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Aufbruch – aber wohin?[1]


Dortmund, Chemnitz, Saarbrücken? Erfurt! Das wäre eine geografische Orientierung – noch lieber wäre mir als Papenburger eine nautische Bestecknahme!

Welche Probleme, welche Perspektiven? Ich möchte Sie knapp mit meiner eigenen vertraut machen. Ich bin 1979 nach dem Psychologiestudium nach Arezzo bzw. später Genua „ausgewandert“, um anschließend über die Psychiatriereform in Genua bei Heiner Keupp zu promovieren. Damals bildete die italienische Psychiatriereform so etwas wie eine Scheidelinie unter den psychiatrisch Tätigen der Bundesrepublik. Mein Blick auf die Psychiatrie ist seither geprägt durch sozialpsychiatrische Periodika, Tagungen, Exkursionen sowie Begleitung von Praktika und Projekten wie EX-IN und dem Psychosegespräch. Mit anderen Worten: Ich bin nicht ganz draußen, aber auch nicht Teil einer psychiatrischen Praxiserfahrung.

 

Wohin geht die Reise und mit welchen Mitteln? 

Die meisten von uns haben sich daran gewöhnen müssen, dass der schnelle Weg der gesellschaftlichen Umwälzung nicht wirklich Erfolg versprechend ist. So hat mein Freund und ökologischer Frontmann Nikolaus Huhn in diesem Sommer einen dreimonatigen „hörenden Fußmarsch“ durch Thüringen absolviert, an dem ich gelegenheitsweise teilgenommen habe. Es lohnt sich immer mal wieder, die Langsamkeit neu zu entdecken, und wenn man auch nicht viel Zeit dabei gewinnt – verloren gegangenen Raum allemal!

Nach dem Ende der Metaerzählungen, der umspannenden Großutopien à la Marxismus – und die Psychiatriereform der Siebzigerjahre hatte etwas davon! – sind wir gehalten, die Bodenhaftung nicht zu verlieren – und das in der globalisierten Welt der Gegenwartsgesellschaft, in der sich Menschen eine „IKEA-Mentalität“ als „Wesen mit mobilen, disponiblen und austauschbaren Qualitäten“ (Zygmunt Baumann, zit. nach Keupp 2013, S. 58) zulegen.

Psychiatrie ist immer Teil der sie umgebenden Gesellschaft, im Guten wie im Schlechten. Vor Jahren habe ich selbst auf einer deutsch-italienischen Psychiatrietagung in Meran festgestellt: „Wir wissen heute mehr über die Psychiatrie als über die Gesellschaft.“

Einige Aussagen über die heutige Gesellschaft möchte ich dennoch wagen. Manche Megatrends sind kaum zu übersehen. Einmal die digitale Revolution, die ihren Namen zu Recht trägt: Haben wir sie als Bürger und sozialpsychiatrisch Denkende mit den bisherigen und vor allem auf uns zukommenden Umwälzungen im Leben der Menschen wirklich erfasst? Ich bezweifle es. Und dass die NSA jetzt meine Zweifel auch kennt, ist ein schwacher Trost. Patientenschutz im turbodigitalen Zeitalter tut not!

Ein weiterer Megatrend ist die demografische Entwicklung: schwer beeinflussbar (Swiaczny 2013), weniger unerwartet – deshalb nicht weniger beängstigend.

Ein globalisierter Turbofinanzkapitalismus ist drittens auch nicht das, was wir uns in den Siebzigerjahren gewünscht haben. In dieser Zeit, als auch die Kritik an der Psychiatrie, zunächst in den Industrieländern, zu einem hörbaren Chor anschwoll, waren sich viele sicher, wie die Gesellschaft zu deuten wäre, und vor allem auch, wie man sie verbessert, nein auf den Kopf stellt. Welche Irrtümer! Was ist seither passiert?

Zur geopolitischen Orientierung reichten damals Länderreferenzen: Kuba, China, Jugoslawien, Albanien, Russland, DDR ... – wie hätten Sie’s denn gern?

Mit Wehmut erinnern wir uns an die „Risikogesellschaft“ (während uns die Fukushimakatastrophe den Atem raubt), sodann kam die „Erlebnisgesellschaft“, ihr folgte die deutsche Einheit.

