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Reicher Fußball, arme Gesundheit[1] - Brasilien


Copa para quem – wem nützt die Meisterschaft, fragen Kritiker der Fußball-WM in Brasilien. Ihr  Protest entzündet sich auch an den Mängeln im Gesundheitssystem. Wie es um die medizinische Versorgung der Brasilianer bestellt ist, beschreiben Matthias Lehmphul (Text) und Jorge Cabral (Fotos) anhand von Beispielen aus Rio de Janeiro. 

Autos hupen, Busse dröhnen, Presslufthammer wummern – in Ipanema, einem der teuersten Wohnorte Brasiliens, herrscht Dauerlärm. Oben auf dem Hügel hundert Meter über dem Meeresspiegel dringt durch die dunklen Fußwege und Treppen Funkmusik. Im Herzen des Armenviertels Cantagalo-Pavãozinho kicken Kinder auf blankem Beton. Kreischen, Lachen, Brüllen um den Ball. Sie haben sichtlich Freude am Dribbeln – in Badelatschen, mit Sportschuhen oder barfuß. Ihre Idole heißen Ibrahimovic, Messi, Müller, Neymar, Özil, Pirlo, Ronaldo. Wer gewinnt die Weltmeisterschaft? „Na, wir natürlich“, sagt Lorena stolz. Die Elfjährige und ihre Schwester sind die einzigen Mädchen auf dem Platz. Lorena spricht aus, was viele Brasilianer insgeheim hoffen. Schließlich muss das Trauma vom grandiosen Scheitern der brasilianischen Nationalelf 1950 gegen Uruguay im Maracana-Stadion verarbeitet werden. Eins zu zwei verloren. Das Spiel in der damals größten Fußballarena der Welt endete in einem Desaster – dem „Maracanaço“. Deswegen läuft seit sieben Jahren das Marketing auf Hochtouren: „Die Weltmeisterschaft der Weltmeisterschaften“ bewirbt Brasiliens Staatspräsidentin Dilma Rousseff das Fußballfest.

Doch dieser Megaevent könnte nirgendwo umstrittener sein als in Brasilien selbst. Laut Ergebnissen repräsentativer Umfragen befürworten nur 50 Prozent der Bevölkerung die WM. Das hat mehrere Gründe. Die Regierung gab in den letzten sieben Jahren für Stadien, Sicherheit und Marketing viel Geld aus. Brasilianische Journalisten schätzen die Kosten auf über vier Milliarden Euro. Doch die versprochenen Investitionen in die Infrastruktur der Austragungsorte wurden größtenteils nicht realisiert. Noch größer ist allerdings der Unmut in der Bevölkerung über das marode Bildungs- und Gesundheitssystem.

Mittelschicht geht auf die Straße. „Ich bin Brasilianer, liebe den Fußball und drücke unserer Mannschaft die Daumen. Aber Brasilien braucht dringend Investitionen in Bildung, Gesundheit und Verkehr. Milliarden für eine Weltmeisterschaft auszugeben, die darüber hinaus auch noch im Hinblick auf das Organisationschaos peinlich für uns werden wird, ist einer der größten Fehler der Regierung“, sagt Dr. Roberto Luiz d’Avila, Präsident des Föderationsrates der Medizin. Der 61-jährige Kardiologe ist eine wichtige Stimme in der Hauptstadt Brasília, wenn es um die Gesundheit geht. Die Stimmung ist im ganzen Land angespannt. Bereits während des Confedcups im Juni vergangenen Jahres gingen vor allem Jugendliche aus der Mittelschicht auf die Straße und demonstrierten unter anderem für bessere medizinische Versorgung. Es waren Sprüche zu lesen wie: „Wenn ich krank bin, gehe ich ins Stadion.“ Die Stimmung kippte. Flaschen und Steine flogen. Autos wurden angezündet. Die Polizei in Rio de Janeiro und São Paulo ging mit Gummigeschossen und Tränengas gegen Demonstranten vor.

„Wir erleben gerade eine schwere Krise. Das öffentliche Gesundheitssystem leidet unter fehlenden Ressourcen und einer Verwaltung, die ihren Aufgaben nicht gewachsen ist. Darüber hinaus funktionieren die Mechanismen der Bewertung und Kontrolle der medizinischen Versorgung nicht. Sie bieten Lücken, durch die öffentliche Gelder umgewidmet werden – sie fördern die Korruption“, sagt Roberto Luiz d’Avila.

