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Heißes Eisen - Die „Verteilungsgerechtigkeit“ ärztlicher Vergütung[1]


Zu hoch, zu niedrig, oder gerade richtig? Bei der Bewertung der Angemessenheit ärztlicher Vergütungen gibt es keinen gemeinsamen Nenner zwischen den ärztlichen Organisationen und den Krankenkassen. Da überrascht es auch nicht, dass jüngst nach einer Pressekonferenz des GKV-Spitzenverbandes (GKV-SV) einige harte Worte gefallen sind. Prof. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), spricht von „billiger Polemik“. Die Funktionäre der Krankenkassen seien schnell und laut, wenn es darum gehe, von eigener Untätigkeit abzulenken.

Der GKV-Spitzenverband habe „nur Plattitüden und überwiegend falsche Behauptungen zu bieten“ ließ Andreas Köhler, unmittelbar vor seinem Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wissen. „Wenn die Krankenkassen es nicht als das wichtigste Ziel ansehen, ihren Versicherten die bestmögliche Versorgung zu bieten, gehören sie abgeschafft“, richtete Köhler in einer Art Schlusswort seiner jahrzehntelangen Arbeit im GKV-System an deren Adresse.

Jenseits der Auseinandersetzung über die absolute Höhe der Arztvergütungen verdient eine statistische Übersicht des GKV-Spitzenverbandes besondere Aufmerksamkeit. Die Tabelle „Ungleichverteilung der Arzteinkommen“ wirft ein Schlaglicht auf die Vergütung der ärztlichen Leistungen bei den verschiedenen Fachdisziplinen.

Angesichts der gravierenden Unterschiede zwischen den ärztlichen Fachgruppen führt kein Weg an der Feststellung vorbei, dass es den Trägern des Bewertungsausschusses für die ärztlichen Leistungen – das sind die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband – trotz einer nicht enden wollenden Serie von „EBM-Reformen“ noch längst nicht gelungen ist, ein ausreichendes Maß an „Verteilungsgerechtigkeit“ bei der ärztlichen Vergütung zu erreichen und allen Fachgruppen in etwa gleiche Vergütungsbedingungen bei gleichem Arbeitseinsatz zu ermöglichen. Nach wie vor wurde bei der Bewertung der ärztlichen Leistungen kein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Bewertung spezifisch ärztlicher Leistungen (Stichwort: „sprechende Medizin“) und medizinisch-technischer Leistungen erreicht.

Bei diesem Thema gibt es sogar gemeinsame Interessen zwischen den Vertretern der ÄrztInnen und der Krankenkassen. Das Problem wird zumindest auch bei den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) gesehen. Die Zahlen zu der Vergütung der fachärztlichen Leistungen auf der einen Seite und der hausärztlichen Leistungen in den Praxen der ÄrztInnen für Allgemeinmedizin auf der anderen Seite dürfte zu dem ökonomischen Hintergrund der Auseinandersetzungen in der ärztlichen Selbstverwaltung gehören. „Es gibt eine Schieflage zwischen den konservativen und technischen Leistungen“, stellt Axel Rambox, seit dem 1. Februar 2013 Vorstandsvorsitzender der KV Mecklenburg-Vorpommern (KVMV), fest.

In dem von der Vertreterversammlung (VV) der KBV beschlossenen „Zehn-Punkte-Konsens“ findet sich auch der bezeichnende Satz: „Disparitäten in der Vergütung zwischen den Fachgruppen bedürfen der ständigen Überprüfung. Dies schließt auch EBM-Anpassungen ein.“ Man darf gespannt sein, ob und wann der neue Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Gassen, dieses „heiße Eisen“ anpackt.

Tabelle: Ungleichverteilung der Arzteinkommen

Fachgruppe

Reinertrag je Praxisinhaber in tausend Euro 2011 (Gesamteinnahmen einschl. Privateinnahmen)

Praxen für Radiologie und Nuklearmedizin

303.000

Praxen für Augenheilkunde

229.000

Praxen für Chirurgie

198.000

Praxen für Orthopädie

193.000

Praxen für Haut- und Geschlechtskrankheiten

185.000

Praxen von Internisten

184.000

Praxen für Neurologie, Psychiatrie, Kinderpsychiatrie, Psychotherapie

173.000

Praxen für Urologie

168.000

Praxen für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde

148.000

Praxen für Frauenheilkunde

144.000

Praxen für Kinderheilkunde

140.000

Praxen von Allgemeinmedizinern/Praktische Ärzte

130.000

Arztpraxen ohne Medizinische Versorgungszentren (MVZ)

166.000

Quelle: Statistisches Bundesamt

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Anmerkung der Redaktion der Rosa Beilage:

In der im GID-Artikel verwendeten Tabelle werden die Reinerträge von Neurologie, Psychiatrie, Kinderpsychiatrie und Psychotherapie zu einem Wert zusammengefasst. Tatsächlich bestehen allerdings große Unterschiede. Dies wird auch im aktuell veröffentlichten „Honorarbericht für das zweite Quartal 2013“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung deutlich. So lag der Überschuss je Arzt im 2. Quartal 2013 für NeurologInnen bei 22.986€, für PsychiaterInnen bei 20.600€, für FachärztInnen der Nervenheilkunde bei 31.568€ und für PsychotherapeutInnen (ärztlich/psychologisch) bei lediglich 13.279€.
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[1]Quelle: GID, Ausgabe Nr. 6, 19. Jg., 17. März 2014; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion sowie Rosa Beilage 3/2014, S. 16ff.


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