und -leistungen zu verbessern. Für eine stärkere kulturelle Öffnung des Gesundheitswesens setzte sich auch die Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks ein und appellierte, keine weiteren spezifischen Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund zu schaffen, sondern die bestehende Angebote kultursensibler zu gestalten. Neben der Weiterentwicklung der interkulturellen Kompetenz aller Beteiligten im System braucht es jedoch auch eine stärkere Einbeziehung von Dolmetscherdiensten. Hier forderte Prüfer-Storcks die Krankenkassen auf sich mehr zu engagieren.

Es folgten Beiträge aus Wissenschaft und Praxis. Zunächst gab Prof. Holger Schulz (UKE) einen Überblick zum Stand und Schwerpunkte der gesundheitsbezogenen Migrationsforschung. Anschließend folgten Vorträge zum aktuellen Stand der interkulturellen Öffnung der Gesundheitsversorgung in den Bereichen Gynäkologische Versorgung und Geburtshilfe (Prof. Theda Borde, Alice Salomon Hochschule Berlin), Pflege (Prof. Monika Habermann, Hochschule Bremen) und Psychosoziale Versorgung (Dr. Mike Mösko, UKE). Anschließend stellte Frau Reher die Arbeit der Flüchtlingsambulanz am UKE vor, einer psychotherapeutischen Einrichtung für Kinder und Jugendliche. Die deutschlandweit einmaligen strukturellen Rahmenbedingungen sind das Ergebnis einer engen Kooperation mit der Stiftung von Stefanie Graf „Children for Tomorrow“.

Welche notwendigen Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund in Hamburg umzusetzen sind, diskutierten Hamburger VertreterInnen aus Politik, Sozialversicherung und medizinischer Versorgung gemeinsam mit dem Publikum. Das breite Podium war hochkarätig besetzt: Prof. Dr. Herbert Rebscher (Vorsitzender des Vorstands, DAK-Gesundheit), Dr. Matthias Gruhl (Amtsleiter, Behörde für Gesundheit & Verbraucherschutz HH), Dr. Ingrid Künzler (Vorsitzende der Geschäftsführung, Deutsche Rentenversicherung-Nord), Dr. Dirk Heinrich (Vorsitzender der Vertreterversammlung, Kassenärztliche Vereinigung Hamburg), Prof. Dr. Frank-Ulrich Montgomery (Präsident der Ärztekammer Hamburg), Prof. Dr. Dr. Martin Härter (Sprecher psychenet – Hamburger Netz psychische Gesundheit) und Dr. Kalliopi Ntalakoura (Fachärztin für Herzchirurgie & für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie). Leider konnten Nebehat Güclü (1. Vorsitzende, Türkische Gemeinde Hamburg) und Bettina Nock (Vorstand, Psychotherapeutenkammer Hamburg) nicht wie geplant an der Diskussion teilnehmen.

In der Diskussion wurde deutlich, dass alle Akteure die Notwendigkeit der interkulturellen Öffnung für die Gesundheitsversorgung als ein relevantes Thema begreifen. Allerdings gab es große Unterschiede in der Beurteilung der notwendigen Maßnahmen. Sehr kontrovers wurden beispielsweise die Themen Spezialeinrichtungen für Menschen mit Migrationshintergrund und Dolmetscherkosten thematisiert. Der von einigen Behandlern als notwendig erachteten Spezialisierung der Versorgungslandschaft (zumindest für die psychosoziale Versorgung beispielswiese für nicht-deutschsprachige Therapieangebote) wurde seitens der Kostenträger und Behördenvertreter entgegengehalten, dass dies zu einer Ghettoisierung führen könne. Die Öffnung der Regelversorgung sollte stattdessen ausgebaut werden. Beim Thema Vergütung von Dolmetscherdienstleistungen in der ambulanten Gesundheitsversorgung waren sich die Akteure einig, dass es hier einen Bedarf gibt. Bei der Umsetzung wurde eher die Krankenkasse als verantwortlicher Akteure gesehen, die wiederum auf die fehlende bundeseinheitliche Regelung verwies.

Insgesamt wurde bei der Tagung deutlich, dass sich die Hamburger Gesundheitsakteure auf den Weg gemacht haben, sich interkulturell zu öffnen. Die Bereitschaft der Akteure, sich auch über die Tagung hinaus gemeinsam mit dem Thema zu beschäftigen, gibt Anlass zur Hoffnung, dass substantielle Verbesserungen für die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund in Hamburg greifbar werden.

Auf der Tagungswebsite www.ikoe-gesundheit-hamburg.de sind die Vorträge aller ReferentInnen in PDF Form veröffentlicht. Ferner wurde die Tagung filmisch aufgezeichnet. Sämtliche Vorträge, die vollständige Diskussion wie auch eine filmische Zusammenfassung steht auf der Tagungswebsite zur Verfügung.

 

Nachbearbeitung - Hamburger Erklärung

Das UKE nimmt die Tagung zum Anlass, gemeinsam mit unterschiedlichen Akteuren im Gesundheitssystem, mit Migrantenorganisationen und PatientInnen eine „Hamburger Erklärung zur Interkulturellen Öffnung der Gesundheitsversorgung“ zu erarbeiten.

Im ersten Schritt sind alle Interessierten herzlich eingeladen, hierzu inhaltliche Vorschläge einzubringen. Auf der Tagungswebsite (www.ikoe-gesundheit-hamburg.de) gibt es auf der Seite „Hamburger Erklärung“ die Möglichkeit, im Kommentarfeld persönlichen Ergänzungen oder Anmerkungen zu den bisherigen Eckpunkten der Erklärung mitteilen. Bis voraussichtlich Ende Oktober 2014 besteht diese Partizipationsmöglichkeit.

Im zweiten Schritt werden dann die gesammelten Anregungen den Verantwortlichen und Akteuren der Gesundheitsversorgung in der Metropolregion Hamburg vorgelegt, diskutiert und anschließend veröffentlicht.

Mike Mösko
Leiter der Arbeitsgruppe Psychosoziale
Migrationsforschung am UKE, Veranstalter der Tagung

Landessprecher Hamburg der DGVT und des DGVT-Berufsverbands

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Quelle: Rosa Beilage 3/2014, S. 42ff.


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