Kostenlose Leistungen für alle. In Brasilien müssen Patienten, die den Arzt besuchen, keine Versichertenkarte zücken. Mit dem Einheitlichen Gesundheitssystem SUS (Sistema Único de Saúde) stellt der Staat seit 1988 seinen Bürgern eine kostenlose Behandlung zur Verfügung. Dafür änderten die Kongressabgeordneten damals die Verfassung – eine sozialpolitische Revolution. Dadurch erhielten 80 Prozent der Bevölkerung erstmals einen regulären Zugang zu Polikliniken und Krankenhäusern. „Es gibt in Brasilien einen großen informellen Arbeitsmarkt. Viele Haushälterinnen und Straßenverkäufer leben auf eigene Rechnung. Es wäre schwierig, sie in die notwendigen sozialen Sicherungssysteme zu integrieren. Deshalb nahm man sich das englische Modell zum Vorbild“, sagt Dr. Lígia Bahia, Gesundheitsökonomin und Professorin an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro. Vor Einführung des SUS war die medizinische Versorgung für die arme Bevölkerung äußerst prekär. Viele Menschen waren auf karitative Hilfe angewiesen. Nur Arbeiter und Angestellte, die in die Sozialversicherung einzahlten, wurden in den staatlichen Einrichtungen kostenlos behandelt. Verbandspräsident Roberto Luiz d’Avila hält das öffentliche Gesundheitssystem für eine große Errungenschaft. „Aber seine Zukunft ist gefährdet und hängt vom Engagement der Verwaltung ab. Wir müssen langfristig an den Strukturen arbeiten. Das heißt, gut planen, die Finanzierung sichern und Ressourcen für die Versorgung bereitstellen. Und wir müssen den Willen haben, uns zu verbessern.“

Finanzierung über Steuern. Im Jahr 2009 gab Brasilien laut dem Nationalen Institut für Geografie und Statistik 8,8 Prozent seines Bruttoinlandproduktes für Gesundheit aus. Die Gesamtausgaben beliefen sich auf umgerechnet 111,85 Milliarden Euro. Der Staat gab 254,5 Euro pro Kopf aus. Die privaten Ausgaben der Brasilianer für Gesundheit beliefen sich auf 329,58 Euro pro Kopf. Die Gesundheitsausgaben finanzieren sich über Steuern von Bund, Ländern und Kommunen. Die Föderation finanziert das System zu 50 Prozent, die Bundesstaaten und Kommunen zu jeweils 25 Prozent. Die medizinische Grundversorgung übernehmen Gesundheitsstationen (Postos de Saúde) und  Polikliniken (Centros de Família, Unidades de Pronto Atendimento) auf kommunaler Ebene. Je nach Größe arbeiten dort Allgemeinmediziner, Gynäkologen, Kinderärzte und Zahnärzte. Weiterführende Untersuchungen wie beispielsweise Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen sowie aufwendige Behandlungen finden in von den Bundesstaaten oder vom Gesundheitsministerium verwalteten Krankenhäusern statt.

Landesweit gebe es rund 7.000 Krankenhäuser, die meisten seien in privater Hand, berichtet Lígia Bahia. „Brasilien hat ein Gesundheitssystem, dass verfassungsrechtlich allen Bürgern eine kostenlose Behandlung zusichert. Doch verfügt das Land keineswegs über die finanziellen Mittel und eine entsprechende Verwaltung, um eine umfangreiche medizinische Versorgung und eine entsprechende Behandlungsqualität zu garantieren“, so die Gesundheitsökonomin. „Es fehlen grundlegende Ressourcen, um die Patienten zu behandeln.“

Pionierarbeit im Herzen der Rocinha. Das größte Problem: Die Grundversorgung ist nicht flächendeckend gesichert – weder mitten im Amazonas noch in den Armenvierteln der Metropolen. Die Liste schlimmer Geschichten, über die brasilianische Journalisten berichten, ist lang: In Notaufnahmen werden Patienten auf dem Fußboden behandelt. Manche Patienten werden erst gar nicht aufgenommen oder müssen sehr lange auf eine Behandlung warten. Die regionalen Defizite führen Experten auf die Unterschiede in der Wirtschaftskraft der Bundesstaaten zurück. Im Süden und Südosten Brasiliens werden schätzungsweise 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet.