Aus heutiger Sicht bizarr: das famose Randgruppenparadigma, wonach gesellschaftlich ausgegrenzte, benachteiligte Menschen wie etwa psychisch Kranke die Avantgarde der gesellschaftlichen Umwälzung sein würden (das Heidelberger Sozialistische Patientenkollektiv, SPK, hat versucht, das umzusetzen). Hand aufs Herz: Ist die neoliberale Bezeichnung von Psychiatriepatienten als „Kunden“ nicht ebenso wirklichkeitsfremd?!

Ich frage mich: Wo kann die Psychiatrie denn eigentlich verlässliche Anleihen bei den (anderen) Sozialwissenschaften über den Tag hinaus machen?

Die Gegenwartsgesellschaft bleibt bis auf weiteres auf den Treibsand einer Finanzindustrie gegründet. Während gesellschaftliche Teilbereiche hochrational gestaltet sind, bleibt das große Ganze volatil, hochgradig irrational und unberechenbar. Ein Finanzvolumen von irgendwas über 700-mal umfangreicher als die Realwirtschaft kann jederzeit Flächenbrände auslösen, und dies passiert ja auch am laufenden Meter.

Wenn das „erschöpfte Selbst“ aufschlägt – sind wir dann handlungsfähig? Chancen und Risiken – dieses Janusgesicht gesellschaftlicher Entwicklung bleibt erkenntnisleitend. Diese Gesellschaft mag Chancen eröffnen, wenn man teilhaben kann: digitale Revolution, immer neue Volten; die Globalisierung und der Internethandel paaren sich mit revolutionären virtuellen Formen der Partnervermittlung. Stetig wachsende Weltmöglichkeiten überraschen (und überfordern) angesichts einer überschaubar bleibenden Lebensspanne („Das Leben als letzte Möglichkeit“ [Gronemeyer 2014]). Kommen Sie noch mit?

„Psyche in schlechter Gesellschaft“ hieß ein fetziger Buchtitel by Ernst von Kardorff aus den Neunzigerjahren. „Einsam und verrückt!?“ lautet die Überschrift des Vortrags von Horst Börner zum Auftakt der DGSP-Jahrestagung 2012. „Um das Erreichte zu bewahren und nicht auf das Niveau früherer Jahre zurückzufallen, ist unsere Widerstandskraft gefordert“ (ders. 2013, S. 4). Diese Formulierung ist nicht gerade utopieverdächtig. Stichwort „entsolidarisierte Gesellschaft“ – wir haben gerade einen Bundestagswahlkampf erlebt, in dem Solidarität und soziale Gerechtigkeit Wählerstimmen gekostet haben. Solidarität ist aber Markenkern der Sozialpsychiatrie (wenn man es einmal neoliberal ausdrücken möchte, um auch verstanden zu werden). Wilkinson und Pickett (2009), die mit ihrem Buchtitel „Gleichheit und Glück“ einen überzeugenden Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Ungleichheit und sozialen Pathologien wie Drogenkonsum, Gewaltverbrechen und psychischen Störungen belegen, sind Allgemeingut – ohne Folgen?

Globalisierung und Psychiatrie: Gibt es über Migration hinaus auch andere Effekte? Nähern sich die Systeme an? Bei aller Skepsis angesichts knapp gehaltener Ressourcen: In den „entwickelten“ Gesellschaften entwickelt sich ein humanitär wie fachlich gebotener Umgang mit traumatisierten Menschen, wie er noch vor Jahren undenkbar war, und seien es traumatisierte Kriegsteilnehmer aus Afghanistan.

Ein weiterer verheißungsvoller und beängstigender Trend ist schließlich: Biotechnologie meets Informatik. Ich habe mich ja immer mal wieder als Satiriker verwirklicht, nicht zuletzt im Psychiatrie-Verlag. Wie viele Male ist es mir passiert, dass meine Prognosen schon bei Drucklegung veraltet waren?! Ich versuch’s noch mal: Das demnächst zur Marktreife gedeihende Gehirn-Scan auf öffentlichen Plätzen und die damit verbundenen Möglichkeiten der Affektregulierung und Verhaltensformung würden nahtlos an die Datenskandale dieser Jahre anschließen. Wenn es stimmt, dass in jedem von uns eine Person steckt, die erschossen werden sollte (Krimiserie „Der letzte Zeuge“), sehe ich einiges auf uns zukommen.