Um Missständen abzuhelfen, hat in einem der größten Armenviertel Südamerikas, der Rocinha, einem Stadtteil Rio de Janeiros, vor vier Jahren ein Gesundheitsposten seine Arbeit aufgenommen. „Im Familienzentrum wollen wir so viel wie möglich im Bereich der Prävention machen und weniger Überweisungen an Fachärzte und Krankenhäuser schreiben“, sagt Dr. Ivi Tavares, Ärztin für Allgemeinmedizin in der Familienklinik Maria do Socorro Souza e Silva. Die medizinische Grundversorgung und Vorsorge ist hier wahre Pionierarbeit. Die Poliklinik konnte erst öffnen, nachdem ein schwerbewaffnetes Sonderkommando das herrschende Drogenkartell entmachtete. Bevor es das Familienzentrum gab, mussten die Menschen ihren Stadtteil verlassen, um sich behandeln zu lassen. Alte, Schwangere, Mütter mit Kleinkindern und Schwerkranke bewältigten weite, umständliche und gefährliche Wege.

Hausbesuche im Armenviertel. „Wir behandeln ausschließlich registrierte Bewohner der Rocinha“, sagt die Allgemeinmedizinerin Tavares. Die Registierung erfolgt über einen Hausbesuch. Es gibt insgesamt drei Gesundheitsposten in der Favela. Jeder ist für einen Abschnitt zuständig. Im Familienzentrum Maria do Socorro Souza e Silva arbeiten 66 „Gesundheitsagenten“. Sie überprüfen nicht nur Registrierungen, sondern schauen in den engen Gassen der Nachbarschaft täglich nach dem Rechten. Sie stellen hochbetagten und blinden Menschen die Pillen bereit. Sie gucken in den Kochtopf und geben Ratschläge für eine gesunde Ernährung. Ihre Arbeit ist nicht ganz ungefährlich. Obwohl 2012 eine feste Polizeiwache errichtet wurde und etwa 300 Polizisten mit Waffen im Anschlag durch den urbanen Dschungel patrouillieren, kommt es immer wieder zu Schießereien mit Verletzten und Toten. Außerdem grassieren schwere Infektionskrankheiten wie Dengue-Fieber und Tuberkulose in den übereinander gestapelten Behausungen.

Viel Geduld und Mut gehören zum Alltag von Ivi Tavares. „Ich möchte da arbeiten, wo ich am meisten gebraucht werde. In der Familienmedizin berate ich die Patienten und muss ihnen nicht ständig Medikamente verschreiben.“ Die 34-Jährige leitet eines von elf Einsatzteams. „In der Sprechstunde sehe ich nur den einzelnen Patienten. In ihrer Wohnung sehen wir, wie die Menschen leben. Wie viele Stufen müssen sie tagtäglich auf- und absteigen? Welches Wasser trinken sie? Was für eine Toilette benutzen sie? Wir können sie so viel besser behandeln.“ Die Medizinerin ist für 3.000 Menschen zuständig. In schweren Fällen geht Ivi Tavares selbst zu den Patienten. Die übrigen Hausbesuche übernehmen die Gesundheitsagenten.

Eine Selbsthilfegruppe für Analphabeten aufbauen. „Vor allem die Jugendlichen und die Männer kommen kaum zu uns. Nur wenn sie ein Attest brauchen, schauen sie vorbei“, berichtet Tavares. Schwangere, Frauen mit Kleinkindern und Rentner suchten das Familienzentrum häufiger auf. „Die Männer hier in der Rocinha haben wenig Gespür für Prävention. Ihrer Meinung nach sind Ärzte nicht dafür da, die Gesundheit zu erhalten, sondern Krankheiten zu heilen.“ Und davon gibt es viele. Die Bewohner des Viertels litten unter Arbeitsbelastung, Übergewicht und Stress, sagt die Ärztin. Arthrose, Bluthochdruck, Diabetes Typ 2 und Rückenschmerzen sind die häufigsten Erkrankungen. „Die Menschen hier arbeiten hart und essen schlecht. Viele Frauen sind Haushälterinnen, Kindermädchen oder Putzfrauen in den wohlhabenden Stadtteilen rund um die Rocinha und haben deshalb keine regelmäßigen Essenszeiten.“ Insgesamt 200 ihrer Patienten leiden an Diabetes Typ 2. Die meisten von ihnen wissen kaum etwas über diese Krankheit. Deshalb will Tavares eine Selbsthilfegruppe aufbauen. „Viele der über 50-Jährigen sind Analphabeten. Ich versuche ihnen die Zusammenhänge zwischen Bewegung, Ernährung und Blutzucker in verständlichen Bildern zu erklären, an die sie sich im Alltag gut erinnern können.“