 

Psychiatrie in der Gesellschaft: Aufgaben der Sozialpsychiatrie

Eine „gesellschaftssanitäre Aufgabe“ habe die Psychiatrie übernommen, die „Ent-Sorgung von Devianz“ haben wir seinerzeit beklagt. Die Sozialpsychiatrie von heute ist nicht geschichtsvergessen!

Unter uns: Ent-sorgen geht natürlich nicht. Aber einen Beitrag zur besseren Bewältigung psychosozialer Problemlagen in der Gesellschaft, gepaart mit einer präventiven Perspektive?

Sebastian Stierl (2010) konstatierte, dass die Psychiatriereform „keine Reform“ war, weil sie sich nicht vorrangig an den Interessen der Betroffenen orientiert habe, sondern gesellschaftlichen/kapitalistischen Interessen folgte. Dazu Klaus Dörner: „Eine Psychiatriereform hat nur im Rahmen einer allgemeinen Gesellschaftsreform Chancen – stattdessen boomt der Irrsinn deregulierter Finanzmärkte und einer Sozialpolitik, die sich für ihre Existenz zu schämen scheint“ (zitiert ebd., S. 6).

Der „Patient als Kunde“? Tja, oder? Aber wollten wir nicht auch dies: Persönliches-Budget- und dienstleistungsmündiger Klient? Die betriebswirtschaftliche Dominanz in der Psychiatrie unserer Tage ist eine schlechte Alternative zur vormaligen Anstaltspsychiatrie. „Bei betriebswirtschaftlicher Betrachtungsweise fallen Werte wie Solidarität und soziale Gerechtigkeit systematisch flach. In einer entsolidarisierten Gesellschaft wird auch die Psychiatrie keine konstruktive Zukunft haben“ (Börner 2013).

 

Psychiatrie im Trend – Trends der Psychiatrie

Es gibt sie noch, die guten Sachen? Oder ist das ein sozialpsychiatrisch geprägtes Wunschdenken angesichts einer dominanten biologischen Psychiatrie? Ein seit Jahren übermächtig erscheinender neuropsychiatrisch-neurologischer Betrieb lähmt die Sozialpsychiatrie, die sich seit jeher (!) auf dem absteigenden Ast wähnt, obschon der sozialpsychiatrische Jargon die Konzepte der Träger und der ministeriellen Entwürfe eindrucksvoll dominiert! Werden wir sozusagen wissenschaftlich und gesellschaftlich in die Mangel genommen? Haben wir uns totgesiegt? Was sollen wir aus der Sozialpsychiatrie praktisch tun, wenn die Stadtmieten für unsere Klienten und bald auch für die Mitarbeiter unerschwinglich werden? Alle nach Altenburg ziehen?! Sozialpsychiatrie entfaltet sich im Meso- und hauptsächlich im Mikroraum – für eine neue Enquetekommission (Makro) fehlt der Skandal –, was nicht bedeutet, dass wir darauf verzichten, das psychosoziale Elend des Postkapitalismus anzuprangern.

Das Thema psychische Störungen ist medial in den letzten Jahren stark repräsentiert: Burnout, die Suizide Prominenter, Genrefilme aller Art – gerne auch von Ilse Eichenbrenner in der „Sozialen Psychiatrie“ rezensiert. Es gibt seit zehn Jahren das Grünbuch (Green Book) Mental Health der Europäischen Kommission, womit die psychiatrische Versorgung Teil europäischer und nationaler Gesundheitspolitiken ist. Arbeitgeber und Gewerkschaften zeigen sich betroffen.

Ich selbst bin aktiv im Thüringer Gesundheitszieleprozess, namentlich in der Arbeitsgruppe 3 „Depressive Erkrankungen“. Wir sind dort im Stadium der Vernetzung und neuerdings auch der epidemiologischen Erhebungen im Land Thüringen.

Wird es tatsächlich zu der gebotenen breiten, präventiv angelegten Verbesserung der Arbeitsbedingungen über einzelne Modellprojekte und betriebliche Vereinbarungen hinaus kommen, die auch Firmen wie Amazon erfasst? Und wird dieses auch Mitarbeiter des Gesundheitssystems selber einbeziehen?