Kleiner Ballkünstler mit Diabetes. Auch wer lesen kann und in einer der besseren Gegenden lebt, muss um eine gute Gesundheitsversorgung kämpfen. Auf einem Sandplatz, anderthalb Autostunden von Ipanema entfernt, am südlichen Stadtrand von Rio de Janeiro, dribbelt ein Junge den Ball hin und her. Die Sonne strahlt am blauweißen Himmel. 36 Grad. Der kleine Ballkünstler nimmt das Leder locker mit dem linken Fuß auf, lässt den Ball hochspringen und schießt ihn aufs Tor. Martin Engel ist sechs Jahre alt, hat blonde Haare und blaue Augen. Seine Eltern Martina und Paulo gaben ihm in Erinnerung an ihre Vorfahren einen deutschen Vornamen. Martin erkrankte mit zweieinhalb Jahren an Diabetes Typ 1. Er braucht täglich mehrere Injektionen mit Insulin. „Ich habe dieses Jahr angefangen, mich allein zu spritzen“, erzählt Martin. Mit einer Lanzette in den Finger pieksen, Blutzucker messen, Insulin spritzen. Achtmal am Tag. „Das tut gar nicht weh.“ Martin hat Glück. Seine Eltern sind sehr engagiert. „Wir waren total baff, als wir die Diagnose erhielten. Am Anfang ist man gar nicht in der Lage, allein mit dieser Krankheit umzugehen“, sagt Martina Engel. „Wir mussten Blutzucker messen, Insulin berechnen und spritzen lernen.“ Sie sucht verschiedene Ärzte auf, liest Bücher. Die 37-Jährige fliegt sogar nach Deutschland, um Martin bei einer Kinderärztin in Frankfurt vorzustellen.

Zu wenig Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter. In Brasilien ist Diabetes Typ 1 seltener als beispielsweise in Deutschland. Dennoch müssen die brasilianischen Ärzte aufgrund der großen Bevölkerung – rund 200 Millionen Einwohner hat das Land – insgesamt viel mehr Kinder behandeln. Die Behandlung von Diabetes Typ 1 ist eine sozioökonomische Herausforderung. In einer Studie der beiden staatlichen Universitäten von Rio de Janeiro wiesen Forscher nach, dass der Therapieerfolg vom Einkommen der Eltern abhängt. Gerade einmal 23 Prozent aller Patienten in Brasilien würden innerhalb der Therapieziele liegen. „In der Blutzuckereinstellung spiegelt sich die soziale Ungleichheit wieder“, sagt Dr. Jorge Luiz Luescher, Kinderarzt und Endokrinologe des Klinikums der der Bundesuniversität in Rio de Janeiro und Leiter der Diabetesambulanz der Kinderklinik. Er berichtet von einem zehnjährigen Jungen, der seit fünf Jahren an Diabetes Typ 1 litt und sich kaum noch entwickelte. Seine Werte waren sehr schlecht. Seine Mutter war nicht in der Lage, ihn zu betreuen. Arm. Alleinerziehend. Sieben Kinder. Alkoholikerin. Trotzdem konnte der Kinderarzt den Jungen innerhalb von dreieinhalb Jahren so behandeln, dass er wieder anfing zu wachsen. „Ist das ein Therapieerfolg?“, fragt Luescher.

„Um die Behandlung von Diabetes Typ 1 in Brasilien zu verbessern, muss sehr viel passieren. Und es geht dabei nicht nur um besseres Insulin“, sagt Kinderarzt Luescher. Es fehlten Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter. Auch müssten die medizinischen Einrichtungen besser miteinander vernetzt werden. „Nicht nur der Zugang zur medizinischen Versorgung auch die Einkommensverhältnisse der Eltern, der Zugang zu Sport und die Grundernährung müssen sich verbessern.“ Mit Zugang zu Sport meint Luescher, dass Kinder beispielsweise ungestört und sicher bolzen können. Das ist vielerorts in Brasilien gar nicht möglich, denn die Gewalt auf den Straßen vor allem in den brasilianischen Metropolen haben das öffentliche Leben nachhaltig geprägt – auch das Freizeitverhalten. Die Kinder bewegen sich kaum im Freien. „Die Mütter lassen ihre Kinder aufgrund der Gewalt nicht einfach draußen spielen. Als ich ein Junge war, da gab es noch mehr Fußball in Rio de Janeiro. Heute hat sich die Zahl der öffentlichen Plätze enorm reduziert.“

Insulin per Rezept vom Richter. Martins Blutzuckereinstellung ist gut. Er bekommt ein schnell und ein langanhaltend wirkendes Insulin. Doch gerade diese Präparate geben die brasilianischen Gesundheitsbehörden nicht ohne weiteres an die Patienten aus. „Wir haben ein Recht darauf, diese Medikamente zu bekommen“, sagt Martina Engel. Deswegen verklagten Martins Eltern die Gesundheitsbehörde vor gut einem Jahr. Nach Prüfung der Anträge und der Patientenakte erhalten sie gegebenenfalls eine richterlich beglaubigte Anweisung, ein Rezept vom Richter sozusagen, für die kostenlose Abgabe der beantragten Präparate. „Es ist ein langer Weg zur bestmöglichen Behandlung. Alles ist so bürokratisch“, kritisiert Martina Engel. Noch ist nichts entschieden. Familie Engel zahlt monatlich umgerechnet etwa 150 Euro für Insulin und 150 Euro für zusätzliche Teststreifen. Die Diabetes-Ambulanz gibt 150 Teststreifen pro Monat an die Patienten aus. Denn die Gesundheitsbehörden rechnen mit vier Messungen pro Tag. Martin verbraucht etwa acht bis zehn Streifen am Tag. Finanzieren kann das die Familie, weil Martina Engel als Filmproduzentin und Tauchlehrerin arbeitet und ihr Mann als Musikproduzent Geld verdient. „Aber wie soll sich eine Putzfrau mit einem Gehalt von umgerechnet knapp 300 Euro im Monat eine angemessene Therapie für ihr Kind leisten können?“, fragt Martina Engel.

Kostenlose Sprechstunden. Alle zwei Monate fahren Martin und seine Mutter zur Kinderklinik der Bundesuniversität von Rio de Janeiro. 600 Kinder unter 17 Jahren aus dem gesamten Bundesstaat werden hier ambulant behandelt – von zwei Ärzten und ihren Assistenten. Vier Stunden warten die beiden jedes Mal auf einer Holzbank. Dennoch: „Für mich ist das die beste Behandlung. Die Ärzte sind menschlich und lieben ihre Arbeit“, sagt Engel. Die Sprechstunden sind kostenlos. Ob Patienten eine zusätzliche Krankenversicherung haben oder nicht, spielt hier keine Rolle. Allerdings sollten Patienten eine Überweisung von einem Kinderarzt eines Gesundheitspostens haben. „Aber wir weisen keine Kinder ab, die mit ihren Eltern ohne Überweisung zu uns kommen“, sagt Kinderarzt Luescher. Oberstes Gebot seines Teams: Die Insulintherapie an die Lebensstile der Kinder anzupassen. „Wir wollen die Kinder nicht verdrehen. Sie sollen auch Geburtstage feiern können. Wir müssen das Insulin entsprechend dosieren.“ Kindergeburtstag auf Brasilianisch bedeutet: Viel Essen und Trinken. Frittiertes und Süßkram.

Der 53-jährige Mediziner freut sich, wenn sich seine kleinen Patienten gut entwickeln. Sein Alltag ist eine echte Herausforderung. Sechs Behandlungsräume, jeweils etwa zehn Quadratmeter, dicht an dicht und ein kleines Büro – ein Schreibtisch mit Computer auf dem engen Flur der Diabetes-Ambulanz. Hier arbeiten zwei gestandene Ärzte, fünf Ärzte im Praktikum, zwei Ernährungsberater mit Abschluss, ein Ernährungsberater im Praktikum und eine Krankenschwester. Psychologen und Sozialarbeiter müssen von einer anderen Einrichtung abgerufen werden, sofern erforderlich. Alle Türen stehen sperrangelweit offen. Jeder schaut jedem über die Schulter. Die Krankenschwester sitzt im Gespräch mit einer Patientenmutter oder einem Patientenvater an einem Tisch neben der Tür, die sich ständig öffnet und schließt. Der Putz bröckelt von der Decke.