Die „Mitarbeiterperspektive in modernen Zeiten“ war Thema der „Sozialpsychiatrischen Informationen“ (2/2010). Ein tolles Heft! Wie können Mitarbeiter sich als kohärent und wirksam empfinden, ihre Arbeit als sinnvoll und bewältigbar erfahren? Diese Dimensionen benennt Christel Achberger (ebd., S. 25). Keine von mir besuchte DGSP-Jahrestagung war so gut besucht wie die zu Dresden im Jahre 2003 (und natürlich die heutige)! Denken wir also bei unseren ehrgeizigen Plänen immer auch das Wohl der Mitarbeiter mit. Hilflose Helfer, das muss nicht sein, wobei Studien die Depressionshäufigkeit gerade unter Psychiatern hervorheben (Ustorf 2013).

In diesem Zusammenhang kommt mir die Geschlechterfrage in der Psychiatrie in den Sinn: auch lange wenig von gehört! Ich war vielleicht sogar der einzige Mann auf der Neunzigerjahre-DGSP-Tagung „Frauen und Männer in der Psychiatrie“, irgendwo in Norddeutschland. Hat sich das Thema erledigt, weil jetzt alles okay ist?

Der pharmakologische Fortschritt tritt auf der Stelle und die Alzheimerforschung kann gar neu anfangen: Kannste vergessen? Antidepressiva und Neuroleptika sind in der auch von der Sozialpsychiatrie erzeugten Dauerkrise. Als Sozialwissenschaftler kann man sich darüber vielleicht freuen, als Praktiker und Patient, denke ich, hätte man gerne gute Medikamente. Psychopharmakologischer Fortschritt? Ja bitte! Fortschritt besteht zweifellos nicht darin, dass die Nachfrage uferlos gesteigert wird wie im dokumentierten Fall von Antidepressiva und Ritalin – ich finde es gut, dass die DGSP zum ADHS-Hype kritisch Stellung bezieht. Wir wollen weder jetzt noch künftig die Verschreibungsraten als Wasserstandsmeldungen der gesellschaftlichen Entwicklung hinnehmen. Der Einfluss der Pharmalobby ist ohnehin schwer einzudämmen. Moncrieff (2008) hatte für die USA das Ende jeglicher unabhängiger Pharmaforschung konstatiert – werden wir den Staaten auch hier nacheifern?

Gibt es die gute Psychiatrie? Eine Frage aus der Tradition der italienischen demokratischen Psychiatrie. So kalt und vereinsamend die soziale Wirklichkeit für manche Menschen ist, die entwurzelt sind, erscheint es verlockend, dass „wir“ es machen und auch emotionale Suppenküchen und Meetingpoints in den nach amerikanischem Vorbild niedergehenden Innenstädten schaffen.

Andererseits der Boom der Forensik: Wie konnte das passieren? Beugt sich die forensische Psychiatrie dem gesellschaftlichen Ruf nach Ausgrenzung – wieder einmal? Zwangsmaßnahmen haben zugenommen, wie auch die eifrige fachliche Diskussion darüber gedeiht (vgl. Staudt 2013).

Gesellschaftliche Problemlagen fanden immer den Weg in die Psychiatrie: Die gemeindepsychiatrische Unterversorgung alter Menschen ist evident. So wie für das Leben alter Menschen neue Perspektiven in der Gesellschaft geöffnet werden müssen, so muss auch eine altersgerechte Gemeindepsychiatrie erst entwickelt werden.

 

Was bleibt, wo sind wir gut?

Die Psychiatrie in der Krise - schockt das noch jemand? Ist Wachsen ohne Krise(n) möglich? Oder ist es dieses Mal ernster? Heinz Katschnig (2010) fragte: „Sind Psychiater eine vom Aussterben bedrohte Gattung?“, und legt eine düstere Bestandsaufnahme in sechs Punkten vor. Dazu zählen: Unzufriedenheit von Patienten und Angehörigen, Konkurrenzsituation mit anderen Berufsgruppen wie Neurologen, Allgemeinmedizinern, Negativimage in der Öffentlichkeit. Diese Aufzählung ist einer Bestandsaufnahme der italienischen Zeitschrift „Il sogno della farfalla“ (Träume der Schmetterlinge) entnommen. Bensi, Fagioli und Nastro (2013) resümieren: Die Psychiatrie hat an Anziehungskraft verloren. Es gibt zwar weltweit immerhin rund 200000 Psychiaterinnen und Psychiater, aber die Attraktivität als Studienfach ist rückläufig. Auch befindet sich die fachliche Identität der Psychiatrie in Auflösung. Als Gründe dafür sind maßgeblich:

– (nochmals) Negativimage in der Öffentlichkeit,

– fehlender Respekt seitens anderer ärztlicher Kollegen,

– Gewaltandrohung von Patienten,

– begrenzte finanzielle Ressourcen,

– ein Gefühl der Entmutigung und, vor allem,

– Zweifel an der Wirksamkeit der psychiatrischen Behandlung (ebd.).