Viel Geld für die Verwaltung. Von den 600 in der Diabetes-Ambulanz registrierten Patienten werden etwa 20 über eine Insulinpumpe versorgt. „Noch nutzen wir in Brasilien relativ selten die Insulinpumpe. Das wird sich aber bestimmt bald ändern“, sagt Jorge Luiz Luescher. Denn dadurch könne man die Zahl der Unterzuckerungen deutlich verringern. Martin weiß, wie sich das anfühlt. „Mir wird kalt. Mein Herz pocht schneller. Ich bekomme Hunger.“ Da Martins Werte instabil sind, könnte ihm eine Insulinpumpe Vorteile bringen, sagt Luescher. Doch solch ein Gerät wird von den brasilianischen Gesundheitsbehörden nicht ausgegeben und kostet ohne Rezept umgerechnet mindestens 5.000 Euro. Dazu kommen die monatlichen Kosten für die Kanülen – umgerechnet etwa 250 Euro. „Brasilien gibt so viel Geld für die Verwaltung der Gesundheit aus, aber die Patienten erhalten nicht die notwendigen Medikamente“, sagt Martina Engel. Spezielle Apotheken geben das Insulin aus. Doch oft fehlten die vom Arzt verschriebenen und vom Richter freigegebenen Medikamente, sagt Martins Mutter. Dann müssten die Patienten diese in anderen Apotheken auf eigene Kosten erwerben – die Gesundheitsbehörden erstatten sie nicht. Ihre private Krankenversicherung, die Familie Engel zusätzlich abgeschlossen hat, hilft Martin wenig. „Ich war mit der Behandlung der Privatärzte nicht zufrieden. Das Insulin oder eine Pumpe finanziert diese Versicherung auch nicht.“

Regierungen deckelten Sozialausgaben. Der Industrieverband CNI veröffentlichte Anfang 2014 eine Studie darüber, welche Themen den Brasilianern auf den Nägeln brennen. Demnach ist für 58 Prozent der Bevölkerung die Gesundheit am wichtigsten – gefolgt von öffentlicher Sicherheit (39 Prozent), Bildung (31 Prozent) und Korruption (27 Prozent). „Die brasilianische Regierung müsste die Gesundheit ganz oben auf ihrer Prioritätenliste haben. Allerdings waren mehreren Regierungen nacheinander die Straffung des Haushalts und die Deckelung der Sozialausgaben wichtiger“, sagt Gesundheitsökonomin Lígia Bahia.

Im Jahr einer Weltmeisterschaft wird in Brasilien traditionell gewählt. Eine bekannte Regel sagt: Wenn die Nationalmannschaft gewinnt, wird die Regierung wiedergewählt. Auch Dilma Rousseff kennt diesen Spruch. Wenn die Brasilianer im Maracana-Stadion am 12. Juli nicht siegen, wird es sehr eng für die erste brasilianische Präsidentin.

Matthias Lehmphul ist freier Journalist in Berlin. Ende 2013/Anfang 2014 verbrachte er mehrere Monate in Rio de Janeiro.  Kontakt: matthiaslehmphul@gmail.com Jorge Cabral ist freier Fotograf und lebt in Rio de Janeiro.

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Mais Médicos: Regierung wirbt Ärzte an

Das brasilianische Gesundheitssystem ächzt unter den hohen Kosten und der geringen Leistung. Nach Ansicht von Experten fehlen Ärzte, Einrichtungen, Diagnosetechnik und Medikamente. Derzeit arbeiten in Brasilien 1,8 Ärzte pro 1.000 Einwohner (Deutschland: 4,3). Um den Ärztemangel in der Grundversorgung abzuschwächen, startete Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff im Juli 2013 das Programm „Mehr Mediziner“ (Mais Médicos). Bislang sind 9.500 Ärzte dem Ruf gefolgt, etwa 7.500 stammen aus Kuba. Bis Mitte des Jahres sollen es laut Gesundheitsministerium fast doppelt so viele Ärzte sein. Mais Médicos ist unter Medizinern umstritten. Der Präsident des brasilianischen Föderationsrates der Medizin, Dr. Roberto Luiz d’Avila, sagt: „Das Programm ist eine hübsche Fassade. Allerdings wird dadurch die medizinische Versorgung leider nicht verbessert.“ Die angeheuerten Ärzte werden schlecht bezahlt. Laut Gesundheitsministerium ist ein Gehalt von umgerechnet 3.100 Euro monatlich vereinbart. Zusätzlich erhielten die Ärzte je nach Einsatzgebiet einmalige Zuschüsse von bis zu 10.000 Euro und monatliche Beihilfen von bis zu 1.000 Euro für den Lebensunterhalt. Allerdings scheinen die Kubaner viel weniger zu verdienen als offiziell vorgesehen – nur rund 300 Euro pro Monat. Mehr als 20 Kubaner haben das Programm wieder verlassen und versuchen, auf eigene Rechnung zu arbeiten – in den USA.

Matthias Lehmphul
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[1]Quelle: Gesundheit und Gesellschaft, Ausgabe 5/2014, 17. Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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