Hat die Psychiatrie ihr Faszinosum verloren, womöglich weil das Verrücktsein uns nicht mehr so fremd ist? Weil die Psychiatrie in die Gemeinde geht? Wie stark ist die neoneurobiologische Dominanz andererseits wirklich, die wir seit Jahrzehnten beklagen? Wie zeigt sie sich im Arbeitsalltag psychiatrischer Einrichtungen? Sind weiterhin Folgen der Deinstitutionalisierung als bedenklich einzustufen? Salvatore Freni beobachtet „pharmakologisch optimal eingestellte Patienten, mit guter Symptomreduzierung, die mit einem stereotypen Lächeln oder maskenhaften Gesicht, wie unter Neuroleptika oder Antidepressiva stehende Zombies, in der Stadt umhergehen“ (zit. nach Bensi u.a. 2013, S. 6). Die Chronifizierung in der Gemeinde – keine neue Erkenntnis, leider aktuell!

Wie geht’s dem biopsychosozialen Modell als einem in die Jahre gekommenen Leuchtturm? Wenn man Heiner Keupp (2013) folgt, war es in der Konsequenz eine irreführende Beschwichtigungsformel. Er rät, wir sollten lieber die sozialwissenschaftliche Perspektive aggressiv vertreten! Von ihm habe ich auch die weiterhin gültige Formulierung von der „sozialepidemiologischen Hypothek der Klassengesellschaft“1 übernommen, die sich in anderen Worten auch in dem Vortrag von Stefan Priebe (2013) in Potsdam findet.

Zu den Fortschritten, die Priebe aufzählt, gehören:

– mehr Personal für mehr Patienten,

– mehr qualifiziertes Personal,

– bessere Einrichtungen,

– mehr gesellschaftliche Beachtung und bessere Finanzierung.

Stagnation konstatiert auch er bei der Psychopharmakaforschung und der Psychotherapie.

Für die Zukunft erwartet Wulf Rössler (2013), übrigens bei der gleichen Tagung, zunehmende Verteilungskämpfe um Ressourcen, Gesundheitsgewinne für die Gesamtbevölkerung. Schwerpunkt liege auf Lebensqualität, was zu einem Vorrang schonender und nachhaltiger Maßnahmen in der Behandlung führe.

Sebastian Stierl (2010, S. 7) resümiert: Die gesellschaftlichen Ziele der Psychiatriereform wurden nicht erreicht, aber im Rahmen der Modernisierung gab es innerhalb der vielfältigen Entwicklungen viele positive Beiträge für die Sozialpsychiatrie.

Auch wenn es von der Rechtsprechung kam und mancherlei Unmut erzeugt hat – in der Diskussion um die Neuregelung von Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie sind zivilgesellschaftliche Fortschritte unübersehbar. Patientenrechte werden in Deutschland und Europa weiter gestärkt – und wenn dies über Skandale wie den Fall Molath passiert.

Wir dürfen uns freuen über immer entwickeltere methodische Ansätze und neue Konzeptionen. Paradigmen und Forschungsbefunde wie beispielsweise zur Resilienz sollten der Sozialpsychiatrie auch in der Praxis helfen. „100 Wege, um Recovery zu unterstützen“ heißt ein Leitfaden für psychiatrische Fachpersonen (Slade 2013): Kommt die Praxis noch mit/nach? Wo gießen wir wacker alten Wein in neue Schläuche? Wie sehr unterscheidet sich die Sozialraumorientierung von der Gemeindepsychiatrie? Ist die Debatte um den „harten Kern“ im Recovery-Konzept aufgegangen?!

Wir haben knackige Kernkonzepte wie Personenorientierung, Sozialraumorientierung, Inklusion, Integrierte Versorgung:  all dies sind vor allem zunächst Wegmarken und Zielsetzungen – das ist ein Pfand, (ein) Schatz.

Franco Basaglia formulierte einst, psychiatrisch Tätige seien „Theoretiker des praktischen Wissens“. Die therapeutischen Methoden werden immer besser – und sie werden in Fortbildungen auch der DGSP vermittelt. Das heißt, wir berauschen uns nicht an unseren Konzepten, sondern bemühen uns um die praktische Umsetzung unter oft schwierigen Umständen. Der Fokus auf das Erleben in der Psychose vermehrt die Erkenntnisse (siehe z.B. Hauser 2013).

Schließlich verzeichnen wir die epochale Einbeziehung psychiatrieerfahrener Menschen! Ich erinnere mich an den Auftakt bei dem Weltkongress für Soziale Psychiatrie 1993 in Hamburg mit Dorothea Buck. Seitdem hat es große Fortschritte in der Mitwirkung Psychiatrie-Erfahrener gegeben, die auch hier in Thüringen als Landesverband in den Gremien der psychiatrischen Versorgung mitwirken. Es gibt seit kurzem die EX-IN-Ausbildung zum Genesungshelfer auch bei uns, die Kurse sind gut angelaufen und stark nachgefragt.

Der eine oder andere erinnert sich: Ambulant vor stationär! Wirklich? Psychiatrie ohne Einrichtungen – was braucht es dazu, wenn wir es wirklich wollen? Welche Chancen und Risiken liegen in diesem Motto, in dieser Vorstellungswelt? Diese Tagung hat das Thema in vielen Facetten beleuchtet. Ich glaube in der Tat, dass die Gegenwartsgesellschaft auf maßgeschneiderte Hilfen im Alltag der Menschen angewiesen ist, was Schutzräume nicht ausschließt. Der Weg von der Großanstalt zur gemeindenahen Versorgung sollte unumkehrbar sein, liegt aber, wenn ich mir zum Beispiel die Thüringer Psychiatrielandschaft ansehe, noch vor uns!

 

Was tun?

Matthias Rosemann (2013) umreißt Essentials der Sozialpsychiatrie und fordert uns auf, die Gestaltungsmöglichkeiten für eine „zukunftsorientierte, kritische Sozialpsychiatrie im politischen und fachlichen Raum“ zu prüfen. Überwinden wir endlich die unsäglich klientenfeindliche und kostentreibende Fraktionierung unseres Gesundheitssystems und im Besonderen in der psychiatrischen Versorgung durch Integration!?

Die DGSP war (nicht nur mir) einst nicht radikal genug. Das hat sich relativiert. Radikal sollten wir in dem Anspruch bleiben, dass die Psychiatrie den Menschen helfen soll – und nicht vorrangig wirtschaftlichen Interessen. Psychiatrie, wie wir sie verstehen, ist eine multidisziplinäre und damit auch gesellschaftswissenschaftlich inspirierte Unternehmung, ein gesellschaftliches Projekt. Wir in Erfurt sind eine kleine und junge Landesgruppe, eine kleine Hochschule in einem kleinen Bundesland – wir haben in diesen drei Tagen viel geschafft, und ich selbst habe in diesen drei Tagen viel Ermutigung und kontroverse Diskussionen erlebt.

 

Zum Schluss

„PEPP muss weg!“, schreibt Peter Kruckenberg (2013). PEPP ist ein Synonym für Ökonomisierung und zunehmenden Kostendruck in der psychiatrischen Versorgung – bleiben sie gesetzt? 

Wir müssen politisch bleiben bzw. werden! Wir brauchen weiter konkrete Utopien und verbinden politische Ziele mit einer immer besseren Fachlichkeit – unsere Forderungen sind durchaus anschlussfähig im politischen Raum.2 Das heißt, wir müssen immer wieder Verbündete suchen, nicht zuletzt auch in der nachfolgenden Generation – was auch auf eine nachhaltige Verbandspolitik hinausläuft. Die DGSP ist last, not least eine Mitgliederorganisation.

Die Teilhabe psychiatrieerfahrener Menschen ist gesetzt! Psychiatrie mit wenigen Einrichtungen und konsequenter Personenzentrierung bleibt die Orientierung (wenn es mal wieder mehr Klinikleitungen unter sozialpsychiatrischer Leitung gibt, freuen wir uns).

Wir haben viel geschafft: Verbinden wir Selbstkritik mit Selbstbewusstsein!

 

Prof. Dr. Eckhard Giese, Diplom-Psychologe, lehrt an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Erfurt. Er ist Mitglied im erweiterten Vorstand der DGSP. Bei dem Artikel handelt es sich um die bearbeitete Fassung seines Vortrags auf der DGSP-jahrestagung 2013 in Erfurt.

E-Mail-Kontakt: Giese@fh-erfurt.de

 

Literatur:
Achberger, C. (2010): Psychische Belastungen in psychiatrischen Arbeitsfeldern. Veränderte Rahmenbedingungen wirken sich aus. In: Sozialpsychiatrische Informationen 2/2010 S. 23–25.

Bensi, M./Fagioli, M./Nastro, P.F. (2013): Was ist aus der Psychiatrie geworden? Interessenskrise, Fragen der Ausbildung und neue Herausforderungen. In: Sozialpsychiatrische Informationen 3/2013, S. 4–8.

Börner, H. (2013): Einsam und verrückt? Psychiatrie in einer entsolidarisierten Gesellschaft. In: Soziale Psychiatrie 2/2012), S. 4–8.

Gronemeyer, M. (2014): Das Leben als letzte Gelegenheit. Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit. 5. Aufl. Darmstadt.

Hauser, H. (2013): Der Sinn meiner Psychose. Bonn.

Kardorff, E. v./Koenen, E. (Hg.) (1981): Psyche in schlechter Gesellschaft. München u.a.

Katschnig, H. (2010), zit. in Bensi, M.; Fagioli M.; Nastro, P.F.: Was ist aus der Psychiatrie geworden? Interessenskrise, Fragen der Ausbildung und neue Herausforderungen. In: Sozialpsychiatrische Informationen 3/2013), S. 4.

Keupp, H. (2013): Von der Re-Sozialisierung von Normalität und Abweichung: eine persönliche Rückschau auf das biopsychosoziale Modell. In: Resonanzen 1/2013, S. 47–64.

Kruckenberg, P. (2013): PEPP muss weg! In: Soziale Psychiatrie 4/2013, S. 38–39.

Moncrieff, J. (2008): Steht die Psychiatrie zum Verkauf an? In: Sozialpsychiatrische Informationen 2/2008, S. 8–18.

Priebe, S. (2013): Soziale Werte, soziale Verantwortung, soziale Wissenschaft – Hoffnung für die Psychiatrie? Vortrag auf der Tagung „Sozialpsychiatrie zwischen Ökonomie und Partizipation“ – 20 Jahre Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Potsdam am 15.3.2013.

Rosemann, M. (2013): Worauf wir uns verlassen können. Grundpositionen der Sozialpsychiatrie. In: Soziale Psychiatrie 2/2013, S. 9–13.

Rössler, W. (2013): Sozialpsychiatrie in Zeiten der Ökonomisierung und Spezialisierung. Vortrag auf der Tagung „Sozialpsychiatrie zwischen Ökonomie und Partizipation“ – 20 Jahre Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Potsdam am 15.3.2013.

Slade, M. (2013): 100 Wege, um Recovery zu unterstützen. In: Schulz, M.; Zuaboni, G.; Löhr, M.; Abderhalden, C. (Hg.): Recovery praktisch! Fachhochschule der Diakonie, Bielefeld.

Staudt, D. (2013): Zwickmühle Zwangsbehandlung. In: Soziale Psychiatrie 4/2013), S. 12–13.

Stierl, S. (2010): Sozialpsychiatrie im Wandel – von der Lösung zu einem Teil des Problems? In: Sozialpsychiatrische Informationen 2/2010), S. 4–7.

Swiaczny, F. (2013): Wie gestaltbar ist der demografische Wandel? In: Neue Gesellschaft Frankfurter Hefte 11/2013, S. 21–24.

Ustorf, A.-E. (2013): Hilfsbedürftige Heller. In: Süddeutsche Zeitung, 14./15.9.2013.

Wilkinson, R.G./Pickett, K. (2009): Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Berlin.

 

Anmerkungen:

1 Die Verteilungsmuster schwerer psychischer Störungen folgen den Parametern der Einkommensverteilung: sozial benachteiligt zu sein bedeutet erhöhtes Risiko, schwer psychisch zu erkranken; andererseits ist der Zugang zu Unterstützungsmöglichkeiten erschwert.

2 Als ein Beispiel unter vielen: Das Positionspapier der SPD-Bundestagsfraktion zur Weiterentwicklung der Versorgung psychisch Kranker, Berlin 25.7.2013.


[1]Quelle: soziale psychiatrie, 38. Jg., Heft 2, April 2014; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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